Politik

Taktischer Rückzug: Nato kritisiert erstmals die Regierung der Ukraine

Lesezeit: 2 min
22.09.2015 14:28
Neue Töne bei der Nato: Erstmals fordert die Nato nicht den Erzfeind Russland auf, sich an die Vereinbarungen von Minsk zu halten, sondern die von der EU finanzierte Regierung in Kiew. Ob Kiew der Aufforderung überhaupt noch Folge leisten kann, ist eine andere Frage: Die Rechtsextremen haben dieser Tage mit einer Blockade der Krim begonnen - ohne von der Regierung daran gehindert zu werden.
Taktischer Rückzug: Nato kritisiert erstmals die Regierung der Ukraine

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  
EU  
Ukraine  
Russland  
USA  
Geopolitik  

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg hat von der Ukraine die Umsetzung des Friedensplans für das Kriegsgebiet Donbass gefordert. «Es ist äußerst wichtig, dass die Ukraine damit fortfährt, alle Aspekte der Minsker Vereinbarungen umzusetzen», sagte er am Dienstag in Kiew. Eine andere Lösung des Konflikts gebe es nicht. Stoltenberg nahm als erster Nato-Chef an einer Sitzung des ukrainischen Sicherheitsrates teil. Im Anschluss unterzeichnete er ein Abkommen über eine geplante Nato-Vertretung in Kiew.

Präsident Petro Poroschenko bekräftigte Pläne für ein Referendum über einen möglichen Nato-Beitritt der Ex-Sowjetrepublik. «De jure sind wir kein Mitglied der Nato, aber de facto sind wir mehr als nur Partner», betonte Poroschenko.

Seit Anfang September hält in der Ostukraine eine Waffenruhe zwischen Regierungstruppen und den Rebellen einigermaßen. Tatsächlich ist die OSZE besorgt, dass die Zivilbevölkerung im Donbass im Winter einer extremen Kälte ausgesetzt sein könnte, ohne sich entsprechend schützen zu können. Das Wassersystem ist faktisch in der ganzen Region zerstört, viele Bereich sind vermint. Die OSZE forderte die Ukraine vor wenigen Tagen auf, die Armee zurückzuziehen, damit die Anwohner in den von Rebellen kontrollierten Gebieten die ärgsten Schäden wenigstens behelfsmäßig instand setzen können.

Uneinigkeit besteht jedoch über einen angestrebten Waffenabzug von der Front sowie über Kommunalwahlen nach ukrainischem Recht in den abtrünnigen Gebieten. Die Rebellen zeigten Kompromissbereitschaft und teilten mit, möglicherweise ihre für 18. Oktober und 1. November geplanten Wahlen auf Ende Februar zu verschieben. In der weißrussischen Hauptstadt Minsk wollte die Ukraine-Kontaktgruppe am Dienstag über den Friedensplan beraten.

Schon zuletzt hatte sich Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier ungewöhnlich zuversichtlich gezeigt, dass der Krieg in der Ukraine vorerst eingedämmt werden könne. Amerikaner und Russen scheinen sich darauf verständigt zu haben, zunächst einmal in Syrien zu kooperieren. Keiner der beiden Großmächte kann aktuell in der Ukraine viel gewinnen. Die EU-Steuerzahler haben die Finanzierung übernommen, womit aus dem Konflikt für die Großmächte erst einmal die Luft draußen ist.

Der geordnete Rückzug der Nato-Kommunikation ist allerdings in erster Linie eine taktische Maßnahme, wie die Einrichtung der Nato-Botschaft zeigt. Eben haben die USA mit der Stationierung von neuen Atombomben in Deutschland begonnen, was von den Russen als Provokation empfunden wird. Der Bundestag hatte diese Entwicklung vor einigen Jahren ausdrücklich abgelehnt. Doch Bundeskanzlerin Angela Merkel hält es für den richtigen Weg - womit auch eine mögliche Vermittlerrolle Deutschlands im Ukraine-Konflikt unnötig erschwert wird.

Die größte Unbekannte ist jedoch kurzfristig die höchst instabile politische Lage in der Ukraine selbst. Erst vor wenigen Tagen war ein hochrangiger Rechtsextremist bei einer Explosion getötet worden. Die Rechtsextremen sinnen auf Rache. Es steht zu befürchten, dass sich der Bürgerkrieg auf die West-Ukraine verlagert.

