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Warnung für europäische Anleger: China beendet die Börsen-Party

Die Future-Märkte in China brechen ein, weil die Behörden Maßnahmen zur Eindämmung der Spekulation von Privatinvestoren ergreifen. Der Fall zeigt: Das blinde Risiko im Vertrauen auf die Zentralbanken kann äußerst unangenehme Folgen haben. Die Freunde von QE sollten die Ereignisse in China ganz genau beobachten.

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Im amerikanischen Basketball gibt es den Begriff „game changer“: Eine Aktion, die ein Spiel drehen kann, weil sich die Stimmungslage der beteiligten Mannschaften schlagartig ändert. Die zuvor unterlegene Mannschaft bekommt Oberwasser, während die lange führende Mannschaft in eine Abwärtsspirale gerät, aus der sie nicht mehr entkommen kann.

Was heute nach Börsenschluss in China passiert ist, hat den Charakter eines „game changers“. Der Shanghai Composite hatte zuvor den Handelstag wieder einmal mit einem Plus von gut 2% beendet – der Index hat sich in weniger als einem Jahr verdoppelt, ähnlich wie der Aktienmarkt in Shenzhen. Doch die Party dürfte durch Maßnahmen, die die Börsen in Shanghai und Shenzhen sowie die chinesische Regulierungsbehörde nach Börsenschluss verkündeten, erst einmal vorbei sein.

Die große Börsenparty in China basierte auf der Wette, dass die Regierung in Peking weitere Stimulus-Maßnahmen ergreifen würde, um die sich abkühlende Konjunktur zu stabilisieren – zweimal hatte die Notenbank People´s Bank of China bereits den Leitzins gesenkt. Fast noch wichtiger aber war, dass Peking der extremen Rally praktisch ihren Segen verliehen hatte: die deutlichen Anstiege der Aktienmärkte seien „rational“, so verbreiteten es staatlichen Medien wie die führende Nachrichtenagentur Xinhua. Die Regierung hatte erkannt, dass steigende Aktienmärkte sich positiv auf die Bereitschaft zur Kreditvergabe für Chinas Unternehmen auswirkten.

Vorwiegend junge Spekulanten eröffneten – mit Förderung Pekings – Trading-Konten, um bei der Börsenparty dabei sein zu können. Allein im letzten Monat waren es sechs Millionen. Wenn sich die Menschen bereichern, meckern sie nicht – und die Aktienmärkte sorgten mit ihren spektakulären Zugewinnen genau für diese Bereicherung, die Peking braucht, um den Niedergang der Konjunktur weitgehend zu kaschieren.

Die Folge aber war, dass die Blasen-Bildung an den Finanzmärkten in China ungeahnte Ausmaße angenommen hat. So handeln chinesische Tech-Werte mit einem durchschnittlichen Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 220. Zum Vergleich: auf dem absoluten Höhepunkt der Dot.com-Blase in den USA im Jahr 2000 lag das durchschnittliche KGV von Nasdaq-Werten bei 156. Was dann in den USA passierte, ist bekannt.

Noch gefährdeter ist jedoch der Markt für spekulative Unternehmensanleihen, die sogenannten Junk-Bonds. Mit diesen Junk-Bonds haben sich vorwiegend Unternehmen aus dem in China völlig überdimensionierten Bausektor Liquidität verschafft. Aber nun läuft die Konjunktur schlecht, die Einnahmen brechen weg, die Schulden aber bleiben – viele Unternehmen Chinas sind derzeit so stark Schulden-gehebelt wie noch nie. Ein wichtiger Grund für ihre Schwierigkeiten ist, dass Peking die Abkehr vom Bausektor zum dienstleistungsorientierten Binnenkonsum forciert, und damit Mut zur notwendigen Veränderung beweist.

Das Problem jedoch ist, dass ein Platzen der chinesischen Junk-Bond-Blase Auslöser einer globalen Finanzkrise werden könnte, da der Markt gigantische Volumina bewegt.

Peking ist sich der Gefahren der Kredit-finanzierten Party an seinen Finanzmärkten durchaus bewusst, insbesondere die hochgradig auf Pump agierenden, meist sehr jungen Privatinvestoren machen der Regierung Sorgen. Eine Untersuchung der China Southwestern University of Finance and Economics hat ergeben, dass die Spekulanten überwiegend junge, unerfahrene Trader mit eher durchschnittlicher oder unterdurchschnittlicher Bildung sind. Sie betätigen sich vorwiegend als Zocker, weniger als Investoren – nachvollziehbar mangels Alternativen angesichts eines zunehmend schwächer werdenden Arbeitsmarkts im Reich der Mitte.

