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BMW: „Das vollautomatische Auto haben wir frühestens in 20 Jahren“

Die Entwickler von BMW zeigen sich skeptisch, was die Entwicklung von vollautomatischen Autos betrifft. Es gibt kaum eindeutige Situationen im Straßenverkehr. Daher sind Rechts-Streitigkeiten unausweichlich. Um diese zu führen, müsse die Gesellschaft einen Konsens entwickeln, wann der Fahrer für einen Fehler verantwortlich gemacht werden soll und wann die Technik.

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Das Auto der Zukunft - ohne Fahrer am Steuer? BMW warnt vor übertriebenen Erwartungen. (Foto: BMW)

Das Auto der Zukunft – ohne Fahrer am Steuer? BMW warnt vor übertriebenen Erwartungen. (Foto: BMW)

Wer haftet bei Unfällen, wenn es keinen Fahrer mehr gibt? (Foto: BMW)

Wer haftet bei Unfällen, wenn es keinen Fahrer mehr gibt? (Foto: BMW)

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wenn die Autos denn dürften wie sie schon könnten- wie selbstständig würden Fahrzeuge heute bereits fahren?

Werner Huber: Wir proben heute bereits komplett autonom fahrende Technik, allerdings immer unter Beobachtung eines Testfahrers, um rechtlich auf der sicheren Seite zu sein. Das ist allerdings noch Forschung. In Serie sind wir teilautomatisiert, vor allem im Stau kann das Auto bereits komplett die Steuerung übernehmen – aber auch da muss der Fahrer bisher weiter auf das Auto aufpassen. Die nächste Stufe wird sein, das Lenken, Bremsen und Gas gegeben so zu automatisieren, dass der Fahrer das Auto gar nicht mehr kontrollieren muss und seine Fahrzeit für andere Dinge nutzen kann.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Diese Idee verfolgen ja auch immer mehr IT-Unternehmen und drängen wie Google und Apple in den Auto-Markt: Ist das mehr Inspiration oder Bedrohung?

BMW-Entwickler Dr. Werner Huber ist Experte für Hochautomatisiertes Fahren und leitet die Forschungsgruppe Fahrerassistenz und Perzeption. (Foto: BMW)

BMW-Entwickler Dr. Werner Huber ist Experte für Hochautomatisiertes Fahren und leitet die Forschungsgruppe Fahrerassistenz und Perzeption. (Foto: BMW)

Werner Huber: Wenn Google mit seinem kürzlich vorgestellten Fahrzeugkonzept in der Vorstadt herumfährt ist das natürlich durchaus von der Herangehensweise interessant, allerdings nicht aus einer Autobauer-Perspektive, Autos bringen wir schon seit Jahrzehnten auf die Straße, da nehmen wir als old economy in Anspruch, das auch besser zu können. Dennoch zeigen die IT-Unternehmen mit ihrem technologischen Know How und ihrer ganz anderen Herangehensweise neue Wege auf, wie man denken kann. Das erkennen wir hoch an, zumal wir selbst seit Jahren den Software-Bereich stärken und IT-Prozesse in die Firma holen. Das wird in Zukunft noch viel stärker. Autonomes Fahren ist ganz klar ein Software-Projekt, daher müssen wir von den Software-Experten lernen, um aus einem guten Auto einen rollenden Roboter zu machen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Was ist bei der nächsten Stufe der Automatisierung die größte Herausforderung?

Werner Huber: Das Auto war immer so gebaut, dem Fahrer zu dienen. Assistenzsysteme von Einparkhilfen bis zur Servolenkung basierten bisher immer darauf, dass über allen Systemen der Fahrer als Kontrollinstanz steht. Jetzt fällt diese Rückfallebene komplett weg und das heißt vor allem: Das Auto muss in der Lage sein, sein eigenes Fehlverhalten, seine eigenen Betriebsgrenzen, seine eigenen technologischen Fähigkeiten zu kennen und genau einschätzen können, ob es noch in der Lage ist eine Situation zu kontrollieren oder nicht. Momentan führt die Automatisierung nämlich dazu, dass wir aus Sicherheitsgründen vieles doppelt ausführen müssen, damit es automatisch und manuell funktioniert: Gibt es beispielsweise ein Problem mit der Lenkautomatik, muss das Auto trotzdem steuerbar sein, das geht zum Beispiel indem man die entsprechenden Räder auf einer Seite bremst und so das Fahrzeug auch ohne Lenkrad manövriert. Priorität ist es, wenn etwas ausfällt, immer trotzdem in einen sicheren Zustand zurück zu kommen, und sei es durch Halten am Straßenrand – eine sichere Übergabe an den Fahrer muss immer gewährleistet sein.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Doppelte Böden einbauen klingt, als könne man der Maschine allein doch noch nicht ganz vertrauen: Die aktuelle Diskussion um die bereits weitgehend automatisierte Flugbranche zeigt, Menschen vertrauen einem Menschen trotz aller Unberechenbarkeiten immer noch mehr als einer Maschine. Was müsste passieren um das zu ändern?

Werner Huber: Vertrauen in die Automatisierung erlangt man nur durch eine schrittweise Einführung. Wir starten mit vermeintlich einfachen Funktionen in beherrschbaren Situationen, also etwa Stauszenarien auf der Autobahn, da ist die Dynamik niedrig, alle fahren in die gleiche Richtung, es gibt keine Kreuzungen und keine Fußgänger. Bei so einem Stop-and-Go-Szenario bis 60 km/h sind wir inzwischen so sicher automatisiert, dass wir keinen Fahrer mehr brauchen, der eingreifen muss. Hier ist im Gegenteil die Maschine im Vorteil, da sie bei monotonen Situationen nicht die Aufmerksamkeit verliert und etwa einschläft oder sich ablenken lässt. In Situationen, die darüber hinaus gehen, erfolgt dann eine Übergabe an den Fahrer. Das ist ein Einstieg, der ein Automatisierungsvertrauen schafft. Der Kunde lernt dabei: Einen Teil macht das Auto, einen Teil macht der Fahrer. Ganz wichtig bleibt dabei auch im Automatikmodus aber die Möglichkeit für den Fahrer, zu übernehmen. Auch das schafft Vertrauen, das wir brauchen, um den Kunden zu überzeugen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wenn der Fahrer sich entscheiden kann, nicht zu fahren – kann er dann immer noch Schuld sein, wenn es zu einem Unfall kommt?

