Gold als Währungsbasis? Wenig erfolgversprechend, aber …

Lesezeit: 14 min
04.08.2019 07:50
China und Russland ziehen eine Form der Goldbasierung ihrer Währungen in Betracht. Sie häufen seit 10 Jahren erhebliche Goldreserven an. Dies dürfte mehr eine Diversifikation der Währungsreserven oder eine negative Einschätzung über den US-Dollar reflektieren denn eine erfolgversprechende Perspektive für ein internationales goldbasiertes Währungssystem.
Gold als Währungsbasis? Wenig erfolgversprechend, aber …
Ein Goldbarren. (Foto: dpa)

Nicht nur die Autoritäten in Beijing oder Moskau denken an Gold, sondern auch kritische Ökonomen in den OECD-Ländern. Sie sehen einerseits mit Besorgnis die Explosion der weltweiten Verschuldung. Andererseits beobachten sie einen Kurs der Finanz-, Geld- und Strukturpolitiken, der diese Verschuldungsspirale nicht nur nicht aufhält, sondern erst recht anfeuert – mit präzedenzlosen Effekten auf die Fehlallokation von Aktiven und damit im Hinblick auf mögliche Verschuldungsprobleme. Allerlei apokalyptische Szenarien erscheinen ihnen möglich. Deshalb sind manche versucht, eine wie auch immer geartete Rückkehr zu einem goldbasierten System in Erwägung zu ziehen.

Eine faktenbasierte Analyse lässt ihnen wenig Hoffnung. Wichtige Punkte sollen in einigen Artikeln hervorgehoben werden. In diesem Artikel im Vordergrund: Die Limite der globalen Goldproduktion.

Kurze Genesis des Goldstandards

Historisch hat Gold als Basis des internationalen Währungssystems gedient:

Der klassische Goldstandard war ein System der Goldumlaufswährungen und als solches eine fast exklusive britische Schöpfung. Der Goldstandard knüpfte an eine Praxis der Goldmünzen im UK an, die bereits 1711 etabliert worden war. Formalisiert wurde sie 1821, indem der Wert des Pfundes durch den Goldgehalt von Münzen definiert wurde. Die britische Bank Charter Act von 1844 sah zusätzlich eine alleinige Ausgabe von Noten durch die Bank of England vor, welche dafür einen fixen Prozentsatz des Notenumlaufs mit Gold zumeist in Münzform decken musste. Gold wurde im klassischen Goldstandard also hauptsächlich vom Publikum in Münzform und von den Notenbanken zur Unterlegung des Notenumlaufs gehalten.

Der klassische Goldstandard war ein Fixkurs-Wechselkurssystem ohne Anpassung der nominellen Wechselkurse. Durch den Goldstandard wurde Gold zur Basis-Recheneinheit für die Wechselkurse. Der Preis einer Währung wurde aufgrund des Goldgehalts meist pro Feinunze Gold festgelegt. Gold wurde aber wenig als Zahlungsmittel im Außenhandel oder zum Zahlungsbilanzausgleich verwendet. Internationales Zahlungsmittel war vor allem der Wechsel, ein hochstandardisiertes Handels- und Finanzpapier. Im Außenhandel zumeist in Pfund denominiert wurden die pfundbasierten Wechsel im Finanzplatz London verarbeitet und abgewickelt.

Von den 1870er Jahren an übernahmen zunächst das Deutsche Kaiserreich und skandinavische Länder den Goldstandard, dann sattelten bis zur Jahrhundertwende immer mehr Länder auf das britische Modell des Goldstandards um. Der klassische Goldstandard war ein internationales Währungssystem von den 1870er Jahren bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Zu diesem Zeitpunkt wurde er von den meisten Ländern suspendiert und in den 1920 Jahren nochmals eingeführt.

