Russland will Konfrontation zwischen Syrien und Türkei verhindern

Bei Idlib besteht die Gefahr einer direkten Konfrontation zwischen den Militärs Syriens und der Türkei. Russland will eine Eskalation verhindern.

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Konfrontation: Gefahr der Kollision zwischen Türkei und Syrien. (Grafik: Syria Live Map/DWN)

Gefahr der Kollision zwischen Türkei und Syrien. (Grafik: Syria Live Map/DWN)

In den vergangenen zwei Wochen haben die Militärs der Türkei und Syriens ihre Stellungen bei Tal Rifaat verstärkt. Das Oberkommando der syrischen Armee sei entschlossen, die türkischen Truppen daran zu hindern, Tal Rifaat im Norden von Aleppo einzunehmen, weil die Türken dadurch einen Zugang zum Luftstützpunkt Mennagh erhalten würden. Die Türkei hat bereits die Region Afrin im Nordwesten Aleppos eingenommen. Aufgrund der russischen und syrischen Streitkräfte in der nahe gelegenen Stadt Deir Jamal konnten sie jedoch noch nicht nach Tal Rifaat vordringen.

Der türkische Kriegsreporter Levent Kemal hat über Twitter ein Video veröffentlicht, das einen Konvoi der SAA zeigt. Der Konvoi soll sich angeblich auf den Weg nach Deir Jamal bei Tal Rifaat befinden. In Tal Rifaat gibt es eine vorübergehende Kooperation zwischen der SAA und den dortigen Kurden-Milizen. Beide Seiten möchten verhindern, dass die Türkei Tal Rifaat einnimmt.

Die Printausgabe der türkischen Zeitung Yeni Şafak berichtet, dass Verbände der Freien Syrischen Armee (FSA), die von der Türkei unterstützt und koordiniert werden, am Montagabend Verbände der Kurden-Milizen der PKK/PYD in Tal Rifaat ausgeführt haben sollen. Bei dem Angriff wurden Raketen eingesetzt. Die PKK-nahe Nachrichtenagentur ANF mit Sitz in Amsterdam bestätigte die Attacken in einer Mitteilung.

Levent Kemal hat auf seiner Twitter-Seite eine Nachricht des Telegrammkanals des syrischen Luftwaffenstützpunkts Hmeimim geteilt. Dem Telegramm zufolge werde die SAA von seinem Recht auf Selbstverteidigung Gebrauch machen, falls die Türkei in Tal Rifaat einmarschiert.

Kurdistan24 berichtet, dass am 7. September 2018 Kurden-Milizen der PKK/PYD zwei Söldner der Sultan Murat-Brigade, die der FSA angehört, getötet hätten. Der Angriff erfolgte von Tal Rifaat aus und fand in Afrin statt. Die Pressestelle der PKK/PYD veröffentlichte ein diesbezügliches Video.

„Die YPG scheint fest entschlossen zu sein, weiterhin Angriffe auf Efrin (Afrin) durchzuführen, solange die von der türkischen Armee unterstützten Fraktionen der Freien Syrischen Armee die Kontrolle behalten, werden diese Angriffe wahrscheinlich anhalten“, sagte Elizabeth Tsurkov von der israelischen Denkfabrik Forum for Regional Thinking Kurdistan24.

„Das Risiko einer Konfrontation zwischen Russland und der Türkei wächst im Allgemeinen, sollten Moskau, Damaskus und Teheran härtere Schritte gegen Idlib einleiten“, sagte Kirill Semenow vom Moskauer Center of Islamic Research at the Institute der russischen Zeitung Nezavisimaya Gazeta.

Der Schritt der Türkei, Kampfverbände bei Idlib und Tal Rifaat zusammenzuziehen, ziele darauf ab, eine mögliche Offensive der SAA und ihrer Verbündeten zu verhindern, sagte er. „Wenn die Türkei ihre Luftfahrt nutzt, wird sie im syrischen Himmel die Oberhand behalten“, so Semenow. In diesem Zusammenhang schloss der Analyst nicht aus, dass die Spannungen, die im Jahr 2015 nach dem Abschuss eines russischen Su-24-Bombers durch die Türkei entbrannten, sich wiederholen könnten. „Aber es ist bemerkenswert, dass Moskau keine Eskalation mit der Türkei anstrebt und wir können sagen, dass Russland versuchen wird, Damaskus einzudämmen“, meint Semenow.

Timur Akhmetow vom Russian Council on Foreign, der in Ankara lebt, sagte dem Blatt, dass die Truppenverschiebungen der Türkei nach Idlib in erster Linie dem Zweck dienen, die türkischen Beobachterposten zu stärken. Alle „Parameter der Idlib-Operation“ zwischen Russland und der Türkei müssen nach Ahkmetows Ansicht „sorgfältig entwickelt“ werden.

