China baut Einfluss in Deutschland deutlich aus

Zu Jahresbeginn startete in China ein Güterzug, der Güter bis nach London transportiert. Der wirtschaftliche Einfluss Chinas wächst in Deutschland, wo vergangenes Jahr auffallend viele Firmen gekauft wurden.

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Am 1. Januar startete in der ostchinesischen Stadt Yiwu ein Güterzug, der Waren bis in die britische Hauptstadt London bringen wird, berichtet Bloomberg. Die mehr als 12.000 Kilometer lange Strecke durch Kasachstan, Russland, Weißrussland, Polen, Deutschland, Belgien und Frankreich werde in 18 Tagen zurückgelegt, schreibt die staatliche chinesische Eisenbahngesellschaft. Geladen hat der Zug Gegenstände des täglichen Bedarfs wie Taschen, Rücksäcke und Stoffe. London ist die fünfzehnte europäische Stadt, die an das chinesische Frachteisenbahn-Netz angeschlossen wurde – zuvor hatte ein chinesischer Güterzug unter anderem auch Duisburg erreicht. Die Reisezeit von 18 Tagen liegt deutlich unter den bis zu 30 Tagen, welche ein Containerfrachter von China in Europas größten Hafen Rotterdam benötigt.

Dem Ausbau der Eisenbahnverbindung zwischen Europa und China liegt das Wirtschaftsprojekt „Yi Dai Yi Lu“ (ein Gürtel, eine Straße) zugrunde, welches bisweilen auch als „neue Seidenstraße“ bezeichnet wird und vom chinesischen Präsidenten Xi Jinping im Jahr 2013 vorgestellt wurde. Eine ganze Reihe an Infrastrukturinvestitionen soll demnach dazu führen, dass der wirtschaftliche Austausch zwischen China, Europa, dem Nahen Osten und Afrika intensiviert wird. Etwa 40 Milliarden Euro hat die Regierung in Peking bisher für den Bau von Straßen und Schienen im Ausland bereitgestellt, berichtet Bloomberg.

Auch das heimische Eisenbahnnetz soll beträchtlich ausgebaut werden. Bis zum Jahr 2020 sollen umgerechnet über 500 Milliarden Euro bereitgestellt werden, um das Netz auf 30.000 Kilometer Länge auszubauen. 80 Prozent aller chinesischen Großstädte sollen den Plänen zufolge angebunden werden. Allein im laufenden Jahr wurden dafür etwa 115 Milliarden Euro bereitgestellt, berichtet das Magazin Caixin.

Chinas wachsender Einfluss in Europa zeigt sich auch in der gestiegenen Anzahl an Firmen-Übernahmen in Deutschland. Deren Volumen hat sich alleine in den ersten zehn Monaten des vergangenen Jahres gegenüber dem gesamten Jahr 2015 mehr als verzwanzigfacht, berichtet das Magazin Finance unter Berufung auf eine Studie der Unternehmensberatung Ernst & Young.

„Zwischen Januar und Ende Oktober zählte die Unternehmensberatung bei chinesischen Zukäufen in Deutschland ein Dealvolumen von 11,6 Milliarden Euro – laut EY mehr als in sämtlichen Vorjahren zusammen. Auch die Anzahl der chinesisch-deutschen M&A-Deals hat deutlich angezogen: In den ersten zehn Monaten sind laut EY 58 deutsche Firmen von Chinesen übernommen worden, 19 mehr als im gesamten Vorjahr“, schreibt Finance. Der bekannteste Fall dürfte jener des Roboterherstellers Kuka sein, welcher für 4,6 Milliarden Euro an den chinesischen Midea-Konzern verkauft wurde.

Widerstand gegen die Übernahmen in Europa regt sich nicht nur in der deutschen Politik, sondern interessanterweise auch in den USA. So hatten nicht nur deutsche, sondern auch US-amerikanische Behörden den Verkauf des Chipunternehmens Aixtron gestoppt. Das Veto des US-Präsidenten gegen die rettende Übernahme des Chipanlagenbauers durch den chinesischen Fonds Fujian Grand Chip hat Käufer und Verkäufer aufgeschreckt. Sicherheitsbedenken torpedierten eine Einigung. Dazu denkt Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) laut über eine Verschärfung des Außenwirtschaftsgesetzes nach, wenn deutsche Unternehmen in China nicht bessere Chancen auf Zukäufe bekämen. Bei Kuka hatte sich die Bundesregierung noch die Zähne ausgebissen, weil kein europäisches Unternehmen Midea überbieten wollte.

Doch auch die chinesische Regierung ist vorsichtiger geworden. Der Abfluss von Kapital und Devisen ins Ausland ist ihr vor dem Hintergrund der anhaltenden Kapitalflucht ein Dorn im Auge. Deshalb brauchen chinesische Unternehmen seit Ende November für jede Zahlung ins Ausland über fünf Millionen Dollar eine Genehmigung, berichtet Reuters. Und sogar bei vereinbarten Übernahmen können die Behörden jede Überweisung über 50 Millionen Dollar stoppen. „Das kann Transaktionen stark verzögern, weil sich die Beamten erst in die Materie einarbeiten müssen und erstmal Vorsicht an den Tag legen, um keine falschen Entscheidungen zu treffen“, erklärt Linklaters-Anwalt Mathias Bock, der in Hongkong arbeitet. Verkäufer in Deutschland sollten daher darauf pochen, 10 bis 20 Prozent des Kaufpreises auf einem Treuhandkonto zu parken, rät Anwalt Hans-Jörg Ziegenhain von der Kanzlei Hengeler Mueller.

„Mit der Neuregelung will die Regierung Transaktionen herausfiltern, die sie strategisch für nicht so sinnvoll hält“, sagt Bock. Die Übernahme des Londoner Computerspiele-Herstellers Jagex durch den Stahlriesen Shandong Hongda etwa sorgte selbst in Peking für Stirnrunzeln. Banker und Anwälte glauben, dass Übernahmen in Deutschland weniger davon betroffen sein dürften. Sie passen zum laufenden Fünfjahresplan. „Wenn man sich fragt, wo können und vor allem wo wollen Chinesen kaufen, lautet die Antwort weiterhin Deutschland“, sagt Christoph Seidel, der für die US-Investmentbank JP Morgan für Fusionen und Übernahmen in Deutschland zuständig ist.

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