Banken haben Schock der Finanzkrise noch nicht überwunden

Auch zehn Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise sind die grundlegenden Probleme im Bankensektor noch nicht gelöst.

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In einer interessanten ausführlichen Übersicht stellt die Nachrichtenagentur Reuters die Situation des globalen Bankensystems zehn Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise dar:

Für Jens Weidmann begann die Finanzkrise Ende Juli auf einem privaten Grillfest. „Die IKB ist in Schwierigkeiten“, tippte der damalige Wirtschafts- und Finanzberater von Angela Merkel in eine SMS an seine Kanzlerin, die gerade in Salzburg auf den Beginn einer Opern-Aufführung wartete. Merkels Antwort, wie sie Jahre später selbst gestand: „Was ist die IKB?“

Der vermeintlich solide Mittelstandsfinanzierer war 2007 als erste Bank Deutschlands in eine Abwärtsspirale geraten. Er hatte sich mit riskanten Immobilienpapieren in den USA verzockt, hinter denen Kredite an Menschen steckten, die längst nicht mehr zahlen konnten. Nur ein Wochenende war Zeit, die IKB vor dem Aus zu retten. „Damit wurde klar, dass die Finanzkrise nun auch in Europa angekommen ist“, erinnert sich Weidmann, heute Präsident der Bundesbank, im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Reuters.

Das Ausmaß der Krise ahnte kaum jemand. „Damals waren wir der Auffassung, dass es sich um einzelne Kreditinstitute in Schwierigkeiten handelt“, sagt Jörg Asmussen, der den Bundesfinanzministern Peer Steinbrück und Wolfgang Schäuble als Staatssekretär in der heißen Phase zur Seite stand. „Dass das eine Welle war, war damals noch nicht zu erkennen.“

13 Monate später brach mit der unerwarteten Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers ein Tsunami über die Finanzwelt herein, die das Wirtschaftssystem an den Rand des Untergangs brachte. Ausgehend vom Zusammenbruch des US-Hypothekenmarktes breitete sich die Krise in rasender Geschwindigkeit rund um den Globus aus. Die USA pumpten 250 Milliarden Dollar in ihre großen Banken. In Deutschland verschwanden die einst zweitgrößte Bank des Landes, die WestLB, und der größte Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate (HRE) von der Landkarte. „HRE und WestLB waren die schwierigsten Fälle“, erinnert sich Christopher Pleister, der als Chef des staatlichen Bankenrettungsfonds SoFFin von 2009 bis 2014 die Scherben zusammengekehrt hat. Der Fonds griff rund einem Dutzend Banken – von der Commerzbank bis zur Aareal Bank – mit zeitweise mehr als 200 Milliarden Euro Eigenkapital, Garantien und Schutzschirmen unter die Arme.

Von Normalität ist auch zehn Jahre nach der IKB nicht die Rede. „Kein Finanzmarkt, kein Akteur und kein Finanzmarktprodukt soll mehr ohne angemessene Aufsicht und Kontrolle sein“ hatten sich die Chefs der wichtigsten 20 Industrie- und Schwellenländer (G20) im Schockzustand der Finanzkrise im Herbst 2008 geschworen. „Die Krise hat gezeigt, dass wir handlungsfähig sind, wenn es darauf ankommt“, glaubt Schäuble im Rückblick. Mit einem 47-Punkte-Plan wollte man die Finanz- und Wirtschaftskrise meistern und die Folgen der nächsten mildern. „Ich glaube, dass wir in der Summe das Welt-Finanzsystem stabiler gemacht haben“, zieht Asmussen Bilanz. „Sind wir da, wo wir sein müssten? Nein, noch nicht.“

Auch Weidmann räumt ein, dass „noch ein paar Punkte offen sind“. Trotz Fortschritten bei den Kapitalvorschriften für die Banken und der Aufsicht über das Finanzsystem sind die Reparaturarbeiten längst nicht abgeschlossen: Die Banken haben sich ihrer Altlasten noch nicht vollständig entledigt. Sie sind auch immer noch „too big to fail“ – zu groß, um scheitern zu dürfen. Denn bis die Geldtöpfe voll sind, in die Europas Banken für den Notfall einzahlen, wird es Jahrzehnte dauern. Dazu ist die Verflechtung zwischen Staaten und ihren Banken immer noch zu eng. Nationale Interessen verhindern, dass die Krisenmechanismen in der Praxis funktionieren und marode Banken tatsächlich vom Markt verschwinden. Die nächste Finanzkrise kommt bestimmt. Die Frage ist: Wird das System halten?

