EZB kündigt Kurswechsel an: Anleihenkäufe werden gedrosselt

Die EZB hat den Kurswechsel in der Geldpolitik angekündigt.

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EZB-Chef Mario Draghi kündigt einen Kurswechsel in der expansiven Geldpolitik der EZB an. (Foto: dpa)

EZB-Chef Mario Draghi. (Foto: dpa)

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Kurswechsel bei der EZB: Die Notenbank drosselt ihre vor allem in Deutschland umstrittenen Anleihenkäufe deutlich. Das Programm werde zwar bis mindestens Ende September 2018 verlängert, das monatliche Volumen aber zugleich ab Januar auf 30 Milliarden Euro halbiert, teilte die EZB am Donnerstag in Frankfurt mit. Dadurch erhöht sich das angepeilte Gesamtvolumen um 270 Milliarden auf 2,55 Billionen Euro. Die Leitzinsen beließ die Europäische Zentralbank wie erwartet auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent. Dort liegen sie bereits seit März 2016.

Die Entscheidung erfolgte nicht einstimmig. EZB-Chef Mario Draghi sagte nach der Ratssitzung, es habe einen Dissens darüber gegeben, ob ein Enddatum für die Transaktionen festgelegt werden sollte: „Eine große Mehrheit der Ratsmitglieder war dafür, das Ende offenzuhalten.“ Es sei nicht über ein Abschmelzen in vorher festgelegten Schritten diskutiert worden, sondern nur über die jetzt beschlossene Reduzierung. Das Programm werde nicht abrupt enden, ergänzte Draghi.

Der Euro gab nach der Entscheidung um mehr als einen halben US-Cent nach. Die Gemeinschaftswährung fiel auf 1,1755 Dollar von zuvor 1,1813 Dollar zurück. „Die Entscheidung ist im Prinzip so ausgefallen wie erwartet, aber offenbar hatten einige Anleger mit einer deutlicheren Straffung der Geldpolitik gerechnet“, sagte Helaba-Analyst Ulrich Wortberg der Nachrichtenagentur Reuters. „Die EZB hält sich alle Optionen offen.“

Das Anleihen-Programm ist derzeit die stärkste Waffe der Notenbank im Kampf gegen eine aus ihrer Sicht noch immer zu niedrige Inflation. Außerdem soll es Banken dazu bewegen, weniger in diese Wertpapiere zu investieren und stattdessen mehr Kredite auszureichen.

Die EZB und die nationalen Notenbanken der Euro-Zone erwerben momentan Wertpapiere im Volumen von 60 Milliarden Euro pro Monat. Allerdings haben sich die Konjunkturdaten zuletzt deutlich verbessert, sodass EZB-Chef Mario Draghi mehr Spielraum hat. Einer OECD-Prognose zufolge wird die Euro-Zone in diesem Jahr beim Wirtschaftswachstum die USA einholen. Die Verbraucherstimmung ist zudem nach Daten der EU-Kommission so gut wie sei 16 Jahren nicht mehr.

Kopfzerbrechen bereitet den Währungshütern dagegen die Inflation. Ihr Ziel von knapp zwei Prozent – dem Idealwert für die Wirtschaft – verfehlen sie seit langem. Im September zum Beispiel zogen die Verbraucherpreise nur um 1,5 Prozent an. Die Euro-Wächter wollen sich daher weiterhin alle Optionen offenhalten. Im Notfall sei der EZB-Rat bereit, das Anleihen-Kaufprogramm hinsichtlich Umfang und/oder Dauer auszuweiten, erklärte die Notenbank.

An ihrem Zinsausblick hielt die EZB fest. Demnach sollen die Schlüsselsätze noch weit über die Zeit der Anleihenkäufe hinaus auf ihrem derzeitigen Niveau liegen. Viele Volkswirte rechnen nicht vor 2019 mit ersten Zinserhöhungen.