Einzelne Maßnahmen der Regulierungsbehörden – etwa Beschränkungen des Margin-Handels – haben die fulminante Rally kurzzeitig unterbrochen. Aber dann erlaubte die Behörde professionellen Fonds-Managern im März diesen Jahres, die Verlinkung der Börsen Shanghai und Hongkong für Aktien-Käufe zu nutzen – und die Aktien-Party startete von Neuem.

Nun hat Peking durchaus Interesse an robusten Aktienmärkten (siehe oben) , fürchtet aber eben auch einen Crash durch zu schnelle Anstiege. Um diesen Crash weniger wahrscheinlich zu machen, haben die Behörden Chinas am Freitag zwei Maßnahmen ergriffen, die nachbörslich zu einem Einbruch an den chinesischen Future-Märkten von 6% geführt und damit auch den jüngsten Abverkauf in Europa und den USA mit ausgelöst haben (neben den Grexit-Sorgen).

Erstens hat die China Securities Regulatory Commission die Finanzierung von Aktienkäufen über sogenannte „umbrella trusts“ verboten. Diese „umbrella trusts“ sind faktisch Schattenbanken, die es Privatinvestoren ermöglichen, mit einem deutlich höheren Hebel an den Märkten zu agieren als es bei den regulierten Brokern im Reich der Mitte erlaubt ist. Durch das Verbot der Finanzierung von Aktienkäufen über „umbrella trusts“ wird ein großer Teil jener Privatinvestoren aus dem Markt gedrängt, die bisher mit wenig Liquidität hohe Volumina an den Märkten bewegten. Im Gegensatz zu den Aktienmärkten in den USA oder Europa aber waren die Privatinvestoren in China die entscheidende Größe: 80% des gehandelten Volumens wird bisher durch sie bewegt, nicht durch institutionelle Investoren.

Und genau hier setzt die zweite Maßnahme an. Die Börsenbetreiber der beiden wichtigsten Aktienmärkte Festlands-Chinas, Shanghai und Shenzhen, haben – ebenfalls nach Börsenschluss – verkündet, die Anzahl von Aktien zu erhöhen, die leerverkauft oder short gehandelt werden können. Und diese Möglichkeit steht praktisch ausschließlich professionellen Anlegern zur Verfügung, nicht den Privatinvestoren. Das dünne Statement der Börsenbetreiber Securities Association of China hatte es in sich:

„Margin business has been growing rapidly but short-selling business has been developing slowly“.

Mit Leerverkäufen oder dem short-Handel spekuliert man auf fallende Kurse bei Aktien oder Indizes: man verkauft zuerst, um dann im Idealfall zu tieferen Kursen wieder zu kaufen und so Gewinn zu erzielen. Entgegen landläufiger Meinung in Deutschland, ist die Möglichkeit, Short-Positionen einzugehen und damit auf fallende Kurse zu setzen, für das Funktionieren von Finanzmärkten sehr wichtig, wie sich in der Historie gezeigt hat: so verlief der Crash 1929 so fatal, weil Investoren praktisch keine Möglichkeit hatten, auf fallende Kurse zu setzen. Als damals die Kurse fielen, standen alle auf der Käufer-Seite und versuchten – bildlich gesprochen – zur selben Zeit durch eine enge Tür zu kommen, als die Kurse einbrachen. Da das nicht gelingen kann, brach Panik aus, die Kurse stürzten massiv ab, weil keine Käufer bereit standen, um den Verkäufern ihre Papiere abzunehmen. Genau das ist aber der Fall, wenn Short-Positionen bestehen: irgendwann nehmen die „Shorties“ die entstandenen Gewinne nach gefallenen Kursen mit und treten damit als Käufer auf. Der Short-Handel ist also ein wesentlicher Stabilisator für die Finanzmärkte.

Zwar gibt es auch in China Index-Futures, mit denen man auf steigende oder fallende Kurse spekulieren kann – am Donnerstag wurde etwa ein Future auf den allein in 2015 um 47% gestiegenen Nebenwerte-Index CSI 500 eingeführt. Bislang aber war es praktisch unmöglich, Short-Positionen etwa bei einzelnen Aktien zu eröffnen – denn dazu muss man sich die Aktien ausleihen, ohne sie selbst zu besitzen. Die neuen Maßnahmen der Börsen in Shanghai und Shenzhen aber machen genau das in breitem Umfang möglich und zielen darauf, massive Überbewertungen von Aktien abzubauen. Faktisch ist das eine Maßnahme gegen die Kaufpanik der letzten Wochen und Monate – Peking will, so lautet die Botschaft, die bisherige Dominanz der euphorischen Privatinvestoren beschneiden, Profi-Investoren hingegen fördern.

