Siemens bereitet größten deutschen Börsengang seit Jahren vor

Die Frankfurter Börse bereitet sich auf den größten Börsengang seit 1996 vor.

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Bulle und Bär an der Frankfurter Börse warten auf den größten Börsengang seit 20 Jahren. (Foto: dpa)

Bulle und Bär an der Frankfurter Börse. (Foto: dpa)

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Der deutsche Aktienmarkt bereitet sich für einen neuen Börsengang vor: Der Technologieriese Siemens will einen weiteren Geschäftsbereich ausgliedern – die Medizintechnik Sparte Healthineers wird wohl demnächst an der Börse Frankfurt gelistet. Damit könnte der IPO (Initial Public Offering) der größte Börsengang Deutschlands seit der Erstnotiz der Deutschen Telekom im Jahr 1996 werden.

„Der Börsengang ist für Siemens Healthineers der nächste logische Schritt und die Grundlage, um unsere starke Position als führender globaler Medizintechnik-Anbieter auszubauen“, wird Siemens-Vorstand Michael Sen, der dem Aufsichtsrat der Medizintechniksparte vorsitzt, zitiert.  Nach Analystenschätzungen beläuft sich der Wert der Medizintechnik-Sparte auf mehr als 30 Milliarden Euro. Damit wäre Healthineers ein Kandidat für den DAX. Bei dem IPO sollen 15 bis 25 Prozent der Gesellschaft am Aktienmarkt angeboten werden – es dreht sich also um eine Gesamtsumme zwischen fünf und zehn Milliarden Euro. Der Börsengang soll von Goldman Sachs, der Deutschen Bank und JP Morgan begleitet werden.

Healthineers steigerte seinen Umsatz im abgelaufenen Geschäftsjahr um drei Prozent auf 14,2 Milliarden Euro. Damit war die Medizintechnik mit einer operativen Umsatzrendite von 18,1 Prozent das zweitprofitabelste Siemens-Geschäftsfeld nach der Digitalen Fabrik. Michael Sen zufolge sei das Ziel von Healthineers, „nachhaltig und profitabel zu wachsen und die Paradigmenwechsel der Gesundheitsbranche aktiv zu gestalten.“

Dass sich Siemens nun wohl für ein Listing an der Frankfurter Börse entschieden hat, kommt relativ überraschend. Vorher hatte der deutsche Marktführer in Punkto Technologie auch mit dem Gedanken einer Notiz in New York gespielt. Allerdings fürchteten heimische Arbeitnehmervertreter um die Mitbestimmung. Der von Vorstandschef Joe Kaeser betriebene nächste große Schritt beim Umbau des Konzern soll im ersten Halbjahr 2018 erfolgen.

Bei Siemens war ein Listing in den Vereinigten Staaten lange in der Diskussion, weil die meisten Konkurrenten an den US-Börsen notiert sind. Daher sind auch die dortigen Börsenbewertungen im Hinblick auf den Gewinn höher. Wie jedoch die Konzernführung zuletzt angedeutet hatte, habe sich die Bewertungslücke in der jüngeren Vergangenheit verkleinert. Somit stand einer Notiz am deutschen Aktienmarkt nichts mehr im Wege. Besonders bei der IG Metall findet diese Entscheidung Zustimmung.

Wie der Bezirkschef der IG-Metall, Jürgen Wechsler, erklärte: „Ein Börsengang in den USA birgt mehr Risiken als Vorteile. Siemens Healthineers hat mit Sitz in Bayern und unter dem Dach der deutschen Mitbestimmung seine heutige Spitzenposition im weltweiten Markt für Medizintechnik erreicht. Das sollte man nicht für ein paar Dollar mehr aufs Spiel setzen.“

Das Siemens-Management steht ohnehin unter Druck. Nach der Ankündigung des Siemens-Managements, die Betriebsstätten in Leipzig und Görlitz zu schließen und rund 7.000 Arbeitsplätze zu streichen, mehren sich Protestaktionen der Arbeitnehmer und deren Vertreter. Nach Einschätzung der Gewerkschaft verstößt der Konzern gegen eine unbefristete Beschäftigungs- und Standortgarantie, die seit 2010 auf dem Tisch liegt.

Angefangen bei Infineon über Siemens Nixdorf, Osram bis hin zu Gamesa: Der Umstrukturierung von Siemens nimmt weiter Kontur an. Bei dem Umbau, der den Konzern wohl in Richtung einer Holding bringt, ist Vorstandschef Kaeser in besonderem Maße auch auf eine gute Zusammenarbeit mit den Arbeitnehmervertretern angewiesen. Der Börsengang von Healthineers stellt in diesem Zusammenhang einen wichtigen Baustein dar. Kaeser hat immer wieder hervorgehoben, dass die Zeit für Mischkonzerne alter Prägung vorbei sei. Im digitalen Zeitalter seien nicht die größten und diversifiziertesten Gesellschaften erfolgreich, „sondern diejenigen, die sich am besten an die sich rasant veränderten Umgebungsbedingungen anpassen“.

Das gesamte Unternehmen erhalte durch die Eigenständigkeit der Medizintechnik größere Flexibilität. Allerdings stehen die jüngsten Anstrengungen des Konzerns in Richtung Flottenverbund unter keinem guten Stern. Erst im Sommer war die Windkraftsparte mittels einer Fusion mit der spanischen Gamesa an die Börse gebracht worden. Prompt ergingen zwei Gewinnwarnungen gefolgt von einer Halbierung des Aktienkurses, was für gewöhnlich als klassischer Fehlstart bezeichnet wird.