Türkische Armee rückt in syrischer Provinz Idlib ein

Die Türkei rückt in Idlib vor. Es geht vordergründig gegen Terroristen, doch faktisch dürften die Türken die kurdische YPG im Visier haben.

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Der türkische Generalstabschef Hulusi Akar (r) und sein iranischer Amtskollege Mohammad Hossein Bagheri sprechen am 02.10.2017 in Teheran. (Foto: dpa)

Der türkische Generalstabschef Hulusi Akar (r) und sein iranischer Amtskollege Mohammad Hossein Bagheri sprechen am 02.10.2017 in Teheran. (Foto: dpa)

Die türkische Armee ist in die von Rebellen kontrollierte Provinz Idlib im Nordwesten Syriens eingerückt. Die Militäroperation gemeinsam mit den Aufständischen der Freien Syrischen Armee (FSA) verlaufe «ohne Probleme», zitierte die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan. Der Konvoi wurde auch von Kämpfern der al-Nusra begleitet, wie die dpa unter Berufung auf britische Quellen meldet. Die Gruppe nennt sich heute HTS.

Vergangene Woche hatte die russische Luftwaffe verstärkt Angriffe in Idlib geflogen. Islamistische Gruppen wie der IS und die frühere Al-Nusra-Front sind von der Feuerpause ausgeschlossen. „Unser Ziel ist, Gefechte ganz zu verhindern und den politischen Prozess zu vereinfachen“, sagte der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu laut dpa. Vor dem Einmarsch hatte das türkische Militär seine Präsenz in der Region stark erhöht und Teile einer Grenzmauer eingerissen.

Der türkische Premier Binali Yildirim sagte laut dem türkischen Sender NTV, dass die Aktion mit Russland abgesprochen sei. Es ist unklar, ob dies stimmt. Allerdings zitieren russische Medien Yildirims Aussage, wenngleich nur in kleinen Meldungen. Auch da Pentagon sollen die Operation im Grundsatz unterstützen, berichtet Daily Sabah – allerdings ohne selbst militärisch tätig zu werden. US-Präsident Donald Trump hatte die Finanzierung der von der CIA geführten Söldner eingestellt.

Erdogan kündigte in einer Rede am Samstag den Start eines Militäreinsatzes unter Beteiligung protürkischer Rebellen an, um die Sicherheit in der Provinz Idlib wiederherzustellen. Die an die Türkei grenzende Provinz wird seit August von dem Bündnis Hajat Tahrir al-Scham (HTS) kontrolliert.

Dominiert wird das Bündnis von dem früheren Al-Kaida-Ableger Fateh al-Scham, der den USA, der Türkei und anderen Staaten als Terrororganisation gilt. Die Türkei verlegte Panzer, Artillerie und Spezialkräfte an die Grenze in der Nähe von Reyhanli, doch laut Quellen vor Ort hat der Einsatz noch nicht begonnen.

Zur Vorbereitung der Offensive wurden Teile der von der Türkei errichteten Grenzmauer entfernt. Wie laut AFP „Augenzeugen“ berichteten, kam es dabei zu Schusswechseln mit HTS-Kämpfern. Die türkische Armee feuerte auch mit Mörsern nach Syrien, wie die Nachrichtenagentur Dogan meldete.

Mit der Militäroperation will Ankara angeblich die HTS-Dschihadisten vertreiben, um eine sogenannte Deeskalationszone in Idlib zu errichten und eine Waffenruhe zwischen Rebellen und den syrischen Regierungstruppen durchzusetzen. Von der Waffenruhe in den Deeskalationszonen sind die Dschihadisten von IS und HTS ausgenommen.

Russland, die Türkei und der Iran haben die Schaffung von insgesamt vier solcher Zonen vereinbart. Das türkische Vorgehen in Idlib ist offenbar mit Russland abgesprochen, das im Süden der Provinz selbst Luftangriffe auf HTS fliegt. Am Samstag drohte deren Führung allen „Verrätern“, die mit Russland kooperieren, mit dem Tod.

