Falsche Wirtschaftspolitik führt zum Ruin der Rentner

Vor Wahlen wird den Rentnern stets viel versprochen. Doch eine falsche Wirtschafts- und Renten-Politik kann zum Ruin der Rentner führen.

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Bundeskanzlerin Angela Merkel und der damalige Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, am 23.10.2014 in Brüssel vor Beginn eines EU-Gipfels. Die Renten sind ein Thema, das im Wahlkampf vermieden wird. (Foto: dpa)

Bundeskanzlerin Angela Merkel und der damalige Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, am 23.10.2014 in Brüssel vor Beginn eines EU-Gipfels. (Foto: dpa)

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In der Politik geht es, zumindest dem Anschein nach, um zahlreiche Themen. Vor Wahlen wird viel diskutiert und vor allem viel versprochen. Tatsächlich stellt eine Frage alles andere in den Schatten: Wie werden die Rentner entscheiden? Und so werden alle Ankündigungen vermieden, die die Rentner verärgern könnten. Jüngstes Beispiel: Die CDU und und die SPD lehnen die Erhöhung des Renteneintrittsalters ab.

Die Strategie ist nicht verwunderlich: Im Schnitt sind 20 Prozent der Europäer über 65 Jahre alt, in Deutschland sind es 21,2, in Italien sogar 22 Prozent. In Zahlen ausgedrückt sind diese Werte noch eindrucksvoller: In der EU – noch mit Großbritannien – leben 510 Millionen Menschen, in der Euro-Zone 340 Millionen. 20 Prozent sind demnach 102 Millionen in der Gemeinschaft und 68 Millionen in der Euro-Zone.

Damit nicht genug: Politiker müssen auch die Sensibilität der Personen beachten, die in absehbarer Zeit in die Rente eintreten. Die 50 bis 64-Jährigen stellen weitere 20 Prozent der Bevölkerung. In dieser Altersgruppe sind zudem die Beachtung der Politik und das Konsumieren von Informations-Medien am stärksten ausgeprägt. Fazit: 40 Prozent der Bevölkerung interessieren sich für das Renten-Thema.

Fast jeder zweite Wähler ist ein aktueller oder angehender Rentner

Dieser Prozentsatz zeigt zudem nicht die komplette Realität: Knapp 16 Prozent der EU-Bürger sind unter 15 Jahre und somit keinesfalls wahlberechtigt. Also muss man die 40 Prozent am Renten-Thema Interessierten nicht in Relation zur Gesamtbevölkerung sehen, sondern im Verhältnis zur wählenden Bevölkerung – und da sind es 47,6 Prozent. Es geht somit fast um jeden zweiten Wähler.

Dass unter diesen Umständen kaum ein Politiker bereit ist, die gegenwärtigen und angehenden Rentner zu verärgern, ist nachvollziehbar. Zur Illustration: Auch der neue Star auf der Politik-Bühne, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, hat sich im Wahlkampf gehütet, die Pensionisten zu verunsichern. Allerdings wird auf diese Weise ein Problem nicht zur Kenntnis genommen, das die gesamten Volkswirtschaften belastet und letztlich die Rentner zur Altersarmut verurteilt.

Bescheidene Renten und enorme Belastungen der Volkswirtschaften

Die Belastung der gesamten Wirtschaftsleistung durch die Renten ist enorm. Aber: Die Höhe der einzelnen Rente ist bescheiden. Hier sei die durchschnittliche Auszahlung in Deutschland zum Stichtag 1. Juli 2016 herangezogen: 1.066,29 bei den Männern und 676,13 bei den Frauen, im Schnitt somit 846,47 Euro. Deutschland hat im Gefolge der Rentenreformen eine im internationalen Vergleich niedrige Ersatzrate von unter 50 Prozent des Aktivbezugs. Man kann also diese Beträge eher als Untergrenze annehmen und gerät so nicht in den Verdacht, die Auswirkungen der Rentenkosten auf das Brutto-Inlandsprodukt zu überschätzen.

Bemerkung am Rande: Die deutschen Rentner leisten über die niedrigen Pensionen einen entscheidenden Beitrag zur Entlastung des Staatshaushalts. Das Null-Defizit ist nicht zuletzt ein „Verdienst“ der Rentner.