„Was wir damals erlebt haben, wird uns hoffentlich nicht mehr passieren“, sagt Weidmann. Es soll vor allem nicht mehr zu einem solchen Flächenbrand kommen. „Es wäre vermessen zu behaupten, dass es nie wieder Krisen geben kann“, sagt Finanzminister Schäuble. „Aber wir sind heute sehr viel besser aufgestellt.“

Der bekannte Bankenkritiker Martin Hellwig hat die Bankenregulierung einmal mit einem Chemie-LKW verglichen: Wenn der bei Tempo 150 explodiere, könne man die Höchstgeschwindigkeit auf 140 senken. „Da ist es etwas weniger wahrscheinlich, dass es zu so einem Unfall kommt. Und nebenher führt man auch noch Begrenzungen ein für den Benzinverbrauch von SUVs. Hat nichts mit dem Unfall zu tun, aber das wollte man auch schon immer mal machen“, sagte der Bonner Ökonom dem Schweizer Fernsehen. So hätten die Regulierer nach der Krise agiert: „Bei den Dingen, die wirklich zählen, ganz wenig – dafür aber noch vieles andere, das aber mit der Krise wenig zu tun hatte.“

Eins ist klar: Die nächste Krise wird andere Ursachen haben. Oder wie es Daniele Nouy, die oberste Bankenaufseherin für die Euro-Zone, ausdrückt: „Eine Krise hat in der Regel dort ihren Ursprung, wo man es nicht erwartet.“ Aber die „Zutaten“ seien immer die gleichen, sagt Elke König, die Chefin der europäischen Banken-Abwicklungsbehörde (SRB). „Dazu gehören Schwächen des Risikomanagements und Risiko-Fehleinschätzungen, gepaart mit dem überbordenden Glauben an die Selbstregulierung der Märkte und deren jederzeitige Effizienz.“

Der Fehler steckt also im System: „Am Ende geht es immer um Risiken, die unterschätzt werden“, sagt ein hochrangiger Regulierer, der die Bemühungen um ein stabileres System begleitet hat. So lange die Konjunktur laufe, blickten die Banken durch eine rosa Brille auf die Märkte. „Im Aufschwung sind alle Indikatoren, die man sich ansehen kann, geschönt. Dann ist der Anreiz groß, das Risikomanagement schleifen zu lassen, sich stärker zu verschulden. Die Wiederkehr dieses Musters ist das große Risiko.“

Die Vernetzung der Banken untereinander ist ein weiteres, glaubt der ehemalige Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann. „Das ist das, was wir unterschätzt hatten“, sagt er im Rückblick. Auch er hält die Gefahr einer neuen Krise nicht für gebannt. Heute sei jede Bank für sich sicherer, weil sie mehr Kapital habe und konservativer refinanziert sei. „Aber in der Vernetzung, dort glaube ich nach wie vor, dass wir verletzlich sind. Am besten ist, wenn jeder seine Bank so führt, dass er auch im schlimmsten Fall die Risiken auffangen kann. Das ist entscheidend.“

Auch Staaten und Banken bleiben untrennbar miteinander verwoben. „Wenn die Länder in Schwierigkeiten kommen – etwa bei einem Schuldenschnitt wie in Griechenland – dann sind die Banken von einem Tag auf den anderen sehr instabil“, weiß Ackermann, der in der Euro-Schuldenkrise an vorderster Front für Deutschlands Banken verhandelt hat. Dass man diesen gordischen Knoten – vor allem in Europa – nicht durchschlagen hat, wurmt Bundesbank-Chef Weidmann. Auch in der neuen Regulierungswelt müssen Banken für Staatsanleihen weder Kapital vor- noch Obergrenzen einhalten. „Dabei hat sich in der Krise die enge Verknüpfung von Banken und Staaten als der entscheidende Brandbeschleuniger erwiesen“, kritisiert Weidmann. „Aber wenn man das kurzfristig ändern würde, wären viele Institute in einer schwierigen Lage“, sagt ein erfahrener Banker. Sie müssten dann ihre Bestände abbauen. „Das wäre für die Refinanzierung der Staaten ein Problem, deshalb fasst man das nicht an.“

Der Widerstand aus der Politik, vor allem aus Deutschland, blockiert bisher auch eine einheitliche Einlagensicherung, die sich Nouy und König gleichermaßen wünschen. Sie wäre der letzte Baustein der sogenannten „Bankenunion“, die die Europäische Zentralbank (EZB) zum obersten Bankenaufseher gemacht und Königs Behörde geschaffen hat. Erst dann, argumentiert Nouy, werde es zu den lang erwarteten Fusionen zwischen europäischen Geldhäusern kommen, die bisher noch niemand gewagt hat. „Die grenzüberschreitende Konsolidierung wäre ein echtes Zeichen, dass die Bankenunion etabliert ist.“ Doch die Deutschen haben Angst, dass ihre Banken und Sparkassen dann für Schieflagen von Instituten in anderen Ländern zur Kasse gebeten würden.

