Finanzen

Zehntausende deutsche Bank-Kunden beantragen Stundung ihrer Kredite

Lesezeit: 3 min
16.07.2020 09:00
Zehntausende Kunden deutscher Banken haben eine Stundung ihrer Kreditzahlungen beantragt. Auch weltweit verstärken Finanzinstitute ihre Rücklagen für mögliche Zahlungsausfälle.
Zehntausende deutsche Bank-Kunden beantragen Stundung ihrer Kredite
Die Frankfurter Skyline im Abendlicht. (Foto: dpa)
Foto: Arne Dedert

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Bei den deutschen Genossenschaftsbanken haben Kunden Stundungen ihrer Kreditzahlungen über insgesamt 15,7 Milliarden Euro beantragt, etwa 98.700 Konten seien davon betroffen. „Das sind 2,7 Prozent des Kreditvolumens“, sagte BVR-Vorstand Gerhard Hofmann, wie die dpa berichtet. Da das von der Bundesregierung in der Corona-Krise verhängte Moratorium Ende Juni ausgelaufen sei, gehe der Verband davon aus, dass die Banken sich jeweils bewusst mit den Kunden auf die Kreditstundung geeinigt hätten. Daher dürften diese Stundungen nur in geringem Ausmaß ausfallgefährdet sein. Zudem seien 96 Prozent der betroffenen Darlehen mit Immobilien besichert. Bislang habe die Gruppe auch nur vereinzelte Kreditausfälle und keine größeren Insolvenzen gesehen. Der BVR sieht auch keine Welle an faulen Krediten auf die Genossenschaftsbanken zukommen. „Wir sehen für unsere Bankengruppe nicht die massiven Ausfälle in den nächsten Jahren“, sagte Hofmann.

Die genossenschaftliche Bankengruppe stellt sich zudem auf einen deutlichen Gewinnrückgang ein. „Natürlich sind die Aussichten getrübt von Corona“, sagte Andreas Martin, Vorstandsmitglied des Branchenverbands BVR. Ein wesentlicher Faktor sei eine erhöhte Vorsorge für faule Kredite. „Aber wir kommen auch von einem Niveau, wo wir gewisse Ausfälle verkraften können.“ Deshalb werde die Gruppe, zu der neben den Volks- und Raiffeisenbanken unter anderem die Fondsgesellschaft Union Investment und die R+V Versicherung gehören, auch 2020 einen Gewinn vor Steuern erzielen.

Wie bei anderen Geldhäuser stieg auch bei den Volks- und Raiffeisenbanken die Kreditnachfrage in der Corona-Krise kräftig. „In den Monaten März bis Juni 2020 lagen bei den Genossenschaftsbanken die monatlichen Zuwächse der Darlehensbestände an Privat- und Firmenkunden um rund 40 Prozent über den Zuwächsen des Darlehensbestandes in den Monaten vor Corona“, sagte BVR-Präsidentin Marija Kolak. Insgesamt hätten die Institute seit Anfang März rund 17 Milliarden Euro mehr Darlehen vergeben. Auch die Nachfrage nach den staatlichen KfW-Hilfskrediten ist hoch. „Aktuell verzeichnen die Genossenschaftsbanken fast 30.000 KfW-Corona-Förderkreditanträge mit einem Antragsvolumen von 7,7 Milliarden Euro.“

Kolak forderte weitere Hilfen des Staates für die Unternehmen. „Wir sehen mit Blick auf den Mittelstand, dass von der Coronapandemie geschwächte Unternehmen zunehmend staatliche Unterstützung zur Stärkung ihres Eigenkapitals benötigen.“

Trotz der Belastungen durch die Corona-Krise wollen die genossenschaftlichen Institute im Herbst Dividenden für 2019 an ihre Mitglieder ausschütten. Dafür haben sie 403 Millionen Euro zurückgelegt. Die europäischen Bankenaufseher hatten die Geldhäuser wegen der drohenden Belastungen durch die Corona-Pandemie aufgerufen, zumindest bis Oktober keine Gewinne auszuschütten. Die EZB-Bankenaufseher erwägen derzeit eine Verlängerung des Dividenden-Stopps.

Deutsche Bank erhöht Rücklagen für Kreditausfälle

Die Deutsche Bank hatte bereits vor einigen Tagen bekanntgegeben, dass die Zahl der Kunden, die wegen der Corona-Krise ihre Kredite nicht bedienen können, deutlich ansteigt. „"Wir haben bislang insgesamt etwa 70.000 Stundungsanträge von Privatkunden der Deutschen Bank und der Postbank erhalten", wird der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Karl von Rohr der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zitiert. Das entspreche einem „einstelligen Prozentsatz“ des gesamten Kreditportfolios. Die vorübergehende Stundung von Krediten war im Zuge der Corona-Krise von der Bundesregierung ermöglicht worden.

