Russland: Anarchisten tricksen Internet-Zensur des Kreml aus

In den sozialen Netzwerken hat eine Gruppe von Anarchisten Anleitungen verbreitet, wie man praktisch jede Seite blockieren kann - auch die des Kreml.

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Seit Beginn seiner dritten Amtszeit im Jahr 2012 hat der russische Präsident Wladimir Putin versucht, „Extremismus“ im Internet durch Zensur zu kontrollieren. Allerdings hat Russland kein „Great Firewall“ wie die Chinesen, berichtet Bloomberg. In China wird das Internet über die Gateways zwischen dem nationalen Segment und dem Rest des globalen Netzwerks gesteuert. In Russland sind die Internetanbieter lediglich verpflichtet, die Webseiten auf der Blacklist der Regulierungsbehörde Roskomnadzor zu blockieren. Internetanbieter sind nicht gesetzlich verpflichtet, eine bestimmte Sperrmethode zu verwenden. In den vergangenen Tagen hat diese Eigentümlichkeit des russischen Systems zu einem wirksamen anarchistischen Protest gegen die Zensur geführt.

In den sozialen Netzwerken hat eine Gruppe von Anarchisten Anleitungen verbreitet, wie man praktisch jede Seite blockiert. Diese Anleitung gibt Auskunft darüber, wie man eine Blacklist in eine Einkaufsliste umfunktioniert, um abgelaufene oder neue Domainnamen zu registrieren. Dann verknüpft man diese Seiten mit Regierungs-IP-Adressen, um eine automatische Sperrung auszulösen. Dieser Trick funktionierte spektakulär gut. Der nationale zellulare Betreiber BeeLine schloß sofort den Zugang zu vielen Standorten, darunter Bank-Zahlungs-Server und Pro-Kremlin-Medien wie Life.ru und NTV.ru. Sogar Roskomnadzor, der Hüter der Blacklist, landete auf der Blacklist. Nach Angaben von Alexander Litreev, einem St. Petersburger Software-Entwickler, der auf dem Telegram-Messenger einen Cybersecurity-Kanal betreibt, waren mehr als 30 Prozent der russischen Nutzer irgendwann von den Blockaden betroffen.

Das eigentlich große Problem besteht nun darin, dass Putins jährliche „Direct Line“ mit den Wählern – ein wichtiges Ereignis mit Fragen, die über das Internet gesammelt werden, und der daraus resultierende mehrstündige Marathon, der sowohl online als auch im Fernsehen ausgestrahlt wird – für den 15. Juni geplant ist. Doch die Besitzer von Domains auf der Blacklist haben die Macht, dieses Ereignis zu blockieren, so Bloomberg.

Um dies zu verhindern, schickte Roskomnadzor eine Whitelist an die Provider, worin mehr als 2.000 Domains aufgelistet sind, die nicht blockiert werden sollten, auch wenn sie mit einer verbotenen Domain verknüpft sind. Gov.ru und Kremlin.ru, die Domains für die Regierung und das Präsidialamt, befinden sich ganz oben in der Whitelist.

Am 9. Juni kam die Zensuragentur mit einer besseren Lösung. Sie schickte einen Brief an die Provider mit der Aufforderung, dass bis zum 16. Juni – der Tag nach dem Putin-Ereignis – nur spezifische IP-Adressen auf der Blacklist blockiert werden sollten und nicht die, bei denen der Internetverkehr umgeleitet wird. Schlussendlich ist zu erwarten, dass Roskomnadzor eine Lösung für dieses Problem finden und umsetzen wird.

Doch Russland hat eine weltweit bekannte Hacker-Community, die nur wenig Respekt vor inländischen oder ausländischen Restriktionen hat. Die Ausnutzung des aktuellen Roskomnadzor-Fehlers erforderte keine Hacker-Kompetenz, aber wenn es erforderlich ist und die Zensur sich verschärft, dürften sich auch Hacker in Russland ans Werk machen.

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