Politik

Corona: Die Gesundheitspolitiker haben versagt - und uns den Lockdown eingebrockt

Lesezeit: 6 min
22.11.2020 09:59
DWN-Kolumnist Ronald Barazon analysiert, wie eine völlig verfehlte Gesundheitspolitik Deutschland und Europa in die derzeitige Misere gebracht hat.
Corona: Die Gesundheitspolitiker haben versagt - und uns den Lockdown eingebrockt
Rom: Der 60-jährige Patient Nazzareno Santilli nimmt mit Hilfe einer Kopfbedeckungs-Beatmung in einer Corona-Station der Poliklinik "Tor Vergata" Luft zu sich. (Foto: dpa)

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Die Ärzte lernen täglich, besser mit Covid-19 umzugehen, die Sterblichkeit geht zurück, die Patienten leiden weniger. Es ist zudem realistisch, dass zu Beginn des Jahre 2021 wirksame Impfstoffe zur Verfügung stehen. Mit anderen Worten: Es sind Fortschritte zu verzeichnen. Was aber tun die Politiker: Sie sperren – genau wie zu Beginn der Epidemie – die Menschen ein, lösen auf diese Weise reihenweise psychische Belastungen aus und ruinieren die Wirtschaft. Diese Vorgangsweise wird als „Gesundheitspolitik“ bezeichnet und mit der Drohung unterstützt, man werde nicht alle Kranken behandeln können, wenn es zu viele davon geben sollte, weil die Verbote nicht eingehalten wurden. Eins steht fest: Eine kluge Gesundheitspolitik wäre dringend notwendig - bleibt aber wohl nur ein frommer Wunsch.

Was geschah seit März, um die Versorgung mit Intensivstationen zu verbessern?

Die ständig wiederholte Parole lautet: Die Lockdowns seien erforderlich, um die Ausbreitung des Virus zu bremsen. Wir die Fallzahl zu hoch, seien die Spitäler überfordert, die Intensivstationen voll, und nur mehr die schwersten und dringendsten Fälle könnten behandelt werden – wir hätten dann die so gefürchtete „Triage“.

Das Klagelied über die ungenügende Zahl an Intensivstationen ist seit dem explosionsartigen Ausbruch der Pandemie, die zu Beginn des Jahres in Italien stattfand, zu hören. Wurde daraufhin europaweit eine Neuorganisation des Spitalwesens in Angriff genommen? Nein! Hat man sich von dem simplen Schlagwort „Die Intensivbetten werden knapp“ verabschiedet? Ebenfalls Nein! Das heißt, anstatt die notwendigen Maßnahmen in die Wege zu leiten, tut man nichts anderes, als die Öffentlichkeit mit der immer gleichen Propaganda-Keule in einen Dauer-Angst-Zustand zu versetzen. Was für ein komplettes politisches Versagen!

Jetzt ist die Lage in den Spitälern tatsächlich kritisch

Man macht sich nicht einmal die Mühe, präzise Definitionen vorzunehmen. Es gibt nämlich nicht „die“ Intensivstationen. Zu unterscheiden sind mindestens drei Stufen:

  • Die Beobachtung und Überwachung, die zwischen dem regulären Spital und der eigentlichen Intensivstation angesiedelt ist.
  • Die tatsächliche Intensivbehandlung.
  • Die Extremvariante ECMO (Extrakorporale Membran-Oxygenisierung), bei der eine Maschine die Atmung für den Patienten besorgt.

Zur Orientierung: Derzeit sind in Deutschland noch 6.225 Intensivplätze verfügbar, 1.367 in der leichten, 4.858 in der schweren und 472 in der schwersten Kategorie.

In den letzten sieben Tagen gab es 115.532 Infektionen. Wenn also 5,5 Prozent eine Intensivbehandlung in einer der drei Kategorien benötigen und nicht gleichzeitig viele die Intensivstationen verlassen, dann ist die Kapazität erschöpft und die Ärzte müssen Reihungen vornehmen (das heißt, entscheiden, wen sie behandeln und wen nicht).

Aus der Perspektive dieser Daten ist die Verhängung von Lockdowns verständlich. Und noch verständlicher ist sie etwa in Italien und Frankreich, wo die Ausstattung mit Intensivbetten und -stationen viel schlechter ist als in Deutschland und Österreich. Aber: So weit hätte es gar nicht kommen dürfen.

Denn:

Schon lang bekannte, nicht behobene Strukturmängel wirken sich aus

Die jetzt stattfindende Politik der Lockdowns ist durch die Not diktiert. Die entscheidende Frage ist, was man in den Monaten seit März getan hat, um mit der Pandemie effektiver umzugehen? Die ernüchternde Antwort: Wenig.

