Weltwirtschaft

Hat China die Folgen von Corona übertrieben und harte Maßnahmen simuliert, um die Welt in zerstörerische Lockdowns zu treiben?

Lesezeit: 6 min
14.02.2021 12:20  Aktualisiert: 14.02.2021 12:20
DWN-Kolumnist Andre Jasch geht einem ungeheuerlichen Verdacht nach: Hat China bewusst darauf hingesteuert, die Welt durch Lockdowns zu schwächen?
Hat China die Folgen von Corona übertrieben und harte Maßnahmen simuliert, um die Welt in zerstörerische Lockdowns zu treiben?
Der Chinese Ruoteng Xiao jubelt über seine Goldmedaille im Mehrkampf bei den Turn-Weltmeisterschaften in Montreal. Ein immer häufigeres Bild: China triumphiert. (Foto: dpa)

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Der Lockdown ist Chinas größter Exportschlager. Peking hat über die WHO und die sozialen Medien dafür gesorgt, dass die Staaten dieser Welt restriktive Maßnahmen verhängen, ungeachtet der massiven ökonomischen und sozialen Folgen. Dabei ist die Effektivität harter Lockdowns umstritten und sind ihre Auswirkungen desaströs. Während Europa mit einer schweren Rezession kämpft, ist die Pandemie in China vorüber und die Wirtschaft floriert. Hat das Reich der Mitte die Krise instrumentalisiert, um am Ende als alleiniger Gewinner dazustehen?

Der Lockdown in Deutschland wurde kürzlich bis zum 7. März verlängert. Während die Opposition den eingeschlagenen Kurs der Regierung größtenteils unkritisch mitträgt, mehrt sich die Kritik aus der Wirtschaft. Den Verbänden monieren die fehlende Perspektive, wann die geschlossenen Geschäfte wieder öffnen dürfen. Die Folgen des anhaltenden Lockdowns sind schon jetzt immens. Viele Unternehmen kämpfen mit Liquiditätsproblemen und sehen einer ungewissen Zukunft entgegen.

Wissenschaftler zweifeln an der Wirksamkeit harter Lockdowns

In der Wissenschaft gibt es über den Einfluss harter Lockdowns auf das Infektionsgeschehen weiterhin eine rege Debatte, auch wenn deutsche Politiker die verhängten Maßnahmen gern als alternativlos hinstellen. Zuletzt meldete eine Studie der Stanford-Universität Zweifel am Zusammenhang zwischen harten Lockdowns – also häuslicher Isolation, Ausgangssperren und Schließung von Geschäften – und einer geringeren Zahl an Todesopfern an.

Verfasst wurde die Studie durch den renommierten Epidemiologen und Statistiker John Ioannidis und den Infektiologen Eran Bendavid. Die Forscher kamen zu dem Schluss, dass Kontaktbeschränkungen zwar durchaus geeignet seien, die Infektionszahlen zu senken, eine Verschärfung dieser Maßnahmen – sprich ein „harter“ Lockdown – jedoch keinen nennenswerten Zusatznutzen bringt.

Weiterhin beobachteten die Wissenschaftler, dass beispielsweise Ländern mit besonders harten Maßnahmen sogar höhere Todeszahlen von besonders gefährdeten Menschen wie Pflegeheimbewohnern aufwiesen, als Länder mit gemäßigten Maßnahmen.

Andere Studien – unter anderem publiziert im Lancet, bei Frontiers in Public Health und bei medRxiv – kamen zu einem ähnlichen Ergebnis. Sie fanden keinen kausalen Zusammenhang zwischen der Zahl der Covid-Toten und der Härte der verhängten Lockdown-Maßnahmen. In einer Analyse für Bloomberg kam Daten-Journalistin Elena He im Mai 2020 zu dem Schluss: „Es gibt nur eine geringe Korrelation zwischen der Strenge der Restriktionen einer Nation und der Frage, ob es ihr gelungen ist, die übermäßige Zahl der Todesopfer einzudämmen.“ Sehr gut dokumentiert war dagegen bereits damals der Zusammenhang zwischen der Härte der Lockdowns und dem Einbruch der Volkswirtschaften.

Wie China der Welt den Lockdown als Ausweg verkaufte

Woher kommt angesichts dieser Daten der blinde Glaube der Politik, dass harte Lockdowns die Pandemie bezwingen können? Dazu müssen wir zurück an den Anfang der Krise gehen. Als das Virus in Wuhan ausbrach, verhängte China den weltweit ersten Lockdown. Nicht nur die 11-Millionen-Metropole Wuhan, sondern die gesamte Region Hubei mit 57 Millionen Einwohnern sahen sich mit restriktiven Maßnahmen konfrontiert. Die Menschen wurden vorsorglich unter häusliche Quarantäne gestellt. Dazu wurden strikte Reisebeschränkungen im Inland verhängt (während Auslandsreisen noch lange danach erlaubt waren).

