Petition will Manipulationen in der Wikipedia stoppen

Eine Petition fordert das Ende der Manipulationen in politischen Artikeln auf der Wikipedia. Wegen der vollständigen Anonymität aller redaktionellen Funktionsträger gibt es keinen presserechtlich Verantwortlichen. Wer von der Wikipedia beleidigt oder diffamiert wird, kann sein juristisches Glück in den USA versuchen, wo die Wikimedia Foundation ihren Sitz hat.

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Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Sie haben eine Petition für mehr Transparenz bei Wikipedia gestartet – warum?

Daniel Hermsdorf: Öffentlicher Diskurs und kulturelle Trends verlaufen ja in Wellen. Wir hatten bisher eine, die uns gezeigt hat: Durch neue Technologien können viele an der medialen Öffentlichkeit partizipieren und Zugang zu Informationen erhalten. Zur Welle gehört aber auch, dass sie sich auf- und abwärts bewegt. Und das ist auch notwendig. Manche Euphorie bedarf einer rationalen Widerrede. Nach den Millionen unbezahlten Arbeitsstunden der Wikipedia-Autoren ist es nun auch hier Zeit dafür. Die Frage lautet: Was ist gut, was ist schlecht, was lässt sich verbessern?

Das, was Kritiker an der Wikipedia bemängeln, läuft oft auf die Frage der Transparenz hinaus. Die Partizipation hat eben auch ihren Preis: Will man viele kostenlose Mitarbeiter, hat man viele, die anonym bleiben wollen. Und das öffnet Manipulationen Tür und Tor.

Deshalb braucht es dann Einzelne, die darauf hinweisen. Der Journalist und Autor Hermann Ploppa und ich haben uns dann entschlossen, eine solche Petition aufzusetzen. Meine eigenen Projekte gehen wesentlich von Medienkritik aus, Hermann Ploppa hat zuletzt über transatlantische Elite-Netzwerke veröffentlicht – es geht also immer wieder um den Tatbestand der Manipulation. Das ist unser gemeinsames Anliegen – die Öffentlichkeit auf solche Tendenzen hinzuweisen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: In Ihrem Text zur Petition schreiben Sie, dass wegen der Anonymität bei Wikipedia im Grunde massiv manipuliert werden kann. Wer manipuliert denn Ihrer Meinung nach?

Daniel Hermsdorf: Es gibt schon wissenschaftliche Untersuchungen, die kommerzielle Einwirkungen thematisieren, die in solch einem System ja unausweichlich sind. Es geht um Image-Pflege, Produktwerbung. Es gibt ja sogar gekaufte Wikipedia-Redakteure, die darüber vor der Kamera erzählen.

Die Film-Dokumentation „Die dunkle Seite der Wikipedia“ von Markus Fiedler und Frank-Michael Speer beschäftigt sich wesentlich mit dem Artikel über Daniele Ganser, der als Professor an der ETH Zürich tätig war. Er beschäftigt sich etwa mit Staatsterrorismus in Vergangenheit und Gegenwart, so auch mit den Terroranschlägen des 11. September 2001. Dabei wird es also politisch sensibel, ganz gegenwartsbezogen.

Wir wissen gerade aus der deutschen Geschichte, dass die USA ein komplexes Programm der Umerziehung, reeducation, betrieben haben. Sie hatten nach 1945 die Befugnis, Journalisten zu fördern oder ihre Arbeit zu erschweren. Sie haben heimlich ganze Presseorgane finanziert. Es wäre abwegig zu glauben, dass sie nicht – letztendlich also über Geheimdienste – versuchen, die Sichtweisen der Öffentlichkeit zu beeinflussen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Beobachter sagen, dass die Wikipedia bei naturwissenschaftlichen Artikeln sehr gut ist, bei politischen und gesellschaftlich relevanten dagegen eher tendenziös – teilen Sie diesen Eindruck?

Daniel Hermsdorf: Ich bin Medien- und Kulturwissenschaftler und dementsprechend nur in diesem Bereich kompetent. Überall gibt es Streit und abweichende Meinungen. Sicherlich bieten Naturwissenschaften härtere Kriterien für eine Unterscheidung in ‚wahr‘ und ‚falsch‘. Auch dort gibt es aber immer wieder Überraschungen und Sumpfblüten im wissenschaftlichen Betrieb und Diskurs. Nicht zuletzt sind medizinische Themen ein wirtschaftlich bedeutsames Terrain.

