Absturz-Gefahr: Amazon-Aktie hat den Zenit erreicht

Aktien wie Amazon oder Netflix sind sehr teuer und besitzen ein großes Verlustpotential.

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Der Aktienkurs von Amazon hat sich seit Januar 2015 mehr als verdreifacht. (Grafik: ariva.de)

Der Aktienkurs von Amazon hat sich seit Januar 2015 mehr als verdreifacht. (Grafik: ariva.de)

Aktuell zeigt sich am US-amerikanischen Aktienmarkt das dritthöchste Bewertungsniveau in der Geschichte der Börse. Lediglich 1929 und 1999 waren die Unternehmen im Durchschnitt noch teurer bewertet. Darauf folgten die größten Crashs der Geschichte. Gleichzeitig ist eine so geringe Volatilität wie lange nicht mehr zu beobachten. Auch das kann die Ruhe vor dem Sturm gedeutet werden. Was bedeutet das für Anleger?

Wie wird eine Bewertung fundamental berechnet und woran erkennt man eine Übertreibung? Dazu gibt es in erster Linie eine wichtige Kennzahl: das Kurs-Gewinn-Verhältnis oder kurz KGV. Es zeigt konkret, wie viele Jahre ein Unternehmen dieselben Gewinne abwerfen müsste, um den Aktienkurs und damit die Bewertung zu rechtfertigen.

Macht ein Unternehmen 1 Million Euro Gewinn und ist der Gesamtwert all seiner Aktien 20 Millionen Euro, so haben wir hier ein KGV von 20. Wenn die Firma also 20 Jahre lang diesen Profit einfährt, kommt manauf 20 Millionen Euro. Die Anzahl der Aktien multipliziert mit ihrem Wert ist die Marktkapitalisierung. Gewöhnlich schwanken diese Zahlen zwischen 10 und 30. Je nach Trend und Boom in einem Sektor kommt es hier dann zu Ausreißern.

Wer Value-Investing betreibt, achtet darauf, Aktien von Unternehmen mit viel Potential und niedrigem KGV zu kaufen. Solche Anleger werden vermutlich selten etwas über einem KGV von 20 einkaufen. Oftmals ist die Schwelle sogar noch niedriger. Aktuell – mit Blick auf den Dow Jones 30 – stehen McDonald’s und Microsoft bei einem KGV von etwa 22 bzw. 20. Den höchsten KGV hat hier VISA mit gerade einmal 30. Von Übertreibung kann hier also keine Rede sein.

Zum Vergleich: Hier ein Chart, der das KGV der DAX-Aktien im Durchschnitt über die vergangenen 30 Jahre zeigt. Man sieht hier, dass es derzeit noch viel Abstand zu den Hochs Mitte der 90er Jahre und 2000 gibt.

Die Entwicklung des durchschnittlichen KGV im Dax. (Grafik: börse.de)

Die Entwicklung des durchschnittlichen KGV im Dax. (Grafik: börse.de)

Für den DAX sind also KGV-Werte zwischen 10 und 20 der Normalzustand. Insofern sind diese Aktien momentan auch laut Übersicht sehr günstig bewertet. Das liegt aber auch an dem schwachen Sommer des DAX, der zwischendurch auf das Niveau des Frühjahrs abgerutscht war.

Werfen wir den Blick über den Atlantik, so steht selbst Apple in den USA mit seinem KGV von unter 18 absolut solide da. Das liegt aber auch primär daran, dass Apple sehr hohe Gewinne verbucht. Die Gewinnspannen von iPhone und iPad können sich sehen lassen.

Widmen wir uns deshalb den Experten für Übertreibung im NASDAQ 100. Denn wenn es nach der oben angesprochenen Crashgefahr geht, sollte Apple auf jeden Fall nicht der Auslöser sein.

Der Hersteller von Grafikchips NVIDIA hat vom Boom der Kryptowährungen profitieren können und seinen Marktwert innerhalb von zwei Jahren versiebenfacht. Das lässt einen etwas erhöhten KGV vermuten und genauso ist es auch: Aktuell liegt NVIDIA bei einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von knapp 61. Das ist schon sehr sportlich und nicht für Schnäppchenjäger geeignet. Doch das ist noch nicht das Ende.