Werner Huber: Das ist eine sehr schwierige, aber berechtigte Frage, und wir müssen noch vor dem ersten Unfall wissen, wie wir mit ihr umgehen. Als Hersteller haftet man natürlich immer für fehlerhafte Produkte. Aber darüber hinaus müssen wir zunächst einmal Technologien entwickeln, die zulassungsfähig sind. Danach kommt das Verhaltensrecht: Schuld ist, wer gegen die Regeln verstößt. Wer das alles sein könnte und welche Antworten es gibt, das klären wir derzeit in verschiedenen Arbeitskreisen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Versicherer haben als Antwort die Programmierer ins Spiel gebracht: Könnten die Software-Entwickler bei Unfällen mit hochautomatisierten Autos haften?

Werner Huber: Wenn dieser Fall eintritt, dann wird kein Entwickler ein automatisches Fahrzeug je zur Zulassung geben und das Thema autonomes Fahren wird sich sofort von selbst erledigen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wenn die Entwickler aber nicht haftbar sind, und die Fahrer ebenso wenig – wer bleibt übrig?

Werner Huber: Übrig bleibt eine Gesellschaft, die etwa einen Fonds gründen müsste, aus dem Schäden bezahlt werden. Das könnte ähnlich funktionieren wie heutige Versicherungsfonds für Impfschäden: Impfen ist für die Gesellschaft grundsätzlich von Vorteil, daher bezahlt sie den einen Impfschaden, der unter hunderttausend Fällen auftritt in der Regel aus einem entsprechenden Fond, den die betroffene Branche für solche Fälle eigens gegründet hat. Das ist noch nicht ausdiskutiert, aber in diese Richtung könnte man denken. Es kann jedenfalls nicht sein, dass die negativen Folgen der Automatisierung auf den Entwickler abgeschoben werden, die positiven Wirkungen aber, also die allgemein erhöhte Sicherheit im Verkehr, gerade von den Versicherern einfach so einkassiert werden.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Es könnte auch so aussehen, dass die Automatisierung das Fahren nur bequemer macht, auf Kosten der Sicherheit.

Werner Huber: Das darf natürlich nicht passieren. Es ist jedoch denkbar, dass eine neue Art von Unfällen entsteht, wo eine Situation, die ein Fahrer ganz gut im Griff gehabt hätte, von einem automatisierten Fahrzeug falsch interpretiert wird und es dadurch zum Unfall kommt. Aber unser derzeitiges Nutz-Szenario macht den Verkehr immer sicherer: Im Stau beispielsweise funktioniert die Automatisierung im Gegensatz zum Fahrer sicher. Das Auto kann die Situation beherrschen. In der gleichen Situation passiert es bei Fahrern immer mal, dass sie unaufmerksam werden, dass sie nicht aufpassen, falsch bremsen, beim Stop-and -Go einschlafen, all das kann dem Roboter nicht passieren. Auch der Sekundäreffekt für die Sicherheit ist enorm: Das automatisierte Auto ist voll mit Sensoren und Technik. All diese Warnsysteme helfen ja auch dann, wenn sie nicht vollautomatisch fahren. Eine 360 Grad Rundum-Erfassung des Fahrzeugs etwa kann immer unterstützend wirken, und etwa Unfallrisiken durch ansonsten tote Winkel senken.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Es gab kürzlich so einen spektakulären Fall, ein BMW-Erlkönig mit Kamera-basiertem Assistenz-System krachte in einen Polizeibus, angeblich weil er das Blaulicht nicht erkannte – wer war denn da schuld?

Werner Huber: Da war natürlich der Fahrer schuld, denn bei den Assistenzsystemen ist ja immer der Fahrer schuld. Deswegen heißt es Assistenz- und nicht Kontrollsystem: Man darf sich nie auf den Assistenten verlassen. Genau das ist der Unterschied: Assistenz muss nicht alles können, Automatik schon, da reicht es auch nicht mehr, nur 95 Prozent der Szenarien zu beherrschen. Um das zu gewährleisten finden wir derzeit neue Methoden.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Kann die Automatik heute denn beispielsweise ein Blaulicht an einer Kreuzung erkennen und darauf reagieren?

Werner Huber: Heute noch nicht, bisher programmieren wir nur Situationen für die Autobahn. An der Kreuzung die Polizei zu erkennen war bisher noch nicht in der Anforderungsliste für die Entwickler. Auf der Autobahn gib es keine Kreuzungen, sondern Einfädelspuren.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Es gibt auch gefährliche Verkehrs-Situationen, die von Fahrern keine logische, sondern eine ethische Entscheidung verlangen: Weiche ich dem Fahrradfahrer aus, aber krache dadurch womöglich in den Fußgänger, oder bremse ich – und gefährde damit den Fahrer selbst oder seinen Hintermann – wie kann eine Maschine solche Entscheidungen treffen?

Werner Huber: Nach dem ersten Gesetz der Roboter-Ethik beschützt der Roboter immer zunächst seinen Eigentümer. Wenn er sich darüber hinaus entscheiden muss, wen er schädigt, ist das eine Frage der Regeln, die ich ihm mitgebe. Diese Regeln brauchen gesellschaftliche Bewertungsmaßstäbe und diese wiederum Messdaten. Hat der Radler zum Beispiel einen Helm auf, und damit höhere Überlebenschancen, oder ist der Fußgänger schon älter und der Radfahrer ein Kind – das sind schwierige aber berechtigte Fragen, die sich die Gesellschaft stellen muss. Ich würde dieses Maßstab-System nicht aufbauen wollen, ehrlich gesagt. Aber wenn wir eine solche Situation programmieren wollen, werden wir am Ende nicht darum herum kommen, Kriterien zu schaffen. Das ist ein altes Problem, das auch die Ärzte bei großen Katastrophen haben – wer wird als erstes versorgt? Wer als erstes gefunden wird oder wer die größten Überlebenschancen hat? Solche Entscheidungen werden tagtäglich getroffen. Wenn wir so ein Punktesystem nicht wollen oder keine Bewertung vornehmen können, dann könnten wir uns auch entscheiden, gar keine Regeln mitzugeben und die Entscheidungen dem Zufallsgenerator überlassen – das Auto weicht dann einmal nach links aus, im nächsten Fall vielleicht nach rechts.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Stellen sich diese Fragen bei der Programmierung im Moment?

Werner Huber: Das wird derzeit noch nicht programmiert, weil wir auch die Infos dazu schlicht noch nicht haben. Noch können wir beispielsweise nicht erkennen, welcher Radler einen Helm trägt oder nicht. Irgendwann werden wir es aber erkennen können, dann könnte es auch zum Entscheidungskriterium werden. Solche strategischen Fragen werden aber erst auf den höheren Ebenen der Software-Entwicklung programmiert. Zunächst muss man mit diesem Thema auf gesellschaftlicher Ebene umgehen. Für das hoch automatisierte Fahren gibt es genau aus den bisher genannten wichtigen Gründen auch eine Arbeitsgruppe beim VDA, in der diverse Automobilhersteller vertreten sind, um unter anderem auch die ethischen Fragen zu diskutieren. Denn dieses Thema betrifft nicht nur einen Hersteller, sondern alle zusammen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Für wen werden diese automatischen Autos gebaut? Bleiben sie ein Luxus für gut betuchte ältere Kunden?