Deutschlands größte Privatbank will im zweiten Quartal zudem mehr Geld für faule Kredite in der Corona-Krise zurücklegen als zum Jahresstart. Das Geldhaus werde die Risikovorsorge voraussichtlich um 800 Millionen Euro aufstocken, sagte Finanzvorstand James von Moltke Mitte Juni in einer Online-Veranstaltung für Anleger. Zu Beginn der Corona-Pandemie hatte der Dax-Konzern für die Monate Januar bis März zu diesem Zweck 506 Millionen Euro zurückgelegt. Für das Gesamtjahr rechnet das Management damit, dass die Risikovorsorge 0,35 bis 0,45 Prozent des gesamten Kreditvolumens erreicht.

Er rechne nicht damit, dass sich die Entwicklung in der Krise weiter verschlimmere, sagte von Moltke. Das zweite Quartal sei wahrscheinlich der Tiefpunkt. Von der jüngsten Entwicklung im laufenden Geschäft der Bank zeigte er sich positiv überrascht. Nicht nur die Investmentbank, auch andere Bereiche hätten sich seit März deutlich stärker von der Krise erholt als vom Vorstand erwartet.

Der europäischen Bankenlandschaft sagte von Moltke große Veränderungen voraus. Auch weil Niedrigzinsen infolge der Krise noch länger anhalten dürften, komme die Branche um grundlegende Veränderungen nicht herum.

Auch in den USA werden Rücklagen erhöht

Auch in den USA erhöhen Geschäftsbanken ihre Rücklagen für mögliche Zahlungsausfälle beträchtlich. Die drei Großbanken JP Morgan, Wells Fargo und Citigroup haben ihre Reserven für das zweite Quartal von rund 18 Milliarden Dollar auf etwa 28 Milliarden Dollar erhöht – ein Höchststand, welcher einzig Ende 2008 nur knapp überboten wurde, berichtet der Finanzblog Zerohedge. Auch die Bank of America stockte ihre Rücklagen für Kreditausfälle im zweiten Quartal um weitere 5,1 Milliarden Dollar auf nun etwa 10 Milliarden Dollar auf, wie sie am Donnerstag bekanntgab.

Nachfolgende Grafik zeigt die Entwicklung der Rückstellungen für ausfallgefährdete Kredite bei JP Morgan, Wells Fargo und Citigroup seit Anfang des Jahrtausends:


Mehr zum Thema:  

DWN
Finanzen
Finanzen Weniger Administration, mehr Fokus: Mit digitaler bAV-Verwaltung den nächsten Schritt gehen

Was macht einen Arbeitsplatz attraktiver als andere. Sicherlich mehr als nur das monatliche Gehalt. Langfristiges Denken kann sich für...

DWN
Deutschland
Deutschland Scholz muss erneut vor einem Finanzausschuss aussagen

Finanzminister Olaf Scholz muss im Zuge der Ermittlungen gegen die Geldwäsche-Einheit FIU aussagen. Es ist nicht die erste...

DWN
Deutschland
Deutschland Experte: Unser Gesundheitssystem ist unsozial - wir brauchen mehr Umverteilung

Heinz Rothgang, Experte für Sozialpolitik und Gesundheitsökonomie, hat sich den Fragen der DWN gestellt.

DWN
Politik
Politik Frankreich zieht Botschafter aus den USA und Australien ab

Das von den USA gegen China in Stellung gebrachte angelsächsische Militär-Bündnis hat offenbar schwerwiegendere Folgen als gedacht....

DWN
Finanzen
Finanzen EZB: Wie die lockere Geldpolitik die Rente gefährdet

Die staatliche Rente hat nicht bloß ein Demografie-Problem. Niedrigzinsen und hohe Inflationsraten belasten zunehmend auch die gesetzliche...

DWN
Politik
Politik Bewegung in Nahost: Syrien, Libanon und Jordanien rücken enger zusammen

Die Diplomatie im Nahen Osten hat Hochkonjunktur: Syrien kann seine Beziehungen zu seinen Nachbarn weiter normalisieren, erstmals seit...

DWN
Finanzen
Finanzen China-Sorgen und Fed-Skepsis: Dax stürzt auf tiefsten Stand seit Juli

Der Dax setzt am Montag seine Talfahrt fort. Am frühen Nachmittag lag das Börsenbarometer mehr als 2 Prozent im Minus.

DWN
Finanzen
Finanzen Marc Friedrich: Wir stehen am Ende zweier großer Zyklen, jetzt kommt der globale Schuldenschnitt

Der Finanzautor Marc Friedrich sieht die Welt am Ende zweier bedeutender langfristiger Zyklen angekommen.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Plattform-Monopolisten: Der Großangriff auf den Mittelstand hat gerade erst begonnen

Große Tech-Monopolisten saugen den Mittelstand aus - solange, bis dieser zusammengebrochen ist. Ernst Wolff schildert die drastische...