Syrien: Internationale Messe als Auftakt für den Wiederaufbau

Nach sechs Jahren kriegsbedingter Pause öffnete die internationale Messe in der syrischen Hauptstadt Damaskus erstmals wieder ihre Tore.

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Die Internationale Messe in Damaskus. (Foto: DWN)

Die Internationale Messe in Damaskus. (Foto: DWN)

Internationale Messe Damaskus Stand Ostendorf Kunststoffe. (Foto: DWN)

Internationale Messe Damaskus Stand Ostendorf Kunststoffe. (Foto: DWN)

Messe-Direktor Fares al-Karally. (Foto: dpa)

Messe-Direktor Fares al-Karally. (Foto: DWN)

Mit einem Besucherrekord ist am Wochenende die 59. Internationale Messe in Damaskus zu Ende gegangen. 2,2 Millionen Besucher waren nach Angaben der Messegesellschaft zu den Ausstellungshallen und -zelten an der Flughafenautobahn bei Damaskus geströmt. Bei der letzten Messe 2010 waren 600.000 Besucher gezählt worden. Die älteste Handelsmesse der arabischen Welt findet seit 1954 in Damaskus statt. Wegen des Krieges blieb sie sechs Jahre lang geschlossen. 1562 syrische und internationale Wirtschaftsunternehmen und Vertreter aus 43 Staaten stellten in den letzten zehn Tagen ihre Produkte aus, in zahlreichen Diskussionsforen und Symposien fanden bilaterale Begegnungen statt.

Der syrische Vertreter bei den Vereinten Nationen, Botschafter Bashar al-Jaafari bezeichnete die große Teilnahme ausländischer Vertreter an der Messe als klares Zeichen, dass die internationale Gemeinschaft bereit sei, mit Syrien zu kooperieren und wieder Partner Syriens zu sein. Die anstehenden neuen Wirtschaftsvereinbarungen würden die „einseitigen wirtschaftlichen Maßnahmen“ (Wirtschaftssanktionen der EU und der USA, Red.) überwinden und den Wiederaufbauprozess anschieben.

Syrische Unternehmen konnten nach Angaben des Ministers für Handel und Verbraucherschutz Abdullah al-Gharbi mit verschiedenen Staaten Verträge über die Lieferung von 50.000 Tonnen Gemüse und Zitrusfrüchte abschließen. Mit Weißrussland wurde die Lieferung von 200 Bussen, mit dem Iran die Zusammenarbeit im Nahrungsmittelsektor und im Elektrobereich vereinbart.

Der Iran war mit 40 Betrieben aus den Bereichen Nahrungsmittel und Haushaltsgeräte, Autoindustrie, Energie, Elektrizität, Medizintechnik und Petrochemie der größte internationale Aussteller. Prominent vertreten waren auch China und Russland, die mit petrochemischem und anderem industriellem Anlagenbau, Fertigbaubereich und Pharmaindustrie in Syrien arbeiten werden. Mit Indien wurden nach Angaben des Ministeriums für Arbeit und Wohnen Kooperationsvereinbarungen im Bereich des Wohnungsbaus verhandelt. Indische Unternehmen planen auch in den Sektor der Pharma- und Baumwollindustrie in Syrien einzusteigen. In der Stadt Hama befindet sich bereits ein großes indisches Stahlwerk.

Auch das Nachbarland Libanon war mit einer Reihe von Unternehmen vertreten. Im Zedernstaat hofft man auf einen Schub für die eigene Wirtschaft, wenn der Wiederaufbau Syriens in Gang kommt. Erwartet wird die Öffnung der Grenzen von Syrien in den Irak und nach Jordanien, so dass libanesische Produkte durch Syrien wieder ihre ursprünglichen Märkte in Iran und auf der arabischen Halbinsel auf dem Landweg erreichen können. Nach Schätzungen von Wirtschaftsexperten werden für den Wiederaufbau Syriens jährlich rund 30 Millionen Tonnen Waren in den Häfen der Levante anlanden. Die Kapazitäten der syrischen Häfen Tartus und Latakia reichen dafür nicht aus und so hofft man im Hafen von Tripoli (nördlich von Beirut) auf gute Geschäfte. Der bereits 2009 begonnene Ausbau des Hafens war mit Beginn des Krieges zunächst ausgesetzt, 2013 aber wieder mit großem Tempo vorangetrieben worden. Bis zu 7 Millionen Tonnen sollen nach Fertigstellung der neuen Anlagen gelöscht und weiter nach Syrien transportiert werden können. Für den Ausbau und das zukünftige Hafenmanagement wurde mit einer Firma aus den Golfemiraten ein Leasingvertrag über 25 Jahre abgeschlossen. Zwei große Containerkräne wurden bereits von einer chinesischen Firma aufgestellt. In Wirtschaftskreisen geht man davon aus, dass sowohl Syrien als auch der Hafen von Tripoli auf dem chinesischen Projekt der neuen „Seidenstraße“ einen Platz haben werden.

