Riskanter Poker: Fed setzt ihre Hoffnungen auf die US-Wirtschaft

Die US-Zentralbank Federal Reserve hat eine Normalisierung ihrer Bilanz angekündigt und setzt ihre Hoffnungen auf eine starke Wirtschaft. Die Strategie ist riskant.

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Das Logo des Federal Reserve System in Washington. (Foto: dpa)

Das Logo des Federal Reserve System in Washington. (Foto: dpa)

Die US-Zentralbank Federal Reserve (Fed) hat am Mittwoch weitere wichtige Schritte angekündigt, um ihre expansive Geldpolitik zu normalisieren. Im Zentrum steht die Ankündigung, dass die durch umfangreiche Wertpapierkäufe aufgeblasene Bilanz von derzeit rund 4,5 Billionen Dollar ab Oktober schrittweise reduziert werden soll. Zudem signalisierte Präsidentin Janet Yellen eine erneute Anhebung der Leitzinsen im Dezember und weitere drei Anhebungen im nächsten Jahr.

Damit verstärkt die Fed ihre geldpolitische Wende, die sie seit der ersten Leitzinsanhebung Ende 2015 bislang nur sehr zögerlich umgesetzt hatte. Der Grund des Zögerns ist ein ernstes Dilemma, in dem die Notenbank steckt.

Um das von ihr selbst gesteckte Inflationsziel von rund 2 Prozent zu erreichen, ist eine lockere Geldpolitik mit Interventionen am Markt und tiefen Leitzinsen nötig. Das Ziel von 2 Prozent wird aber seit vielen Jahren nicht mehr erreicht. Verschärft die Fed die Geldpolitik jedoch zu schnell, könnte das Wachstum der US-amerikanischen Volkswirtschaft erschüttert werden. Die Wirtschaft der USA hatte in den vergangenen Jahren deutliche Zeichen einer Ermattung gezeigt, welche nicht nur auf der mangelhaften Wettbewerbsfähigkeit der Produkte auf den Weltmärkten, sondern auch auf der massiven Überschuldung der Amerikaner basieren. Der Konsum trägt jedoch etwa 65 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei.

Im vergangenen Jahr erreichten die USA ein Wirtschaftswachstum von etwa 1,5 Prozent bei einer Neuverschuldung von etwa 5,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Mit der Ankündigung, die Bilanz ab Oktober monatlich um bis zu 50 Milliarden Dollar zu verringern und die Leitzinsen weiter anzuheben, pokert die Notenbank hoch. Sollte sie ihre Ankündigungen wahrmachen – was nicht sicher ist – ist zu erwarten, dass das Inflationsziel nicht mehr erreicht werden kann und die disinflationären Tendenzen künftig zunehmen werden.

Fed-Präsidentin Yellen und ihre Berater setzen ihre Hoffnungen offenbar darauf, dass die US-Wirtschaft stark genug ist, um aus eigener Kraft die gewünschte Inflation zu erzeugen. „Der Grund für unsere heutige Entscheidung, die Bilanz abzubauen, ist, dass wir denken, dass die Wirtschaft gut läuft und dass wir zuversichtlich in die Zukunft der Realwirtschaft schauen“, sagte Yellen am Mittwoch.

Das größte Risiko besteht allerdings darin, dass der Normalisierungskurs der Fed – insbesondere die höheren Leitzinsen – die schwächelnde Wirtschaft stark beeinträchtigen werden. Dabei ist zu bedenken, dass sich die Banken und Unternehmen in den USA seit dem Jahr 2008 auf die Unterstützung der Fed verlassen konnten. Es ist fraglich, ob das Wachstum bei fortschreitendem Entzug des Dopings nicht einbrechen wird. Sollte dies der Fall sein, müsste die Fed erneut mit Interventionen einspringen – wobei dann offensichtlich würde, dass sie die Kontrolle über die Situation verloren hat.

„Die Ankündigung einer weiteren Leitzinserhöhung im laufenden und drei Erhöhungen im kommenden Jahr hatte Investoren überrascht und Anleihe-Renditen und den Dollar steigen lassen. Die Strategie gleicht einem Poker, weil sie die Inflationsrate dauerhaft unter der 2-Prozent-Marke zementieren könnte“, schreibt Bloomberg.

Beobachter gehen rechnen deshalb damit, dass die Fed sehr vorsichtig vorgehen wird. „Obwohl sie auf kurze Sicht die schwache Inflation ignorieren und die Leitzinsen anheben wird, sendet die Fed ein klares Signal, dass der künftige Gang der Geldpolitik auf längere Sicht begrenzt ist“, zitiert die Financial Times Erin Browne, die Vorsitzende der Anlagestrategie bei der UBS.

Seit Jahren versuchen die wichtigsten Zentralbanken der Welt mit billionenschweren geldpolitischen Interventionen, die Inflation in Richtung ihrer Zielmarken von rund zwei Prozent zu treiben. Bislang sind diese Bemühungen kläglich gescheitert. Für Yellen ist es nach eigener Aussage ein „Rätsel“, warum die Preise nicht kräftiger anziehen. Da starke strukturelle Faktoren wie Digitalisierung, Globalisierung sowie negative Demografien in den westlichen Staaten die Preise dauerhaft drücken werden, raten inzwischen immmer mehr Beobachter dazu, künftig niedrigere Teuerungsraten als Zielmarke auszugeben.