Genau darin liegt der eingangs beschriebene „game changer“ für die Finanzmärkte Chinas: Das Spiel soll zugunsten von Profi-Investoren und auf Kosten von Privat-Investoren kippen. Denn die Privat-Investoren haben keine „tiefen Taschen“, schon kleine Kursrückschläge können eine Kettenreaktion von Margin-Calls der Kredit-finanzierten, hoch gehebelten privaten Spekulanten auslösen und so zu einem Crash führen. Nicht Spekulation, sondern Investition soll das dominierende Muster werden.

Damit nähern sich die Finanzmärkte Chinas endlich internationalen Standards. Zwar dürften die getroffenen Maßnahmen am kommenden Montag mit Eröffnung der Märkte in China ein „Blutbad“ bei Privat-Investoren auslösen – aber mittelfristig ist das fraglos eine richtige Entscheidung.

Deng Ge, Sprecher der China Securities Regulatory Commission, sagte nach Verkündung der neuen Maßnahmen auf einer Pressekonferenz, dass einige Investoren ein unzureichendes Verständnis für die Risiken der Märkte hätten und ermahnte die Privat-Investoren dazu, rational zu investieren.

Man ist versucht, diese Warnung auch jener Mehrheit der westlichen Profi-Investoren in Europa und den USA zuzurufen, die irrtümlich glauben, dass die Notenbanken allmächtig sind und sie vor allen Risiken beschützen könnten. Sie verhalten sich faktisch wie die euphorisierten Privat-Investoren Chinas und haben es inzwischen verlernt, Risiken adäquat einzupreisen. Das zeigen etwa die Risikoprämien für Staatsanleihen vor allem der Euro-Peripherie, aber insbesondere auch die durch die Geldpolitik der EZB aufgeblähten Aktienkurse.

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Obama: Angela Merkel ist die neue Ansprechpartnerin der USA
Obama: Angela Merkel ist die neue Ansprechpartnerin der USA
US-Präsident Obama will sich über den Umgang der EU mit Großbritannien künftig direkt mit Bundeskanzlerin Merkel abstimmen. Bisher waren die Briten der erste Ansprechpartner für die US-Regierung. Hillary Clinton will genau diese Achse aufrechterhalten.
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US-Präsident Barack Obama mit der damaligen Außenministerin Hillary Clinton im September 2012. (Foto: dpa)

US-Präsident Barack Obama mit der damaligen Außenministerin Hillary Clinton im September 2012. (Foto: dpa)

US-Präsident Barack Obama stimmt sich beim Umgang mit der britischen Entscheidung für den EU-Austritt mit Bundeskanzlerin Angela Merkel ab, berichtet die AFP. Er habe am Freitag mit Merkel telefoniert, sagte Obama in einer Rede an der kalifornischen Stanford-Unversität. Dabei habe er mit der Kanzlerin vereinbart, „dass die USA und ihre europäischen Verbündeten in den kommenden Wochen und Monaten eng zusammenarbeiten werden“.

Obama äußerte zugleich die Erwartung, dass Großbritannien seinen Austritt aus der Europäischen Union in „geordneter“ Weise vollziehen werde. In einem Telefonat mit dem britischen Premierminister David Cameron habe er mit diesem abgesprochen, dass die Wirtschafts- und Finanzteams beider Regierungen in engem Kontakt bleiben sollten.

Der britische Regierungschef, der das Referendum anberaumt, aber für den Verbleib seines Landes in der EU geworben hatte, hat seinen Rücktritt für Oktober angekündigt. Er will, dass erst sein Nachfolger die Ausstiegsverhandlungen mit der EU führt.

Einen anderen Akzent setzte Hillary Clinton, voraussichtliche Präsidentschaftskandidatin der US-Demokraten: Sie sagte, die „special relationship“ zwischen Großbritannien sowie der transatlantischen Allianz und den USA sei weiterhin unverbrüchlich.

Der US-Präsident hatte sich für den Verblieb Großbritanniens in der EU eingesetzt. Bei einem Besuch in Großbritannien im April warnte er vor schwindendem britischen Einfluss in der Weltpolitik bei einem EU-Austritt. Die Europäische Union habe den britischen Einfluss nicht geschmälert, sondern „vergrößert“.