In den beiden Weltkriegen und der Zwischenkriegszeit mutierte der Goldstandard zu einem Goldbarren-basierten Währungssystem. Die private Haltung von Goldmünzen als Zahlungsmittel und die Garantie und Deckung des Notenumlaufs durch Gold wurden abgeschafft. Stattdessen konzentrierten die Notenbanken Gold in Barrenform als Währungsreserve. Internationale Goldverschiebungen kamen nun zum Zahlungsbilanzausgleich häufig zum Zuge. Neben Gold hielten die Notenbanken zusätzlich andere Währungen als Reserve-Aktiven, was im Abkommen von Locarno 1922 kodifiziert wurde. Der Goldstandard mutierte zu einem Gold-Devisenstandard.

Durch die Kriegslieferungen,durch Kredite an die Alliierten sowie durch die Abkehr des Vereinigten Königreichs und der meisten Länder vom Goldstandard konzentrierte sich die Goldhaltung in den Vereinigten Staaten. Nach einem gescheiterten Experiment der Rückkehr zur Vorkriegs-Parität gab das Vereinigte Königreich, das Zentrum des Systems der Vorkriegszeit, im Herbst 1931 den Goldstandard auf. Dies läutete eine Abwertungsspirale ein. Nur die USA fixierten den Wert ihrer Währung weiterhin am Gold, mussten den Dollar aber 1933/34 von 20.67 auf 35 Dollar pro Unze Gold abwerten. Auf diesem Stand blieb der Goldpreis bis zum Ende des Systems von Bretton-Woods fixiert. Am Ende des Zweiten Weltkrieges konzentrierten die Vereinigten Staaten rund Zwei Drittel aller Währungsreserven auf sich. De facto wurde der Goldstandard also zu einem Gold-/Dollar-Standard.

Im Jahr 1944 konzipierten Bretton-Woods-System wurde der goldbasierte Dollar zur internationalen Hauptwährung. Der Wert der Währungen wurde gegenüber dem Dollar festgelegt. Das System war ein Fixkurssystem mit der Möglichkeit, limitierte Währungsanpassungen vorzunehmen. Zusätzlich enthielt es Kapitalverkehrskontrollen als Instrument des Zahlungsbilanz-Managements. Durch die rasche Wirtschaftsentwicklung in Westeuropa und durch eine zu expansive Geld- und Finanzpolitik der USA begannen die Goldreserven der amerikanischen Zentralbank in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre an rasch zu schwinden. Eine Rolle spielt auch die Begrenzung der globalen Goldproduktion. Ausländische Zentralbanken und vor allem das Publikum in Westeuropa begannen angesichts steigender Inflationsraten Gold als Aktivum wiederzuentdecken.

1971 hob der amerikanische Präsident Nixon die Goldeinlösepflicht des Dollars auf. Seither ist das internationale Währungssystem nicht mehr goldbasiert, aber immer noch vom Dollar dominiert. Es enthält eine große Dollarzone, etwa der OPEC-Produzentenländer, kombiniert mit flexiblen Wechselkursen vor allem der europäischen Währungen (seit 1999 des Euro), Japans, der lateinamerikanischen und teilweise der asiatischen Währungen. Die Notenbanken der westlichen Länder halten immer noch Gold als ein Reserve-Aktivum, allerdings mit sehr unterschiedlichem Anteil an den gesamten Währungsreserven.

Der Goldpreis ist seit 1971 massiv in die Höhe gestiegen – dies in zwei Schüben. In den 1970er Jahren stieg er von 35 auf fast 700 Dollar im Jahr 1980. Dann korrigierte er während rund zweier Jahrzehnte und fiel bis 1999 auf rund 250 Dollar zurück. Von 2000 bis 2011 stieg er von 250 auf über 1700 Dollar an. Seither ist er in einer Korrekturphase. Die folgende Grafik gibt einen Eindruck von der Wucht des Goldpreis-Anstiegs über die letzten 50 Jahre. Sie überzeichnet aber, weil sie nicht halblogarithmisch ist, den jüngsten Anstieg des Goldpreises in den 2000er Jahren relativ zu dem der 1970er Jahre. Gold ist somit zu einer Anlageklasse mit sehr spezifischen Eigenschaften geworden.

