Politik

Das Ende der Revolution: Die Arbeiter haben den Kampf verloren - für immer

Lesezeit: 3 min
09.03.2015 22:51
Der Geist von Occupy hallte an vielen Orten der Welt wider. Doch die Bewegung hat ihr Ziel verfehlt: dass die Konzerne sich alles Wissen einverleiben, konnte nicht verhindert werden, die Aggressionen des Finanzwesens gegen das Gemeinwohl ließen sich nicht dämpfen. Der traditionsreiche Klassenkampf ist für immer verloren. Doch neuer Widerstand wächst, der mit anderen Methoden kämpfen muss.
Das Ende der Revolution: Die Arbeiter haben den Kampf verloren - für immer

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..

Der Aufstand von 2011 endete mit einer endgültigen, vernichtenden Niederlage: In der arabischen Welt besetzen Militärdiktaturen und Fundamentalisten den gesamten politischen Raum. Zwölf Monate nach Occupy Wall Street wurde aus der Bewegung Occupy Sandy, als ihr nämlich klar wurde, dass der Sturm die einzige Katastrophe war, die sich überhaupt besetzen ließ. In Europa ist diese Niederlage von besonderer Bedeutung, denn sie markiert das Ende eines langen historischen Abschnitts, der im Juni 1848 in Paris begann. Dieser gigantische Konflikt, in dem sich seitdem Arbeiter und Kapitalisten gegenüberstanden, ist vorüber, und die Arbeiter haben verloren. Für immer. Es wird kein Rückspiel geben und keinerlei Rachemöglichkeit.

Die Geschichte der Gesellschaft ist keine Schach­-Meisterschaft: Wenn man das Spiel verliert, kann man die Bauern nicht einfach wieder auf dem Schachbrett arrangieren und ein neues Spiel beginnen. Als die Arbeiterklasse besiegt wurde, wurde auf dem Schachbrett mit einem Mal alles ganz anders, und die Bauern nahmen andere Farben und Formen an, und heute sind sie nicht mehr die, die sie waren. Das Schachbrett an sich gibt es nicht mehr, es ist durch den Bildschirm eines virtuellen Spiels ersetzt worden, das das gesellschaftliche Gehirn vor enorme Herausforderungen stellt. Deshalb ist es nun an der gesellschaftlichen Fantasie, die Sache ganz anders anzugehen: Der Handlungsraum verlagert sich aus der Politik heraus und hin zur Techno­-Wissenschaft, und anstatt überhaupt noch über ökonomische Dinge zu verhandeln, flüchten wir aus der Ökonomie, um nicht­ökonomische Räume des symbolischen Handelns zu schaffen, in denen wir überleben können. Die Aufstände von 2011 brachen in den verschiedensten politischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen aus, und in den verschiedenen Kontexten hatte man verschiedene Erwartungen. Und doch entstand so etwas wie ein allgemeines Bewusstsein: Überall auf der Welt zerstört der Finanzkapitalismus die Zukunft der prekären Generation, verleibt sich zugleich die gesamte Wissensproduktion ein, und entsprechend richten sich die Inhalte des Wissens immer häufiger nach den vorherrschenden Anforderungen der Profit­-Wirtschaft.

Die Prekarisierung betrifft jeden einzelnen Aspekt der Arbeitstätigkeit. Die Prekarität ist die allgemein übliche Form der kognitiven Arbeit, da nämlich die Prekarität ganz besonders gut zu einer rekombinanten, vernetzten Form der Arbeit passt, die sich auf Informationen reduzieren lässt. Aus der Perspektive der prekären kognitiven Arbeit war der Aufstand von 2011 der Anfang eines ganz neuen Prozesses, der in den kommenden Jahrzehnten die gesamte gesellschaftliche Landschaft erfassen wird. Die Rebellion der prekären kognitiven Arbeit muss sich jedoch des Vermächtnisses der spätmodernen proletarischen Revolten sowie der historischen Altlasten vergangener industrieller Konflikte entledigen. Die spätmodernen Formen der proletarischen Rebellion haben ausgedient. Die Industriearbeiterklasse ist vor langer Zeit bereits besiegt worden, als sie nämlich die einzigartige Gelegenheit versäumte, die die technologische Revolution ihr bot. Weil die politische Repräsentation der globalen Arbeiterbewegung kulturell vollkommen rückständig war, versäumte man die Möglichkeit einer grundsätzlichen Umverteilung der Arbeitszeit.