„Die aktuell global tiefe Inflation ist zu einem guten Teil dem technischen Fortschritt zu verdanken“, sagt Burkhard Varnholt von der Schweizer Großbank Credit Suisse. Maximilian Kunkel, Chef-Anlagestratege für Deutschland bei der UBS-Vermögensverwaltung, nennt ein konkretes Beispiel: „Ein Mobilfunk-Konzern bietet seinen Kunden mehr Datenvolumen für das gleiche Geld. Die Verbraucher zahlen zwar nicht weniger, aber effektiv fällt der Preis.“ Außerdem sind im Internet viele Dienstleistungen auf den ersten Blick gratis zu haben. Der Nutzer bezahlt mit seinen Daten, die aber in der Berechnung von Teuerungsraten nicht auftauchen.

Auch andere Bereiche der Wirtschaft werden von der technischen Revolution grundlegend verändert: Speditions-Milliardär Klaus-Michael Kühne prophezeit in einem Handelsblatt-Interview, dass die Digitalisierung Frachtvolumen in der Schifffahrt um zehn bis 20 Prozent drücken wird. Musik werde beispielsweise nicht mehr über Schallplatten oder CDs vertrieben, sondern gestreamt. „Auch der Vormarsch des 3D-Druckers könnte die Frachtmengen reduzieren.“ So arbeitet der US-Konzern General Electric daran, Teile für Flugzeugtriebwerke auf diese Art zu produzieren.

Gleichzeitig drängen durch die Globalisierung immer mehr Billigprodukte aus Schwellen- und Entwicklungsländern auf den Weltmarkt und dämpfen die Teuerung. Zudem ziehen die Löhne in vielen Ländern nicht so stark an, wie es in Zeiten des Aufschwungs eigentlich zu erwarten wäre. Dies ist ebenfalls Teil des „Rätsel“, vor dem Yellen steht. Die Marke von zwei Prozent gilt vielen Notenbanken als ideal für die Konjunktur. Denn sie bietet aus Sicht der Währungshüter einen ausreichenden Sicherheitsabstand zur Gefahrenzone fallender Preise, die eine Abwärtsspirale aus sinkenden Löhnen und stockenden Investitionen auslösen können. Japan gilt als gebranntes Kind, denn die Wirtschaft wurde hier durch eine solche Deflation lange gelähmt. Trotz massiver Geldspritzen ist die Inflation weiter mau.

Jagen die Währungshüter also einem Phantom hinterher? Sind die Inflationsziele letztlich „Kinder vergangener oder vergehender Verhältnisse“, wie es der Ökonom und frühere Wirtschaftsweise Bert Rürup formuliert? Dass die Europäische Zentralbank (EZB) an ihrem Ziel einer mittelfristig zu erreichenden Teuerung von knapp zwei Prozent festhält, hält der Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), Henning Vöpel, für einen Anachronismus: „Für den Währungsraum ist dieses Ziel geradezu absurd.“

Die Rahmenbedingungen, unter denen die Geldpolitik heute agiere, hätten sich in den vergangenen 20 Jahren im Zuge der Globalisierung und Digitalisierung komplett verändert: „Viele typische Wertschöpfungsketten von früher sind verschwunden“, so Vöpel. Beispiel digitale Plattformen: Sie bringen Anbieter und Interessenten direkt zusammen – von der Transportbranche bis hin zu Versicherungen. Vermittler, die Margen kassieren und somit die Preise auch nach oben treiben, werden überflüssig. Neue Anbieter wie Uber, AirBnB und Amazon sorgen so indirekt für weniger Inflation.

Aber auch ohne diese Faktoren habe die Berechnung der Verbraucherpreise, an denen die EZB ihre Geldpolitik ausrichtet, Schwächen, sagt UBS-Experte Kunkel. Der zugrundeliegende Warenkorb spiegele die Realität nur unzureichend wider. Außerdem bleibe die Preisentwicklung von Sachwerten unberücksichtigt. „Die Statistiker haben sich in den vergangenen Jahren nicht bewegt. Sie müssen es tun, es ist aber fraglich, ob sie es tun.“

Jenseits der Diskussion um mögliche Messfehler ist sich die EZB dennoch der Grundproblematik der niedrigen Inflation in Zeiten des rasanten technischen Fortschritts bewusst: Laut EZB-Ratsmitglied Ardo Hansson wird es daher wohl noch länger dauern, bis sie ihr Ziel erreichen wird, „aus Gründen, die wir nicht beeinflussen können“, wie der Chef der estnischen Notenbank sagt. Er nennt dabei explizit technologischen Fortschritt und die Globalisierung als zwei Faktoren, die sich dem Einfluss der Geldpolitiker entziehen.

Ein Blick auf die „objektive wirtschaftliche Realität“ in Zeiten der Globalisierung spreche dafür, dass die EZB mehr Geduld beim Erreichen des Inflationsziels aufbringen müsse, fügt Hansson hinzu. Laut Prognosen der EZB-Fachleute wird der von Mario Draghi geführten Notenbank bis zum Ende des Jahrzehnts ohnehin keine Punktlandung mehr gelingen.

Auch in den USA bereitet die hartnäckig niedrige Inflation der Fed Kopfschmerzen, auch wenn sie sich davon wohl nicht von einer weiteren Zinserhöhung im laufenden Jahr abhalten lassen dürfte. In Japan ist der Preisauftrieb trotz der Geldschwemme der dortigen Notenbank noch schwächer als in der Euro-Zone.

HWWI-Chef Vöpel warnt vor „Kollateralschäden wie der Bildung von Blasen an den Märkten“, falls die Notenbanken zu lange auf dem Gas bleiben und unbeirrt von der Digitalisierung an ihrem Inflationsziel festhalten. Angesichts anhaltend niedriger Zinsen setzen beispielsweise viele Anleger in Europa auf Betongold: Der Markt für Wohnimmobilien droht nach Einschätzung europäischer Risikowächter in vielen EU-Ländern mittelfristig zu überhitzen.

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