 

In den letzten zwei Jahrzehnten haben die Notenbanken wichtiger Schwellenländer erhebliche Goldreserven aufgebaut – vor allem Russland und China. Dies folgte einer langen Periode, in der die Zentralbanken bis Ende der 1990er Jahre eher Gold abbauten.

Die Goldproduktion als inhärente Begrenzung eines goldbasierten Währungssystems

Ein erstes Problem stellt sich aufgrund der Goldproduktion und der verfügbaren Goldreserven.

Die Goldproduktion ist historisch über die letzten 170 Jahre zwar deutlich angestiegen – aber mit riesigen Unterschieden zwischen den verschiedenen Epochen. Sie hat sich von weniger als 50 Tonnen pro Jahr vor 1850 über 700 Tonnen pro Jahr beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914, dem Ende des klassischen Goldstandards vervierzehnfacht. Bis 1971, dem Ende des goldbasierten Bretton-Woods-Systems, ist sie weiter auf rund 1500 Tonnen jährlich angestiegen, hat sich also nur noch etwas mehr als verdoppelt. Bis Stand heute hat sie sich gegenüber 1971 nochmals etwas mehr als verdoppelt, auf rund 3.300 Tonnen pro Jahr.

Gegenüber dem Anstieg des weltweiten Bruttoinlandsprodukts oder anderer realwirtschaftlicher Indikatoren repräsentiert dies sehr wenig. Gar nichts ist es im Vergleich zum Anstieg der Bankbilanzen, der Depositen, Kredite oder der Geldmengen auf weltweiter Basis. Mit der heutigen Goldproduktion und den vorhandenen Goldreserven wäre ein auf Golddeckung basierendes weltweites Fixkurssystem heute wohl kaum möglich. In Betracht käme allenfalls ein zeitlich begrenztes regionales goldbasiertes System oder wohl besser Experiment.

 

Nicht nur hat sich die Wachstumsrate der weltweiten Goldförderung nach 1914 abgeflacht, auch die Triebkräfte und die Erscheinungsform haben sich geändert. Der Anstieg der Goldförderung erfolgte im 20. und im 21. Jahrhundert anders als bis zum Ersten Weltkriegs.

Im 19. Jahrhundert waren es vier große und weitere kleinere ‚gold rushes‘, welche die Goldproduktion scharf ansteigen ließen. Sie brachten einen globalen Ansturm von Abenteurern, Glückssuchenden und Unternehmern aller Art in die Brennpunkte mit sich. Die privatwirtschaftlich betriebene Produktion stieg daraufhin in den betroffenen Gebieten explosionsartig an. Diese wurden innerhalb weniger Jahre zu reichen ‚hotspots’ einer neuen Globalisierung oder auch Kolonisierung. Die vier großen ‚gold rushes‘ betrafen Kalifornien bzw. die Vereinigten Staaten von 1848 an, Australien von 1850 an, die Region Johannesburg in Transvaal / Südafrika von 1886 an und Klondyke / Yukon in Kanada von 1898 an. Diese vier Länder machten von 1850 an in der ganzen Periode des Goldstandards bis zum Ende 1971 meist über 75 und teilweise bis über 90 Prozent der globalen Goldförderung (exklusive der Sowjetunion) aus. Andere kleinere ‚gold rushes‘ erfolgten in Neuseeland (1860er Jahre), Mexiko und Süd-Rhodesien (1890er Jahre), etwas später in der Goldküste, dem heutigen Ghana.

Bis 1914 genügte der Anstieg der Goldförderung den Anforderungen eines goldbasierten Fixkurssystems. Diese Erfahrung subsequenter ‚gold rushes‘ und der scheinbar problemlosen Funktionsweise stimmte die Zeitgenossen wie auch die Mehrzahl von Ökonomen und Entscheidungsträgern optimistisch, dass ein solches goldbasiertes System optimal wäre.