Werner Huber: Wir wollen derzeit kein Modell, mit dem man nur noch automatisch fahren kann. Wir wollen da eine Funktion anbieten die jeder brauchen kann: Derzeit ist jeder, der Autobahn fährt, ein potentieller Kunde für automatisiertes Fahren. Wer auf die Autobahn fährt, drückt künftig einen Knopf, und dann fährt der BMW ihn, und wenn er wieder auf den Knopf drückt, fährt er wieder seinen BMW. Der Fahrer soll selbst wählen können, ob er automatisch fährt, dabei vielleicht etwas länger braucht weil die Geschwindigkeit nicht über 130 km/h steigt, aber dafür die Fahrzeit sinnvoll nutzen kann, indem er während der Fahrt seine Präsentation vorbereiten kann, seine Emails checken oder Kaffee trinken. Oder ob er lieber mit 160 km/h fahren will, um schneller anzukommen, sich dafür aber auch komplett auf die Fahraufgaben konzentrieren muss.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Bis wann kommt der Knopf, mit dem das Auto auch in der Stadt übernimmt?

Werner Huber: Bis das Auto uns komplett vollautomatisiert durch die Stadt fährt, mit allem drum und dran, den Fahrer an seinem Ziel absetzt und dann allein einen Parkplatz sucht – das dauert schätzungsweise noch 20 Jahre.

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Weltmächte und ihre Stellvertreter: Syrien-Krieg kann noch fünf Jahre dauern
Weltmächte und ihre Stellvertreter: Syrien-Krieg kann noch fünf Jahre dauern
Der Syrien-Krieg wird offenbar noch Jahre andauern. Zum einen gibt es unzählige Söldner-Truppen und Milizen, die von Russland und den USA nicht mehr zu kontrollieren sind. Doch zum anderen ist das Söldnertum mittlerweile die einzige berufliche Perspektive für junge Syrer.
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Die Heimat des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad wurde von internationalen Söldnern komplett zerstört. (Foto: dpa)

Die Heimat des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad wurde von internationalen Söldnern komplett zerstört. (Foto: dpa)

Die geopolitische Analyse-Firma Geopolitical Futures geht davon aus, dass der Syrien-Krieg noch bis zu fünf Jahre dauern wird. Ausschlaggebend ist unter anderem, dass die bewaffneten Islamisten keine zusammenhängende Gruppe bilden, sondern aus einer Vielzahl von Milizen bestehen würden. Alleine an den Genfer Friedensverhandlungen nahmen bisher 97 bewaffnete Milizen teil, um ihre Unterschriften unter die ausgehandelte Feuerpause zu setzen, die sie dann später gebrochen haben.

Russland und die USA versuchen zwar, den Syrien-Konflikt durch gemeinsame Absprachen und Verhandlungen zu beenden, doch die beteiligten Milizen und Söldner sind außer Kontrolle geraten. Zudem sind Russland und die USA nicht die einzigen Mächte, die ihre Stellvertreter im Syrien-Krieg haben. Saudi-Arabien, Katar, der Iran, Frankreich, Großbritannien und die Türkei haben ebenfalls ihre Söldner im Syrien-Krieg. Sie werden von diesen Staaten eingesetzt, weil die Staaten eigenen Armeen nicht dauerhaft finanzieren können oder Schwierigkeiten damit haben, ihre eigenen Bürger für Kriege in fremden Ländern zu motivieren.

Das Clarion Project berichtet, dass es zum einen den syrischen Söldnerdachverband „Islamische Front“ gibt. Dazu gehören Ahrar al-Scham, die Sukuor al-Scham-Brigaden, die Tawhid-Brigaden, die Hak-Brigade, die Ansar al-Scham-Bataillone und die Islamische Armee. Dieser Verband besteht aus schätzungsweise 40.000 bis 70.000 Kämpfern.

Die al-Nusra-Front hingegen verfügt über schätzungsweise 15.000 bis 20.000 Kämpfer. Sie hat sich mittlerweile als die schlagkräftigste Söldnertruppe im Syrien-Krieg durchgesetzt. In der vergangenen Woche hatte sie in Aleppo die Zentrale der syrischen Luftaufklärung mit Tunnel-Bomben in die Luft gejagt.

Die Freie Syrische Armee (FSA) ist ein loser Verband, der aus 36 bewaffneten Gruppen besteht. Die internationale Terror-Miliz ISIS hingegen operiert im Irak und Syrien mit einer Anzahl von schätzungsweise 20.000 bis 30.000 Kämpfern.

Die einzelnen Söldner-Gruppen profitieren davon, dass die jungen Syrer keine andere finanzielle Perspektive haben, als sich ihnen anzuschließen. Weil es sich bei Syrien und dem Irak um faktisch zerstörte Staaten handelt, bleibt nur noch der Kriegsdienst als einzige berufliche Perspektive. ISIS soll sowohl ausländischen Söldnern als auch einheimischen Interessenten die besten Löhne zahlen.

Allerdings berichtet das Wall Street Journal, dass auch Söldner aus der ehemaligen Sowjetunion im Syrien-Krieg mitmischen. Besonders aktiv soll das „Slavonic Corps“ sein, das auf Seiten der syrischen Regierung kämpft. Sie erhalten 3.200 Euro pro Monat, berichtet die Welt.

Das offizielle Russland hat sich dagegen entschieden, an der Seite der syrischen Regierung gegen den IS zu kämpfen. Moskau fürchtet ein Übergreifen des islamischen Terrors auf sein eigenes Territorium. Für Russland ist die islamistische Gefahr besonders groß, weil versucht werden könnte, die islamische Bevölkerung Russlands auf die Seite der Islamisten zu ziehen.

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Nach wenigen Wochen ein SPIEGEL-Bestseller: Das neue Buch von Michael Maier. (Foto: FBV)

Nach wenigen Wochen ein SPIEGEL-Bestseller: Das neue Buch von Michael Maier. (Foto: FBV)

DWN-Herausgeber Michael Maier beschreibt in seinem neuen Buch die Söldner-Krieg und welche geopolitischen Folgen sie haben. Der Krieg als Geschäftsmodell ist die wichtigste Fluchtursache – und wird von den europäischen Politikern kaum jemals als solche benannt. Auch wenn aus den EU-Staaten direkt keine Söldner geschickt werden, machen sich die Europäer doch mitschuldig an der menschlichen Katastrophe etwa in Syrien. Denn dieser Krieg ist kein Naturereignis, sondern wird von vielen Nationen so lange geführt, bis sie ihre Interessen durchgesetzt haben. 

