Schweizer Nationalbank bleibt noch Jahre im Krisenmodus

Von Normalität ist die SNB auch drei Jahre nach dem Ende der Franken/Euro-Koppelung noch weit entfernt

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Die Schweizerische Nationalbank (SNB) wird nach Einschätzung von Experten noch Jahrzehnte benötigen, um den Krisenmodus wieder zu verlassen. Denn beim Abbau ihrer Bilanz und der Abkehr von Negativzinsen stehen die Währungshüter vor großen Hürden, die andere Notenbanken nicht zu bewältigen haben. Die amerikanische Federal Reserve (Fed) hat den Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik bereits vorgemacht, während die Europäische Zentralbank (EZB) zumindest schon über ein behutsames Ende ihrer Konjunkturhilfen nachdenkt. Von Normalität ist die SNB dagegen auch drei Jahre nach dem Aufsehen erregenden Ende der Franken/Euro-Koppelung immer noch weit entfernt.

„Es gibt Spezialprobleme, die dazu führen, dass die SNB erst sehr spät zu einer normalen Geldpolitik zurückkehren wird“, sagt Alan Mudie, der für die Investitionsstrategie im Vermögensverwaltungsgeschäft der Großbank Societe Generale zuständig ist. „Das könnte zumindest ein Jahrzehnt dauern. Das sind die Zeiträume, in denen wir denken müssen“. Zu diesen Spezialproblemen zählt die Bilanz der SNB, die mit über 800 Milliarden Franken mittlerweile deutlich größer ist als die Schweizer Wirtschaftsleistung.

Auch die Fed und die EZB haben nach der Weltwirtschafts- und Eurokrise ihre Bilanzen massiv ausgeweitet und beispielsweise Staatsanleihen in ihrer eigenen Währung gekauft. Die Fed hat allerdings bereits 2017 damit begonnen, die Bilanz wieder abzuschmelzen: Auslaufende Papiere werden nicht mehr ersetzt. Einen ähnlichen Weg könnte auch die EZB einschlagen – wann, ist jedoch noch offen.

Dieser Bilanzabbau per Autopilot ist der SNB jedoch versperrt: Denn sie hat Anleihen und Aktien auch in fremden Währungen wie Euro und Dollar gekauft. So wollte sie den Franken schwächen, um die exportorientierte Wirtschaft der Alpenrepublik zu stützen. Doch würde die SNB nun beispielsweise auslaufende Euro-Anleihen nicht ersetzen oder US-Aktien verkaufen, würde der Franken an Wert gewinnen – ein Szenario, das sie tunlichst verhindern will. „Es wird für die SNB viel Zeit brauchen, um ihre eigene Bilanz abzubauen“, so Daniel Rempfler vom Lebensversicherer Swiss Life.

Der Franken hatte sich in den vergangenen Monaten deutlich abgeschwächt: Ein Euro kostete zuletzt knapp 1,18 Franken. Zum Vergleich: Am 15. Januar 2015, als die SNB völlig überraschend den Euro-Mindestkurs von 1,20 aufgab, kostete er vorübergehend weniger als 0,86 Franken. Bevor die SNB über einen Bilanzabbau nachdenken kann, muss der Franken nach Einschätzung von Analyst Sven Schubert von der Bank Vontobel aber noch stärker an Wert verlieren.

Alte Zinssteuerung taugt nicht mehr

Doch nicht nur bei der Bilanz, auch bei den Leitzinsen ist eine Rückkehr zur Normalität derzeit kaum vorstellbar. Sie liegen bei minus 0,75 Prozent. Früher steuerte die SNB den damals noch positiven Zins über sogenannte Repo-Geschäfte mit Banken: Dabei versorgte die Zentralbank die Institute mit Liquidität und bestimmte mit dem dafür verlangten Satz den Leitzins. Die Banken boten Sicherheiten an, etwa bestimmte Wertpapiere. Voraussetzung für das Funktionieren des Systems ist aber, dass die Banken zu wenig Liquidität haben und Geld bei der SNB nachfragen. Das ist im Moment jedoch nicht der Fall: Weil viele Investoren in der Krise in den „sicheren Hafen“ Franken geflohen sind, schwimmen die Schweizer Banken im Geld. Ihre Überschussreserven betrugen zuletzt knapp 460 Milliarden Franken.

Eine Rückkehr in den Vor-Krisen-Modus ist also nicht einfach möglich und die SNB muss kreativ sein, um ihren Zins zu steuern: Sie könnte etwa eigene Anleihen begeben, die Banken und andere Marktteilnehmer im Gegenzug für einen Zins zeichnen. Damit würde die Notenbank Liquidität aus dem System ziehen und wohl auch den Zins beeinflussen. Offen stehen der SNB zudem „umgekehrte Repos“ (Reverse Repo). Dabei könnte die SNB kurzfristig Sicherheiten und eine Verzinsung anbieten und im Gegenzug Liquidität erhalten. Beide Instrumente hat die Notenbank bereits während der vergangenen Finanzkrise erprobt – dann aber mit Ausbruch der Euro-Zonen-Krise eingestellt.

Doch bis eine Rückkehr zu positiven Zinsen möglich wird, müssen die Schweizer Währungshüter nach Einschätzung von Jürg Mettler von der Privatbank Julius Bär erst noch Zinsschritte der EZB abwarten: „Die SNB ist in Geiselhaft der EZB.“ Mit einer ersten Erhöhung des EZB-Leitzinses rechnen Experten aber frühestens 2019. Also ist auch hier Geduld gefragt.