Syrien: Erdogan kündigt „Säuberungen“ in Afrin an

Die türkische Armee treibt ihre Offensive auf Afrin voran.

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Die türkische Armee und mit ihr verbündete syrische Kämpfer am Samstag rücken laut AFP weiter auf die nordwestliche Stadt Afrin vor.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sagte in einer in der südlichen Stadt Mersin gehaltenen und im Fernsehen übertragenen Rede, nach Afrin würden auch die Städte Manbidsch, Kobane, Tal Abjad, Ras al-Ain und Kamischli „von Terroristen gesäubert“. Die YPG hatten das von der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) eingenommene Kobane im Januar in einer symbolträchtigen viermonatigen Schlacht zurückerobert.

Ankara bezeichnet die YPG als Terrororganisation, ebenso wie die mit ihr verbündete und in der Türkei verbotene Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) des inhaftierten Abdullah Öcalan. Die YPG sind mit den USA im Kampf gegen den IS verbündet. Deshalb sorgt Ankaras Offensive für Irritationen zwischen Washington und Ankara, die beide Partner in der Nato-Militärallianz sind. Besonders heikel ist der von der Türkei geplante Vormarsch auf Manbidsch, weil die USA dort – im Gegensatz zu Afrin – militärisch präsent sind.

Erdogan forderte die Nato in seiner Rede auf, seine am 20. Januar gestartete Militäroffensive „Operation Olivenzweig“ zu unterstützen. Die Türkei habe den Aufforderungen der Allianz zur Intervention in Afghanistan, Somalia und auf dem Balkan Folge geleistet. Jetzt sei die Nato in Syrien an der Reihe.

Der türkische Generalstab meldete am Freitag, dass im Verlauf der Operation “Olivenzweig” bisher 3.149 Mitglieder der Kurden-Milizen und der Terror-Miliz ISIS entweder gefangengenommen oder getötet wurden.

Nach Angaben der Zeitung Hürriyet sollen die türkische Armee und pro-türkische kurdische und arabische Verbände der Freien Syrischen Armee (FSA) etwa 60 Prozent der Region Afrin eingenommen haben.

Die Zeitung Aydınlık berichtet, dass im Verlauf der türkischen Operation “Olivenzweig” bisher fünf Stadtzentren, 124 Dörfer und 30 strategisch wichtige Gebiete eingenommen wurden.

Die PKK-nahe Nachrichtenagentur ANF mit Hauptsitz in den Niederlanden meldet, dass am Donnerstagnachmittag ein Mitglied der YPG ein Selbstmordanschlag auf türkische Soldaten ausgeführt. Der Anschlag soll in Cinderes (Dschindaras) bei Afrin stattgefunden haben. Die PKK und die Kurden-Milizen umschreiben einen Selbstmordanschlag als “Fedai Eylemi”, also als eine “Aktion”, um das eigene Leben für ein höheres Ziel zu opfern.

ANF führt aus, dass der letzte Kriegsbericht der “Syrischen Demokratischen Kräfte” (SDF), die von den Kurden-Milizen dominiert und von den USA unterstützt werden, am 7. März veröffentlicht wurde. Dem Bericht zufolge sollen die Kurden-Milizen bis zum 47. Tag der Operation “Olivenzweig” 1.588 türkische Soldaten und FSA-Mitglieder getötet haben. In den Rängen der Kurden-Milizen seien 283 Kämpfer gefallen.

In einer Mitteilung der YPG wird Russland Beihilfe zur türkischen Operation vorgeworfen. Hätte Russland den syrischen Luftraum für türkische Kampfjets nicht geöffnet, hätte die Türkei ihre Operation nicht durchführen können, so die YPG. Die Russische Föderation sei der “Komplize” des türkischen Staats.

Die PKK-nahe Zeitung Yeni Özgür Politika mit Hauptsitz in Neu-Isenburg ruft in einem Artikel “alle Kurden” auf, türkische Waren und den türkischen Tourismussektor zu boykottieren. Die türkische Operation in Afrin hänge direkt von der Finanzierung dieser Kampagne zusammen. Der Aufruf richtet sich auch an die Kurden in der Türkei, wo es eine kurdische Mittelschicht gibt, die über Ressourcen verfügen.

In der aktuellen Woche konzentrierten sich die Kämpfe in Syrien auf Ost-Ghouta. Um den Druck auf Damaskus zu senken, setzen die syrischen und russischen Streitkräfte vorrangig auf die Rückeroberung von Ost-Ghouta und nicht auf die Kampagne zur Rückeroberung der Provinz Idlib. Die syrische Armee (SAA) hat Berichten zufolge die Kontrolle in mehreren Städten und Dörfern übernommen und etwa ein Drittel der Fläche von Ost-Ghouta eingenommen, berichtet das Meir Amit Intelligence and Terrorism Information Center.

Die Organisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) meldet in einer Mitteilung vom 9. März 2018: “Mindestens 1.005 Menschen sind vom 18. Februar bis zum 3. März im belagerten syrischen Ost-Ghuta ums Leben gekommen, mindestens 4.829 wurden verletzt. Das bedeutet im Schnitt 71 Tote und 344 Verletzte pro Tag. Diese Zahlen wurden aus 20 Gesundheitseinrichtungen in dem Gebiet, die von Ärzte ohne Grenzen unterstützt werden, an die Organisation gemeldet”. Die Organisation fordert von allen Konfliktparteien, die Kampfhandlungen einzustellen.

Im Verlauf der Woche fanden in Idlib schwere Gefechte zwischen der Gruppe Hayat Tahrir al-Scham (HTS), die die Nachfolgeorganisation der Al-Nusra-Front ist, und anderen Söldner-Truppen statt, um die alleinige Kontrolle über Idlib zu erlangen. Darüber hinaus trat ein Verband, der dem Al-Qaida-Führer Ayman al-Zawahiri ergeben ist, von HTS aus.
Dem Meir Amit Intelligence and Terrorism Information Center zufolge schwächen sich die Söldner-Truppen gegenseitig, indem die sich bekämpfen. Damit würden sie ihre Fähigkeit einbüßen, Widerstand gegen die SAA und ihre Verbündeten zu leisten, wenn die SAA ihre Offensive in Idlib erneut aufnimmt.

Im Irak erzielen die Sicherheitskräfte weiterhin Erfolge gegen ISIS-Verbände. Die irakische Regierung betrachtet den westlichen Teil der Provinz Al-Anbar aufgrund der intensiven Aktivitäten von ISIS nahe der syrisch-irakischen Grenze nördlich von Al-Bukamal als Schwachstelle. Der irakische Premierminister hat in der aktuellen Woche beschlossen, eine neue Division aus lokalen Soldaten aus der Provinz Al-Anbar zu gründen, um die Infiltration von ISIS-Söldnern aus Syrien zu verhindern.