Doch das ist ohnehin Zukunftsmusik. Noch klappt nicht einmal die Abwicklung kleiner Institute nach Vorschrift. Zwar verweist König stolz auf die spanische Banco Popular, deren Eigentümer finanziell bluten („Bail-in“) mussten, bevor sie über Nacht in den sicheren Hafen des Konkurrenten Santander geschleppt wurde. Bei zwei kleinen Banken aus dem Veneto pochte Italien aber auf seine eigenen Insolvenz-Vorschriften und gab Milliarden aus dem Staatssäckel. Schon die Rettung der ältesten Bank der Welt, Monte dei Paschi, auf Staatskosten war ein Sündenfall. Der Regierung in Rom ging es nicht nur darum, die Privatanleger zu schützen, sondern auch die Bank selbst, die auf Milliarden an italienischen Staatsanleihen sitzt. Branchenweit sind es rund 380 Milliarden Euro, die sich Italien bei seinen Banken geliehen hat.

Schäuble treibt es um, dass Theorie und Praxis immer noch auseinanderklaffen: „Das Vereinbarte muss nun auch umgesetzt werden, gerade beim Bail-in.“ Sein ehemaliger Adlatus Asmussen, heute in Diensten der US-Investmentbank Lazard, ist da noch deutlicher: „Ich glaube, dass wir, wie die Entwicklungen in Italien zeigen, noch nicht da sind, dass die Steuerzahler nicht für Banken-Schieflagen zahlen.“ Bisher ist nicht einmal geregelt, welche Gläubiger zuerst verzichten müssen und welche noch geschont werden. Man brauche keine „Einheitslösung, die für jeden passt“, klagt König, doch sollten wenigstens die Bedingungen in ganz Europa gleich sein. Das ist insgeheim die Hoffnung deutscher Institute wie der HSH Nordbank oder der NordLB: dass die EU auch bei ihnen ein Auge zudrücken würde.

Wenigstens beim Kapital greift die Regulierung. So lange es im Finanzsystem immer noch knirscht, ist das der einzige Weg, um die Banken krisenfester zu machen. Das vermeintliche Allheilmittel: mehr Eigenkapital, um überbordenden Risikoappetit zu bremsen. Und Kapital, das auch einer Krise standhält und sich nicht wie beim letzten Mal in Luft auflöst. „Basel III“ hieß das Paket, das die weltweit wichtigsten Bankenregulierer im Auftrag der G20 in Basel 2010 beschlossen. Ganz umgesetzt ist es auch 2017 nicht. „Basel III wäre längst fertig, wenn die Banken nicht bei jedem Schritt massiv dagegen geputscht hätten“, ärgert sich ein Regulierer. „Auf der anderen Seite beschweren sie sich über regulatorische Unsicherheit.“

Die Schweizer Aufseher waren nach der Krise die ersten, die die Kapitalanforderungen drastisch nach oben schraubten – noch vor den Baseler Beschlüssen. Doch die 45 Milliarden Franken, die die UBS abschreiben musste, könnte sie auch heute nur mit Mühe auffangen. John Cryan half damals als Finanzvorstand, die Krise zu bewältigen. Inzwischen ist er Chef der Deutschen Bank und versucht sie in ruhigeres Fahrwasser zu führen. „Die Banker, die diese Krise durchlebt haben und noch im Amt sind, werden nie vergessen, wie es damals dazu kam. Die Branche hält mehr Kapital und Liquidität vor und hat gleichzeitig weniger Risiken in den Bilanzen. Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht.“

Mehr Regulierung, mehr Aufsicht – das waren die Lehren, die man aus der Finanzkrise gezogen hat. „Die Aufseher haben jetzt einen deutlich besseren Einblick in die Arbeitsweise der Banken als vor der Krise“, ist Nouy zufrieden. Vorher war das eine rein nationale Angelegenheit, eifersüchtig verteidigt gegen Einmischung von außen. Erst die Euro-Schuldenkrise brachte den Durchbruch. Nun werden die 125 größten Banken direkt von der EZB beaufsichtigt. „Das hat zu mehr Fairness und Gleichbehandlung der Banken im Euro-Raum beigetragen“, sagt Nouy.