 

Michael Maier: „Das Ende der Behaglichkeit. Wie die modernen Kriege Deutschland und Europa verändern“. FinanzBuch Verlag München, 228 Seiten, 19,99€. Bestellen Sie das Buch hier direkt beim Verlag.

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Grüne: EU muss weit mehr Flüchtlinge aus der Türkei übernehmen
Grüne: EU muss weit mehr Flüchtlinge aus der Türkei übernehmen
Die grüne Fraktionsvorsitzende Göring-Eckardt fordert, dass die EU eine weit höhere Anzahl an Flüchtlingen aus der Türkei übernehmen soll. Dazu sollte der Deal mit der Türkei neu verhandelt werden. Die EU sollte sich auf Dauer auf die Übernahme von Kontingenten…
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Die Vorsitzende der Bundestagsfaktion von Bündnis 90 / Die Grünen, Katrin Göring-Eckardt, plädiert dafür, dass die EU mehr Flüchtlinge aufnimmt. (Foto: dpa)

Die Vorsitzende der Bundestagsfaktion von Bündnis 90 / Die Grünen, Katrin Göring-Eckardt. (Foto: dpa)

Die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt, hat ein neues Flüchtlingsabkommen mit der Türkei gefordert. Die EU müsse bereit sein, weit mehr Flüchtlinge als die zuletzt versprochenen 72.000 Syrer aus der Türkei nach Europa holen, forderte sie im Tagesspiegel. „Dazu müssen wir der Türkei anbieten, über Dauerkontingente regelmäßig Flüchtlinge aufzunehmen.“

Von der Bundesregierung verlangte Göring-Eckart, in Vorleistung zu gehen und mindestens jene 28.000 Flüchtlinge aufzunehmen, zu deren Übernahme sie sich auf EU-Ebene bereits verpflichtet habe. „Das muss die Bundesregierung der Türkei anbieten. Nur so können wir ein neues, wirksames und humanitäres Flüchtlingsabkommen erreichen“, sagte die Grünen-Politikerin. Es gehe darum, einen legalen und sicheren Zugangsweg nach Europa zu schaffen.

Die EU darf alle Schutzsuchenden, die seit dem 20. März auf die griechischen Inseln übergesetzt sind, in die Türkei zurückschicken. Für jeden zurückgeschickten Syrer darf seit dem 4. April ein anderer Syrer aus der Türkei legal und direkt in die EU einreisen. Bis zu 72.000 Menschen sollen auf diese Weise Aufnahme in Europa finden. Bislang sind es allerdings erst wenige hundert.

 

Deutschland verliert EM-Test gegen die Slowakei 1:3
Deutschland verliert EM-Test gegen die Slowakei 1:3
Die deutsche Nationalmannschaft hat den vorletzten Test vor der EM in Augsburg mit 1:3 verloren. Das Spiel wurde wegen starken Regens beeinträchtigt.
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Mario Götze im Kampf gegen die slowakische Abwehr. (Foto: dpa)

Mario Götze im Kampf gegen die slowakische Abwehr. (Foto: dpa)

Auf Joachim Löw wartet nach einem missglückten Test im Gewitter noch viel Arbeit, um den Fußball-Weltmeister reif für den EM-Titel zu machen. Ohne etliche nicht einsatzfähige oder geschonte Stammkräfte unterlag die deutsche Nationalmannschaft am Sonntag im vorletzten Länderspiel vor dem Ernstfall in Frankreich mit 1:3 (1:2) gegen die Slowakei. Vor nur 22 110 Zuschauern in der bei weitem nicht ausverkauften Augsburger Arena stand das Benefiz-Länderspiel zur Pause nach einem Unwetter mit dicken Hagelkörnern vor dem Abbruch.

Als noch richtig Fußball gespielt werden konnte, hatte Mario Gomez mit seinem ersten Elfmeter im Nationaltrikot die DFB-Auswahl in der 13. Minute in Führung gebracht. Ein Doppelschlag des EM-Teilnehmers Slowakei durch Marek Hamsik (41.) und Michal Duris (44.) zerstörte den bis dahin schwungvollen Auftritt der deutschen Mannschaft. Nach dem Halbzeit-Donnerwetter war das Spielen auf dem durchnässten Rasen extrem schwierig. Das dritte Gegentor von Juray Kucka (52.) ging trotzdem auf das Konto des eingewechselten Torhüters Marc-André ter Stegen, der den Ball durch die Beine rutschen ließ.

Zwei Tage vor der Nominierung des endgültigen 23-Mann-Kaders zeigte sich, dass Löw für einen EM-Erfolg vor allem die etablierte Spieler brauchen wird. Nach dem Abpfiff ging es zurück ins Trainingslager nach Ascona in der Schweiz, vor dem EM-Auftakt gegen die Ukraine am 12. Juni wartet nur noch ein Härtetest gegen Ungarn am nächsten Samstag.

«Das Ergebnis ist völlig zweitrangig, es geht um die Erkenntnisse», hatte Löw vor dem zehnten Aufeinandertreffen mit der Slowakei gesagt. Und die Erkenntnisse waren – wie auch das Ergebnis – bescheiden. Von den vier Debütanten Bernd Leno, Joshua Kimmich, Julian Weigl und Julian Brandt konnte keiner entscheidende Pluspunkte sammeln. Dazu verhinderten die Platzverhältnisse nach dem Unwetter ein vernünftiges Fußballspiel. Als Gewinner durfte sich Gomez fühlen, der bei dem 45-Minuten-Einsatz sein gewachsenes Selbstvertrauen mit einem Tor krönte. Auch Mario Götze präsentierte sich nur 15 Tage nach seinem Rippenbruch spielfreudig, dazu setzte noch Julian Draxler Akzente.

Dabei hatte alles sehr vielversprechend begonnen: Von Müdigkeit war nach der ersten Trainingslager-Woche am Lago Maggiore zunächst nicht viel zu sehen. Die DFB-Auswahl begann schwungvoll, obgleich sie in der Form noch nie zusammengespielt hatte. Auf neun Leistungsträger hatte Löw aus diversen Gründen verzichtet.

Den Engpass auf der Sechser-Position – Bastian Schweinsteiger ist nicht fit und Toni Kroos weilte nach dem Champions-League-Triumph noch bei Real Madrid – löste Löw mit einer taktischen Variante. Als einziger defensiver Mittelfeldspieler agierte Khedira, der nach einmonatiger Verletzungspause seine Turnierfitness nachwies. Dahinter spielte eine Dreier-Abwehrkette mit Jerome Boateng, Antonio Rüdiger und Kimmich sowie den Außenspielern Jonas Hector und Sebastian Rudy.

