Türkei: Inhaftierter US-Pastor Brunson kommt frei

Der US-Pastor Brunson kommt frei. Die Entscheidung dürfte die amerikanisch-türkischen Beziehungen entspannen.

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Brunson: US-Präsident Trump und sein türkischer Amtskollege Erdogan auf dem NATO-Gipfel Mitte Juli 2018. (Foto: dpa)

US-Präsident Trump und sein türkischer Amtskollege Erdogan auf dem NATO-Gipfel Mitte Juli 2018. (Foto: dpa)

Der in der Türkei seit zwei Jahren festgesetzte US-Bürger Andrew Brunson kommt frei. Ein Gericht in Aliaga ordnete am Freitag die Aufhebung des Hausarrestes des Mannes an, dessen offizielle Fuktion als die eines Pastors angegeben wird. Zuvor hatten am Freitag überraschend die entscheidenden Zeugen ihre Aussage widerrufen, dass Brunson am Putsch-Versuch im Juli 2016 beteiligt gewesen sein soll.

Es ist bis heute unklar, ob Brunson ein unbescholtener US-Pastor oder ein Geheimdienst-Mitarbeiter ist.

Der US-Pastor Andrew Brunson wurde zwar zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren, einem Monat und 15 Tagen verurteilt. Da sich Brunson jedoch seit Ende Oktober 2016 in Haft befindet, hat er seine Strafe dem Gericht zufolge abgesessen. Er wurde entlassen und kann in die USA zurückkehren.

Am Freitag erfolgte vor dem 2. Schweren Strafgerichtshof von Izmir der 4. Verhandlungstag im Fall des US-Pastors Andrew Brunson, dem die türkische Staatsanwaltschaft Spionage vorwirft. Es sollten drei Zeugen angehört werden, die Brunson bei ihren Vernehmungen belastet hatten. Der Hauptbelastungszeuge Levent Kalkan, die Zeugin Büşra Fatma Ün und der Zeuge Yılmaz Demircan, die Brunson zuvor schwer belastet hatten, zogen ihre Aussagen zurück.

Kalkan sagte, dass nicht er persönlich gesehen habe, wie Brunson nach dem Putsch-Versuch vom 15. Juli 2016 Mitglieder der Gülen-Bewegung in den Räumlichkeiten der Kirche versteckt hat, berichtet die Zeitung Milliyet. Dies hätte ihm Demircan gesagt. Demircan bestritt das und sagte: „Ich habe Levent Kalkan zu keinem Zeitpunkt gesagt, dass dort Mitglieder der FETÖ (Gülen-Bewegung, Anm. d. Red.) oder der PKK versteckt wurden. In den Räumlichkeiten habe ich nur Koreaner gesehen. Meine Aussage wurde falsch verstanden.“

Die Zeugin Ün sagte dem türkischsprachigen Dienst der BBC zufolge: „Ich kenne Brunson überhaupt nicht. Über die Anschuldigungen in der Anklageschrift habe ich keine Kenntnis.“

Der CNN-Reporter Ben Wedeman, der die Zeugenaussagen vor Ort beobachtete, teilte über den Kurznachrichtendienst Twitter mit: „Die Zeugen der Anklage widersprachen früheren Zeugenaussagen und lieferten verwirrende Berichte.“

Brunson sagte: „Meine Verteidigung überlasse ich meinem Anwalt. Ich bin ein unschuldiger Mann und fordere meine Freilassung. Ich liebe Jesus. Ich liebe die Türkei.“
Um 14.38 (MET) plädierte der Staatsanwalt dafür, dass Brunsons Hausarrest und die Ausreisesperre ausgehoben werden. Er forderte stattdessen eine Gefängnisstrafe von zehn Jahren, berichtet das Blatt Dünya Gazetesi. Diese Forderung ist ungewöhnlich, da die Forderung einer Gefängnisstrafe für Ausländer in der Türkei immer mit einer Ausreisesperre einhergeht.

