Russland: Star-Regisseur Serebrennikow verhaftet

Der russische Regisseur Kirill Serebrennikow ist überraschend verhaftet worden. Er ist ein Gegner der Verbindung von Kirche und Staat.

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Einer der prominentesten Bühnenkünstler Russlands ist am Dienstag überraschend verhaftet worden. Ermittler in Moskau legen dem international bekannten Theater- und Filmregisseur Kirill Serebrennikow nach Justizangaben laut AFP zur Last, Fördergelder in Höhe von umgerechnet knapp 980.000 Euro unterschlagen zu haben. Bei einer Verurteilung drohen dem Regierungskritiker bis zu zehn Jahre Haft. Im kommenden Monat hätte Serebrennikow ein Engagement an der Stuttgarter Staatsoper antreten sollen.

Serebrennikow sah sich in Russland seit längerem in seiner künstlerischen Freiheit eingeschränkt. Serebrennikow ist Buddhist und steht der engen Verbindung von Kirche und Staat ablehnend gegenüber. Die russische-orthodoxe Kirche hat in den vergangenen Jahren erheblich an Einfluss gewonnen und ist zu einem wichtigen gesellschaftlichen Faktor für die Regierung von Präsident Wladimir Putin geworden. Der Regisseur sagte im Januar 2017 in einem Interview mit der SZ: „Die Kirche sitzt in Russland inzwischen an den Hebeln der Macht. Die Menschen haben Angst vor ihr, weil sie für sie gefährlich werden kann.“

Die Ermittlungen gegen Serebrennikow laufen seit Monaten, sein Pass wurde bereits konfisziert. Dennoch sei die Festnahme eine „absolute Überraschung“, erklärte sein Anwalt Dmitri Charitonow. Der Zugriff sei bei Dreharbeiten in der Nähe von Sankt Petersburg erfolgt.

Bereits im Mai war Serebrennikow verhört worden, seine Wohnung wurde durchsucht. Damals galt er noch als Zeuge, nicht als Verdächtiger. Der Sprecher von Präsident Wladimir Putin hatte damals beteuert, dass es in dem Fall „nicht um Politik geht“. Russische Kunstschaffende, unter ihnen Bolschoi-Theaterdirektor Wladimir Urin, hatten öffentlich gegen den Umgang der Justiz mit Serebrennikow protestiert.

Vize-Kulturminister Alexander Schurawski verteidigte Serebrennikows Festnahme am Dienstag. „Wenn sie ihn festgenommen haben, dann bedeutet das, dass es eine gerichtliche Entscheidung gibt, die einen solchen Schritt erfordert“, sagte er der staatlichen Nachrichtenagentur TASS. Belege für die Vorwürfe gegen den Regisseur legte der Minister nicht vor.

Als künstlerischer Direktor hat Serebrennikow das Moskauer Gogol-Theater in den letzten Jahren zu einer der renommiertesten Spielstätten für zeitgenössisches Theater gemacht. Er inszenierte auch am Bolschoi-Balett. Seine provokanten Bühnenproduktionen erregten immer wieder Anstoß bei Vertretern der Regierung und der orthodoxen Kirche.

In dem SZ-Interview hatte der Regisseur noch gemeint, in Russland könne sich jeder seine Nische suchen und werde nicht behelligt. Zwar würde der Staat heute keine Kunstproduktionen mehr unterstützen, die ideologisch nicht auf Linie sind, doch „die Verweigerung der Hilfe durch den Staat bedeutet nicht, dass solche Projekte in Zukunft automatisch auf den Index kommen“. Sein neuester Film „Der die Zeichen liest“ habe in Moskau überall ohne Probleme gezeigt werden könne: „Es ist nämlich nicht so, dass Russland ein Ort des absolut Bösen ist. Dies zu behaupten, ist ebenso Propaganda, wie die Feststellung, es laufe hier alles nach demokratischen und rechtsstaatlichen Prinzipien ab.“ es Gäbe nur eine Regel, die man befolgen müsse: „Misch dich nicht in die Politik ein!“ Zwar räumte Serebrennikow ein, dass sein Film hochpolitisch sei, doch er setzte darauf, dass „die Staatsführung“ dies „nicht versteht“.

Die Vorwürfe gegen Serebrennikow rühren von seinem Bühnenprojekt „Plattform“ her. Im Juni sagte der Regisseur, die Behörden würden ihm vorwerfen, Fördergelder für das Projekt angenommen zu haben, dann aber nicht inszeniert zu haben. Serebrennikow bezeichnete die Vorwürfe damals als „absurd und schizophren“: Eines der Bühnenstücke sei mehr als hundert Mal zur Aufführung gekommen.

Zuletzt hatte Serebrennikow immer wieder über wachsende Zensur und andere Drangsalierungen in Russland geklagt. In Russland „kehrt alles zu den albernsten sowjetischen Praktiken zurück“, sagte er im vergangenen Jahr laut AFP.

Im Juli hatte das Bolschoi-Theater drei Tage vor der Uraufführung sein mit Spannung erwartetes neues Ballettstück „Nurejew“ abgesetzt. Die Theaterführung argumentierte, das Stück sei noch nicht ausgereift. Kritiker der Entscheidung vermuteten, die Absetzung habe damit zu tun, dass in dem Stück Homosexualität thematisiert werde.

Im September hätte Serebrennikow an der Stuttgarter Oper „Hänsel und Gretel“ inszenieren sollen. Der Stuttgarter Opernchef Jossi Wieler sagte kürzlich der „Süddeutschen Zeitung“, er halte die Vorwürfe gegen Serebrennikow für politisch motivierte Einschüchterungsversuche.

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