Sammelklagen und Artikel

Angriffe aus London und den USA: Wirecard-Aktien kaum noch handelbar

Nach mehreren Artikeln der Financial Times gerät der deutsche Zahlungsanbieter Wirecard nun auch durch eine Sammelklage in den USA unter Druck.

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Das Wirecard-Logo. (Foto: dpa)

Das Wirecard-Logo. (Foto: dpa)

Die Entwicklung der Wirecard-Aktien im vergangenen Jahr. (Grafik: ariva.de)

Die Entwicklung der Wirecard-Aktien im vergangenen Jahr. (Grafik: ariva.de)

Die zuletzt von extremen Ausschlägen geprägte Wirecard-Aktie hat am Mittwoch erneut nachgegeben. Der Kurs rutschte wieder unter die runde Marke von 100 Euro. Zuletzt verlor die Aktie 4,5 Prozent auf 97,32 Euro, berichtet die dpa.

Denn nach den Kursturbulenzen infolge der – bislang nicht bewiesenen – Behauptungen in Berichten der Financial Times über mögliche Bilanzierungsverstöße droht dem Zahlungsdienstleister nun auch Ärger in den USA: Erste Sammelklagen wegen angeblicher Verstöße gegen Wertpapiergesetze wurden bereits eingereicht, weitere könnten rasch folgen.

Ein Händler wies auf die Folgen der extremen Volatilität hin, die die Aktie für Anleger zuletzt „nahezu uninvestierbar“ gemacht habe. An der Eurex beispielsweise seien die Prämien für Absicherungen „geradezu explodiert“. Aus Sicht des Risiko-Managements eines Brokers seien die Papiere gegenwärtig kaum noch handelbar.

Analyst Antonin Baudry von der Investmentbank HSBC hatte am Vortag ein um 70 auf 170 Euro gesenktes Kursziel für die Wirecard-Aktie vor allem mit der hohen Volatilität begründet. Diese erschwere die Lage potenzieller neuer Käufer. So habe sich das durchschnittliche Beta der Aktie der vergangenen 52 Wochen als Gradmesser der Schwankungsanfälligkeit im Vergleich zum Gesamtmarkt zuletzt von 1 auf 2 verdoppelt.

Wirecard ist ein digitaler Zahlungsabwickler, welcher zu Beginn des Jahres die Commerzbank im Leitindex Dax abgelöst hat.

Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet:

Wie wenige andere Finanzkonzerne profitiert Wirecard von der weltweiten Verlagerung der Geldströme ins Internet. Der Dienstleister wickelt mit Online-Technologie für andere Firmen den Zahlungsverkehr ab und kassiert dafür Provisionen. Egal ob Verbraucher auf Internetseiten oder per Smartphone-App Bücher kaufen oder Reisen buchen, kostenpflichtige Software herunterladen oder Online-Spiele bezahlen: Oft ist Wirecard im Hintergrund der zentrale Vermittler zwischen Käufer, Verkäufer und deren Banken. Das Unternehmen sorgt dafür, dass die Geldbeträge beim Empfänger verbucht werden und übernimmt auch das Risikomanagement. Zu den Partnern zählen die Commerzbank, Mastercard und Apple, Handelskonzerne wie Lidl, Reiseanbieter und Verkehrsunternehmen. In der Anfangszeit des 1999 gegründeten Unternehmens zählten noch Erotik- und Glücksspielanbieter im Internet zu den wichtigsten Kunden.

WELCHE VORWÜRFE WURDEN GEGEN WIRECARD LAUT?

Bereits im Jahr 2008 kritisierte die Aktionärsorganisation Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) angebliche Ungereimtheiten in der Bilanz. 2010 berichtete eine deutschsprachige Internetseite, die sich selbst dem Vorwurf dubioser Machenschaften ausgesetzt sah, von einer angeblichen Verwicklung von Wirecard in illegale Glücksspiele. 2016 brachte eine bis dahin unbekannte Website unter dem Namen „Zatarra Research & Investigations“ Betrugs- und Geldwäschevorwürfe ins Spiel. 2019 berichtete nun die „Financial Times“ („FT“) von einem Verdacht der Bilanzmanipulation in der Wirecard-Niederlassung in Singapur.

WAS IST DRAN AN DEN VORWÜRFEN?

Wirecard weist die Vorwürfe regelmäßig als haltlos zurück und kündigte sogar rechtliche Schritte gegen die „FT“ an. Stichhaltige Beweise für die Anschuldigungen blieben deren Autoren schuldig. Aus Sicht deutscher Behörden waren die Behauptungen stets zu vage und zu verworren, um sie eingehender zu prüfen. Ins Visier von Finanzaufsicht und Justiz gerieten stattdessen mehrere Urheber der Vorwürfe: Sie hätten Gerüchte in die Welt gesetzt, um den Aktienkurs zu beeinflussen, stellte in einem Fall sogar das Landgericht München rechtskräftig fest. Zwei Ex-Funktionäre der SdK wurden deshalb 2012 wegen Marktmanipulation verurteilt.

In einem weiteren Verfahren beantragte die Staatsanwaltschaft 2018 beim Amtsgericht München einen Strafbefehl gegen den „Zatarra“-Herausgeber Fraser Perring. Dieser Prozess dauert an. Ein zweiter Beschuldigter erreichte mit einer Geldauflage, dass das „Zatarra“-Verfahren gegen ihn eingestellt wurde. Auch in den Berichten der „FT“ sehen deutsche Behörden lediglich Anhaltspunkte für Marktmanipulation. Die Polizei in Singapur durchsuchte nach eigenen Angaben allerdings am Freitag die dortige Niederlassung von Wirecard. Zur Stoßrichtung ihrer Ermittlungen äußerte sich die Behörde nicht.

WARUM REAGIERT DER AKTIENKURS SO STARK?

Wirecard ist der Dax-Wert mit den heftigsten Kursschwankungen. Im vergangenen Jahr legte die Aktie mit 42,7 Prozent so stark zu wie kein anderes der 30 Dax-Mitglieder. Beim Bekanntwerden der verschiedenen Anschuldigungen stürzte die Aktie aber auch immer wieder ungewöhnlich stark ab. So verlor Wirecard nach den jüngsten „FT“-Berichten mehr als ein Drittel seines Börsenwerts. Binnen weniger Tage wurden nahezu die gesamten Kursgewinne des vergangenen Jahres ausradiert.

Für die Ausschläge nennen Börsianer die Negativschlagzeilen nur als eine von mehreren Erklärungen. Zum einen spiegele der Kursanstieg noch stärker als bei anderen Dax-Konzernen die Hoffnung auf künftiges Wachstum wider. Damit steige andererseits aber auch die Anfälligkeit für Rückschläge, auch durch kurzfristige Verkäufe, um Kursgewinne einzustreichen. Das wiederum machen sich bestimmte Investoren zunutze, indem sie gezielt auf fallende Kurse setzen. So wetten die Hedgefonds Slate Path und Odey mit Leerverkäufen auf einen weiteren Verfall der Aktie. Andere Großinvestoren wie Blackrock dagegen dokumentieren mit langfristigen Aktienanteilen von mehr als fünf Prozent, dass sie an einen nachhaltigen Wertzuwachs glauben. Von 29 Analysten, die Wirecard ständig beobachten, empfehlen 24 die Aktie zum Kauf.