Die Intervention des US-Präsidenten nutzte aber womöglich eher dem Brexit-Lager. Sie könnte „kontraproduktiv“ gewesen sein, sagte am Freitag der Europa-Experte Michael Geary vom Wilson Center, einem Washingtoner Institut.

Für die USA werden nun die Beziehungen sowohl zu Großbritannien als auch zur Europäischen Union komplizierter und instabiler. Die unüberschaubaren Folgewirkungen des Brexit machen beide Partner zu unberechenbaren Größen.

In einem knappen schriftlichen Statement versicherte Obama am Freitag, dass sowohl die Europäische Union als auch Großbritannien für die USA „unverzichtbare Partner“ blieben, auch während der Phase der Neuverhandlung ihrer gegenseitigen Beziehungen. Und er beteuerte, dass die „besondere Beziehung“ zwischen den Vereinigten Staaten und Großbritannien erhalten bleibe und Washington weiter auf Großbritannien als Nato-Partner setze.

Die USA haben ihre besonders enge Partnerschaft zu Großbritannien traditionell dafür genutzt, innerhalb Europas Einfluss auszuüben. Die „besondere Beziehung“ zu London habe die Kooperation mit der EU bei vielen Themen leicht gemacht, sagte der Experte Jeffrey Rathke vom Center for Strategic and International Studies in der US-Hauptstadt. Nach der Entscheidung für den Brexit müssten die USA nun ihre Kooperation mit anderen europäischen Staaten „aufpeppen“.

Stunde der Wahrheit: Brexit als Auslöser der nächsten Finanz-Krise
Stunde der Wahrheit: Brexit als Auslöser der nächsten Finanz-Krise
Der Austritt Großbritanniens aus der EU ist ein Katalysator für gravierende globale Fehlentwicklungen. Er wird als externer Faktor verwendet werden, um massive Bereinigungen in einer Zombie-Wirtschaft vorzunehmen, die zuletzt nur noch auf Zeit gespielt hat. Die Zeit ist jetzt abgelaufen.…
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Der Premier hat seine Schuldigkeit getan: David Cameron mit Frau Samantha am Tag nach dem Brexit. (Foto: dpa)

Der Premier hat seine Schuldigkeit getan: David Cameron mit Frau Samantha am Tag nach dem Brexit. (Foto: dpa)

Für sich genommen und rein rational betrachtet ist der Austritt Großbritanniens aus der EU kein Anlass, der die Welt in eine neue Wirtschaftskrise stürzen kann. Tatsächlich hat das Vereinigte Königreich eine ausgesprochen privilegierte Position in der EU gehabt. Angesichts der vielen komplexen Verträge, die die EU mit anderen Staaten hat, wäre es theoretisch leicht, nun eben auch mit London eine neue Form der Zusammenarbeit zu finden. Der Preis, den beide Parteien zahlen müssen, ist überschaubar und hält sich die Waage: Die EU bekommt keine Netto-Zahlungen mehr, dafür können die Briten nicht mehr mit- und reinreden. Norwegen und die Schweiz haben ähnliche Beziehungen mit der EU. Die Flucht in den Schweizer Franken nach dem Brexit zeigt, dass das durchaus sehr gut funktionieren kann.

Politisch gesehen wird sich nun zeigen, wie pragmatisch die EU ist und wie flexibel die Nachfolger Camerons agieren. Die EU ist ja der Inbegriff von Völkerfreundschaft und Verständigung. Also sollte es möglich sein, mit den Briten einen fairen Deal zu finden. Denkbar ist allerdings auch, dass die nationalen Kräfte die Oberhand gewinnen: Wie leicht Völker gegeneinander aufzuwiegeln sind, haben wir in dieser Reihenfolge bei Griechenland, Russland, Polen und der Türkei gesehen. Die politischen Opportunisten sitzen nicht nur in den Reihen der neuen rechten Parteien, sondern auch in den Regierungen. Immerhin: Der Brexit hat gezeigt, dass eine ausschließlich auf Angst basierende Kampagne nicht verfängt.