Die Arbeiterbewegung marschierte zum Protest gegen technologische Innovationen, anstatt sie zu ihrem Vorteil zu nutzen. Jetzt ist es zu spät, um diese Niederlage noch rückgängig zu machen. Das bedeutet jedoch nicht, dass die bisherige Geschichte sich einfach in Luft auflösen wird. Es wird noch mehr Rebellionen geben, mehr Krawalle, noch mehr Kriege, mehr Not, und es wird immer gewaltigere Massenmobilisierungen geben und Zorn und Verzweiflung. Darauf kann man wetten. So gewalttätig all dies jedoch auch sein mag und so groß der Raum auch sein wird, über den es sich erstreckt – es wird doch nur ein Überbleibsel einer Moderne und eines Klassenkampfes der Vergangenheit sein. Weder wird es zum Kern der Finanzabstraktion vordringen können noch die Richtung der automatisierten Maschinen verändern. Als Überreste werden die Körper zurückbleiben, die Empfindungen, Ereignisse, der Wille und der Zorn und die gewaltsame Verzweiflung.

Die Geschichte ist tot, weil nämlich die Spuren sämtlichen historischen und teleologischen Bewusstseins von der Evolution verschluckt werden, von diesem besinnungslosen Strom, dem sich nicht entkommen lässt. Und die Evolution hat keinerlei Ziel, keine Vernunft und keine Absichten. Ganz wie die Natur ist sie blind, und jetzt nimmt die Natur Rache.

***

Dieser Text stammt aus dem sehr lesenswerten Buch „Der Aufstand: Über Poesie und Finanzwesen“ des italienischen Philosophen Franco „Bifo“ Beradi. In dem Buch beschreibt Beradi, der intensiv bei der Occupy-Bewegung mitgewirkt hat, warum er klassischen Revolutionen keine Chance mehr gibt. Er sieht jedoch neuen Widerstand wachsen - bei Künstlern und einer neuen, eher informellen Generation. Ihre Vielfalt, ihr ständiges Zurückweichen und Neuformieren, ihr Auftauchen an unerwarteten Orten und mit unkonventionellen Methoden, ist die adäquate Antwort auf eine Gesellschaft, in der sich die Eliten höchst professionell der Technologie bedienen, um Repression auszuüben.

Berardi, geboren 1949 in Bologna, ist Philosoph und Medientheoretiker und war früher in der revolutionären Autonomia-Bewegung in Italien aktiv. Er publizierte (u. a. mit Félix Guattari) diverse Bücher zur Verschränkung von Kommunikation, Psychologie und Ökonomie. Zudem war er Gründer von Radio Alice in den 1970er-Jahren und lehrt Medienästhetik an der von ihm mit ins Leben gerufenen European School of Social Imagination in San Marino.

Das Buch ist überall im Buchhandel erhältlich und kann beim Verlag Matthes & Seitz oder über Amazon bestellt werden.

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..


Mehr zum Thema:  

Anzeige
DWN
Ratgeber
Ratgeber Umweltbewusst und günstig: Hondas Leasing-Modell für die elektrifizierten Fahrzeuge von Honda

Der Managing Director der Honda Bank Volker Boehme spricht mit den DWN über die neuesten Entwicklungen im Leasinggeschäft für die...

DWN
Politik
Politik Bund der Steuerzahler: Die Schuldenbremse ist unverzichtbar
01.12.2023

Der Präsident des Bundes der Steuerzahler, Reiner Holznagel, hält die Schuldenbremse in ihrer gegenwärtigen Form für unverzichtbar. Im...

DWN
Politik
Politik Israel jagt Hamas mit Superbombe
02.12.2023

Die Vereinigten Staaten haben Israel hundert sogenannte Blockbuster-Bomben geliefert, mit denen Israel die Terroristen der Hamas in den...

DWN
Politik
Politik Haushaltskrise: Wo Finanzminister Lindner den Rotstift ansetzen will
02.12.2023

Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) hat erstmals konkretisiert, in welchen Bereichen er Einsparungen für möglich hält, um die...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Die Verwalter des Wohlstands sind mit ihrem Latein am Ende angekommen
02.12.2023

In Deutschland und Österreich sinkt die Wirtschaftsleistung. Was ist passiert? Welche geheimnisvollen, bösen Mächte sind da am Werk,...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Europas Petrochemie steht mit dem Rücken zur Wand
01.12.2023

Die petrochemische Industrie in Europa gerät in schweres Fahrwasser. Wenn von Seiten der Politik nicht rasch und grundlegend...

DWN
Finanzen
Finanzen Anleger ignorieren Warnungen der EZB, wetten auf Zinssenkung
01.12.2023

Entgegen allen Warnungen der EZB wetten die Märkte auf baldige Zinssenkungen. Damit stellen die Geldpolitik auf eine harte Probe. Gibt...

DWN
Finanzen
Finanzen Raus aus den Schulden – Wie mit Kreditkarten-, Immobilien- und Konsumschulden umgehen?
02.12.2023

Gerade in der aktuellen Wirtschaftslage steigt für viele Menschen das Risiko einer Überschuldung enorm, da Zinsen steigen, Arbeitsplätze...

DWN
Finanzen
Finanzen Deutsche Banken fordern ein Comeback der Verbriefungen
01.12.2023

Nachdem schon Commerzbank-Chef Knof ein Ende ihrer Stigmatisierung gefordert hat, macht sich nun auch Deutsche-Bank-Chef Sewing für...