846,47 Euro monatlich bedeuten 10.157,64 Euro im Jahr. Man muss berücksichtigen, dass jedenfalls etwa 2.000 Euro an Kranken- und Pflegekosten hinzukommen, wobei auch dieser Wert möglichst niedrig angesetzt ist. Rentner verursachen folglich einen Aufwand von mindestens 12.000 Euro im Jahr. Um die Übersichtlichkeit zu wahren, sei die Analyse auf den Euro-Raum beschränkt:

  • Die 68 Millionen über 65-Jährigen lösen einen Aufwand von mindestens 816 Milliarden Euro aus. Allerdings steht bei den meisten über 65-Jährigen, insbesondere in den höheren Alterskategorien ab 70, ein Beitrag zur Wirtschaftsleistung nicht mehr zur Debatte.
  • Vor allem zu beachten ist aber die Kategorie der 60 bis 65-Jährigen. Diese stellen rund 10 Prozent der Bevölkerung, hier handelt es sich im Euro-Raum um etwa 34 Millionen Menschen. Nachdem europaweit das tatsächliche Renteneintrittsalter im Schnitt bei etwa 60 Jahren liegt, ist der Anteil der noch Aktiven in diesen Altersstufen meist gering. Auch in dieser Hinsicht kann man die deutschen Daten heranziehen, weil der Anteil der Erwerbstätigen zwischen 60 und 65 heute deutlich über 50 Prozent liegt, nachdem der Wert noch 2005 unter 30 Prozent blieb. In den meisten anderen Ländern des Euro-Raums sind die Quoten niedriger.

Mit mehr arbeitenden 60 bis 65-Jährigen hätte die Euro-Zone keine Geldsorgen

Man kann ohne Gefahr zu laufen, die Daten zu verfälschen, davon ausgehen, dass jedenfalls 17 Millionen Menschen, also jeder und jede zweite, im Euro-Raum zwischen 60 und 65 Jahren nicht arbeiten, aber eine Rente kassieren. Der Aufwand liegt bei rund 204 Milliarden Euro, ist also höher als das gesamte Staatsdefizit aller Euro-Länder von knapp 160 Milliarden Euro. Würden diese Personen arbeiten, käme außerdem ein Beitrag zur Wirtschaftsleistung mit Steuern und Beiträgen zur Sozialversicherung zustande: Die Volkswirtschaften würde sich 204 Milliarden Euro Pensionskosten ersparen und, vorsichtig gerechnet, zusätzlich 200 Milliarden Euro erwirtschaften. Es geht also um mindestens 400 Milliarden Euro: Mit einem generellen Renteneintritt mit 65 könnte die gesamte, derzeit bestehende, finanzielle Anspannung der Euro-Zone beseitigt werden.

Zur Erinnerung: In den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts galt bei Männern der Stichtag 65. Geburtstag als selbstverständlicher Starttermin für die Rente.
Die ersten Nutznießer dieser Entspannung wären die Rentner, die mit Hilfe ihrer politischen Macht, die sich aus der großen Zahl ergibt, höhere Bezüge durchsetzen könnten. Eine Perspektive, die angesichts der leeren Staatskassen im Moment nicht gegeben ist. Mehr noch: Die Budgetprobleme der Staaten sind mit ein Grund für die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank, die auf diese Weise den Staaten hilft, eine Explosion der Budgetdefizite zu vermeiden. Die niedrigen Zinsen belasten aber alle Sparformen und nicht zuletzt die privaten Zusatzpensionen.

Die hier angestellten Berechnungen werden kaum gemacht. Bezeichnend ist der Umstand, dass in allen Gesamtdaten von der ILO, der Internationalen Arbeitsorganisation, bis zur Statistik der EU nicht zwischen den unter 60-Jährigen und den Personen zwischen 60 und 65 differenziert wird, obwohl gerade diese Gruppe in der Renten-Thematik von besonderer Bedeutung ist. Allerdings wird immer wieder von der Notwendigkeit eines späteren Pensionsantritts gesprochen.

Der Mangel an Arbeitsplätzen für Ältere ist zu hinterfragen

Diese Forderung löst unweigerlich den Hinweis auf die Probleme der Älteren auf dem Arbeitsmarkt aus. Wie soll man den Renteneintritt hinauszögern, wenn schon jetzt keine Arbeitsplätze für Ältere verfügbar sind? Dabei geht es nicht nur um die 50 und 60-Jährigen, sogar die über 40-Jährigen haben bereits Probleme! Die Konsequenz: Eine Diskussion über längeres Arbeiten sei daher unsinnig. Manche gehen noch weiter und sehen in der Forderung nur Zynismus.

Bei oberflächlicher Betrachtung des Arbeitsmarkts kann man tatsächlich zu diesem Schluss kommen. Allerdings werden bei dieser Argumentation Ursache und Wirkung verwechselt.