Immerhin: Die durchschnittliche Kernkapitalquote der großen deutschen Banken hat sich von 2011 bis Mitte 2016 im Schnitt von 5,4 auf 12,1 Prozent der Bilanzrisiken verbessert, rechnet der Bundesbankpräsident vor. In Europa waren es laut Nouy Ende 2016 sogar 13,7 Prozent – Quoten, die Banker vor der Finanzkrise für undenkbar gehalten hätten. Die Deutsche Bank arbeitete zeitweise mit drei Prozent hartem Kernkapital; seit der Krise brauchte sie Kapitalspritzen von fast 30 Milliarden Euro.

Ökonom Hellwig hält das für viel zu wenig: Ihm schweben Eigenkapitalquoten von bis zu 30 Prozent vor. Das wäre das Dreifache, was Banken heute vorhalten müssen. „Völlig abstrus und lebensfremd“, wütet ein altgedienter Banker. Aber auch die Aufseher können sich für noch mehr Kapital erwärmen – zumal die Geldhäuser die in ihren Bilanzen steckenden Risiken systematisch kleinzurechnen versuchten. „Wahrscheinlich muss man die Kapitalanforderungen im Vorhinein erhöhen – im Wissen, dass man den Banken in der Aufsicht immer ein bisschen hinterher rennt“, sagt ein hochrangiger Regulierer.

In den USA ist die Gegenbewegung längst im Gange. „Ich habe so viele Leute, Freunde, die schöne Firmen haben und sich kein Geld leihen können“, läutete Präsident Donald Trump verbal die Kehrtwende bei der Regulierung ein – obwohl die USA „Basel III“ nie umgesetzt haben und ihre eigenen Regeln schufen. Was er genau vorhat, ist unklar. Scheren die USA ganz aus? Oder geht es um Vereinfachungen? Jedenfalls reicht es aus, um die Europäer nachhaltig zu verunsichern.

Mit der Krise von 2007/08 waren die USA in den Augen von Josef Ackermann vorbildhaft umgegangen: Alle schwachen Banken seien aufgelöst worden. Was nicht sanierbar war, sei mit Hilfe des Staates abgewickelt worden, der Rest von starken Instituten übernommen. 250 Milliarden Dollar pumpten die USA in die Banken – und bekam sie mit Zinsen wieder zurück. Heute verdienen die großen Investmentbanken längst wieder Milliarden – pro Quartal. Die Europäer hinken da weit hinterher: „In Europa haben wir Banken, die gescheitert sind, mit Steuergeldern am Leben erhalten. Es hat keine Bereinigung in großem Stil stattgefunden“, erklärt Ackermann. Das böse Wort von „Zombie-Banken“ macht die Runde. Faule Kredite belasteten einige Geldhäuser in Europa noch immer, sagt Aufseherin Nouy. „Diese Hypothek belastet ihre Zukunft. Hier ist es höchste Zeit zu handeln“, sekundiert König.

Doch haben Banken überhaupt eine Zukunft? Die Leitzinsen, die die EZB seit Jahren niedrig hält, um die Konjunktur nicht abzuwürgen, lassen die Ertragsbasis erodieren. Die Kosten seien immer noch zu hoch, die Margen zu niedrig, sagt Nouy. „Wir müssen gemeinsam mit unseren Aufsichtsbehörden und der Politik eine Antwort finden, wie Banken auch bei strengeren Regeln und niedrigeren Zinsen nachhaltig wieder profitabel arbeiten können“, sagt Deutsche-Bank-Chef Cryan. König spielt den Ball zurück: „Wenn bei der einen oder anderen Bank das Geschäftsmodell nicht funktioniert, dann hat das sicher andere Gründe als nur die erhöhten Kapitalanforderungen.“

Doch vielleicht droht noch eine viel größere Gefahr: Flinke, junge Technologie-Unternehmen (Fintechs) wollen den Dickschiffen das Geschäft abgraben. Da beginnt sogar Ackermann an der Branche zu zweifeln. „Man sieht schon, dass sich einige Banken sehr schwer tun mit der Zukunft. Bill Gates hat einmal gesagt: ‚Banking is necessary. Banks are not.‘ Ich habe damals gesagt, das ist Quatsch. Aber heute bin ich mir nicht mehr sicher.“