Als Motto der Messe hatten die Veranstalter „Syrien lebt“ gewählt. Die große Zahl an Besuchern und Unternehmen auf der Messe sei „wie eine Abstimmung darüber (gewesen), ob der Krieg fortgesetzt oder endlich gestoppt werden soll“, sagte Messedirektor Fares Al-Kartally im Gespräch mit den Deutschen Wirtschafts Nachrichten. Das Votum sei eindeutig gewesen: „Die Menschen wollen ihr Leben wieder aufbauen, besser als zuvor.“ Die Messe sei dafür ein erster Schritt.  Al-Kartally begrüßte die Teilnahme von einigen europäischen Firmen, die trotz der EU-Wirtschaftssanktionen gegen Syrien nach Damaskus gekommen waren. „Politiker und Geschäftsleute sollten hierher kommen und sich selber von der Lage ein Bild machen“, lud Al-Karally ein. Er gehe davon aus, dass im kommenden Jahr 2018 die Messe noch mehr ausländische Firmen zu Gast haben werde.  Industrie und Wirtschaft wollten sich das Milliardengeschäft mit dem Wiederaufbau des kriegszerstörten Syriens nicht entgehen lassen und „wer zuerst kommt malt zuerst“.  Die materiellen Verluste, die der Krieg in Syrien seit 2011 verursacht hat, werden von der Weltbank auf rund 226 Milliarden US-Dollar geschätzt. Die Summe entspricht dem Vierfachen des aktuellen Bruttoinlandsprodukts.

Vom syrischen Wiederaufbau profitieren aktuell die Staaten, die Syrien seit Beginn der innenpolitischen Krise 2011 – die sich rasch zu einem internationalen Stellvertreterkrieg über die Kontrolle des Mittleren Ostens ausweitete – politisch, wirtschaftlich und militärisch zur Seite gestanden haben. Allen voran sind es Russland und der Iran, die Syrien militärisch unterstützen und Soldaten und Offiziere in Syrien verloren haben. Beide Staaten leisten auch enorme wirtschaftliche Hilfe. Auch China und die Blockfreien Staaten (BRICS) wie Indien, Südafrika und Brasilien haben ihre Kontakte zu Syrien nie abgebrochen.

Anders die westlichen und Golfstaaten, die sich 2012 um die US-geführte Allianz der „Freunde Syriens“ versammelt hatten. Die Allianz – in der Deutschland eine prominente Position einnimmt – betrieb die politische, wirtschaftliche und militärische Isolation der syrischen Regierung und deren Sturz. „Das westliche Projekt in Syrien ist gescheitert“, stellte Präsident Bashar al-Assad kürzlich fest, als er ausführlich zur Lage in Syrien vor Diplomaten im syrischen Außenministerium in Damaskus sprach. Syrien sei bereit mit den Staaten der Allianz wieder zusammenzuarbeiten, wenn sie ihre Unterstützung für diejenigen glaubwürdig einstellten, die Syrien angriffen.

Bis 2010 hatten Unternehmen aus diesen Staaten gute Geschäfte in Syrien gemacht. Internationale Ölfirmen hatten die Infrastruktur der Öl- und Gasindustrie im Osten des Landes erneuert und Schulungs- und Ausbildungsprogramme für Personal durchgeführt. Die Ölanlagen wurden 2012 und 2013 von bewaffneten Gruppen besetzt und geplündert. Beim ersten Einsatz von US-Marschflugkörpern 2014 wurden sie mit der Begründung den „Islamischen Staat im Irak und in der Levante“ (ISIL) zu bekämpfen nahezu vollständig zerstört.

In einem Schreiben an den UN-Sicherheitsrat (22.07.2017) bekräftigte die syrische Regierung, dass sie die Angriffe der von den USA angeführten „Anti-IS-Koalition“ für illegal hält, die sowohl die UN-Charta als auch des Völkerrecht verletzten. Die „so genannte internationale Koalition“ habe für ihr Vorgehen in Syrien weder die Zustimmung der syrischen Regierung erhalten, noch kooperiere man mit dieser, heißt es in dem Schreiben. Man bestehe darauf, dass die Angriffe eingestellt werden müssten und die „illegitime Koalition (…) die politische und juristische Verantwortung für die Zerstörung syrischer Infrastruktur“ trage. Syrien fordert von der „Anti-IS-Koalition“ Kompensation für die Schäden.