  • Die Zahl der Intensiv-Stationen auf allen drei Ebenen wurde nicht wesentlich gesteigert.
  • Da Covid-9 in erster Linie die Lunge angreift, macht sich nun ein seit vielen Jahren beklagter Umstand bemerkbar: Es gibt zu wenige Lungenstationen und zu wenige Beatmungseinheiten, die Intensivstationen entlasten können, wenn ein Patient die ärgste Krise überwunden hat.
  • Die Unterbringung neuer Geräte wäre eigentlich problemlos machbar, da die Spitäler seit Jahren durch die Verlagerung vieler Behandlungen in den ambulanten Bereich ausreichend Platz haben.
  • In erster Linie betroffen von einem schweren, oft tödlichen Krankheitsverlauf sind die Älteren. Das weiß man seit dem Ausbruch der Pandemie. Hat es ein Sonderprogramm für den Schutz der Senioren, vor allem in den Altenheimen, gegeben? Nein. Nach Monaten hört man zwar da und dort, es müsse mehr für die Älteren getan werden – es geschieht jedoch nichts.

Der Personalmangel wird als unlösbares Problem dargestellt

Noch ein Problem wird von der Politik als Begründung für den Lockdown vorgebracht: Es stünden zu wenige Ärzte zur Verfügung, und darüber hinaus sei der Mangel an Pflegekräften gravierend. Diese Problematik könne man nicht auf die Schnelle überwinden – schließlich dauere die Ausbildung einer Fachkraft nun einmal drei Jahre, das Studium eine Arztes sogar noch viel länger.

Das stimmt zwar. Aber: Derzeit wird in jedem Spital in Europa eine Notorganisation installiert. Man bremst die Arbeit in vielen Abteilungen, es kommt also bereits zu der angekündigten Reihung, zur „Triage“ von Patienten, zwar nicht innerhalb der Covid-Gruppe, aber insgesamt in den Krankenhäusern. Die frei werdenden Kräfte werden zu den Covid-Patienten verlagert, wodurch der Mangel an Fachpersonal entschärft wird.

Das sollte doch auch deutschlandweit, europaweit möglich sein. In Deutschland konzentriert sich die Covid-Welle auf Bayern und Nordrhein-Westfalen, manche Regionen sind kaum betroffen. Auch Italien ist insgesamt derzeit noch jedes zweite Intensivbett verfügbar, im Aosta-Tal jedoch nähert man sich bereits der Vollauslastung.

Merke: Wenn man wollte, könnte man. Das heißt, Gesundheitspolitik könnte viel mehr sein als die Verhängung von Lockdowns – wenn, ja wenn man ein umsichtiges Management betriebe!

Bei Covid werden die Menschenrechte ausgesetzt, aber die eigene Gesundheit darf man in aller Freiheit ruinieren

In hohem Maße gefährdet sind all jene Personen, die ihrer Gesundheit durch eigenes Handeln in hohem Maße schaden. Übergewicht, Alkohol sowie Mangel an Bewegung schwächen die Widerstandskraft – nicht nur, aber eben auch gegenüber Corona (in der Liste fehlt dieses Mal das Rauchen, das zwar unbestritten alle Lungenkrankheiten fördert, aber bei Covid-19 eine Sonderstellung hat: Nikotin erschwert dem Virus das Eindringen in die Wirtszellen, schützt also in gewisser Weise vor dem Virus. Wird ein Raucher aber dennoch infiziert, dann kommt es meist zu einer besonders schweren Erkrankung).

Bei den gesundheitlichen Schäden, die sich viele Menschen durch falsches Essen, Trinken und mangelnde Bewegung zufügen, beschränkt sich die Politik auf Empfehlungen. Eingriffe erfolgen zwar beim Rauchen, doch wer rauchen will, findet trotzdem den Weg zur Zigarette. Man scheut davor zurück, die persönliche Freiheit einzuschränken, und somit konsumiert europaweit etwa die Hälfte der Bevölkerung zu viel Zucker und zu viel Fett und bewegt sich zu wenig. Man ist nicht einmal bereit, den Zuckergehalt in Erfrischungsgetränken oder Fertiggerichten über die Lebensmittel-Vorschriften wirksam zu bekämpfen. Da wird die Freiheit der Einzelnen hochgehalten. Aber wenn es um einen Lockdown geht, dann gibt es keine Rücksichten, da wird mit Angstparolen die Verletzung aller Menschenrechte als unbedingt notwendig durchgesetzt.

Die neuen Impfstoffe kündigen einen weiteren Erfolg der Reparatur-Medizin an

Das sorglose Verhalten eines beachtlichen Teils der Bevölkerung im Zusammenhang mit Gesundheitsfragen ist wesentlich durch die Überzeugung bestimmt, dass die Ärzte ohnehin alles in den Griff kriegen können.

Tatsächlich dürfte die Entwicklung auf dem Weg zu einem Impfstoff gegen Covid-19 der Reparatur-Medizin einen neuen Triumph bescheren: „Pfizer“ gemeinsam mit dem deutschen Unternehmen „BioNTech“ sowie die US-Firma „Moderna“ berichten, dass sie in Kürze um die Zulassung der Präparate ansuchen werden und diese voraussichtlich bereits Anfang 2021 liefern können. Während bisher die Entwicklung von Impfungen immer Jahre gedauert hat, ermöglicht eine neue Technologie auf der Basis der Gentechnik sowohl Entwicklung als auch Produktion in kürzester Zeit.