Die Fans sahen im ersten Länderspiel in Augsburg nach 31 Jahren zunächst eine spielbestimmende deutsche Mannschaft. Schon nach drei Minuten besaß Boateng, der nach umstrittenen Äußerungen des AfD-Vizevorsitzenden Alexander Gauland im Vorfeld ungewollt im Mittelpunkt gestanden hatte, mit einem Scherenschlag die erste Torchance. Und weiter ging es mit einer Doppelchance von Gomez und Draxler, die vom guten slowakischen Torhüter Matus Kozacik und Bundesligaprofi Peter Pekarik noch entschärft wurde (7.).

Dann war es aber doch passiert. Nach einem Foul an Götze verwandelte Gomez den fälligen Strafstoß. Für den Torschützenkönig aus der Türkei war es das 27. Länderspiel-Tor – und zugleich Ausdruck seines neuen Selbstbewusstseins. Auch spielerisch wusste der Stoßstürmer zu überzeugen. In dieser Phase des Spiels gab es nur einen Kritikpunkt: die Chancenverwertung. So vergaben Hector (27.), Leroy Sané (30.) und Draxler (32.) weitere gute Gelegenheiten.

Das sollte sich rächen: Eine Tiefschlafphase des Weltmeisters in den letzten fünf Minuten der ersten Halbzeit nutzten die Slowaken, um das Spiel zu drehen. Erst setzte Hamsik, der beim SSC Neapel spielende Star der Slowaken, einen 25-Meter-Schuss unhaltbar für Leno ins Tor (41.). Kurz darauf verhinderte Rudy zunächst auf der Torlinie den zweiten Gegentreffer, was aber Filip Duris bei der anschließenden Ecke per Kopf nachholte (44.). Dabei hatte Kimmich seinen Gegenspieler entwischen lassen. «Wir haben die Chancen leichtfertig vergeben und zweimal nicht aufgepasst. Das ist eine gute Lehre», urteilte Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff.

Weiter ging es mit einem Donnerwetter – vom Himmel. Dunkle Wolken zogen schon kurz vor dem Pausenpfiff auf. In der Halbzeit entlud sich der Himmel mit einem kräftigen Gewitter. Die Halbzeitpause wurde vom belgischen Schiedsrichter Serge Gumienny um weitere 25 Minuten verlängert. Sogar ein Abbruch des Spiels wurde diskutiert.

Gespielt wurde trotzdem, wenn auch nur beschwerlich. Das war aber keine Entschuldigung für den Patzer von ter Stegen beim Schuss von Kucka. Es war die Fortsetzung einer unglücklichen DFB-Karriere, die der frühere Gladbacher mit fünf Gegentreffern im ersten Länderspiel 2012 begann und mit dem fast schon denkwürdigen Patzer bei der USA-Reise ihren negativen Höhepunkt fand. Danach zeigte sich die DFB-Elf bemüht, es fehlte aber an Durchschlagskraft.

Torten-Angriff auf Sahra Wagenknecht bei Parteitag der Linken
Torten-Angriff auf Sahra Wagenknecht bei Parteitag der Linken
Die Linken-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht ist auf dem Bundesparteitag in Magdeburg Opfer einer Attacke mit einer Torte geworden. Ein junger Mann drängte sich laut Augenzeugen vor die erste Reihe, in der Wagenknecht saß, und warf ihr eine braune Cremetorte direkt ins…
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Sahra Wagenknecht nach dem Torten-Angriff. (Foto: dpa)

Sahra Wagenknecht nach dem Torten-Angriff. (Foto: dpa)

Die neben Wagenknecht sitzenden Parteichefin Katja Kipping und Dietmar Bartsch schirmten die getroffene Politikerin umgehend ab. Bartsch begleitete sie durch einen Seitenausgang aus der Halle. Dort sammelte sich Wagenknecht erst einmal und entfernte die gröbsten Spuren. Die Attacke fand während der Eröffnungsrede von Parteichef Bernd Riexinger statt, der seine Ansprache mit den Worten „Was ist denn da los“ unterbrach.

Die Täter verteilten Flugblätter (siehe Video von Russia Today am Anfang des Artikels). Sie ziehen darin eine Linie von Wagenknecht zur AfD-Politikerin Beatrix von Storch. Beide teilten nicht nur die Torte im Gesicht, so der Zettel. Ein als Clown verkleideter Mann hatte die AfD-Politikerin bei einer nicht-öffentlichen Sitzung der AfD-Programmkommission im Februar in Kassel mit einer Torte beworfen. Storch schrieb zum Angriff auf Wagenknecht auf Facebook: „Tortenwürfe auf Menschen mit anderer Meinung sind Angriffe auf den Kern unserer Demokratie: Sie bekämpfen die freie Meinungsäußerung mit Gewalt gegen Personen.“

In dem Flugblatt wird Wagenknecht vorgeworfen, sie sei wie die AfD bemüht, den „Volkszorn“ in politische Forderungen zu übersetzen. Zwischen AfD und Linken gebe es einen „nationalen Konsens“. Wagenknecht hatte Kritik auf sich gezogen, weil sie öffentlich gesagt hatte, dass nicht alle Flüchtlinge nach Deutschland kommen könnten.

Sie zog sich nach der Attacke in ihrem Hotel um. Eine Parteisprecherin sagte, es werde Anzeige gegen eine Frau und einen Mann erstattet. Ordner hätten die Täter des Geländes verwiesen. Die Täter stammten augenscheinlich aus „linken Strukturen“. Sie hätten sich als Pressevertreter angemeldet, berichtet die dpa.

Riexinger, Kipping und Bartsch verurteilten den Angriff scharf. Gewalt sei kein Mittel der Auseinandersetzung, sagte Riexinger. Kipping sagte: „Das war nicht nur ein Angriff auf Sahra, das war ein Angriff auf uns alle.“ Wagenknecht sei klar gegen Rassismus und Diskriminierung. Sie habe wie alle Linken im Bundestag geschlossen „gegen die Verstümmelung des Asylrechts“ gestimmt. „Wir weisen geschlossen zurück, was hier in diesem Wisch steht“, sagte Kipping mit Bezug zu dem Flugblatt unter dem Applaus der mehr als 500 Delegierten.