Dies hängt paradoxerweise mit der Tatsache zusammen, dass die meisten Leute keine Angst haben – sondern eher Wut, Entfremdung und Unverständnis gegenüber für sie anonymen Institutionen empfinden. Die Angst machte sich vor allem an der zunehmenden Ablehnung von Migration und Zuwanderung bemerkbar. Hier wurden die Briten Opfer einer diabolischen Verführungskunst: Sie sind der Fiktion erlegen, dass die Ausländer die Sündenböcke sind und dass alles gut wird, wenn nur erst die Grenzen geschlossen sind. Absurderweise konnten jene EU-Ausländer, die in Großbritannien Steuern zahlen und zu einem guten Teil die Wirtschaft am Laufen halten, nicht mitstimmen. Dasselbe gilt für andere Migranten, die ebenfalls Steuern zahlen, aber eben noch eine andere Staatsbürgerschaft haben.

Das Paradox besteht in der Tatsache, dass die Leute eigentlich allen Grund hätten, mit Sorge in die Zukunft zu blicken: Das globale Wirtschaftssystem steckt in einer fundamentalen Krise. Vieles ist auf Sand und falschen Versprechungen gebaut. Das Banken-System in der City hat davon profitiert, dass London eine Steueroase ist – mit bisher offenen Toren für Geldwäsche und Steuerhinterziehung aus dem Ausland. Dieses Geschäft dürfte nach dem Brexit in die USA abwandern. Die Amerikaner haben mit den Panama Papers bewiesen, wie die globale Akquisition funktioniert.

Das Gefährliche am Brexit ist, dass er in den kommenden Monaten all jenen die perfekte Begründung liefern wird, die vom Zombie-System profitiert haben. Der Brexit war ein Schwarzer Schwan mit Ansage und kurzer Selbsttäuschung: In den letzten Tagen vor dem Referendum haben sich viele noch ein letztes Mal der Illusion hingegeben, dass man nur zu warten brauche, bis die Lage besser wird. Die enge Verquickung von Politik und Finanzindustrie zeigte der EU-Gegner Nigel Farage: Er war der erste, der bekanntgab, dass die EU-Befürworter gewonnen hätten. Das Pfund schoss in die Höhe. Wenige Stunden später stellte sich heraus, dass das Gegenteil der Fall war. In der Zwischenzeit könnten Spekulanten ein Vermögen verdient haben. Welche Rolle Farage spielte, wird nie bekannt werden.

Nun aber werden Banken, Unternehmen, Verbände und Märkte den Brexit nutzen, um aufzuräumen. Sie können nun, wie nach 9/11 oder Lehman, ein externes Ereignis für schlechte Zahlen, Massenentlassungen, Schließungen und sogar Pleiten anführen. Diese Bereinigung wäre in jedem Fall gekommen. Es liegt aber in der Natur der Menschen, dass man bis zuletzt versucht, die Augen zu schließen und den Crash zu vermeiden – in der Hoffnung, alles sei nur ein böser Traum, den man durch Erwachen hinter sich lassen kann.

Die Ankündigung der Zentralbanken, die Banken mit Liquidität zu stützen und die Ankündigung der Fed, mit Swaps an den Devisenmärkten zu intervenieren, sind deutliche Signale, dass die Weltgemeinschaft zwar aufgewacht ist. Doch sie findet sich nicht einem von Wachstum getriebenen Umfeld wieder, in dem externe Schocks verdaut werden können, sondern in einer weltweiten Rezession, deren Vorbote der Rohstoff-Schock gewesen ist. Die Jagd nach Assets ist Ausdruck der globalen Schulden-Krise, die man auch an Großbritannien erkennen kann: Das Land ist stärker verschuldet als das vielgescholtene Italien.

Anders als beim Platzen der Dotcom-Blase ist noch nicht zu erkennen, wer am Ende von den gravierenden Umwälzungen profitieren wird, die die technologische Revolution von Internet und Industrie 4.0 angestoßen hat. Die „Old Economy“ – von den Banken über die Rohstoffe bis zum Automobil-Sektor – leidet unter einer massiven Überproduktion, der keine künftige Nachfrage gegenübersteht. Bis auf wenige Länder hat kaum eine Regierung dieses Menetekel erkannt. Und auch dort, wo die Innovation herkommt – etwa –en USA – werden nicht die Massen profitieren, sondern eine neue, digitale Oberschicht. Soziale Verwerfungen sind unausweichlich.