Eine Rechtfertigung für die Wikipedia-Methode lautet: ‚Es gibt eine Schwarm-Intelligenz. Bei umstrittenen Themen werden möglichst alle vorhandenen Ansichten beigetragen und abgewogen. Quellen werden kritisch bewertet.‘ Aber natürlich gibt es zu fast allem ein ganzes Spektrum von Ansichten, zumal im sozialen und kulturellen Bereich.

Was ist dabei eine kritische oder gar objektive Bewertung? Wenn Sie geschickt vorgehen, können Sie vieles in Zweifel ziehen und Gründe dafür angeben. Die Frage ist, ob sich jemand darum kümmert, eine bestimmte Meinung zu vertreten. Und eine weitere Frage ist, ob nicht gerade die Durchsetzung von tendenziösen Meinungen bezahlt und professionell betrieben wird – ob von Industrieunternehmen oder von Geheimdiensten, die die Interessen ihres Landes vertreten. Dagegen hat dann letztendlich der idealistische Intellektuelle, der Informationen strukturieren und möglichst neutral präsentieren möchte, voraussichtlich nur eingeschränkte Chancen. Und das ist eben auch etwas ganz anderes als die Redaktion eines „Brockhaus“.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie ist die Wikipedia in Deutschland strukturiert?

Daniel Hermsdorf: Man kann sich leicht erschließen, dass das Chaos irgendeine Art Struktur braucht. Die hat sich etwas zeitversetzt zum US-amerikanischen Projekt auch in Deutschland herausgebildet. Die Mediawiki-Software erlaubt, wie die meisten Content Management Systeme, die Zuweisung von sogenannten „Benutzerrollen“, also abgestuften Kompetenzen. Man kann sich das im Artikel über die „Deutschsprachige Wikipedia“ in einem Diagramm anschauen.

Daniel Hermsdorf. (Foto: privat)

Daniel Hermsdorf. (Foto: privat)

Die Hierarchie führt vom unangemeldeten Benutzer hinauf zu den Administratoren. Darüber gibt es dann noch Instanzen wie „Bürokraten“ und „Schiedsgerichte“, wenn eben dauerhaft gestritten wird. Zur Beförderung finden Wahlen statt innerhalb der Community, die meist nur an ihren heimischen Computern sitzen. Der Unterschied zu einer politischen Öffentlichkeit ist, dass auf Wunsch die Anonymität gewahrt bleibt.

Der Einwand, dass es Pseudonyme schon immer auch im publizistischen Bereich gab, zählt für mich nur eingeschränkt. Denn Verlage oder Zeitschriften haben „Verantwortliche im Sinne des Presserechts“ und sind eindeutig identifiziert. Sie tragen Verantwortung für das, was sie veröffentlichen.

Wir haben es bei dieser Hierarchie von Benutzerrollen also mit einer relativ neuartigen Herausbildung von Autorität zu tun. Ich habe vorhin ja erwähnt, dass natürlich im ganzen Publikationswesen Manipulationen möglich sind und auch stattfinden. Aber Sie müssen dann immer eine reale Person finden, die dafür im Zweifelsfall in den Geschichtsbüchern oder vor einem Gericht landet. Das ist hier ausgehebelt – und damit einer von vielen Fällen, in denen wir derzeit eine Erosion des Rechtsstaates erleben.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Vielfach ist Kritik zu hören, die „höheren“ Chargen bei Wikipedia gingen bei politischen Themen nicht sachlich-neutral, sondern ideologisch vor – ist das auch Ihr Eindruck?

Daniel Hermsdorf: Ich will hier nicht meine persönliche Meinung über große und kleine Themen ausbreiten. Für den erwähnten Fall von 9/11 und Daniele Ganser ist es aber so, dass eine solche Debatte vollkommen unabgeschlossen ist. Der Wikipedia-Eintrag über einen Wissenschaftler suggeriert gleich zu Anfang, mit Ganser sei irgendetwas anders als mit anderen Wissenschaftlern. Ein Begriff wie „Verschwörungstheorie“ wird als wertendes Kriterium verwendet, das zwischen ‚seriös‘ und ‚unseriös‘ unterscheiden soll, und es entsteht die Suggestion, Ganser würde durch seinen beobachtenden Umgang mit existierenden Beschreibungen und Interpretationen irgendeinem wissenschaftlichen Standard nicht entsprechen.