Bartsch sagte: „Das ist nicht links, das ist auch nicht antifaschistisch, das ist asozial, das ist hinterhältig, das ist dumm.“

 

„Rechtsruck“: Der Aufstand der Arbeiter, die nicht mehr Untertanen sein wollen
„Rechtsruck“: Der Aufstand der Arbeiter, die nicht mehr Untertanen sein wollen
Politik und Wirtschaft machen es sich zu leicht mit der Beschwörung des „Rechtsrucks“ in Europa: Die Arbeiter sind es leid, als Untertanen behandelt zu werden – im politischen Leben, in den Unternehmen, in der Gesellschaft. Die Wahlerfolge der rechten Parteien…
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Die Regierenden in Europa verstehen nicht mehr, was ihre Völker bewegt. Die Folge ist ein Rechtsruck der Wähler. (Foto: dpa)

Die Regierenden in Europa verstehen nicht mehr, was ihre Völker bewegt. (Foto: dpa)

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Dass in Österreich beinahe ein Vertreter der am rechten Rand angesiedelten FPÖ Präsident geworden wäre, regt die Demokraten in ganz Europa auf. Sie verfallen in Panik. Immerhin hat die FPÖ allein fast genauso viele Stimmen erhalten wie der von allen anderen Parteien unterstützte Kandidat – ein absolutes Novum in Europa. In erster Linie wird mit Warnungen reagiert: Bei einem Sieg der FPÖ in Österreich, der AfD in Deutschland, des Front National in Frankreich, der Lega Nord in Italien oder ähnlicher Parteien wie etwa der Vlaams Belang in Belgien würden sich die Katastrophen des 20. Jahrhunderts wiederholen. Die Erinnerung an Hitler, Mussolini oder Franco soll die Wähler „zur Räson“ bringen. Diese Argumentation beeindruckt die Wähler wenig, weil sie nicht die Gründe berücksichtigt, die viele Menschen zu den Rechtsparteien treibt.

Die Flüchtlinge als willkommener Sündenbock

Die meist zitierte Motivation ist die Angst vor den Flüchtlingen, die zwar eine große Rolle spielt, aber keine ausreichende Erklärung liefert – nicht zuletzt, weil die Tendenz nach rechts schon vor der Flüchtlingskrise begonnen hat. Die Flüchtlinge, die seit Monaten aus Syrien, dem Irak, Afghanistan und Nordafrika nach Europa drängen, bieten gemeinsam mit den zahlreichen Immigranten der vergangenen Jahrzehnte das probate Bild des Feindes, der für die eigenen Probleme verantwortlich gemacht wird. Diese Art Projektion ist ein Phänomen, das in der Geschichte immer in schwierigen Phasen auftritt. Auch das übliche Paradoxon ist zu beobachten: Der Ausländerhass ist am stärksten in Regionen ausgeprägt, wo keine oder kaum Migranten anzutreffen sind.

Dass hier die Emotion und nicht die Vernunft bestimmt, zeigen die Daten: In der EU leben über 500 Millionen Menschen, zur Debatte steht die Aufnahme von etwa einer Million Flüchtlingen, das wären 0,2 Prozent.

Die Politik soll Probleme lösen, für die sie nicht zuständig ist

Der zweite große Grund, der die Menschen nach rechts treibt, ist die Unzufriedenheit mit der Politik. Nun wird niemand leugnen, dass die europäische Politik enorme Mängel aufweist. Allerdings sollen die Politiker auch Probleme lösen, für die sie nicht zuständig sind. Hier manifestiert sich eine Erwartung, die in Jahrhunderten entstanden ist und auch in der jüngsten Vergangenheit genährt wurde: Monarchen und Diktatoren haben die Bürger meist als unmündige Schutzbefohlene betrachtet und viele demokratische Politiker pflegen bis heute die Illusion, dass „Vater“ Staat alle Probleme lösen und alle Menschen versorgen werde. Diese Prägung ist in der aktuellen Situation, in der sich Wirtschaft und Gesellschaft befinden, besonders schädlich.

Die Rechtsparteien artikulieren die Wut von Millionen

In Europa erwarten Millionen Arbeitslose, dass „Vater Staat“ ihre Situation verbessert. Weitere Millionen sind auf ihrem Arbeitsplatz nicht glücklich, Untersuchungen sprechen davon, dass beinahe jeder, jede Zweite in die innere Emigration geht. Nicht zuletzt sind auch die Spannungen im privaten Bereich zu beachten, die an den zahllosen Scheidungen und Beziehungskrisen abzulesen sind. Ein großer Teil der Bevölkerung ist unzufrieden bis unglücklich und hofft auf Lösungen. Nachdem der Staat dazu nicht in der Lage ist, zeigen die Menschen am Wahltag ihren Ärger.

Verschiedentlich wird gefragt, warum besonders das rechte Lager von dieser Entwicklung profitiert: Die Antwort dürfte in dem Umstand liegen, dass diese Parteien keine Alternativen anbieten, sondern vor allem protestieren und auf diese Art den Unmut der Betroffenen abholen. Zudem bedienen sie mit Beschimpfungen der Migranten das Verlangen nach einem Sündenbock. Die anderen Oppositionsparteien versuchen mit Programmen zu punkten, die vermeintlich besser sind als jene der Regierenden, doch in der Wut ist man an Argumenten nicht interessiert.

Die Regierenden in der Falle des Autoritarismus

Die Regierenden in Brüssel und in den achtundzwanzig Mitgliedstaaten der EU stellen sich den Forderungen der Bürger, lassen sich also in das autoritäre Verhältnis zwischen Herrschenden und Schutzbefohlenen treiben und versagen in dieser Falle naturgemäß kläglich.

Ein Grundmuster der politischen Irrwege lautet: Millionen sind arbeitslos, weil Unternehmen untergehen. Unternehmen gehen unter, weil sie die Risiken falsch eingeschätzt haben. Also muss man das Risiko bekämpfen. Die Folge sind die absurden Regulierungen, die die Vermeidung von Gefahren erzwingen sollen. Da wird kein Bereich ausgelassen, die Bandbreite reicht von den Allergenen im Essen über die Sicherheit der Aufzüge bis hin zu den Krediten, die nicht vergeben werden dürfen, damit die Kreditnehmer nicht überfordert werden, oder zur stündlichen Kontrolle zahlloser Brandmelder und tausenden anderen Bestimmungen, die ganz Europa lähmen, aber die Probleme nicht lösen.

Die hohe Arbeitslosigkeit, die Frustration vieler Menschen sind eine Folge der aktuell stattfindenden, fundamentalen Änderungen in der Gesellschaft und im Besonderen in der Arbeitswelt, die enorme, nicht leicht zu bewältigende Herausforderungen auslösen.