Der russische Vize-Außenminister Sergej Ryabkow sagte nach Angaben der Tass am Dienstagmorgen: „Unser Militär hat die militärische Situation rund um die Uhr ohne Unterbrechungen beurteilt. Mit unseren Kollegen aus der Türkei und mit Damaskus läuft ein ständiger Informationsaustausch. Die sicheren Kanäle, die wir mit dem US-Militär aufgebaut haben, um Vorfälle zu verhindern, funktionieren weiter. Wir können nicht zulassen, dass Idlib eine Terroristenhochburg bleibt.“

Russland möchte unter allen Umständen eine Konfrontation zwischen der Türkei und Syrien verhindern, da ein derartiges Ereignis zum Abbruch der Friedensgespräche von Astana und damit zum Scheitern der Kooperation zwischen Moskau, Ankara, Damaskus und Teheran in der Region führen würde.

Währenddessen hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan einen Gastbeitrag für das Wall Street Journal verfasst. Der Beitrag trägt den Titel „Die Welt muss Assad stoppen“. Erdoğan wörtlich: „Während Operationen am Horizont von Idlib aufziehen, muss die internationale Staatengemeinschaft ihren Verantwortungen nachkommen. Eine passive Haltung werde viel kosten. Das syrische Volk darf der Gnade von Baschar al-Assad nicht überlassen werden (…) Die Welt muss Assad stoppen. Das Ziel des Assad-Regimes in Idlib ist kein wahrer und effektiver Kampf gegen den Terror, sondern die Eliminierung der Opposition ohne dabei einen Unterschied zu machen (…) Sollten die EU und USA bei der Ergreifung von Vorstößen scheitern, dann müssen dafür nicht nur unschuldige Syrer, sondern die ganze Welt einen Preis zahlen. Die Türkei habe alles Mögliche unternommen, um das Massaker in ihrem Nachbarland zu stoppen.“

Die türkische Zeitung Aydınlık kritisiert, dass der türkische Präsident seine Linie der „Assad-Feindschaft“ beibehält. Der Vorsitzende der türkischen Heimatpartei (VP), Doğu Perinçek, wirft Erdoğan vor, als „Handlanger“ der USA zu agieren. Perinçek führt in einem Beitrag des Blatts aus: „Er redet von einem Waffenstillstand. Doch dort (in Idlib, Anm. d. Red.) befinden sich keine Terrorgruppen, die für einen Waffenstillstand sind. Jeder (Putin und Rouhani, Anm. d. Red.) ist erstaunt über diesen Ansatz. Erdoğans Rede (in Teheran, Anm. d. Red.) war nicht diplomatisch, sondern bewegte sich im Rahmen der Propaganda einiger US-amerikanisch-israelischer Kreise. Tayyyip Erdoğan hat am Teheran-Gipfel nicht als Staatsmann, sondern als Darbietungs-Akteur teilgenommen. Die Lösung liegt nicht in einem Waffenstillstand. Alle Terrorgruppen müssen ihre Waffen niederlegen (…) Die territoriale Einheit Syriens ist auch die territoriale Einheit der Türkei. Nur die Regierung unter Baschar al-Assad kann die territoriale Einheit Syriens gewährleisten.“

Vorkommnisse in Idlib und Hama

Am Dienstag hat die syrische Armee (SAA) im Grenzgebiet zwischen den syrischen Provinzen Idlib und Hama eine Reihe von Angriffen gegen Stellungen der Al-Nusra-Front, die sich mittlerweile Hayat Tahrir al-Scham (HTS) nennt, ausgeführt, meldet die syrische staatliche Nachrichtenagentur SANA. Bei den Angriffen seien zahlreiche Militärgeräte zerstört und HTS-Söldner getötet worden. Die SAA führte zudem Artillerieangriffe auf HTS-Söldner auf der Straße zwischen Qalaat al-Madiq und dem Shahshabo-Berg im äußersten Nordwesten von Hama aus. Der HTS-Kommandant Khaled al-Hussein alias „Abu Walid“ wurde unter den Getöteten identifiziert.

Söldner-Verbände haben am selben Tag den Militärflughafen, das Dorf Arzeh al-Moaelim-Park in der Stadt Hama mit Raketen angegriffen. Der Angriff auf den Militärflughafen erfolgte von Kafr Zaita und al-Lattamina in der nördlichen Landschaft von Hama aus. Die Söldner sollen dadurch schweren materiellen Schaden verursacht haben, so SANA.