Die geringen Chancen der Älteren auf dem Arbeitsmarkt sind in erster Linie eine Folge von verschiedensten Fehleinschätzungen.

  • In der Bevölkerung gilt immer noch das Alter 60 als Wende vom aktiven Leben zur Rente. Dass dieses Datum aus der Zeit stammt, als die meisten nicht einmal 70 Jahre alt wurden, wogegen jetzt 80 die Regel ist, wird übersehen. Hier spielt die Psychologie eine wichtige Rolle.
  • Unterstützt wird die falsche Einschätzung durch Gewerkschafter, die gerne erklären, „dreißig Jahre sind genug“ oder „vierzig Jahre sind genug“.
  • Bei einer Durchschnittsrente von weniger als 1.000 Euro droht Altersarmut. Die Menschen unterschätzen ihre weitere Lebenserwartung um viele Jahre. Die Ersparnisse werden hingegen stark überschätzt und so tritt bei vielen der Zustand ein, der mit dem Schlagwort „Das Geld ist weg und ich bin noch da“ charakterisiert wird.

Mit der Bewahrung von Strukturen wird die Zukunft verspielt

Vor allem wirkt sich die falsche Wirtschaftspolitik aus: Immer wieder wird versucht, bestehende Strukturen zu bewahren und Arbeitsplätze zu erhalten. Auf diese Art werden die verfügbaren Ressourcen falsch eingesetzt und die vorhandenen Chancen nicht genutzt.

Dieses Problem ist europaweit zu beobachten. Auch in Deutschland wird die mangelnde Bereitschaft zur Innovation beklagt, doch schneidet das Land im europäischen Vergleich viel besser ab als die Nachbarn. Dies zeigt sich nicht nur an der geringen Arbeitslosigkeit von unter 4 Prozent gegenüber mehr als 9 Prozent in der Euro-Zone. Bemerkenswert ist auch der bereits erwähnte Anteil der aktiven 60 bis 65-Jährigen von mehr als 50 Prozent dieser Altersgruppe. In Deutschland zeigt sich, dass die mit den Reformen zur Jahrtausendwende eröffnete Flexibilisierung beachtliche Fortschritte ermöglicht hat. Dabei darf man die Kritiker nicht überhören, die viel weiter gehende Korrekturen für notwendig erachten.

Die Folgen der Bewahrungspolitik:

  • Investitionskapital steht nie unbegrenzt zur Verfügung. Wenn die Mittel in Unternehmen gelenkt werden, die keine oder nur eine geringe Innovationskraft haben, fehlen sie anderswo.
  • Die Konservierung von Strukturen führt unweigerlich zu Belastungen der Staaten, die wiederum hohe Steuern auslösen, die die Wirtschaft bremsen.
  • Junge, dynamische Unternehmer kommen nicht oder nicht ausreichend zum Zug und werden daran gehindert, Neues zu schaffen.
  • Die hohen Steuern werden entscheidend durch die Kosten der Renten mitverursacht. Würden mehr 60 bis 65-Jährige arbeiten, wären die Staaten entlastet, müssten weniger Steuern kassieren und die Betriebe hätten mehr Spielraum.
  • Entscheidend ist die Wirkung auf die Menschen. Konservierung von Strukturen heißt im Klartext: Mitarbeitern wird die Illusion vermittelt, ihr Arbeitsplatz sei sicher, also bemühen sie sich nicht um einen neuen, attraktiveren Platz. Bis der vermeintlich sichere untergeht.
  • Vor allem wird ein Faktor unterschätzt: Jeder in einem Unternehmen arbeitende Mensch löst Arbeit für andere aus.

Die aktuelle Wirtschaftslandschaft eröffnet durch die moderne Technik, vom Internet bis zu den 3D-Druckern, enorme Möglichkeiten, die zur Schaffung zahlreicher, neuer Arbeitsplätze führen können. Wenn in Europa zu viele Unternehmer bei traditionellen Produktionen verharren und zu viele Arbeitnehmer vor den neuen Herausforderungen in die Rente flüchten, wird die Zukunft anderswo stattfinden. Dann aber wird die Wertschöpfung fehlen, die die Finanzierung der Renten erst ermöglicht.

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Ronald Barazon war viele Jahre Chefredakteur der Salzburger Nachrichten. Er ist einer der angesehensten Wirtschaftsjournalisten in Europa und heute Chefredakteur der Zeitschrift „Der Volkswirt“ sowie Moderator beim ORF.

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