Bemerkenswert ist, dass Emre Uslu, ein hochrangiges Mitglied der Gülen-Bewegung, der in den USA lebt, am 27. August 2018 über Twitter mitgeteilt hatte: „Ihr regt euch umsonst auf. Schritt für Schritt wird er (Erdoğan, Anm. d. Red.) sich vom S400-Deal verabschieden und ihr werdet den Religionsmann Andrew Brunson freilassen. Und dies wird nicht solange dauern. Wir werden das gemeinsam sehen. Ich kenne die Seele von Erdoğan in- und auswendig. Er versucht einen Kuhhandel zu betreiben, um möglichst viel herauszuschlagen.“

Am 12. Oktober 2018 fühlte sich Uslu bestätigt und meldete über Twitter: „Schritt für Schritt. Habe ich es nicht gesagt? So ist das.“
Die Sprecherin des US-Außenministeriums, Heather Nauert, hatte zuvor gesagt, dass die USA hoffnungsvoll seien, dass Brunson bald frei kommen werde. Allerdings wies sie Berichte, wonach eine Einigung mit der Türkei über Brunsons Freilassung getroffen wurde, zurück, berichtet CBS News.

Brunson und die Türkische Lira

Bemerkenswert ist, dass der Kurs der Türkischen Lira (TL) zum Dollar in den vergangenen zwei Monaten immer wieder auf den Fall Brunson reagiert hat. Am Freitagmorgen kostete ein Dollar 5,90 TL. Seit dem 17. August 2018 ist dieser Kurs aus Sicht des Werts der TL der beste gewesen. In der vergangenen Woche kostete ein Dollar noch durchschnittlich 6,20 TL. Die Zeitung Sözcü führt aus: „Der Fall Brunson wird von den internationalen Finanzmärkten aus der Perspektive der türkisch-amerikanischen Beziehungen genau beobachtet. Banker und Finanzanalysten gehen davon aus, dass die Wechselkursvolatilität sich auch weiterhin entweder stark negativ oder stark positiv entwickeln wird.“

Analysten bestätigten gegenüber der türkischen Wirtschaftszeitung Dünya Gazetesi, dass der Fall Brunson sich sehr stark auf den Wechselkurs auswirke.

Deniz Zeyrek von der Zeitung Hürriyet argumentiert, dass die USA sich sehr für eine Freilassung von Brunson einsetzen. Dazu liefert er ein Beispiel: „Am 25. Juli 2018 fand in Izmir Brunsons Anhörung statt. US-Präsident Donald Trump hatte sich zuvor für die Freilassung eines türkischen Staatsbürgers, der in Israel inhaftiert war, eingesetzt. Der türkische Staatsbürger wurde freigelassen. Die US-Regierung ließ am Tag des 25. Juli ein Flugzeug auf dem Flughafen von Izmir warten, da sie von einer Freilassung Brunsons ausging. Doch das Gericht entschied, Brunson unter Hausarrest zu stellen. Es kam zu einer rhetorischen Eskalation und der Lira-Kurs zum Dollar stieg von 4,84 auf über 6,5. Am 13. September 2018 hob die Notenbank den Leitzins um 6,25 Prozent an. Zu diesem Zeitpunkt kostete ein Dollar 6,4 TL. Nach der Zinserhöhung kostete ein Dollar 6,05 TL. Allerdings trat trotz der Notenbankintervention ein erneuter Währungsverfall ein. Innerhalb von zehn Tagen fiel der Wert der TL zum Dollar auf 6,30.“

Zeyrek argumentiert weiter: „Die unabhängige türkische Justiz kann nicht gemäß den Vorstellungen und Wünschen der USA entscheiden. Wenn aber Brunson nicht freigelassen werden sollte, ist es nicht schwer vorauszusehen, dass wir Zeugen einer neuen Eskalation sein werden.“

Tatha Ghose von der Commerzbank sagte dem türkischsprachigen Dienst von Bloomberg, dass eine mögliche Freilassung von Brunson den Kurs der Türkischen Lira zum Dollar auf 5,50 verbessern werde. Piotr Matys von der Rabobank zufolge würde sich die TL zum Dollar bei einer Freilassung Brunsons auf 5,69 bis 5,70 stabilisieren.