Die fundamentale Änderung der Arbeitswelt

Die jüngste Entwicklung der Technik stellt alle gewohnten Strukturen in Frage. Durch das Internet verändern sich die Arbeitsbedingungen für den Handel und das Bankwesen. In der Produktion schaffen die Roboter und die 3-D-Drucker eine gänzlich neue Welt. In der Verwaltung sind die Möglichkeiten der Automation durch die EDV noch lange nicht ausgeschöpft. Alle Unternehmen müssen sich auf die neuen Umstände einstellen und Produkte und Dienstleistungen entwickeln, mit denen sie morgen erfolgreich auf dem Markt bestehen können, aber auch die Abläufe in den Betrieben neu gestalten. Diese Herausforderungen kann die Politik den Betrieben nicht abnehmen. Da sind in erster Linie die Unternehmer, die Manager, die Führungskräfte gefordert, die sich dem Neuen stellen müssen.

Der zum Scheitern verurteilte Versuch, Strukturen zu bewahren

Diese Notwendigkeit steht im diametralen Gegensatz zur menschlichen Neigung, am Gewohnten festzuhalten. Innovation setzt zudem voraus, dass die Unternehmensleiter sehr kreativ sind und die sich laufend ändernden technischen Möglichkeiten erfolgreich einsetzen. Eine Fähigkeit, die nicht alle Unternehmer und Manager haben. Auch ist naturgemäß schwer abschätzbar, welche Neuerungen sich auf dem Markt durchsetzen werden. Aus diesen Faktoren entsteht der weit verbreitete Versuch, die bestehenden Unternehmen zu bewahren. Als vermeintlich wirksames Rezept bieten sich möglichst drastische Einsparungen an, die aber nicht in der Lage sind, die Position der Betriebe auf dem Markt zu verbessern. In die gleiche Richtung weisen Großfusionen, die meist nur darauf abzielen, mit weniger Personal die Umsätze der fusionierten Unternehmen zu erwirtschaften.

Die Frustration von Millionen Arbeitnehmern

Unter diesen Rahmenbedingungen gehen in Europa tagtäglich Millionen Menschen in ihre Betriebe. Viele sind sich über ihre genaue Aufgabe nicht im Klaren, weil diese in ständigen Reformen immer wieder neu definiert wird, aber nur selten eine Rückmeldung erfolgt, ob die Leistung den Erwartungen entspricht oder nicht. Viele zittern um ihren Arbeitsplatz, weil gerade wieder – die wievielte? – Einsparungsaktion durchgeführt wird. Und Millionen haben den Arbeitsplatz schon verloren. Das ist die Grundstimmung in einem beachtlichen Teil der Bevölkerung.
Selbstverständlich trifft dieses Bild nicht für alle zu, selbstverständlich gibt es zahlreiche, blühende Unternehmen, in denen bei bester Stimmung die Zukunft täglich neu erobert wird. Die Leiter und Mitarbeiter dieser Betriebe belasten die Politik und die Gesellschaft nicht, es geht um jene, die unter dem Wandel leiden.

Schuldzuweisungen an Politiker und Arbeitnehmer

Unternehmensleiter, die nicht wissen, wie sie die aktuellen Herausforderungen bewältigen sollen, erliegen nicht selten der Versuchung, für das eigene Unvermögen Schuldige verantwortlich zu machen. Auch für diese Gruppe ist die Kritik am Versagen des Staates naheliegend.

Die Kritik drängt sich zudem auf, da der Regulierungseifer der Politik tatsächlich eine enorme Behinderung der Betriebe auslöst. Die oft sinnlosen Vorschriften, deren Einhaltung mit hohen Strafen erzwungen wird, blockieren unendlich viele Arbeitsstunden, die somit nicht produktiv eingesetzt werden können. Wie das Beispiel zahlreicher, beeindruckend erfolgreicher Firmen zeigt, ist aber folgende Argumentation übertrieben: Man sei durch die Bürokratie so behindert, dass man die Betriebe nicht erfolgreich führen könne. Die Schuld liege also zur Gänze bei den Politikern, ohne Politik hätten die Manager die Zukunft schon erobert.

Die Schuldzuweisung an die Politiker stellt nur eine Seite der Entlastungsargumentation vieler Unternehmensleiter dar. Die andere besteht in der Kritik an den Arbeitnehmern, deren Ausbildung und mangelnde Bereitschaft zu lebenslangem Lernen die Entwicklung bremse. Den Arbeitnehmern wird oft, besonders in dem eher hierarchisch-elitär funktionierenden Frankreich, mit Überheblichkeit begegnet, statt auf Augenhöhe miteinander zu kommunizieren und gemeinsam die Herausforderungen zu meistern. Ähnliches ist auch in Italien zu beobachten.

Der Kündigungsschutz als fatale Bremse

Ein Ausdruck der Erwartung, dass der Staat alle Probleme lösen könne, sind auch die Proteste gegen Reformen des Arbeitsmarkts, die in Frankreich und Italien tausende auf die Straße treibt: Mit Hilfe von Gesetzen sollen die bestehenden Arbeitsplätze erhalten und neue geschaffen werden. „Vater Staat“ möge die Unternehmer zwingen, keine Kündigungen vorzunehmen und zusätzliche Mitarbeiter anzustellen.

Der Kündigungsschutz trägt paradoxerweise wesentlich zur Arbeitslosigkeit bei: Die Unternehmer nehmen nach Möglichkeit keine Mitarbeiter auf, weil diese in schwierigen Phasen nicht gekündigt werden können. Betriebe, die mit Problemen kämpfen, können die Belegschaften nicht reduzieren und müssen schließen, wodurch alle und nicht nur einige den Arbeitsplatz verlieren. Arbeitnehmer, die den Kündigungsschutz in einem Unternehmen genießen, wechseln kaum, auch wenn sie unzufrieden sind, sodass neue, attraktive Firmen nicht den entsprechenden Zulauf haben.

Mit den Protesten kämpfen die Arbeitnehmer gegen ihre eigene Zukunft. Es ist also in diesem Bereich nicht der Staat, der von sich aus durch das Arbeitsrecht die Wirtschaft behindert. Hier geht es um eine Forderung der Arbeitnehmer, die die Politik in der Vergangenheit erfüllt hat, und die nun den Arbeitnehmern schadet.
Ohne die Lockerung der Kündigungsschutz-Regeln ab 2004 hätte Deutschland den Aufschwung der vergangenen Jahre nicht geschafft.

Die Chancen waren noch so groß

Derzeit wird somit ein neues Kapitel in der Geschichte des Autoritarismus geschrieben, das nichts Gutes erwarten lässt.