Doch diese Spannungen werden erst langsam Folgen für die Gesellschaft zeigen. Sie werden verschärft durch die mangelnden Lösch-Qualitäten der Zentralbanken, in der EU vor allem der EZB: Die Rentensysteme der Lebensversicherer stehen in Europa vor dem Kollaps – und erstaunlicherweise findet dieses Thema öffentlich nur wenig Beachtung. So sagte Kanzleramtsminister Altmaier beim CDU-Wirtschaftstag beiläufig, dass sich auch die deutschen Rentner künftig von der Idee der 100 Prozent-Deckung verabschieden müssen und sich eher auf 80 Prozent einstellen müssen. 90 Millionen Verträge in Lebensversicherungen hängen in der Luft. Die Ergo-Versicherung hat erst vor wenigen Tagen angekündigt, zu überlegen, das Geschäft mit den Lebensversicherungen in eine eigene Gesellschaft ausgliedern zu wollen. Das ist alles andere als beruhigend.

Der Brexit als Katalysator eines morschen globalen Finanzsystems ist nicht, wie einige Kommentatoren meinen, ein Konflikt „Alt gegen Jung“ oder „Stadt gegen Land“ oder „Gebildet gegen Ungebildet“. Der Brexit macht die Bruchlinie sichtbar zwischen dem einen Prozent und den 99 Prozent auf aller Welt. Der Brexit beendet den Alptraum vom Crash, indem der Crash zur Realität wird. Grundlegende Verwerfungen werden in den kommenden Monaten mit dem Label „Brexit“ versehen, weil man auch damit ganz praktisch Sündenböcke gefunden hat. Es werden die „dummen Briten“ sein, denen man die Schuld an der Misere in die Schuhe schieben kann. Doch hinter dem Brexit lauert der echte Crash: Er geht nicht auf das Konto von Wutbürgern. Er ist das eiskalte Kalkül von zynischen Geschäftemachern in Politik und Finanzwirtschaft, die bisher noch bei jedem Crash unerkannt und unbestraft geblieben sind.

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Das neue Buch von DWN-Herausgeber Michael Maier erscheint in wenigen Tagen beim Finanzbuch Verlag München. (Foto: FBV)

Das neue Buch von Michael Maier. (Foto: FBV)

DWN-Herausgeber Michael Maier analysiert in seinem neuen Buch das Wesen der Finanz-Kriege als direkte Folge der Schuldenkrise. Die Jagd nach wirklich werthaltigen Assets führt zu einem mörderischen, globalen Verteilungskrieg. Ein einziges Ereignis genügt, um das weltweite Finanzsystem in seiner unüberschaubaren Vernetzung zu gefährden. In einer solchen Situation neigen die Staaten dazu, Gewalt in jeder Form wieder in ihr tägliches Repertoire aufzunehmen. In der Regel sind die Leidtragenden nicht diejenigen, die einen Crash verursacht haben.

Michael Maier: „Das Ende der Behaglichkeit. Wie die modernen Kriege Deutschland und Europa verändern“. FinanzBuch Verlag München, 228 Seiten, 19,99€.

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Juncker erwartet weitere Volksabstimmungen über die EU
Juncker erwartet weitere Volksabstimmungen über die EU
EU-Präsident Juncker erwartet Volksabstimmungen über die EU auch in anderen europäischen Staaten. Den etwa 1.000 britischen EU-Beamten gab Juncker eine Job-Garantie: Sie arbeiten für die EU und nicht für Großbritannien.
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EU-Präsident Jean-Claude Juncker am Tag nach dem Brexit in Brüssel. (Foto: dpa)

EU-Präsident Jean-Claude Juncker am Tag nach dem Brexit in Brüssel. (Foto: dpa)

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker schließt weitere Referenden zum Austritt aus der Europäischen Union nicht aus. Dies sei möglich, „da Populisten in der Regel keine Gelegenheit auslassen, um mit viel Lärm für ihre Anti-Europa-Politik zu werben“, sagte Juncker in einem Interview der Bild-Zeitung. Es dürfte sich allerdings jetzt rasch zeigen, dass es Großbritannien nach dem Votum für einen EU-Austritt bald schlechter gehen werde – „wirtschaftlich, sozial und außenpolitisch“. Beim EU-Gipfel kommende Woche müsse es eine offene und ehrliche Diskussion geben, wie man die Sorgen der Bürger aufnehmen und gegen „Populisten“ vorgehen könne.

Kritik äußerte Juncker am britischen Premier David Cameron, der das Referendum angesetzt und wegen der Niederlage nun seinen Rücktritt angekündigt hat. Der Ausgang sei nicht verwunderlich. „Denn wenn jemand von Montag bis Samstag über Europa schimpft, dann nimmt man ihm auch am Sonntag nicht ab, dass er überzeugter Europäer ist.“ Der sogenannte Brexit sei dennoch nicht der Anfang vom Ende. Europa müsse sich nun darauf konzentrieren, Investitionen anzukurbeln, Arbeitsplätze zu schaffen und für die Sicherheit der Bürger zu sorgen.