Reuters fasst die ersten Reaktionen der Ökonomen zusammen:

CLEMENS FUEST, PRÄSIDENT IFO-INSTITUT:

„Das ist ein Schritt in die richtige Richtung hin auf eine Normalisierung, aber der Abbau müsste schneller erfolgen. Die Geldpolitik bleibt durch die niedrigen Zinsen ohnehin expansiv.“

SEBASTIAN BECKER, ANALYST DEUTSCHE BANK:

„Zwar könnte der heutige Entscheid den Grundstein für eine künftige geldpolitische Wende gelegt haben, mitnichten bedeutet er aber ein rasches Ende der ultralockeren Geldpolitik. Der Bestand an gekauften Vermögenswerten wird in den nächsten Monaten weiter anwachsen und könnte sich schon im Herbst nächsten Jahres auf mehr als 2,5 Billionen Euro belaufen. Von einer Umkehrung des Kaufprogramms beziehungsweise der Bestandsreduktion der von der EZB gehaltenen Vermögenswerten sind wir noch immer weit entfernt. Eine echte Zinswende kommt unserer Einschätzung nach voraussichtlich auch erst zur Jahresmitte 2019.“

IRIS BETHGE, VÖB-HAUPTGESCHÄFTSFÜHRERIN:

„Endlich wagt die EZB weitere Maßnahmen, um ihre ultra-expansive Geldpolitik zu korrigieren. Die erneute Reduzierung der Anleihekäufe ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Die EZB sollte künftig jeden Spielraum für einen Weg aus ihrer Geldpolitik nutzen. Angesichts der Nebenwirkungen ihrer Maßnahmen ist die Rückkehr zu einer normalisierten Geldpolitik wichtiger als ein Inflationsniveau von annähernd zwei Prozent. Das Gespenst der Deflation hat die EZB längst erfolgreich vertrieben. Darüber hinaus ist es dringend geboten, den negativen Einlagezins für Banken und Sparkassen von -0,4 Prozent anzuheben. Damit wird die Ertragskraft der Banken der Eurozone gestärkt und Anreize für riskantere Anlagen reduziert.“

HOLGER SCHMIEDING, CHEFÖKONOM BERENBERG BANK:

„Der richtige Beschluss zur richtigen Zeit: Die Konjunktur läuft rund, die Kernrate der Inflation hat die Talsohle durchschritten. Deshalb kann die EZB ihre Anleihekäufe ab Januar halbieren. Da Preisauftrieb und Kreditwachstum weiterhin verhalten sind und bisher nur in homöopathischen Dosen zulegen, kann die EZB ihre Abkehr vom Krisenmodus langsam vollziehen. Der Beschluss, das neue Tempo der Anleihekäufe für mindestens neun Monate beizubehalten, gibt der Wirtschaft und den Märkten weitgehende Sicherheit über den geldpolitischen Kurs bis September 2018.“

UWE BURKERT, CHEFVOLKSWIRT LBBW:

„Heureka – es ist vollbracht. Wir haben lange darauf gewartet, heute ist es endlich soweit. Die EZB hat angekündigt, das Kaufprogramm ab Januar auf 30 Milliarden Euro pro Monat zu reduzieren. In der Krise war es vielleicht notwendig, aber im Aufschwung sehe ich keinen Grund mehr, so massiv in den Markt einzugreifen. Die EZB tut gut daran, von ‚Intensiv‘ auf ‚Normal‘ umzuschalten. Angesichts starkem Wachstums und solider Frühindikatoren sowie gesundem Abstand zur Null-Inflation ist die Therapie des Zurücknehmens der hohen Dosierung mehr als angebracht. Denn wie in der Medizin auch, ist es eine Frage der Dosierung und der Dauer der Anwendung, ob es dem Patienten nützt oder schadet.“

KLAUS WIENER, CHEFÖKONOM DES VERSICHERERVERBANDS GDV:

„Wir begrüßen die Entscheidung der EZB, die Anleihekäufe zu reduzieren. Allerdings kann dies nur ein erster Schritt sein. Ziel muss die schnellstmögliche Beendigung der Käufe sein. Nur so besteht die Chance auf ein normaleres Zinsgefüge. Nach wie vor ist das extrem niedrige Zinsniveau eines der größten Stabilitätsrisiken. Je länger aber die Kapitalmarktzinsen in einem Umfeld steigender wirtschaftlicher Dynamik künstlich niedrig gehalten werden, desto größer wird die Gefahr eines abrupten Zinsanstiegs. Dies würde gravierende Folgen für die Konjunktur und die Finanzmärkte haben.“

MARCEL FRATZSCHER, DIW-PRÄSIDENT:

„Ich erwarte, dass die EZB im zweiten Halbjahr 2018 ihre Anleihekäufe komplett einstellen und dann frühestens 2019 die erste Zinserhöhung tätigen wird. Die EZB kann die geldpolitischen Zügel nur langsam anziehen, da sie sich nur langsam ihrem Mandat der Preisstabilität annähert.“

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