In der Anklageschrift gegen Brunson wird nach Angaben von Haberler.com der Konvertit L.K. zitiert: „Andrew Craig Brunson wurde zwischen 2008 und 2009 aus der ,Kirche der Neugeburt‘ (in Izmir/Konak, Anm. d. Red.) rausgeworfen, weil ihm Unterstützung des Terrors (der PKK, Anm. d. Red.) vorgeworfen wurde. Die ,Kirche der Neugeburt‘ ist eine presbyterianische Kirche und lehnt es ab, den Terrorismus zu unterstützen. Danach ging er etwa eineinhalb Monate ins Ausland. Ich weiß nicht, wo er sich aufgehalten hat. Seine Ehefrau und weitere Personen hatten uns gesagt, dass er sich zu dieser Zeit in den USA aufgehalten habe. Nachdem Brunson in die Türkei zurückkehrte, eröffnete er im Viertel Alsancak in der Bornova-Straße eine neue Kirche.“

L.K. führt aus, dass die Mitglieder der Kirchengemeinde keinerlei Wissen über Brunsons Aktivitäten hatten: „Im Erdgeschoss der Kirche werden die Gottesdienste abgehalten. Im oberen Stock gibt zwei Räume, der von den Mitgliedern der Kirchengemeinde nicht betreten werden durfte. Doch Mitglieder der Organisation (PKK, Anm. d. Red.) gingen dort ein und aus. Nach einem Gottesdienst führte Brunson in den oberen Räumen ein Treffen durch. Den Mitgliedern der Kirchengemeinde war die Teilnahme verboten. Nach etwa vier Stunden endete die Versammlung. Ich schlich mich in den Raum des Treffpunkts hinein. Der Raum befindet sich direkt gegenüber der Toilette. Als ich eintrat, sah ich auf der rechten Seite einen Bücherschrank mit zahlreichen Büchern. Auf dem Tisch befanden sich eingerollte Landkarten, die ich ausrollte. Sie waren handschriftlich bearbeitet. Die Grenzen der Türkei waren auf der Landkarte verändert worden. Etwas entfernt vom Tisch waren Pakete. Ich öffnete aus Neugier ein verschlossenes Paket und fand Broschüren mit Werbung für die PKK. Anschließend hörte ich Fußschritte, drang aus dem Zimmer und tat so, als ob ich ein Telefongespräch mit meinem Handy führte. Ich wurde erwischt. Normalerweise wird das Betreten dieses Zimmers sanktioniert, doch ich erhielt keine Strafe. Allerdings wurde beim anschließenden Gottesdienst wiederholt, dass das Betreten des Zimmers verboten sei.“

L.K. zufolge sollen sich nach der Putschnacht vom 15. Juli 2016 Mitglieder der Gülen-Bewegung in den Räumen der Kirche versteckt haben.

In der Anklageschrift wird ausgeführt, dass sich Brunson am 20. Juli 2015 in der Stadt Suruc aufhielt, als sich dort ein Bombenanschlag ereignete. Während der Militäroperation in der südosttürkischen Stadt Sur/Diyarbakir ab August 2015 soll sich Brunson, obwohl er in Izmir bedienstet gewesen ist, in diese Region begeben haben. Timeturk führt aus: „Die Prüfung der HTS-Daten von Andrew Brunsons Handy hat ergeben, dass er sich zwischen 2014 und 2017 1.306 Daten und Signalen zufolge in Suruc, 192 Daten und Signalen zufolge in Urfa und zwei Daten und Signalen zufolge in Diyarbakir aufgehalten hat. Ihm wird vorgeworfen im Auftrag der illegalen Entität, der er angehört, gehandelt zu haben, zumal in diesen Gebieten ein Chaos und gewaltsame Umstände herrschten, die von der PKK verursacht wurden. Nach Auswertung der Auslandstelefonate und SMS-Botschaften von Brunson wurde festgestellt, dass er in ständigem Kontakt mit US-amerikanischen und anderen ausländischen ehemaligen oder aktiven Militärs stand, die sich bei ihren Besuchen in der Kirche als Vertreter anderer Berufsgruppen präsentierten.“

