Friedensnobelpreis für Anti-Atomwaffen-Bewegung Ican

Die Anti-Atomwaffenbewegung Ican erhält in diesem Jahr den Friedensnobelpreis.

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Beatrice Fihn (r) von der internationalen Kampagne zur atomaren Abrüstung (Ican) spricht nach der Bekanntgabe des Friedensnobelpreises am 06.10.2017 in Genf, Schweiz, mit Journalisten. (Foto: dpa)

Beatrice Fihn (r) von der internationalen Kampagne zur atomaren Abrüstung (Ican) spricht nach der Bekanntgabe des Friedensnobelpreises am 06.10.2017 in Genf, Schweiz, mit Journalisten. (Foto: dpa)

Der Friedensnobelpreis geht in diesem Jahr an die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (International Campaign to Abolish Nuclear Weapons – ICAN). Das gab das Nobelpreis-Komitee am Freitag in Oslo bekannt. Die Organisation werde für ihren seit einem Jahrzehnt andauernden Kampf für eine atomwaffenfreie Welt gewürdigt. Ican hatte sich maßgeblich für die erst in diesem Jahr erfolgte Verabschiedung eines Verbots von Atomwaffen durch die Vereinten Nationen eingesetzt.

Ican erhalte die Auszeichnung für ihre Arbeit, mit der sie auf die „katastrophalen humanitären Folgen“ von Atomwaffen aufmerksam mache und für ihre „bahnbrechenden Bemühungen“, ein Verbot solcher Waffen auf Basis eines Vertrags zu erreichen, sagte die Vorsitzende des Komitees, Berit Reiss-Andersen. Der diesjährige Friedensnobelpreis sei auch ein Aufruf an alle Atommächte, „ernsthafte Verhandlungen“ mit dem Ziel einer schrittweisen und „sorgfältig überprüften Vernichtung“ der fast 15.000 Atomwaffen in der Welt zu beginnen.

Die Organisation war im Jahr 2007 am Rande einer Konferenz zum Atomwaffensperrvertrag in Wien von mehr als 300 Nichtregierungsorganisationen gegründet worden. Sie setzte sich unter anderem für das weltweite Verbot von Atomwaffen ein, das am 7. Juli von 122 UN-Mitgliedstaaten beschlossen worden war. Die Vereinbarung gilt allerdings als weitgehend symbolisch, weil die Atommächte sie nicht unterzeichnet haben.

Keine 20 Quadratmeter misst das Büro, in dem die Internationalen Kampagne für die Abschaffung von Atomwaffen (Ican) in Genf sitzt. Vier Leute teilen sich die unscheinbaren Räumlichkeiten mit Blick ins Grüne. Größer ist die Zentrale nicht. Die Arbeit passiert schließlich in den 450 Mitgliedsorganisationen in über 100 Ländern. Die aus Schweden stammende Geschäftsführerin Beatrice Fihn arbeitet mit ihren Kollegen aus einem Büro im vierten Stock des Weltkirchenrates, der Zentrale der Ökumenischen Bewegung. Der Rat hat in Genf im Viertel der Vereinten Nationen in Genf ein großes Gebäude.

Der Friedensnobelpreis ist mit neun Millionen Schwedischen Kronen (945.000 Euro) dotiert und wird am 10. Dezember in Oslo überreicht.

In Deutschland wird ICAN unter anderem von der ärztlichen Friedensorganisation IPPNW unterstützt. IPPNW gratulierte der  ICAN zur Zuerkennung des Preises. Der Vorsitzende der IPPNW Deutschland, Dr. Alex Rosen, saß 2006 im internationalen Vorstand der IPPNW, als dieser die Kampagne ins Leben rief. Heute hat ICAN 468 Partnerorganisationen in über 100 Ländern.