Von 1914 an bis zum Ende des Bretton-Woods-Systems lagen die Dinge aber wesentlich anders. Nicht nur wuchs die Goldproduktion stark verlangsamt und sehr ungleich. Es gab zwei lange Perioden zu geringer Goldförderung in den beiden Weltkriegen und deren Folgejahren, dann aber Phasen steigender Produktion in den späten 1930er und wieder in den 1950er und 1960er Jahren.

Dahinter stand die Wirkung von inflationären Kostensteigerungen versus fixierter Goldpreise. Die Goldproduktion bei einem Goldstandard basiert darauf, dass die Verkaufspreise für Gold fixiert sind. Die Goldproduzenten produzieren im Unterschied zu anderen Industrien in einem Umfeld, wo sie die Verkaufspreise nicht an die Kostenentwicklung anpassen können. Die allgemeine und die industriespezifische Kostensteigerung bzw die industriespezifische Produktivitätssteigerung üben dann einen wesentlichen Effekt auf die Goldproduktion aus.

Beide Weltkriege führten zu heftiger Inflation in allen Industrieländern. In beiden Weltkriegen wie im Anschluss daran hielten die Vereinigten Staaten an der Goldparität des Dollars fest. Die erste Wirkung der Inflation in den Weltkriegen und unmittelbar danach war, dass die globale Goldproduktion einbrach, nicht nur während der Weltkriege, sondern auch in der Folgezeit – die ganzen 1920er Jahre und die Jahre bis 1953. Die privatwirtschaftliche Goldproduktion wurde durch den inflationsbedingten Kostenanstieg unrentabel, weil der Goldpreis als Erlös fixiert war. Real sank er ganz erheblich.

Nur in den 1930er Jahren erholte sich die Goldförderung auf breiter Basis. Südafrika, die Vereinigten Staaten, Kanada, Australien sowie andere Produzentenländer vermochten den Gold-Ausstoß markant zu steigern. Der Grund war die kombinierte Wirkung der Pfund- (1931) und der Dollarabwertung (1933 / 34) gegenüber dem Goldpreis. Parallel zur Abwertung des britischen Pfundes wurden auch der südafrikanische Rand, der australische und kanadische Dollar und weitere Währungen von Produzentenländern abgewertet. Die Verkaufspreise für Gold stiegen dadurch markant an, was zahlreiche Goldminen wieder profitabel machte. Mit anderen Worten waren es die zeitlich eng aufeinanderfolgende definitive respektive temporäre Abkehr vom Goldstandard der beiden führenden Länder des Goldstandards für die Ausdehnung verantwortlich - ein singuläres historisches Ereignis.

Die vier hier gezeigten Produzentenländer machten in der ganzen Periode 1850 bis 1914 immer einen dominanten Anteil von 70 bis über 90 Prozent an der globalen Goldförderung aus. Was fehlt, ist die Goldförderung Russlands bzw. der Sowjetunion, des fünften großen Produzentenlandes. Dies ist der Datengrundlage geschuldet. Während solche Daten für die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion vorliegen, konnten außer Schätzungen keine Daten für die Periode der UDSSR gefunden werden. Sie wurden damals als Staatsgeheimnis behandelt. Und sind zumindest international oder der russischen Sprache nicht mächtigen Lesers bis heute nicht zugänglich. Wichtig ist, dass die Goldproduktion der Sowjetunion für die Funktionsweise des Weltwährungssystems bis auf die Exporte in wenigen Jahren irrelevant war.