Unter den 43 Nationalfahnen, die auf dem Messegelände stolz im Wind flatterten, wehte auch die deutsche Fahne. Schon beim Betreten des Internationalen Pavillons fiel der Blick auf den Schriftzug „Made in Germany“.

Wie Deutschland diesen prominenten Platz zwischen China, Russland und Iran ergattern konnte, ist eines der vielen Rätsel, die es in Syrien zu lösen gibt. Die Bundesregierung forcierte seit 2011 EU-Wirtschaftssanktionen gegen Syrien und unterstützt Gruppen der Opposition politisch, wirtschaftlich und militärisch. Dennoch gilt Deutschland in Syrien als weniger belastet als beispielsweise Frankreich oder Großbritannien. Beide Staaten hatten mit dem Sykes-Picot-Abkommen schon 1916 die Region in ihre Interessenssphären aufgeteilt und bis Ende des 2. Weltkriegs als Mandatsmächte beherrscht.

Die Firmen Ostendorf Kunststoffe und BQ Rohrsysteme aus Niedersachsen waren auf der Messe durch eine libanesische Vermittlerfirma vertreten.  Ostendorf arbeitete bereits vor dem Krieg mit einer Niederlassung in Aleppo. Die Firma produziert hochwertige Kunststoffrohre für die Abwasserentsorgung, ein Produkt, das in Syrien für den Wiederaufbau gebraucht werden wird.

„Unsere Qualität ist sehr hoch, aber leider auch unser Preis“, sagte Salma Janat, die beide Firmen auf der Messe repräsentierte, den Deutschen Wirtschafts Nachrichten. Preislich könne man mit lokalen Anbietern von Kunststoffrohren nicht mithalten, aber „nach dem Krieg wird es um langfristige große Projekte gehen und bei Hochhäusern, großen Hotelanlagen oder Krankenhäusern“ würden langlebige Rohrsysteme gebraucht. „Wir sind hier, um den Markt zu erkunden und haben schon mit vielen Interessierten gesprochen“, so Janat. Man sei optimistisch, dass der Wiederaufbau nicht mehr lange auf sich warten lasse, da wolle man dabei sein. „Wenn es gut läuft, könnten wir als Joint Venture auch eine Fabrik in Syrien errichten, um direkt vor Ort zu produzieren.“ Das bringe Arbeitsplätze, Facharbeiter und Qualifizierung, was Syrien dringend brauche. Erste Partner, die Ostendorf und BQ in Latakia oder Damaskus vertreten wollten, hätten sich bereits gemeldet, so Janat.

Ausländische Firmen operieren im Land mit syrischen Partnerunternehmen wie der Tamari-Gruppe (Aleppo) oder der Sarrouf-Gruppe (Damaskus). Aboud Sarrouf, Vorsitzender der vor 30 Jahren gegründeten Sarrouf Gruppe und Mitglied im Syrisch-Chinesischen Wirtschaftsausschuss zeigte sich erfreut, dass sowohl deutsche als auch italienische Unternehmen auf der Messe vertreten waren.

Die Wirtschaftssanktionen der Europäischen Union bezeichnete er als übereilte „politische Entscheidung.“ Inzwischen habe man in Brüssel realisiert, dass die Sanktionen „unfair“ gewesen seien und „ein europäischer Staat nach dem anderen wird nach Syrien zurückkehren“. Als unabhängiger Geschäftsmann sei es nicht seine Aufgabe, politische Erklärungen abzugeben. Aber man wisse, wer in den Kriegsjahren Syrien unterstützt und stabilisiert habe.

Als Geschäftsmann sei er natürlich daran interessiert, dass es ihm, seiner Familie, der Firma gut gehe. Doch in der aktuellen Situation gehe es vor allem darum, dass es Syrien bessergehe und er hoffe, dass der Wiederaufbau bald beginnen werde. Ein Ende der Kämpfe und des Krieges werde der gesamten Region nutzen, alle wollten Sicherheit und Stabilität. „Wissen Sie, dass Syrien eines der sichersten Länder war, nicht nur in der Region sondern in der ganzen Welt? Wir sind friedliche Menschen und die Mehrheit der Bevölkerung ist mit dem, was geschieht nicht einverstanden.“ Aboud Sarrouf zeigte sich optimistisch und überzeugt, dass die Messe im kommenden Jahr noch größer sein werde: „Das Geschäft in diesem Teil der Welt wird boomen.“

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