Indirekt stellte Juncker den Verbleib des britischen EU-Kommissars Jonathan Hill infrage, der in Brüssel für den Finanzmarkt zuständig ist. „Das ist jetzt zuallererst eine persönliche Entscheidung von Lord Hill, den ich als erfahrenen Politiker sehr schätze“, so der Kommissionspräsident. Den etwa 1000 britischen EU-Beamten gab Juncker eine Jobgarantie. Denn sie arbeiteten für Europa und nicht Großbritannien.

Krise der EU treibt Kosten für Staatsanleihen in die Höhe
Krise der EU treibt Kosten für Staatsanleihen in die Höhe
Die Entscheidung der Briten gegen die EU ist auch am Staatsanleihen-Markt zu spüren. Die Zinskosten für zweijährige, griechische Anleihen stiegen um mehr als 40 Prozent. Auch die portugiesischen, spanischen und italienischen Anleihen geraten unter Druck.
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Die Refianzierungskosten für die Staaten sind erheblich gestiegen. (Grafik: zerohedge)

Die Refianzierungskosten für die Staaten sind erheblich gestiegen. (Grafik: zerohedge)

Das Ja zum Austritt aus der EU wirkt sich nun auch auf die Zinskosten der EU-Länder aus. Die Zinskosten für zwei-, fünf- und zehnjährige Anleihen aus Südeuropa haben allesamt zugelegt. Für zweijährige griechische Bonds beispielsweise liegen die Kosten nun bei 10,63 Prozent. Die Kosten  für zehnjährige stiegen um fast zehn Prozent. Ähnliches zeigt sich auch in Portugal, Italien und Spanien.

Hier sind die Zinskosten für kurzfristige Anleihen zwar bei weitem nicht so hoch wie in Griechenland, doch gestiegen sind die Kosten ebenfalls deutlich. Und bei den langfristigen Anleihen ging es für Portugal wieder auf 3,36 Prozent rauf.

Spekulationen über die Auswirkungen auf die EU insgesamt und über mögliche weitere Referenden im EU-Raum setzen die Staatsanleihen unter Druck. Am Freitag hatten die Schotten noch einmal über eine Abspaltung von Großbritannien nachgedacht, Italien Protestpartei fordert ebenfalls ein Referendum.

Selbst in Katalonien, wo die Regierung derzeit vor dem Zerbrechen steht, kommt nun wieder eine Abspaltung von Spanien ins Gespräch. Das hat zu einem regelrechten Ausverkauf bei den Anleihen der spanischen Region geführt. Dies trieb die Rendite der zehnjährigen Titel zeitweise um einen Prozentpunkt in die Höhe auf 5,502 Prozent. Papiere der Zentralregierung in Madrid warfen Investoren ebenfalls aus ihren Depots. Deren Rendite stieg auf bis zu 1,742 von 1,480 Prozent.

Im Gegenzug dazu fielen die Kosten für Anleihen aus Deutschland, Österreich und Frankreich. Nach einem Abfall um 26,7 Prozent zahlen die Anleger jetzt sogar 0,55 Prozent für zweijährige deutsche Schuldtitel. Und für zehnjährige, deutsche Anleihen liegen die Zinskosten derzeit bei Minus 0,62 Prozent. Die Zinskosten für zweijährige, österreichische Anleihen liegen bei Minus 0,53 Prozent.

Bereits zu Beginn der Woche waren die Kosten für Anleihen aus Südeuropa nach oben geschnellt. Das wachsenden Ungleichgewicht in der EU macht es der EZB sehr schwer, Südeuropa weiter mit ihrer expansiven Geldpolitik zu stärken. Der Brexit könnte die Situation nun verschärfen.