Aus der Grafik geht deutlich hervor, wie die ‚gold rushes‘ der 1850er Jahre die Produktion in den USA und in Australien sofort explosiv ansteigen ließen. Ähnliches kann für kleinere solcher ‚rushes‘ in Neuseeland (1860er Jahre), Rhodesien und Mexico (1890er Jahre) oder Ghana (1900er Jahre gezeigt) werden. Die offizielle Bezeichnung für Ghana – nomen est omen – war damals übrigens ‚gold coast‘.

Die hauptsächliche Aussage der Grafik ist die absolute Dominanz der Goldproduktion Südafrikas im 20. Jahrhundert. In der ganzen Nachkriegszeit bis zum Ende von Bretton-Woods war es nur noch die Goldproduktion in Südafrika, welche die globale Goldproduktion ansteigen ließ. Die Goldproduktion sank in allen anderen wichtigen Förderländern noch bis in die 1970er Jahre ab, brach sogar regelrecht ein. Sie war nicht mehr rentabel. Am Ende des Bretton-Woods Systems machte die Goldproduktion Südafrikas nicht weniger als zwei Drittel der globalen Goldproduktion und 80 Prozent der globalen Goldproduktion exklusive der Sowjetunion aus.

Diese Elastizität des südafrikanischen Goldproduktion beruhte auf einer weltweit einzigartig produktiven Gesteinsformation im Witwatersrand-Gebiet rund um Johannesburg und, später (1938) entdeckt und ab Ende der 1940er Jahre abgebaut, im Orange Free State um Bloemfontain. Kein anderes Gebiet der Welt hatte solch hochkonzentrierte Reserven.

Doch dies ist nur ein Teil der Erklärung: Diese Reserven lagen nämlich tief unter der Erdoberfläche. Sie mussten im Tief-Bergbau bis zu mehrere Kilometer unter der Erdoberfläche erschlossen und abgebaut werden. Der Abbau erforderte ganz andere technischen Methoden als die jeweils zeitgenössisch verfügbaren. Die Entwicklung war von technologischen Durchbrüchen im Goldbergbau bestimmt. Eine der Konsequenzen war ein sehr hoher Kapitaleinsatz. Ökonomisch gesprochen war der südafrikanische Bergbau von Anfang an von einem sehr hohen Kapitalkoeffizienten, der Relation zwischen Kapitalstock und Produktionsleistung, gekennzeichnet. Dass er bei fixierten Goldpreisen profitabel betrieben werden konnte, war nur bei äußerst geringen Arbeitskosten möglich.

Diese Gesamtkonstellation erklärt einige der Besonderheiten der Entwicklung in Südafrika. Von Anfang an waren es wenige große Gesellschaften und nicht Hunderte von kleinen wie anderswo, welche den südafrikanischen Bergbau dominierten und teils kartellartige Praktiken hatten. Sie waren zunächst im großen Maßstab von ausländischer Finanzierung abhängig.

Diese Kräfte waren fähig, das Vereinigte Königreich zu einem Einschreiten in den Konflikten mit den Buren um die Kontrolle der Goldminen zu veranlassen. Das Vereinigte Königreich schickte im zweiten Burenkrieg 1899-1902 eine Armee von 500.000 Mann, um die Dominanz der Randlords über die Goldminen sicherzustellen und die Buren ein für allemal aus dieser wichtigsten Industrie Südafrikas fernzuhalten.

Schritt für Schritt veranlassten sie den südafrikanischen Staat, optimale Bedingungen für ihren Arbeitsmarkt zu schaffen. Im Kern lief dies auf eine Form von Segmentierung des Arbeitsmarktes hinaus. Sie beinhaltete eine Form von Zwangsarbeit für Farbige Einheimische und Fremdarbeiter. Final institutionalisiert wurde dieses Regime mit dem Ende der 1940er Jahre eingeführten Apartheid. Das Apartheid’s Regime zwang farbige Männer zur Minenarbeit, zur Segregation von ihren Familien, ihre Unterbringung in Werksgeländen und damit zu unterirdisch niedrigen Löhnen. 