Das können wir hier sicher nicht zu Ende diskutieren, denn es betrifft Grundlagen von Wissenschaftstheorie, und es betrifft etwa einen konkreten Anwendungsfall wie 9/11, der auch noch von höchster geopolitischer Brisanz ist. Wenn ich eine Lexikon-Redaktion leiten würde, wäre meine Konsequenz immer: Es darf keine meinungsbasierte Tendenz Oberhand gewinnen, auch nicht sprachlich. Schon der Vorgang, dass ein 9/11-Untersuchungsbericht als seriös gilt, die Äußerungen von Tausenden von Architekten, Piloten und anderen Fachleuten aber als „Verschwörungstheorie“, ist dann eine manipulative Suggestion. Man kann sagen, dass es Menschen gibt, die das eine als wahrscheinliche Wahrheit ansehen, das andere als Verschwörungstheorie bezeichnen und damit als Spekulation eher abwerten wollen. Aber das ist dann schon die Wiedergabe einer individuellen Wertung. Und die Formulierungen in der Wikipedia, wie sie gerade zu lesen sind, fallen selbst in die letztere Kategorie. Sie entsprechen nicht den Standards der Lexikon-Literatur, die ein Resultat von Wissenschaft und Aufklärung sind.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Warum verstecken sich alle Administratoren und Sichter hinter Decknamen?

Daniel Hermsdorf: Das fragen Sie jemand, der zu so ziemlich allem, was er jemals geschrieben hat, seinen Klarnamen veröffentlicht hat. Eigentlich ist damit für mich schon stets ein Anfangsverdacht gegeben. Es ist tendenziell das Niveau von Pennälern, die ein Graffito anbringen und nicht erwischt werden wollen.

Mir fällt dazu nur das Argument ein, dass bei strittigen Themen ein Redakteur, der für seine Arbeit nicht einmal bezahlt wird, etwa berufliche Nachteile haben kann. Das trifft aber auf engagierte unbezahlte Publizisten mit Klarnamen im Internet auch zu.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Was sollte geschehen, damit mehr Transparenz in die Wikipedia kommt?

Daniel Hermsdorf: Die Abkehr von Decknamen natürlich. Es ist klar, dass jede Form der Anmeldung auch die Zahl von Nutzern reduziert. Aber welche Rechtfertigung sollte es gerade hier geben? Das Schreiben an einem Lexikon-Artikel ist doch ein Akt der Sorgfalt. Man nimmt sich einen Moment dafür und bemüht sich um Aufrichtigkeit und Klarheit.
Was die Herren Internet-Unternehmer für ihre kommerziellen Plattformen hinbekommen, wäre dann auch hier anwendbar: Benutzerkonto mit Authentifizierung, Anmeldevorgang mit postalischer Bestätigung und Zugangscode, meinetwegen sogar auf Kosten des neuen Autors oder bestenfalls finanziert durch Spenden. Dann kann’s losgehen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Was würde die Aufhebung der Anonymität bewirken?

Daniel Hermsdorf: Wie ich schon angedeutet habe, geht es ja bis hin zu juristischen Vorgängen, in jedem Fall aber der persönlichen Reputation. Jemand, der fortgesetzt durch bestimmte Tendenzen und Querulantentum auffällt, ist dann persönlich bekannt. Und es ist nicht mehr so einfach möglich, etwa durch mehrere Accounts Diskussionen in dem Sinne zu manipulieren, als es gleich mehrere gibt, die eine bestimmte Auffassung vertreten.

Im Zweifelsfall würden also auch Recherchen über Personen erst möglich, die eben versuchen, eine bestimmte inhaltliche Ausrichtung durchzusetzen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Presserechtlich ist die Wikipedia Deutschland in den USA angesiedelt – können deutsche Bürger ihre Persönlichkeitsrechte durchsetzen?

Daniel Hermsdorf: Sie haben in den USA ja sogar ganz andere rechtliche Standards, was das betrifft. Die Meinungsfreiheit geht deutlich weiter. Und wen wollen Sie da zur Rechenschaft ziehen? Soll eine Einzelperson, die letztlich eine Führungsposition in der Wikimedia Foundation innehat, für alles verantwortlich sein, was in Millionen von anonymen Editiervorgängen geschrieben wird? Diesen Job würde ja keiner übernehmen.

Die Wikimedia Foundation verweigert in existierenden Fällen erstmal die Antwort. Deutsche Gerichte haben schon Urteile gesprochen. Aber eine Vollstreckung in den USA wird als nahezu aussichtslos angesehen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie werden die Spenden verwendet, und legt die Wikipedia wirklich transparent Rechenschaft ab?