Ohne London: Amerikaner erwarten weniger Widerstand gegen TTIP
Ohne London: Amerikaner erwarten weniger Widerstand gegen TTIP
US-Experten glauben, dass sich der Abschluss des TTIP ohne Großbritannien verzögern wird. Sie sehen jedoch einen sehr positiven Aspekt: Deutschland und Frankreich würden nicht so energisch für ihre Banken kämpfen wie Großbritannien.
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Die EU-Handelskommissarin Cecilia Malmström und der amerikanische Handelsbeauftragte Mike Froman unterhalten sich am 02.06.2015 im Bundeswirtschaftsministerium in Berlin. (Foto: dpa)

Die EU-Handelskommissarin Cecilia Malmström und der amerikanische Handelsbeauftragte Mike Froman unterhalten sich am 02.06.2015 im Bundeswirtschaftsministerium in Berlin. (Foto: dpa)

Die britische Entscheidung zum Austritt aus der Europäischen Union ist Experten zufolge ein Rückschlag für die Verhandlungen zwischen den USA und der EU über ein Freihandelsabkommen. „Das ist noch ein Grund, warum sich TTIP wohl verzögern wird“, sagte Heather Conley von der Denkfabrik Center for Strategic and International Studies am Freitag. Der früheste realistische Termin sei nun 2018. Dieses Datum nannte auch Hosuk Lee-Makiyama, Direktor des European Centre for International Political Economy in Brüssel. In den kommenden Monaten werde die EU wegen des Brexit sehr mit sich selbst beschäftigt sein. Der US-Handelsbeauftragte Michael Froman sagte, der Einfluss des Brexits werde analysiert. Klar sei aber: „Die wirtschaftliche und strategische Logik für TTIP bleibt stark.“ Die TTIP-Verhandlungen sollen Mitte Juli in Brüssel fortgeführt werden.

Die Verhandlungen über die Transatlantic Trade and Investment Partnership (TTIP) wurden vor drei Jahren aufgenommen und stocken gegenwärtig. Besonders in Deutschland und Frankreich werden die Chancen des Abkommens zunehmend skeptisch bewertet. In beiden Staaten stehen im kommenden Jahr Wahlen an. Ohnehin ist unklar, wie es nach dem Ende der Amtszeit von US-Präsident Barack Obama im Januar auf der anderen Seite des Atlantiks weitergeht. Auch inhaltlich liegen die beiden Wirtschaftsräume in vielen wichtigen Punkten weit auseinander, etwa beim Umweltschutz oder dem Zugang zu staatlichen Aufträgen.

Mit dem Austritt Großbritanniens stehe den USA auch nicht mehr ein Ansprechpartner mit einer ähnlichen Wirtschaftskultur zur Verfügung, erklärten die Experten. Den Amerikanern könnten am Verhandlungstisch nun Vertreter von Staaten gegenübersitzen, die in einigen Punkten noch stärker auf ihre Positionen beharrten, sagte Chad Brown vom Peterson Institute for International Economics.

Lee-Makiyama zufolge könnten die Gespräche nun immerhin in einem Punkt einfacher werden: Die Regulierung der Finanzdienstleistungen sei eigentlich nur für Großbritannien von vordringlicher Bedeutung. „Deutschland und Frankreich sind vermutlich bereit, loszulassen“, sagte er. Allerdings: „Damit verbleiben noch etwa 20 ungelöste Streitpunkte mit fast dem gleichen Schwierigkeitsgrad.“

Auf Gold gesetzt: Soros gewinnt Wette gegen die EU
Auf Gold gesetzt: Soros gewinnt Wette gegen die EU
Vor einer Woche hatte US-Investor George Soros wegen des von ihm erwarteten Brexit auf Gold gesetzt - und damit satte Gewinne gemacht. Die genaue Höhe seiner Wette ist nicht bekannt.
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George Soros bezahlte Bürgerverbände in Ferguson für die Organisation der Proteste. (Foto: dpa)

US-Investor George Soros. (Foto: dpa)

Vergangene Woche hatte Soros in einem Gastbeitrag der Zeitung Guardian exakt dieses Szenario vorausgesagt, wobei er von einem Einbruch des Pfunds von insgesamt 20 Prozent ausgeht. Zuvor hatte das Soros Fund Management mehrere Aktien-Pakete abgestoßen und stattdessen Gold und Anteile an Gold-Minen erworben. Soros Fund Management verwaltet insgesamt 30 Milliarden Dollar, berichtet das Wall Street Journal. Der US-Investor hatte bereits im Jahr 1992 gegen das britische Pfund gewettet und einen großen Gewinn eingestrichen.

Das britische Pfund verzeichnete nach dem Referendum den heftigsten Kursverlust zum Dollar seit mindestens 30 Jahren, berichtet Market Watch. Der Kurs liegt derzeit bei etwa 1,38 Dollar, doch nach Ansicht des US-Investors George Soros könnte es bis auf 1,15 Dollar fallen. Ein billiges Pfund macht britische Produkte anderswo billiger, verteuert aber Importe und kann so zu höherer Inflation und sinkender Kaufkraft führen.

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