Erdogan warnte am Samstag, dass nach Idlib „neue Initiativen“ folgen würden. Ankara droht schon lange, auch gegen die nördlich von Idlib gelegene Region Afrin vorzugehen, die von den kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) kontrolliert wird. Die Türkei betrachtet sie wegen ihrer Nähe zur PKK-Guerilla als Terrorgruppe.

„Heute Idlib, morgen Afrin“, titelte die regierungsnahe türkische Zeitung „Yeni Safak“. Im August 2016 hatte die Türkei bereits eine Offensive in Nordsyrien gestartet, um die IS-Miliz und die YPG-Einheiten von der Grenze zurückzudrängen. Viele der damals beteiligten Rebellen sollen auch an der neuen Offensive in Idlib teilnehmen.

Die Türkei ist, ebenso wie der Iran, wegen der Entwicklung bei den Kurden besorgt: Die Militärchefs des Irans und der Türkei haben vor einigen Tagen das umstrittene Unabhängigkeitsreferendum der Kurden im Nordirak als verfassungswidrig verurteilt. Mohammed Hussein Bagheri und sein türkischer Kollege Hullusi Akar unterstützten die territoriale Einheit des Iraks, berichtete die iranische Nachrichtenagentur ISNA.

Die Kurden im Nordirak hatten vor zwei Wochen in einem nicht bindenden Referendum mit überwältigender Mehrheit für die Unabhängigkeit gestimmt. Iraks Zentralregierung lehnt die Abstimmung ab und erkennt das Ergebnis nicht an. Auch die Nachbarländer Türkei und Iran wiesen das Referendum zurück. Beide befürchten Auswirkungen auf die Autonomiebestrebungen der Kurden in ihren eigenen Ländern.

Der Iran plant mit dem Irak ein gemeinsames Militärmanöver an seiner Westgrenze zur nordirakischen Kurdenregion. Unklar ist, ob auch die Türkei an dem für die nächsten Tage geplanten Manöver teilnehmen wird.

Der Iran hatte bereits letzte Woche seine Grenzen zum Nordirak geschlossen. Teheran befürchtet, dass sich der Ausgang des Referendums auf die fast sieben Millionen iranischen Kurden auswirken könnte.

Unterdessen tötete die russische Luftwaffe nach eigenen Angaben bei Angriffen auf die IS-Miliz mindestens 180 Kämpfer. Etwa 120 IS-Kämpfer und mehr als 60 „ausländische Söldner“ seien binnen 24 Stunden in der ostsyrischen Provinz Deir Essor getötet worden, teilte das Verteidigungsministerium in Moskau am Samstag mit.

Demnach wurden bei der Zerstörung eines Kommandopostens der „Terroristen“ nahe der Stadt Majadin bis zu 80 IS-Kämpfer getötet, darunter neun Männer aus dem Nordkaukasus. Majadin ist eine der letzten IS-Bastionen in Syrien. Bei Abu Kamal nahe der irakischen Grenze seien etwa 40 weitere IS-Kämpfer getötet worden.

Wie Russland weiter mitteilte, starben bei einem weiteren Luftangriff südlich der Provinzhauptstadt Deir Essor 60 „ausländische Söldner“. Unter ihnen seien neben Kämpfern aus ehemaligen Sowjetrepubliken auch solche aus Tunesien und Ägypten gewesen.

Moskau verkündete zudem den Tod dreier ranghoher IS-Kommandeure nach einem Luftangriff auf Abu Kamal vor mehreren Tagen. Unter ihnen sei auch der IS-Militärchef Omar al-Schischani (Omar, der Tschetschene), hieß es. Die US-Armee und die IS-Miliz hatten seinen Tod dagegen bereits im vergangenen Jahr verkündet.

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