Nicht nur Bodenschätze, Technologie, Investition und Finanzierung, Produktionsweise und Arbeitsmarkt waren in Südafrika anders. Auch die Vermarktung erfolgte auf andere Art und Weise. Die Minen verkauften ihr Gold nicht individuell auf dem Weltmarkt, sondern zentral an die südafrikanische Zentralbank, die Reserve Bank of South Africa. Diese sorgte dann für den reibungslosen Absatz in London, Zürich, New York und bei den wichtigen Zentralbanken.

Das Apartheids-Regime war ein integraler Bestandteil des Bretton-Woods-Systems, was gerne von allen Seiten ‚übersehen‘ wird. Ohne das oppressive Zwangsarbeits-System, perfektioniert im Apartheids-Regime, wäre der südafrikanische Tiefen-Bergbau nie rentabel gewesen. Die globale Goldproduktion wäre unter dem Goldstandard schon viel früher zusammengebrochen. Und den Goldstandard in welcher Form auch immer hätte es schon viel früher nicht mehr gegeben.

Diese zwei Phasen der steigenden Goldproduktion in den 1930er und in den 1950er/60er Jahren beruhten also auf absoluten Sonderfaktoren, die an sich mit der Funktionsweise eines goldbasierten internationalen Währungssystems nicht vereinbar waren bzw. nichts zu tun haben. Diese Punkte sind in der wissenschaftlichen Diskussion um den Goldstandard geflissentlich übersehen worden.

Das Ende des Goldstandards 1971 ist in der Literatur mehr oder weniger einvernehmlich dem Unwillen der Administration Nixon zugeschrieben worden, sich der ‚Disziplin‘ des Goldstandards zu unterwerfen. Die amerikanischen Goldreserven litten unter Schwindsucht. Dies hätte eine restriktive Geld- und Finanzpolitik verlangt, um die eskalierenden Defizite der Handelsbilanz sowie die inflationäre Überhitzung der amerikanischen Wirtschaft zu verhindern – zu viel verlangt von einem unpopulären Präsidenten rund ein Jahr vor den Präsidentschaftswahlen.

Das ist nicht falsch, aber eben nicht die ganze Wahrheit. Der Goldstandard war auch so am Ende, weil die Goldproduktion Südafrikas bereits zu Beginn der 1970er Jahre düstere Zukunftsaussichten hatte. Die Unternehmen machten seit Jahren keine Gewinne mehr. Sie waren nicht in der Lage, weitere Investitionen zu finanzieren und die Produktion aufrechtzuerhalten – geschweige denn weiter auszudehnen. Große Teile der Goldreserven galten als erschöpft, vor allem im Witwatersrand-Gebiet um Johannesburg. Den Entscheidungsträgern in den USA dürfte dies durch die permanenten intensiven Kontakte mit der südafrikanischen Zentralbank bekannt gewesen sein.

Zudem gab es einen neuen zusätzlichen Faktor der Goldnachfrage. Die Inflation war in verschiedenen Ländern Europas schon in den 1960er Jahren deutlich erhöht. Zusammen mit dem starken Wirtschaftswachstum stärkte dies die Goldnachfrage der privaten Haushalte, ein wichtiger Faktor des Schwindens der amerikanischen Reserven. Im Unterschied zu den USA war die Goldhaltung in Europa durch Private nicht verboten. Und es gab neben Immobilien und Gold kaum Anlagealternativen in einem Regime mit rigiden Kapitalverkehrs-Kontrollen. Anlagen in Fremdwährungen waren schwierig oder unmöglich. Der Mai 1968 und der heiße Herbst 1969 in Italien ließen die Goldnachfrage in Europa förmlich explodieren – nicht nur aus Inflationsgründen, weil die Löhne massiv angehoben wurden und eine Lohn-Preis- Spirale in Gang setzten, sondern aus tiefer politischer Unsicherheit, weil plötzlich die Machtübernahme von Volksfront-Regierungen eine realistische Perspektive darstellte.