Western Digital – bekannt als Festplattenhersteller – kann sogar einen KGV von 65 aufweisen. Vertex Pharmaceuticals – ein globales Biotech-Unternehmen kommt auf einen Wert von 91. Charter Communications und Microchip Technology liegen sogar noch darüber.

Zwei richtig prominente Titel halten jedoch aktuell die Rekorde und genau bei diesen Werten sollte man als Anleger aufpassen. Die Vergangenheit hat uns gezeigt, dass derartige Übertreibungen in einem Crash enden. Dieser muss natürlich noch nicht morgen oder in diesem Jahr kommen, aber solch eine Überbewertung baut sich meist nur mit einem Knall ab. Auf diesen sollten sich Anleger gefasst machen.

Netflix nutzt den Trend zum Video-on-Demand perfekt aus. Zu den gewaltigen Umsätzen fehlt aber der passende Gewinn, denn das Unternehmen ist massiv überbewertet: Der KGV liegt derzeit bei 157! Optimistisch betrachtet, könnten Sie als Anleger jetzt sagen: „Netflix hat die Infrastruktur und einen riesigen Kundenstamm aufgebaut – die fetten Jahren kommen jetzt erst.“ Doch wohin soll die Reise noch gehen? Selbst wenn der Gewinn sich verfünffachen würde und der Aktienkurs unverändert bei etwa 185 US-Dollar bleibt, damit wir einen KGV von über 30 haben.

Amazon hat aktuell sogar ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von über 255! Mit Aktienkursen knapp unter 1.000 US-Dollar ist der Riese im Online-Shopping gefragter denn je. Kürzlich hat Amazon verlautbaren lassen, dass das Unternehmen im Durchschnitt 1 Prozent des Preises der verkauften Artikel behält. Offensichtlich sind die Kosten enorm, wenn nur so wenig Geld hängen bleibt.

Genau das ist der Knackpunkt. Ja, Amazon hat einen gigantischen Markt und noch richtig viel Wachstumspotential – im zweiten Quartal 2017 lag der Marktanteil am Onlinehandel in den USA bei 38 Prozent. Aber um die momentane Unternehmensbewertung zu rechtfertigen, muss Amazon 255 Jahre den aktuellen Gewinn erwirtschaften! Wenn es eine mustergültige Übertreibung gibt, dann hier.

Klar, Amazon konnte wohl den Gewinn kürzlich verdoppeln. Das ist aber noch immer ein dreistelliger KGV im kommenden Jahr. Soll das jetzt Anleger beruhigen, die eine fundamentale Betrachtung nutzen? Wohl kaum.

Vielleicht ist sogar bei Amazon die Luft bereits raus. Ein Blick auf den Chart kann weiterhelfen.

Die 1.000 US-Dollar pro Aktie wurden Ende Juli geknackt. Seitdem ging es wieder etwas bergab. Die Kurse scheinen sich in einer Seitwärtsphase zu befinden. Als Unterstützung dient die Zone im Bereich zwischen 925 und 950 US-Dollar. Wird diese unterschritten und dann womöglich auch noch die grüne 200-Tageslinie, könnten die Preise recht schnell einbrechen.

Die Entwicklung des Amazon-Kurses. (Grafik: Guidants.com)

Die Entwicklung des Amazon-Kurses. (Grafik: Guidants.com)

Doch das ist theoretische Zukunftsmusik. Anleger, die Amazon-Anteile besitzen, wären durchaus gut beraten, einen Stopkurs einzustellen.

Noch gibt die Charttechnik keine Warnung aus. Die Kurse könnten noch einige Zeit seitwärts laufen und dann an der 200-Tageslinie hochgezogen werden. Das Weihnachtsgeschäft steht auch vor der Tür. Alles Punkte, die gegen einen Verkauf der Aktien sprechen.

Aus fundamentaler Sicht sind sowohl Amazon als auch Netflix ein heißes Eisen, das Anleger möglichst schnell mit Stopkursen absichern sollten. Die Überbewertung kann noch eine Weile dauern. Gesunde Kursanstiege sehen allerdings anders aus.

Zumindest eines sollten Anleger von dieser fundamentalen Analyse mitnehmen: Amazon, Netflix & Co. haben aktuell alles andere als Kaufkurse. Entweder der Gewinn steigt um Faktor 8 bis 10 oder die Kurse brechen um 80 bis 90 Prozent ein.

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