Die WHO sah den Lockdown Wuhans zunächst kritisch. „Der Versuch, eine Stadt mit 11 Millionen Menschen einzudämmen, ist neu für die Wissenschaft“, zitiert Business Insider einen Vertreter der Organisation. „Die Abriegelung von 11 Millionen Menschen ist beispiellos in der Geschichte des öffentlichen Gesundheitswesens, also ist es sicherlich keine Empfehlung, die die WHO ausgesprochen hat.“ Diese Position sollte sich jedoch schnell ändern.

Schon wenige Tage später, am 29. Januar, sagte WHO-Direktor Tedros Adhanom, der wegen seiner Nähe zur chinesischen Regierung immer wieder in der Kritik stand, er sei „sehr beeindruckt und ermutigt von der detaillierten Kenntnis des Präsidenten [Xi Jinping] über den Ausbruch“. Er lobte China dafür, „einen neuen Standard für die Reaktion auf den Ausbruch zu setzen.“ Die WHO riet daraufhin der Welt, dem chinesischen Beispiel zu folgen. Auch das World Economic Forum (WEF) unter der Leitung von Klaus Schwab schloss sich dieser Empfehlung an. Schwab gilt als großer China-Bewunderer und sieht in der aktuellen Krise die Chance eines „Great Reset“ der Weltwirtschaft, inklusive digitalem Überwachungsstaat nach chinesischem Vorbild.

Kurz nach der Abriegelung Wuhans gingen Bilder von spontan auf offener Straße zusammenbrechenden Menschen und vom harten Vorgehen chinesischer Behörden gegen Lockdown-Widerständler um die Welt und verstärkten die Panik vor der drohenden Seuche. Währenddessen verbreitete die kommunistische Partei bereits die Nachricht vom Erfolg ihrer Lockdown-Politik. Zunächst vermeldete Peking Anfang Februar einen starken Rückgang der Infektionszahlen. Im März erklärte die Regierung dann, China habe das Virus innerhalb seinen Landesgrenzen „eliminiert“. Wobei sich die Frage stellt: Wie schlimm war die Pandemie wirklich? Warum soll es China mit einem harten Lockdown geschafft haben, Corona so rasch in den Griff zu bekommen, während andere Länder mit ihren harten Lockdowns scheiter(te)n? Folgende Frage lässt sich nicht mit „ja“ beantworten, weil es keine Beweise gibt, aber stellen muss man die Frage schon: Hat China die Folgen der Pandemie bewusst übertrieben, waren Teile des harten Lockdowns nur simuliert, um andere Länder in – unnötige – harte Lockdowns zu treiben?

China nutzte Social-Media-Bots zur Verbreitung seiner Propaganda

Tatsächlich hat China die Pandemie weitgehend unbeschadet überstanden. Seit Beginn Anfang 2020 haben sich dort laut offiziellen Zahlen bisher nur rund 100.000 Menschen mit dem Virus infiziert. Zudem hatte das Land weniger als 5.000 Todesfälle zu beklagen. Seit März 2020 spielt Corona dort praktisch keine Rolle mehr. Bilder von feiernden Menschen aus Wuhan gingen daraufhin viral und sollten der Welt verdeutlichen: „Wir haben die Pandemie bezwungen! Folgt unserem Beispiel!“

In die Welt gesetzt wurden diese Bilder von chinesischen Presseorganen und Social-Media-Accounts, wie der US-Anwalt Michael Senger in seiner lesenswerten Analyse „Chinas Global Lockdown Propaganda“ aufzeigt. Ein ganzes Heer chinesischer Social-Media-Bots und bezahlter Kommentarschreiber habe versucht, die Narrative über Lockdowns in den USA und Europa zu beeinflussen. In Italien etwa hätten chinesische Accounts zum Höhepunkt der Krise in Bergamo die sozialen Netzwerke mit pro-chinesischen Hashtags überschwemmt. Laut italienischen Social-Media-Experten stammte fast die Hälfte aller Posts zu diesen Hashtags von Bots.

Die Journalistin Aya Velázquez fasst die chinesische Propagandakampagne in ihrem lesenswerten Beitrag „China und der Great Reset“ wie folgt zusammen. „Wer es nicht so wie China macht, ist unmenschlich. Mit einem kurzen, aber harten Lockdown, Quarantäne, Desinfektion der Innenstädte, Social Distancing, flächendeckenden PCR-Tests, rigoroser Kontaktnachverfolgung und Totalüberwachung aller Bürger, Gesichtserkennung, Schnelltests und Temperaturmessung an allen Eingängen zu öffentlichen Gebäuden, ließe sich ein ´Null-Covid´, das heißt eine komplette Eindämmung des Corona-Virus, erreichen. Regierungen und Politiker, die stattdessen auf eine Durchseuchung beziehungsweise Herdenimmunität setzen, seien amoralisch, nahe an der Eugenik und für tausende vermeidbare Tode verantwortlich.“

Chinas Kampagne ging soweit, dass das US-Außenministerium im Mai 2020 den Tech-Konzern Twitter auf eine verstärkte Aktivität chinesischer Bot-Netzwerke hinwies und das Unternehmen aufforderte, 250.000 Fake-Accounts zu löschen. Twitter verweigerte die Löschung zunächst, gab aber schließlich dem öffentlichen Druck nach und löschte rund 200.000 Accounts, die als als Echokammer chinesischer Propaganda dienten. Da China neben Bots aber auch die größte Internet-Troll-Armee zur Verbreitung seiner Propaganda einsetzt – Schätzungen gehen von bis zu 2 Millionen bezahlten Kommentarschreibern aus – dürfte das kaum Einfluss auf die Corona-Kampagne gehabt haben.

