Großbritannien: Schock-Umfrage schickt Pfund auf Talfahrt

Ein Schock-Umfrage sieht schwere Verluste für Theresa May. Allerdings dürfte die Umfrage vor allem Spekulanten gegen das Pfund nutzen.

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Die britische Premierministerin und Vorsitzende der Conservative Party, Theresa May, am 29.05.2017 in London während eines Fernsehauftritts. (Foto: dpa)

Die britische Premierministerin und Vorsitzende der Conservative Party, Theresa May, am 29.05.2017 in London während eines Fernsehauftritts. (Foto: dpa)

Eine spekulative Umfrage sorgt auf dem Devisenmarkt für Bewegung: Den Konservativen unter Premierministerin Theresa May droht bei der bevorstehenden Unterhauswahl in Großbritannien einer YouGov-Erhebung zufolge der Verlust ihrer absoluten Mehrheit. Nach einer am Dienstagabend veröffentlichten Berechnung des Instituts für die Times könnten die Konservativen nur noch auf 310 Mandate gegenüber bisher 330 kommen. Damit würden sie die bei 326 Sitzen liegende absolute Mehrheit um 16 Mandate verfehlen. Die oppositionelle Labour-Partei kann YouGov zufolge darauf hoffen, fast 30 Sitze hinzuzugewinnen. Das Pfund gab nach Bekanntwerden der Umfrage deutlich nach – und zwar gegenüber allen anderen Weltwährungen. Am Morgen fiel der Sterling am Mittag um 0,7 Prozent auf 1,2770 Dollar ab und notierte damit so niedrig wie zuletzt am 21. April. Der Euro zog um 0,3 Prozent auf 0,8722 Pfund an.

Bloomberg berichtet, dass Marktteilnehmer vor allem ein Patt fürchten, bei dem politische Entscheidungen in der komplexen Lage des Brexit verzögert oder gar verhindert werden könnten. Allerdings berichtet auch Bloomberg von Zweifeln an der Umfrage.

Die Zustimmung für die Konservativen sinkt seit Mitte Mai. Insgesamt sieben Umfragen innerhalb der vergangenen Woche ermittelten, dass sich der Abstand zu Labour verringert. Einen Verlust der absoluten Mehrheit hat bislang aber kein Institut prognostiziert.

Die Talfahrt in den Meinungsumfragen hatte mit der Ankündigung der Premierministerin begonnen, älteren Briten höhere Eigenleistungen bei der Pflege abverlangen zu wollen. Das Vorhaben wurde von Gegnern als „Demenzsteuer“ bezeichnet. Nach dem Anschlag von Manchester mit 22 Toten in der vergangenen Woche setzte die oppositionelle Labour-Partei den Tories auch mit Kritik an den Stellenkürzungen bei der Polizei zu.

May hatte die vorgezogene Wahl im April völlig überraschend für den 8. Juni angesetzt, um ihre Mehrheit auszubauen und so ihre Position bei den Brexit-Verhandlungen mit der EU zu stärken. Ein Zurückfallen hinter die bisherigen Mehrheitsverhältnisse im Unterhaus würde May auch bei den Brexit-Verhandlungen mit den anderen EU-Staaten schwächen.

Die YouGov-Analyse basiert der Times zufolge auf Befragungen in der vergangenen Woche und einer Modellrechnung für jeden einzelnen Wahlkreis. Das Institut selbst räumte ein, das System sei umstritten. Allerdings sei das gleiche Modell bereits im Vorfeld des Referendums um einen EU-Austritt eingesetzt worden und habe stets eine Mehrheit für das Brexit-Lager ergeben.

Tatsächlich ist die Umfrage methodisch nicht Standard. Die Times selbst berichtet von mehreren anderen Umfragen, die die Tories alle mit einem Vorsprung von 100 Sitzen sehen. Bei den TV-Interviews von Jerermy Paxman mit ihm und mit Theresa May blieb Labour-Chef Jeremy Corbyn blass. Außerdem sorgte er für Aufregung, als er bei einer Radio-Talkshow auf eine Frage erst auf seinem iPad nach einer Antwort suchen musste.

Allerdings hat er auch Sympathien gewonnen, weil er nach dem Terror von Manchester darauf hingewiesen hatte, dass die Anschläge eine Folge der britischen Militär-Operationen seien. Der angebliche Attentäter soll aus Libyen stammen, soll laut Guardian Verbindungen zur Libyan Islamic Fighting Group (LIFG) gehabt haben, eine Terror-Gruppe, von der der Guardian schreibt, die Gruppe soll vom britischen Geheimdienst MI6 „unterstützt“ worden sein. Corbyn war darauf von zahlreichen Tory-Politikern attackiert worden. Allerdings bekam er auch Unterstützung von ehemaligen MI6-Leuten, wie die Daily Mail berichtete.

Das grundsätzliche Problem mit Umfragen besteht darin, dass sie gezielt eingesetzt werden, um Stimmung zu machen oder um an den Märkten Wettgeschäfte zu begünstigen. In Großbritannien spielen Wetten eine große Rolle. So behauptete UKIP-Chef Nigel Farage, ein früherer Trader, zu Beginn der Stimmauszählung, dass die Briten gegen den Brexit gestimmt hätten – eine Falschmeldung, die jedoch erst Stunden später entlarvt wurde, das Pfund auf Talfahrt schickte und damit Insidern massive Wettgewinne an den asiatischen Märkten bescheren konnte.

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