Der Kronzeuge unter dem Namen „Dua“, der sich im Zeugenschutzprogramm befindet, hat Berkant Kaya, Staatsanwalt bei der Staatsanwaltschaft der Türkischen Republik in Izmir, belastendes Material zur Verfügung gestellt. Dazu zählen Excel-Dateien mit Brunsons Kontakten und namentlich genannte Personen, die Brunson zugearbeitet haben sollen. Unter ihnen sollen sich auch Namen von Sprachlehrern befinden, die zuvor am Militärgymnasium Kulei in Istanbul gearbeitet haben sollen.

Die Zeitung Milliyet zitiert den Staatsanwalt Karakaya: „Der Angeklagte hat sich unter dem Deckmantel eines evangelikalen Pastors mehr wie ein Spezialist im Guerilla-Kampf, der mit den Doktrinen der psychologischen Kriegsführung und nachrichtendienstlicher Methoden vorgeht, verhalten. Der Pastor der ,Kirche der Auferstehung‘ von Izmir hat in Zusammenarbeit mit Personen, die einen militärischen und nachrichtendienstlichen Hintergrund haben und sich mit speziellen technischen Fertigkeiten auskennen, und in Koordination mit der PKK und der FETÖ (Gülen-Bewegung, Anm. d. Red.), agiert. Unter dem Deckmantel der humanitären Hilfe und der Bildungsarbeit wurden die ethnischen, religiösen und konfessionellen Hintergründe von Bürgern missbraucht, um die Bürger gegeneinander aufzuwiegeln und unser Land zu spalten.“

Bemerkenswert ist ein weiterer Vorwurf der Staatsanwaltschaft: „Brunson hat in Zusammenarbeit mit der Verdächtigen A.B.A. und ihrem Ehemann alle Tankstellen entlang der Mittelmeerküste ausgekundschaftet. Dazu gehörte auch die Erkundung der ethnischen Hintergründe der Tankstellen-Mitarbeiter und ihre Arbeitszeiten. Damit sollte überprüft werden, wie diese Tankstellen im Falle von inneren Unruhen und einer folglichen Invasion der Türkei als logistische Zentren und Benzindepots genutzt werden können. Bei den betroffenen Tankstellen geht es um strategisch wichtige Einrichtungen.“

Brunson an der syrisch-türkischen Grenze

Der Religion News Service berichtet: „Als der syrische Krieg 2011 ausbrach, sah Brunsons Kirche eine Chance darin, Flüchtlingen Hilfe zu leisten und ihnen vom Christentum zu erzählen. Bis 2014 unternahmen Brunson und andere Kirchenführer regelmäßig Reisen, um Flüchtlinge an der Grenze zu Syrien zu treffen. ,Es war völlig normal, ihnen zu helfen’, sagt ein Mitglied der Kirche dem RNS. Das Mitglied behauptet, mit Brunson in der Türkei seit mehr als einem Jahrzehnt zusammengearbeitet zu haben, und bat darum, nicht benannt zu werden, da das Gerichtsverfahren noch nicht abgeschlossen ist. ,Sie brauchten physische Hilfe, spirituelle Hilfe und wie viele andere Gemeinden gingen wir los, um ihnen zu helfen, versorgten sie mit physischer Hilfe und erzählten ihnen von Jesus’. so das Mitglied. Syrische Flüchtlinge schlossen sich Brunsons Gemeinde an: ,Sie sprachen Arabisch oder Kurdisch und nicht Türkisch, also dachten wir irgendwann, es wäre gut für sie, ihre eigenen Treffen zu haben’. Brunsons Aktivitäten entlang der türkisch-syrischen Grenze wurden in der Türkei mit tiefem Argwohn betrachtet.“