Folge der Lockdowns: Europa in der Rezension, China erlebt Aufschwung

Auch in Deutschland mündete die Empfehlung durch WHO und WEF in einer Lockdown-Politik. Die Angst vor der Seuche wurde vom sogenannten „Panik-Papier“ befeuert, das von bis zu einer Million Toten und landesweiten Unruhen ausging, sollte der Staat nicht rasch handeln. Die Bundesregierung verhängte daraufhin am 22. März 2020 den ersten Lockdown.

Die Infektionszahlen waren zu diesem Zeitpunkt bereits im Rückgang begriffen, daher ist es im Nachhinein schwierig zu beurteilen, ob nun der Lockdown die Zahlen dramatisch absenkte oder ob die Sensibilisierung der Bevölkerung in Form freiwilliger Kontaktbeschränkungen sowie saisonale Effekte eine größere Rolle spielten. Unstrittig ist dagegen, dass der Lockdown einen verheerenden Einfluss auf Wirtschaft und Gesellschaft hatte. Neben negativen psychischen Folgen und einer Zunahme vermeidbarer Tode durch Krebs- und Herzkreislauferkrankungen durch verschleppte Behandlungen, erlebt auch die Wirtschaft einen massiven Einbruch.

Das spiegelt sich in den Daten des IWF zur Weltwirtschaft wider. Demnach ist Europas Wirtschaftsleistung um 7,2 Prozent eingebrochen. Deutschlands Bruttoinlandsprodukt (BIP) ging um 5,4 Prozent zurück, Frankreichs BIP sank um 9 Prozent, Italien verlor 9,2 Prozent seiner Wirtschaftsleistung, Großbritanniens Wirtschaft schrumpfte um 10 Prozent und Spaniens BIP brach sogar um mehr als 11 Prozent ein.

Als wirtschaftlicher Sieger der Krise steht China allein auf weiter Flur. Laut den Daten des IWF ist es das einzig gelistete Land, dass 2020 noch ein Wirtschaftswachstum verzeichnete (+2,3 Prozent). Und während sich die westlichen Industrienationen nur sehr langsam erholen, erlebt China schon jetzt eine starke Konjunktur. Für 2021 rechnet der IWF mit einem Anstieg von 8,1 Prozent des chinesischen BIP. Nur Indien dürfte eine noch stärkere Erholung hinlegen (11,5 Prozent).

China hat es auf Europas Schlüsselbranchen abgesehen

Chinas Strategie des Lockdown-Exports verstärkt damit einen ohnehin laufenden Prozess: den Ausverkauf europäischer Unternehmen an chinesische Investoren. Velázquez fasst das treffend zusammen: „Das Kalkül einer psychologischen Kriegsführung diesen Ausmaßes ist so einfach wie bestechend: Bringt man andere Länder dazu, durch langandauernde Lockdowns deren Volkswirtschaften an die Wand zu fahren, kann man dort Produkte, Betriebe, Branchen und ganze Infrastrukturen aufkaufen; selbst wachsen und andere schrumpfen lassen – und all das ohne direktes Blutvergießen.“

Wenn die Lockdown-Politik in Europa fortgesetzt wird, dürften sich die Liquiditätsprobleme vieler mittelständischer Unternehmen verschärfen. Für Deutschland rechnen führende Experte für dieses Jahr bereits mit einer Insolvenzwelle von Privatunternehmen. Im Rest Europas sieht es nicht besser aus. Die Folge wäre der große Ausverkauf in der Eurozone, wobei chinesische Investoren ganz vorn in der Schlange der Interessenten stehen dürften, um europäische Unternehmen mit dem dringend benötigtem Kapital zu versorgen.

Im Gegenzug erhielten sie dann die Kontrolle über europäische Schlüsselindustrien und -technologien. Ganz oben auf der Shopping-Liste stehen nicht so stark politisierte Branchen wie Konsumgüter und Dienstleistungen. Aber auch Unternehmen aus der Robotik, Informations- und Kommunikationstechnologie bleiben für chinesische Investoren hochinteressant, da China nach wie vor großes Interesse an europäischem Knowhow in diesen Sektoren hat.

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André Jasch ist freier Wirtschafts- und Finanzjournalist und lebt in Berlin.  



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