Außerdem ist die regionale Macht der Rechtsextremen geeignet, den Konflikt mit Russland wieder zu eskalieren: So haben die Rechtsextremen, die sich in vielen Gebieten völlig frei bewegen können und von der Regierung in Kiew nicht zu Einhaltung der Gesetze gezwungen werden, die Autobahnen blockiert, die die Krim mit dem Osten der Ukraine verbinden. Die Blockade, die von den laut Ukraine Today auch von den Tartaren unterstützt wird, könnte vor dem Winter zu Versorgungsproblemen führen (siehe dazu das Video am Anfang des Artikels). 

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..


Mehr zum Thema:  

DWN
Unternehmen
Unternehmen „Wir machen auf“: Initiative aus Unternehmern plant bundesweiten Boykott des Lockdowns

Eine Unternehmer-Initiative will unter dem Motto „Deutschland – Wir machen auf: Gewerbetreiber, Gastronomie, Einzelhandel, Kosmetik,...

DWN
Politik
Politik Die bittere Wahrheit über Südafrika: Schwarze und Weiße wollen nicht zusammenleben

In Südafrika ist es nicht möglich, eine farbenblinde Gesellschaft zu schaffen. Die kolonialen Wurzeln und eine informelle Apartheid sind...

DWN
Finanzen
Finanzen Dax: Börsianer reagieren kaum auf Corona-Verschärfungen

Das deutsche Leitbarometer verbuchte heute Morgen sogar Gewinne. Die Anleger hatten wohl schon zuvor mit der Verlängerung der...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Eurozone: Einkaufsmanager-Index nur noch knapp unter der Wachstumsschwelle

Der Einkaufsmanagerindex von IHS Markit deutet darauf hin, dass sich die wirtschaftliche Talfahrt in der Eurozone zum Jahresende deutlich...

DWN
Finanzen
Finanzen Corona-Pandemie verteuert Einfamilienhäuser massiv

Nach jahrelangen Preisanstiegen hofften Wohnungskäufer auf ein Ende des Immobilienbooms in der Corona-Krise – bisher vergeblich. Die...

DWN
Politik
Politik Schwerer Schlag gegen Opposition: 50 Festnahmen in Hongkong

Mit dem umstrittenen Staatssicherheitsgesetz geht Hongkongs Regierung verschärft gegen die Opposition vor. Massenfestnahmen zeigen nochmal...

DWN
Deutschland
Deutschland Zur Rettung des deutschen Mittelstands: Die Corona-Profiteure müssen Solidaritäts-Abgaben leisten

DWN-Kolumnist Fritz Gerhardt appelliert an die Großkonzerne, die von der Pandemie profitieren: Helft mit, den deutschen Mittelstand zu...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Chinas Automarkt ist auch im Dezember weiter gewachsen

Im Dezember wurden in China rund 5,4 Prozent mehr Autos verkauft als im Vorjahresmonat. Für das Gesamtjahr 2020 ergibt sich somit ein...

DWN
Deutschland
Deutschland Corona-Politik reißt riesiges Loch in die deutsche Staatskasse

Die umfangreichen Corona-Maßnahmen kosten Geld. Allein in den ersten drei Quartalen des vergangenen Jahres hat der deutsche Staat ein...

DWN
Politik
Politik Schwangere sollten auf den Corona-Impfstoff verzichten

Der Impfstoffhersteller „BionTech/Pfizer“ rät Schwangeren davon ab, sich den Corona-Impfstoff verabreichen zu lassen, weil der...

DWN
Politik
Politik Die Impf-Frage ist eine ernste Gefahr für die Gleichbehandlung aller Bürger

Mehrere Politiker fürchten, dass Unternehmen geimpften Bürgern künftig mehr Rechte verleihen könnten als ungeimpften Bürgern. Setzen...

DWN
Politik
Politik Dienende Eliten: Vorschläge für eine neue deutsche Außenpolitik

Deutschland sieht sich internationalen Herausforderungen gegenüber, auf die es keine Antwort hat. DWN-Chefredakteur Hauke Rudolph fordert...

DWN
Deutschland
Deutschland Deutschland macht dicht: Diese zusätzlichen Corona-Beschränkungen gelten ab dem 11. Januar 2021

In diesem Artikel können Sie detailliert einsehen, welche zusätzlichen Corona-Maßnahmen ab dem 11. Januar 2021 gelten werden. Darüber,...

DWN
Politik
Politik Bericht: Biden holt Victoria Nuland zurück ins US-Außenministerium

Joe Biden erwägt, die US-Diplomatin Victoria Nuland, die mit ihrem Spruch „Fuck the EU“ zu Beginn des Umsturzes in Kiew im Jahr 2014...