Dabei bietet die aktuelle Umbruchphase einmalige Chancen:

– Das Internet eröffnet ausnahmslos allen Unternehmen Zugang zu Märkten, die sie früher nicht erreichen konnten. Zudem haben heute Milliarden Menschen Einkommen, die sie zu interessanten Kunden machen. Noch vor kurzer Zeit waren das nur Millionen.
– Die moderne Technik bietet kleineren und mittleren Unternehmen Möglichkeiten, die früher nur großen, internationalen Firmen offen standen. Dieser Umstand zeigt, dass die aktuelle Praxis, mit Großfusionen Giganten zu kreieren, keine Notwendigkeit darstellt.
– Manager, die die Herausforderungen annehmen, gewinnen die Zukunft. Zahllose Beispiele zeigen, dass trotz der unbestritten widrigen Umstände die Weltmärkte erobert werden können.
– Arbeitnehmer, die sich auf dem Arbeitsmarkt bewähren müssen und mit Respekt behandelt werden, sind die motivierten Träger des Erfolgs.

Wenn die Arbeitnehmer sich als Untertanen fühlen, die Führungskräfte als Übermenschen agieren, alle vom Staat Wunder erwarten und die Regierenden versuchen, die Wunder zu liefern, ist der Zug zu den protestierenden Rechtsparteien unvermeidlich.
Die Geschichte lehrt, dass auch die größten Chancen ungenutzt bleiben können. Zwischen 1918 und 1938 standen alle Voraussetzungen zur Verfügung, um eine wunderbare Welt zu bauen. Allerdings wurden diese Möglichkeiten nicht oder zu spät oder nur von wenigen erkannt. Diese Gefahr besteht auch jetzt.
Einige Punkte zur Erinnerung:

– 1918 verkündete das dadaistische Manifest das Ende der verkrusteten Geisteswelt vor 1914,
– seit 1908 gab es mit dem Modell T von Ford ein Auto, das sich viele leisten konnten,
– 1905 formulierte Einstein die spezielle und 1916 die allgemeine Relativitätstheorie,
– 1927 Heisenberg die Unschärferelation,
– 1927 begann mit „The Jazz Singer“ das Tonfilmzeitalter,
– 1928 entdeckte Fleming das Penicillin,
– 1929 schrieb Remarque mit „Im Westen nichts Neues“ das ultimative Anti-Kriegsbuch,
– 1935 erfand Carothers Nylon,
– 1933 startete Roosevelt den New Deal,
– 1936 veröffentliche Keynes seine „General Theory“

Und heute: Die technischen Neuerungen schlagen alle historischen Rekorde und eröffnen ungeahnte Möglichkeiten, aber viele weigern sich, die Chancen anzunehmen und zu nutzen, und wählen Politiker, die „dagegen“ sind.

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Ronald Barazon war viele Jahre Chefredakteur der Salzburger Nachrichten. Er ist einer der angesehensten Wirtschaftsjournalisten in Europa und heute Chefredakteur der Zeitschrift „Der Volkswirt“ sowie Moderator beim ORF. 

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Flüchtlinge kommen wieder: Österreich bereitet Notstand vor
Flüchtlinge kommen wieder: Österreich bereitet Notstand vor
Die österreichische Bundesregierung arbeitet mit Hochdruck an der Einführung des Notstandes: Die Zahlen der Flüchtlinge steigen wieder. Die Regierung will um jeden Preis verhindern, dass die FPÖ weiter Auftrieb erhält.
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Der designierte Bundespräsident Van der Bellen mit dem Amtsinhaber Heinz Fischer. Die Regierung bereitet sich auf einen neuen Notstand vor. (Foto: dpa)

Der designierte Bundespräsident Van der Bellen mit dem Amtsinhaber Heinz Fischer. (Foto: dpa)

Nach dem Wechsel des Bundeskanzlers waren die österreichischen Medien voll des Lobes für den neuen Mann an der Spitze der Regierung. Christian Kern überzeugte mit der Kritik an der bisherigen Regierung. Er sagte, die Parteien hätten „machtversessen und zukunftsvergessen“ agiert. Viele Beobachter konstatierten sogar eine neue „Aufbruchstimmung“. Doch der Erfolg der FPÖ bei der Bundespräsidentenwahl hat die Regierung aufgeschreckt: Die FPÖ erhielt allein fast so viele Stimmen wie der von allen anderen Parteien und den gesellschaftlichen Gruppierungen aus Kunst, Wirtschaft und Kirche unterstützte Grüne Alexander Van der Bellen. Es reichte gerade noch einmal zu einem hauchdünnen Vorsprung – eine in Europa einmalige Entwicklung.

Doch der Aufbruch scheint schon wieder vorüber zu sein. Das zentrale Thema kehrt in die Realität zurück: Der Wiener Standard meldet, dass die Zahlen der Flüchtlinge und Migranten wieder stark steigen. Die geplante Obergrenze von 37.500 scheint nicht zu halten, die Zeitung rechnet mit 50.000 neuen Asylanträgen – und da sind die Sommermonate noch gar nicht besonders berücksichtigt.

Daher laufen laut Standard die Vorbereitungen auf die Ausrufung des Notstandes durch die Regierung. Dazu muss die Regierung eine Verordnung erlassen, mit der faktisch das Asylrecht außer Kraft gesetzt wird. Voraussetzung ist, „dass die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und der Schutz der inneren Sicherheit gefährdet sind“. Der Standard schreibt, dass die „involvierten Ministerien bereits Argumente sammeln“, warum dieser Fall ausgerufen werden muss.

Das Vorgehen ist bei Verfassungsjuristen und Menschenrechtsorganisationen höchst umstritten: Denn faktisch können Schutzsuchende ohne Ansehen des Einzelfalls dann abgewiesen werden. Die Bundesregierung verhandelt nach Standard-Aussage bereits mit den Nachbarstaaten, um Flüchtlinge und Migranten ohne Verfahren zurückzuschicken.

Auch der neue Bundeskanzler Kern lässt demnach keinen Zweifel, dass der Notstand ausgerufen werden müsse, wenn die Obergrenze erreicht ist.

Die hektischen Aktivitäten der im ersten Wahlgang bei der Bundesregierung schwer geschlagenen Regierungsparteien SPÖ und ÖVP haben ihren Grund in einer geradezu panischen Angst vor einem weiteren Zulauf für die FPÖ. Die Partei führt schon jetzt in allen Umfragen. Zahlreiche Vorfälle mit Migranten und Asylbewerbern wurden von den Medien in epischer Breite geschildert, was die Verunsicherung in der Bevölkerung naturgemäß gesteigert hat. Für die Regierungsparteien steht die Abwehr der Flüchtlinge an oberster Stelle, um doch noch in letzter Minute den Machtverlust an die FPÖ zu verhindern.

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