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Mangelhafte Infrastruktur in Mitteleuropa hemmt Ukraines Getreideexporte

Lesezeit: 3 min
28.11.2022 14:00
Der Getreideexport aus der Ukraine in die EU boomt. Die mangelhafte Infrastruktur in Mitteleuropa unterbindet jedoch ein höheres Exportwachstum für das Land.
Mangelhafte Infrastruktur in Mitteleuropa hemmt Ukraines Getreideexporte
Getreideernte in der Ukraine auf einem Feld in der Region Odessa. (Foto: dpa)
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Im Frühling herrschte europaweit noch große Sorge wegen der Lieferung von Agrarrohstoffen wie Weizen und Raps aus der Ukraine. Im März und April kam es zu Lieferausfällen im Zusammenhang mit dem Angriff Russlands auf das Land. Inzwischen konnten die ukrainischen Landwirte die Ausfälle aufholen und deutlich mehr Weizen, Raps und Sonnenblumensaat in die EU liefern als zum gleichen Zeitraum 2021, wie die Lebensmittelzeitung berichtet. Durch den florierenden Export sinken die Börsenpreise für Agrarrohstoffe.

Mangelnde Infrastruktur verhindert weitere Steigerungen

Für das nächste Jahr kalkuliert die Branche mit einer Entspannung in der Liefersituation, wie Jan Jänsch von der Baywa Agrarhandel GmbH gegenüber der Lebensmittelzeitung erklärt: „Die Marktteilnehmer gehen von einer positiven Entwicklung aus, was sich in den Börsenpreisen für langfristige Kontrakte zeigt.“ Gleichzeitig warnt Jänsch vor zu viel Optimismus. Die Aussichten für die kommende Ernte sei noch unklar. Neben den Kriegsrisiken sei die Versorgung mit Betriebsmitteln wie Dünger, Diesel und Pflanzenschutzmitteln unsicher. Trotz des aktuell guten Agrarrohstoffexport seien die Märkte weiterhin nervös und würden sofort reagieren.

Auch wenn das Exportwachstum vielversprechend aussieht, gibt es auch laut Experten einen Punkt, ab dem Steigerungen schwierig sind. Jan Jänsch erklärt, dass die aktuellen Exportmengen auf dem Landweg über die Donau nicht mehr erhöht werden können. Grund dafür sei die nicht ausreichende Verkehrsinfrastruktur in Europa. Insbesondere Komplikationen mit dem Bahnnetz schränken den Transport von Getreide und anderen Rohstoffen ein. Laut Baywa kalkulieren auch Landwirte mit erhöhten Preisen. Aus diesem Grund käme es zu einer Lagerung des Großteils der aktuellen Ernte in der Spekulation auf höhere Profit.

Auch die deutsche Industrie betrachtet die Situation noch vorsichtig. Auf Nachfrage der Lebensmittelzeitung sieht der Verband der Getreide-, Mühlen und Stärkewirtschaft (VGMS) die Lage abwartend: „Die Tatsache, dass nun auch nennenswerte Mengen Weizen vorhersehbar aus der Ukraine per Schiff exportiert werden, hat dazu geführt, dass sich der Weizenpreis von über 430 Euro im Mai auf aktuell etwa 330 Euro eingependelt hat. Das liegt immer noch weit über Vorkriegsniveau.“

Branchenverband rechnet mit weiter hohen Preisen

Der Branchenverband der ölsaatenverarbeitenden Industrie (Ovid) geht laut Lebensmittelzeitung nicht davon aus, dass die Preise das Vorkriegsniveau erreichen werden und rechnet weiter mit hohen Getreidepreisen. Die weltweiten Weizenvorräte würden bei gleichzeitig steigender Nachfrage sinken. Man begrüßt neue Exportwege für Sonnenblumenöl aus der Ukraine und anderen Ländern. Die Infrastruktur-Engpässe im Lieferbereich habe es auch vor dem Krieg schon gegeben, erklärte Verbandsgeschäftsführer Momme Matthiesen.

Der Hauptgrund für den florierenden Export von Agrarrohstoffen ist das am 17. November um 120 Tage verlängerte Getreideabkommen mit Russland. Eine Verlängerung des Abkommens stand zeitweise auf der Kippe und die Türkei und die UN versuchten es zu retten. Das Abkommen realisiert den Getreidetransport über einen Schutzkorridor durch das Schwarze Meer. Gleichzeitig wurde der Transport per Bahn und Lkw über den Landweg und der Transport per Binnenschiffweg über die Donau verstärkt.

Eine weitere Hilfe sind politische Erleichterungen durch die EU, welche Anfang Juni getroffen wurden. Seit dem 4. Juni gelten viele Zölle auf europäische Importe aus der Ukraine für ein Jahr nicht mehr. Durch diese Maßnahme kommt es zu einer zeitweisen Liberalisierung des Handels und andere Handelszugeständnisse auf spezielle ukrainische Waren sind möglich geworden. Dies betrifft vor allem Agrar- und Antidumpingzölle.

Entspannung bei Raps besonders deutlich

Ein Agrarrohstoff, dessen Lage sich besonders entspannt hat, ist Raps, wie Wienke von Schenk, Agrarexpertin der Agrarmarkt Informationsgesellschaft mbH (AMI) gegenüber der Lebensmittelzeitung schildert: „Zur drittgrößten Ernte in diesem Jahrzehnt mit rund 20 Millionen Tonnen in der EU kommen umfangreiche Importe aus der Ukraine, Australien und Kanada.“ Auch bei den Sonnenblumenprodukten hat sich die Lage laut Schenk entspannt und Deutsche Landwirte hätten ihre Anbaufläche mehr als verdoppelt.

Durch diese Umstände konnten auch ungünstige Wachstumsvoraussetzungen in diesem Jahr kompensiert werden. Zur Überraschung von vielen Branchenkennern läuft auch die Sonnenblumenlieferung aus der Ukraine gut. Laut Zahlen der AMI hat das Land im laufenden Bilanzjahr den Export an Sonnenblumenöl in die EU um ein Drittel erhöhen können. Die Lieferung von Sonnenblumenkernen steigerte sich auf 920.000 Tonnen um das 140-fache.

Das Exportwachstum der Ukraine bei Agrarrohstoffen ist eine erfreuliche Nachricht. Dennoch sollte man die von den Experten angesprochenen Risiken nicht vergessen. Es bleibt abzuwarten in welche Richtung sich das Wachstum auf lange Sicht bewegt und ob es der Beginn für mehr Sicherheit und weniger Nervosität ist oder eine Momentaufnahme.

 



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