Daniel Hermsdorf: Es gab zur Spendenkampagne 2013 schon Hinweise von höchster Stelle, dass es Missbrauch geben soll. Über systematische Fälschungen von Rechenschaftsberichten weiß ich nichts. Aber es wird darauf hingewiesen, dass die Wikipedia eigentlich keine Geldnöte hat und dennoch ständig Spendenaufrufe macht. Die meisten arbeiten unentgeltlich mit. Die Funktionäre verteilen dann Gelder für allerlei Projekte.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Warum wehrt sich die Wikipedia so gegen den Transparenz-Wunsch der Nutzer?

Daniel Hermsdorf: Ist dieser Wunsch denn so vehement schon geäußert worden? Die wenigsten öffentlichen Akteure wollen sich mit solchen Institutionen wie Wikipedia verkrachen. Mein eigener Personen-Artikel wurde nach Veröffentlichung der Petition mit, wie ich finde, eher fadenscheinigen Argumenten gelöscht. Wesentlich betrieben wurde das von einem Individuum, das sich „Berichtbestatter“ nennt und in dem Film „Die dunkle Seite der Wikipedia“ kritisiert wird.

Mit wertvollen Ausnahmen an den Rändern wird unsere Lesekultur wohl immer oberflächlicher, obwohl das Angebot rasant zunimmt. Bei allem, was das Internet leicht zugänglich bietet, wird das Publikum wohl auch unkritischer. Bezahlen tut man ungern. Was kostenlos ist, nimmt man mit, und fragt nicht lange.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Verfolgt die Wikipedia in Teilen eine politische Agenda?

Daniel Hermsdorf: Die Argumentationsweise von „Berichtbestatter“ in meiner Löschdiskussion erinnert mich an Desinformationspraktiken in Geheimdienstkreisen: einseitig kritisieren, ablenken, zerreden, diffamieren, frustrieren. Einzelne freundliche Gegenstimmen melden sich, kapitulieren aber schnell.

Es bräuchte sicherlich mehr systematische Untersuchungen der Inhalte, die dann erst bestimmte Tendenzen eindeutiger sichtbar machen. Bisher kann man sich das vor allem an Einzelfällen veranschaulichen. Neben „Jesus Christus“ ist „11. September 2001“ der umstrittenste Artikel.

Ich würde auch das generelle Prinzip nochmal ansprechen: unbezahlte Arbeit des Kollektivs. Dies ist schon ein politischer Aspekt, unbesehen der Inhalte. Hermann Ploppa hat außerdem auf „Telepolis“ darauf hingewiesen, wie sich der Wikipedia-Gründer Jimmy Wales mit Super-Reichen tummelt und mit der Ashoka-Foundation anbandelt, die im großen Stil soziale Projekte privatisiert. Ploppa sieht hier Marktradikale am Werk. Es geht um Privatisierung, und die Wikipedia folgt schließlich einer Kombination aus nicht bezahlter Arbeit von vielen und verdeckter Lobby-Arbeit anonymer Manipulatoren. Dann scheinen noch ein paar Leute Geld abzugreifen, was nebenbei herausspringt. So funktioniert das Internet wohl leider nicht nur an dieser Stelle.

Das kann man vielleicht als das Neue und Politische daran beschreiben: Aspekte von Ausbeutung und Manipulation unter dem Deckmäntelchen von Non-Profit, Gemeinnützigkeit und technischem Fortschritt. Ich würde das nicht absolut formulieren, aber es gehört wohl zum Gesamtbild.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie viele Unterstützer erhoffen Sie sich bei der Petition?

Daniel Hermsdorf: Jemand hat gespendet, damit etwas Werbung für die Petition auf der Plattform change.org gemacht wurde. Konkrete und gar hohe Zahlen würde ich vermessen finden. Hermann Ploppa und ich arbeiten an unseren neuen Büchern und konnten keine große PR-Aktion starten. Es freut mich, dass Sie dieses Interview angefragt haben. Sie waren das erste Medium.

Dr. Daniel Hermsdorf, geb. 1974 in Dortmund, studierte Kunstgeschichte und Medienwissenschaft in Bochum und Paderborn. 1996/97 Chefredakteur der Filmzeitschrift „Schnitt“. Journalistische Beiträge u. a. für „taz“ und „Telepolis“. Tätigkeiten in Kunstvermittlung und Öffentlichkeitsarbeit. Seit 2004 Betreiber und Autor der medienkritischen Website www.filmdenken.de. Publikationen (Auswahl): Glotze fatal. Wie TV-Unterhaltung Leben zerstört (2011); Kino Okkult 1. 11. September 2001 (2011); Krisen-Abriss. Schulden, Schwindel und Kulturverfall (2012); Okkultsymbolik und Machtpolitik (2016); Saturn Hitler (2016).


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