Die neuen Impfstoffe basieren auf Nukleinsäure, genauer auf der Boten-Ribo-Nukleinsäure, die mit dem Kürzel mRNA (für „Messenger-RNA“) bezeichnet wird. Der mRNA-Impfstoff bringt den körpereigenen Zellen bei, das für die Abwehr des Virus erforderliche Protein zu erzeugen. Es handelt sich also um einen mechanischen Prozess, der sich grundlegend von den bisher üblichen Impfungen unterscheidet. Das traditionelle Prinzip der Impfung besteht darin, dem Körper das Virus in abgemilderter Form zu injizieren, also für eine schwache Erkrankung zu sorgen, die die Entwicklung von Abwehrstoffen auslöst, sodass man in der Folge gegen die Krankheit immun ist.

Bekanntlich lehnen nicht wenige Menschen die üblichen Impfungen ab, weil sie die künstliche Infektion als gefährlich erachten, obwohl tatsächlich zahlreiche Krankheiten von Kinderlähmung bis Masern auf diese Weise erfolgreich beseitigt wurden. Es bleibt nun abzuwarten, ob die neue gentechnische Variante angenommen wird. Allerdings hat die Gentechnik viele Gegner, die nicht akzeptieren, dass dieser Bereich der Medizin bereits eindrucksvolle Erfolge erzielt hat.

Bisher sind erst zwei Medikamente gegen Covid-19 in der EU approbiert

Wenn eingangs zu berichten war, dass die Ärzte bei der Behandlung von Covid-19 bereits große Fortschritte gemacht haben, so beruht dies in erster Linie auf den Erfahrungen im Umgang etwa mit den Atemproblemen (beispielsweise wann ein so genannter Tubus, eine Atemröhre, gesetzt oder wann Sauerstoff von außen zugeführt werden muss). Bei den Medikamenten gibt es noch keine endgültige Antwort, welches Präparat effektiv die Krankheit heilt. Eingesetzt werden zahlreiche Arzneimittel, die meist gegen andere Krankheiten entwickelt wurden und unterschiedliche Ergebnisse bringen. Weltweit wird in vielen Pharma-Firmen an Lösungen gearbeitet. Die „Europäische Arzneimittel-Agentur – EMA“ hat bisher nur zwei Produkte approbiert: „Remdesivir“, das unter dem Namen Vektury erhältlich ist, und ursprünglich gegen Ebola entwickelt wurde, und das Cortison-Präparat „Dexamethason“.

Die EU stolpert von einer Groteske in die nächste

Die EU liefert im Zusammenhang mit Covid-19 eine besondere Groteske nach der anderen.

  • Beschlossen wurde ein Wirtschaftsprogramm von 750 Milliarden Euro, um die Folgen der Lockdowns in den Mitgliedsstaaten abzufedern. Auch die laufenden Jahresbudgets wurden angehoben, sodass nun von 2021 bis 2027 1.100 Milliarden von der EU-Kommission ausgegeben werden können. Für die Erneuerung des europäischen Gesundheitswesens gibt es jedoch kein Programm. Dabei würde jeder Euro für eine bessere Intensiv-Versorgung viele Euro an wirtschaftlichem Schaden verhindern.
  • Und um die Groteske komplett zu machen, legen nun Polen und Ungarn ein Veto gegen die Milliarden-Pakete ein, weil die anderen EU-Staaten die Menschenrechtsverletzungen in den beiden Staaten durch die Streichung von Fördergeldern bestrafen wollen. „Weniger oder kein Geld bei Menschenrechtsverletzungen“ ist an sich schon eine absurde Formel, als ob Menschenrechte einen Preis hätten wie eine beliebige Ware.

Fazit: Die Spitäler, insbesondere in den Ländern mit einem unzureichend dotierten Gesundheitswesen wie in Frankreich, Spanien und Italien, werden weiterhin mit Mühe eine Katastrophe vermeiden. Deutschland und Österreich sind besser aufgestellt. Die Politik wird - in allen betroffenen Ländern - weiterhin hilflos Lockdowns verhängen, bis das Virus von sich aus nachlässt. Und bald schon sollen (und werden wahrscheinlich auch) die Impfungen und die Medikamente wirken, alle Schäden reparieren und dafür sorgen, dass niemand merkt, dass die Gesundheitspolitik versagt hat. Alle freuen sich bis es zur nächsten Pandemie kommt – und dann das ganze Spiel wieder von vorn beginnt!

                                                                            ***

Ronald Barazon war viele Jahre Chefredakteur der Salzburger Nachrichten. Er ist einer der angesehensten Wirtschaftsjournalisten in Europa und heute Chefredakteur der Zeitschrift „Der Volkswirt“ sowie Moderator beim ORF.


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