Der Bretton-Woods-Standard zerbrach also an den inneren Widersprüchen eines Gold-basierten Systems mit Kapitalverkehrs-Kontrollen. Ein fixer Goldpreis der Weltwährung verhindert eine Anpassung der Verkaufspreise der Goldproduzenten, die ihre Kosten nicht abwälzen können. Die Kosten steigen, weil Gold ein sehr seltenes Edelmetall ist und immer komplexere Abbauverfahren in tieferen Gesteinsschichten erfordert. Die Folge ist ein Zusammenbruch der Goldproduktion – in Südafrika während zweier Jahrzehnte aufgehalten durch das Zwangsarbeits-System der Apartheid. Die Goldnachfrage kann in einem Regime mit Kapitalverkehrs-Kontrollen aus Inflations- und Unsicherheits-Gründen plötzlich explodieren. Im klassischen Goldstandard hatte es keine Kapitalverkehrs-Kontrollen gegeben – ein Punkt, den die Architekten des Systems von Bretton-Woods vernachlässigt hatten.

Goldangebot. Goldproduktion. Goldnachfrage seit 1971

Der Rest ist schnell erzählt. Die Goldpreise explodierten in den 1970er Jahren – weiter angetrieben durch die beiden Erdöl-Preisschocks. Inflation und politische Unsicherheit breiteten sich weiter aus, vor allem in Großbritannien unter den Premier-Ministern Harald Wilson und James Callaghan. Gold war die Fluchtwährung in einem Regime mit rigiden Kapitalverkehrs-Kontrollen. Die amerikanische Regierung erlaubte zusätzlich 1974 den privaten Goldbesitz wieder, was dort die Goldnachfrage anheizte. Die Goldproduktion war demgegenüber stark rückläufig – vor allem durch den Einbruch in Südafrika.

Erst die Explosion der Goldpreise in den 1970er und wieder in den 2000er Jahren haben die globale Goldproduktion auf die heutigen Niveaus anschwellen lassen – dies jeweils mit gehöriger zeitlicher Verzögerung von fast einem Jahrzehnt. Sehr schön ist dies sichtbar an den Produktionszahlen in Australien, in den USA und in Kanada in der Grafik. Bis neue Goldreserven identifiziert, alle Vorarbeiten gemacht, die nötigen Investitionen getätigt und die Infrastruktur bereitgestellt sind, dauerte es Jahre. Sowohl die 1970er als auch die 2000r Jahre waren Jahrzehnte des Einbruchs der südafrikanischen Goldförderung.

Anders als im 20. Jahrhundert ist die Goldproduktion nicht mehr durch diejenige in Südafrika bestimmt, sondern viel breiter basiert. Neue Produzentenländer wie China und Russland als größte sind hinzugekommen – aber auch weitere wie Peru. Die Goldproduktion Südafrikas, des wichtigsten Produzentenlandes des ganzen 20. Jahrhunderts, ist zusammengebrochen und repräsentiert heute nur noch einen Bruchteil des Standes von 1970.

Gemäß den offiziellen Zahlen des United States Geological Survey bieten die verfügbaren Reserven der Goldproduktion bescheidene Perspektiven. Auf dem heutigen Niveau der Goldproduktion gibt es nur noch für ungefähr 17 Jahre bisher noch nicht geförderte Goldreserven. Ein neues Südafrika ist nicht in Sicht. Lägen die Goldpreise nochmals wesentlich höher, könnten allenfalls neue oder stillgelegte existierende Minen wieder profitabel werden.

Das gesamte Goldangebot ist heute umgekehrt etwas weniger von der Goldminenproduktion abhängig. Rund ein Drittel des globalen Goldangebots kommt jährlich aus dem Recycling von Gold aus früheren industriellen Anwendungen, der Zahnmedizin und aus der Gewinnung aus Goldschmuck. Diese Wiederverwertung verlängert den Lebenszyklus von Gold.

