Einfluss chinesischer Großbanken in Europa nimmt zu

Die chinesische Großbank ICBC erhält eine Banklizenz in der Schweiz. Der Einfluss chinesischer Banken in Europa nimmt zu.

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Die Industrial and Commercial Bank of China (ICBC) – das größte chinesische Geldinstitut und eines der größten weltweit – hat von der Schweizer Finanzmarktaufsicht Finma die Lizensierung als Bank erhalten, berichtet die Handelszeitung. Demnach hat die ICBC eine Zweigniederlassung in der Innenstadt von Zürich eröffnet.

Die ICBC, die ihren Firmensitz in der Hauptstadt Peking hat, zählt mit mehr als 460.000 Mitarbeitern und knapp 20.000 Filialen zu den größten Kreditinstituten der Volksrepublik. Der Finanzkonzern wurde im Jahr 1984 gegründet und 2005 komplett umstrukturiert, wobei auch die Umwandlung in eine private Gesellschaft stattfand. Zum Kerngeschäft gehört neben der Betreuung von Geschäfts- und Privatkunden mit allen branchenüblichen Bankdienstleistungen auch weitere Angebote aus den Bereichen Kreditkarten und E-Banking. Das Unternehmen verbuchte im Geschäftsjahr 2016 einen Umsatz von 151,4 Milliarden US-Dollar bei einem Gewinn von 42,0 Milliarden US-Dollar.

Die Industrial and Commercial Bank of China weist aktuell eine Marktkapitalisierung von 274,03 Milliarden Euro bei einem Streubesitz von 94,44 Prozent aus. Für das laufende Geschäftsjahr wird eine Dividende von 0,28 Euro erwartet, was einer Dividendenrendite von 4,55 Prozent entspricht. Die Unternehmensführung erwartet für den gleichen Zeitraum einen Gewinn pro Aktie von 0,93 Euro, woraus sich ein 2017er Kurs-Gewinn-Verhältnis von 6,63 berechnen lässt.

Neben der China Construction Bank, die bereits seit 2015 eine Schweizer Banklizenz besitzt, ist die ICBC das zweite Geldinstitut aus dem Reich der Mitte, das sich in Zürich ansiedelt. Die ICBC hat das Image, im Gegensatz zu anderen chinesischen Banken sich enger am Markt zu orientieren. Leiter der Schweizer Niederlassung von ICBC wird der Chinese Peichen Chen, der vorher als Vize-Präsident die operativen Geschäfte der Bank in Pakistan geleitet hat. Als Chief Compliance Officer ist der Schweizer Claudio Pfammatter vorgesehen, der in der Vergangenheit als Head of Legal, Compliance & Risk bei der Privatbank Bellerive tätig war.

Die Vorbereitungen der Chinesen für die Ansiedlung in der Schweizer Bankenmetropole laufen seit Anfang 2016. Die Verbindungen des dortigen Finanzwesens und der ICBC können als eng bezeichnet werden. Bereits vor zehn Jahren war die Credit Suisse maßgeblich am Börsengang der ICBC beteiligt. Darüber hinaus unterhält die Credit Suisse ein Joint Venture mit der chinesischen Großbank auf dem Gebiet der Volksrepublik.

Bereits im November hatte die ICBC eine Dependance in Österreich eröffnet. Wie Walter Ruck, Präsident der Wirtschaftskammer Wien und Andreas Matthä, CEO der ÖBB, bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mitteilten, soll die Wiener Niederlassung das Hauptquartier für die Region Zentral- und Osteuropa sowie für die nordischen Länder werden. Der Fokus der ICBC in der Hauptstadt Österreichs wird auf großen und mittelgroßen Geschäftskunden liegen. Das Geldinstitut zählt zu den größten Partnern des 2016 gegründeten CEE-Fonds, der Finanzierungen für Investitionen in Hochtechnologie, Infrastruktur und Konsumgüter bietet.

Bereits seit Jahren wächst die Dominanz chinesischer Geldinstitute. Wie der Datendienst SNL Financial im Jahr 2015 mitteilte, kommen inzwischen allein vier der fünf größten Bankhäuser der Erde aus dem Reich der Mitte. Bei der Studie wurde die Bilanzsumme (die Summe aller Vermögenswerte) zugrunde gelegt. Vor allem wegen Währungseffekten waren europäische und japanische Kreditinstitute zurückgefallen. Zu den Top Fünf zählen außerdem noch die Agricultural Bank of China sowie die Bank of China. Als größtes deutsches Institut belegte die Deutsche Bank weltweit die elfte Stelle.

Der seit einiger Zeit sich immer deutlicher bemerkbar machende und steigende Einfluss der chinesischen Banken in Europa ist eine Erweiterung der wachsenden Rolle, den diese bereits auf anderen Kontinenten spielen. Laut Merrill Lynch haben chinesische Banken beispielsweise in Australien zusammen mit der japanischen Konkurrenz in der jüngeren Vergangenheit schon einen beachtlichen Anteil der neuen Konsortialkredite ausgegeben. Auf diese Weise jagen sie den sich zurückziehenden europäischen Banken in Down Under erhebliche Marktanteile ab.

Die Ankunft mächtiger Banken aus dem Reich der Mitte ist für den europäischen Markt relativ neu. Die chinesischen Kreditinstitute erhalten durch die Schwäche der europäischen Finanzdienstleister beste Chancen, um in Finanzmärkten Fuß zu fassen, die weltweit zu den wettbewerbsintensivsten überhaupt gehören.