„Die Verleihung des Friedensnobelpreises an unsere Kampagne ICAN erfüllt uns mit großem Stolz. Sie gibt unserer Arbeit für die Abschaffung der Atomwaffen Rückenwind und wird in den kommenden Monaten und Jahren weltweit das Engagement für den Atomwaffenverbotsvertrag stärken“, so Rosen.

ICAN hat die internationale Aufmerksamkeit auf die katastrophalen humanitären Folgen von Atomwaffen gelenkt. Auf drei Staatenkonferenzen konnten die Argumente von Atombomben-Überlebenden (Hibakusha), MedizinerInnen und humanitären Hilfsorganisationen eine große Mehrheit der Staaten von der Notwendigkeit eines Atomwaffenverbotes überzeugen. Atomwaffen sind die grausamsten aller Massenvernichtungswaffen. Eine einzige Atomwaffe kann bis zu eine Million Menschen töten, wenn sie über einer großen Stadt abgeworfen wird. Weltweit gibt es noch etwa 15.000 Atomwaffen.

Im Gegensatz zu chemischen und biologischen Waffen waren Atomwaffen bislang nicht völkerrechtlich geächtet. Gleichzeitig sind die Atomwaffenstaaten ihren Abrüstungsverpflichtungen aus dem Atomwaffensperrvertrag nicht nachgekommen. Momentan rüsten sie ihre Atomarsenale sogar auf, was die Gefahr eines Einsatzes drastisch erhöht, zumal die Zahl der Atomwaffenstaaten seit Ende des Kalten Krieges gewachsen ist. Hinzu kommt die erhöhte Gefahr aufgrund von Cyberangriffen auf Atomwaffensysteme.

Daher haben in diesem Jahr 122 Staaten beschlossen, die völkerrechtliche Lücke zu schließen und Atomwaffen vertraglich zu verbieten. Das am 7. Juli 2017 in New York beschlossene Abkommen verbietet sowohl den Einsatz von Atomwaffen als auch die Androhung eines Einsatzes. Damit wird die nukleare Abschreckung geächtet. Darüber hinaus werden Entwicklung, Herstellung, Erwerb, Besitz, Lagerung und Erprobung sowie der Transfer und die Stationierung von Atomwaffen verboten. Der Vertrag wurde zwar bislang von den Atomwaffenstaaten boykottiert, entfaltet jedoch seine Wirkung aufgrund der Schaffung neuer völkerrechtlicher Normen und einer Stigmatisierung dieser schrecklichsten aller Massenvernichtungswaffen. Nach Inkrafttreten des Vertrages sind die im rheinland-pfälzischen Büchel stationierten US-Atomwaffen nicht mehr mit dem Völkerrecht vereinbar.

Die öffentliche Aufmerksamkeit für den Atomwaffenverbotsvertrag werden IPPNW und ICAN im kommenden Jahr nutzen, um weitere Staaten zu überzeugen, dem Abkommen beizutreten. Die deutsche IPPNW appelliert an die neue Bundesregierung, Deutschlands bisherige Blockadehaltung aufzugeben und den Atomwaffenverbotsvertrag zu unterzeichnen. Das würde bedeuten, dass die Atomwaffen abgezogen werden müssten und Deutschland sich nicht mehr an der NATO-Planung für Atomwaffeneinsätze beteiligen dürfte. Die gefährliche Eskalation des atomaren Konflikts zwischen Nordkorea und den USA zeigt, dass Atomwaffen Konflikte anheizen statt Sicherheit zu schaffen.

Russland respektiere die Entscheidung des Nobelkomitees in Oslo, sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow am Freitag in Moskau. „Russland ist ein verantwortungsbewusstes Mitglied im ,Atom-Klub'“, sagte er der Agentur TASS zufolge. Präsident Wladimir Putin habe mehrfach betont, wie wichtig ein atomares Gleichgewicht für die internationale Sicherheit sei. Russland hat soeben die Vernichtung aller chemischen Waffen abgeschlossen, die USA hinken in diesem Punkt noch hinter dem Zeitplan her.