Dem beschränkten Goldangebot steht eine stetig wachsende private Goldnachfrage gegenüber. In den 1970er Jahren war es die Flucht in das Gold durch europäische und amerikanische Anleger, welche die Goldpreise explodieren ließ. Im 21. Jahrhundert ist es vor allem die ständig wachsende Goldnachfrage der Ober- und Mittelklasse in Indien und in China, also in Schwellenländern. Die private Goldnachfrage für Schmuck- und für Investitionszwecke repräsentiert gemäß den Zahlen des World Gold Council immer noch mehr als die Hälfte der gesamten weltweiten Goldnachfrage. In beiden Ländern ist es Inflation und finanzielle Repression in einem Regime mit rigiden (China) Kapitalverkehrs-Kontrollen. Hinzu kommen die Nachfrage der Industrie und nur noch wenig der Zahnmedizin.

Zusammenfassung

Der Goldstandard ist ein Währungssystem aus einer historischen Periode, das unter bestimmten Bedingungen funktional war – der Periode sukzessiver Entdeckungen und ‚gold-rushes‘ vor dem Ersten Weltkrieg einerseits und der Konzentration der Goldreserven in den USA nach dem Zweiten Weltkrieg andererseits. Die beiden Epochen entsprachen darüber hinaus grob der britischen bzw. amerikanischen Dominanz der Weltwirtschaft. Und sie waren inhärent mit einem kolonial-imperialistischen Modell der Goldproduktion verbunden.

Ein wie auch immer gestalteter Goldstandard hat aber inhärente Instabilität. Die historische Erfahrung seit dem Ersten Weltkrieg zeigt, dass eine Fixierung der Währungen an einen bestimmten Goldpreis nur unter Ausnahmebedingungen möglich ist oder wäre: Einem vorgängigen Goldpreisanstieg und/oder Zwangsarbeits-Bedingungen in der Goldindustrie. Sonst würde die Goldproduktion zusammenbrechen. Gold ist ein seltenes Edelmetall, dessen marginale Produktionskosten rasch ansteigen. Die Reserven sind so knapp geworden, dass heute eine Rückkehr ein zum Scheitern verurteiltes Experiment wäre.

Gold ist ein Anlagemedium mit bestimmten Eigenschaften und Marktteilnehmern geworden: Es reagiert stark auf den Wechselkurs des Dollars und auf die Dollarzinsen – wie andere Rohstoffe auch. Darüber hinaus kann es als ‚safe-haven‘ Anlagemedium in Zeiten politischer oder Markt-Turbulenz herhalten. Angebot und Nachfrage sind aber grundverschieden von anderen Rohstoffen. Auf der Produktionsseite sind die Reserven gering geworden. Produktionspotenzial und Reserven Südafrikas, des alles dominierenden Produktionslandes des 20. Jahrhunderts, sind erschöpft. Und auf der Nachfrageseite sind mit den Käufen der Mittel- und Oberschicht sowie den Zentralbanken aus großen Schwellenländern spezielle Marktbedingungen vorhanden. Die jüngste Entscheidung der Europäischen Zentralbanken, das Gold-Pool Agreement nicht zu verlängern, kann darüber hinaus bedeuten, dass einige europäische Zentralbanken wieder als Käufer im Goldmarkt auftreten werden.

Quellen für die Produktionszahlen der wichtigsten Produzentenländer:

  • USA Historical Statistics of the United States
  • Südafrika, Australien, Kanada seit 1913: British Geological Survey: Word Mineral Statistics Data und Historical Archive
  • Kanada vor 1913: StatCan
  • Australien vor 1913: Statistical Yearbook Commonwealth of Australia
  • Südafrika vor 1913: Transvaal Chamber of Commerce, Annual Reports, zitiert in verschiedenen Publikationen
  • Welt-Goldproduktion: United States Geological Survey.



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