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Die bittere Wahrheit: Scheitert Griechenland, scheitert der Euro

Die Welt schaut auf den EU-Gipfel zu Griechenland. Gibt es einen „Kompromiss“ in letzter Sekunde oder den Grexit? Erleben wir ein langsames Sterben oder den schnellen Tod? Die bittere Wahrheit: Beides führt weiter in die Depression und hat die Ansteckung der gesamten Euro-Zone zur Folge. Plädoyer für ein radikales Ende der verfehlten Troika-Politik und einen Kurswechsel der Wirtschaftspolitik in Europa.

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Die ganze Welt schaut gespannt auf den Ausgang des Krisengipfels der Staats- und Regierungspräsidenten in Brüssel. Kommt es zum großen Showdown? Oder raufen sich die zerstrittenen Parteien in letzter Sekunde doch noch zu einem „Kompromiss“ zusammen? Sollte er um die Themen Mehrwertsteuer, Rentenkürzung, Arbeitsmarkt-„Reformen“ drehen, unterscheiden sich beide Varianten nur in Bezug auf das Timing, nicht aber die Richtung. Im ersten Fall wird es ein kurzes Aufschnaufen geben, oder nicht einmal dies. Denn die in Griechenland herrschende Depression wird sich beschleunigen. Im zweiten Fall ist der Zusammenbruch sofort da. Nötig wäre eine radikale Kursänderung.

Die monatelange fruchtlose und von beiden Seiten wenig durchdacht geführte und als „Blame Game“ zu charakterisierende Auseinandersetzung hat tiefe Spuren hinterlassen. In ihrem aktuellen Bericht zur Geldpolitik veröffentlichte die griechische Zentralbank niederschmetternde Befunde.

Seit November 2014 hat die Abzugs-Panik bei den Depositen außergewöhnliche Dimensionen erreicht. Vor allem Privatkunden aller Größenordnungen haben riesige Mengen abgezogen. Aus Furcht vor dem Grexit hat das Publikum die Konten geräumt. Letzte Woche brachen zusätzlich alle Dämme. Gegenüber dem Höchststand 2009 sind die Depositen um fast die Hälfte gefallen.

Die Abzugspanik hat jegliche Chance auf eine Konjunkturstabilisierung oder gar -erholung zertrümmert. Die Banken hängen nur noch am Tropf der Zentralbank, diese ihrerseits an der Zufuhr der EZB. Undenkbar für die Banken, unter diesen Umständen neue Kredite zu vergeben.

Damit ist die nächste Stufe der Liquiditätskrise in der Wirtschaft erreicht. Die Quote fauler Kredite hatte schon vorher weiter zugenommen. Für Ende 2014 weist die Bank of Greece in unüblicher Klarheit die Quoten nach Sektoren aus. Mit einem Anteil von 28.8% nicht mehr bedienten Krediten ist der Schifffahrtssektor noch gut bedient.

Kleine und mittlere Unternehmen (54%) und Selbständige (63%) liegen in ganz anderen Größenordnungen. Und seit zwei bis drei Monaten sind die Steuereinnahmen zusammengebrochen. Diese gesamte Konstellation reflektiert eine extreme Verschärfung des Restriktionsgrades der Geldpolitik. Es ist wie eine Zinserhöhung von 0 auf 5 oder auf 10%. Dies bei offiziell 26% Arbeitslosen und einem um einen Viertel reduzierten Bruttoinlandprodukt. Man braucht nicht Monetarist zu sein, um zu wissen, was passiert, wenn die Depositen des Bankensystems um 50% zurückgehen. Bei einer derart geschwächten Wirtschaft wie derjenigen in Griechenland ist der Exitus nahe.

Was fällt der Troika angesichts dieser katastrophalen Situation ein? Steuererhöhungen, und zwar massive, für die Mehrwertsteuer. Nach allen Berichten will sie nur noch zwei Steuersätze und zusätzlich die privilegierten Sätze für die Inseln abschaffen. Damit schickt sie mit Sicherheit den Tourismus in die Depression. Der Satz für Hotels soll von 6.5% auf 13% erhöht werden. Für Restaurants sollen nach der Berichterstattung neu 23% statt 13% gelten. Und die Sätze auf den Inseln sollen zusätzlich stark, um fast die Hälfe, auf die des Festlandes angehoben werden. Also etwa von 16% auf 23% für den Normalsatz.

Eine Erfahrung mit deutlichen Mehrwertsteuer-Erhöhungen machte die Tourismus-Branche bereits 2011/12. Doch diesmal sind die Steuererhöhungen viel massiver. Damals wurden die Sätze für Hotels von 4,5% auf 6,5% angehoben. Was jetzt zusätzlich anders ist: Die türkische Lira ist bedingt durch die Allmachts-Phantasien entspringenden Manöver des neuen Sultans im freien Fall. Zunächst noch ohne Rückwirkungen auf die inländische Teuerung und Löhne, also eine reale Abwertung. Damit ist Griechenlands Tourismus-Branche ohnehin schwer benachteiligt. Neben diesem Harakiri für die zweitwichtigste Exportindustrie sollen die üblichen Verdächtigen hinhalten: Arbeitsmarkt-„Reformen“ (Lohnsenkungen) und reduzierte Pensionen.

In einer Situation einer akuten Bank-Panik und fauler Kredite in der Größenordnung von 40% und darüber braucht es ganz anderes. Sicher keine finanzpolitischen Maßnahmen, welche die Konjunktur zusätzlich schwer belasten. Es braucht den sofortigen Einschuss von Eigenmitteln in das Bankensystem, nicht nur vorübergehende Liquiditätshilfen. Es braucht eine sofortige und glaubwürdige Lösung für die faulen Kredite, ihren Übertrag auf eine „Bad Bank“ und es braucht Maßnahmen, welche rasch die Depositenbasis wieder herstellen. Fehlanzeige.

Man diskutiert über minimale Unterschiede des geplanten Primärsaldos 2015 oder 2016. Beide Ziele, wie auch immer formuliert, werden ohnehin nicht erreicht werden bei einer derartig massiv verschärften restriktiven Geldpolitik. Es ist surreal und entweder Ausdruck einer totalen Ignoranz oder einer diabolischen, rein politisch motivierten Strategie, um die Syriza-Regierung loszuwerden. Der wirtschaftliche und politische Kollateralschaden dabei allerdings dürfte erheblich sein, und könnte möglicherweise direkt ins Gesicht zurückschlagen. In einer so angespannten Situation ist jeder falsche Schritt tödlich, hat immense Effekte.

Was wäre nötig, um nicht nur akut, für den Moment, sondern mittelfristig diese missliche Situation in den Griff zu kriegen? Um dies verstehen zu können, muss der Hintergrund nochmals kurz rekapituliert werden. In einer ausführlichen Analyse haben wir gezeigt, dass die griechische Leistungsbilanz die Exportstärke Griechenlands vernebelt statt effektiv widerspiegelt.

Die griechische Handelsschifffahrt ist die größte, produktivste und leistungsfähigste der Welt. Sie hat in den 2000er Jahren enorme Produktivitätsgewinne erzielt und zusätzlich aufgrund sehr günstiger Austauschverhältnisse im Außenhandel bis 2008 sehr hohe Cash-Flows generiert. Die Bank of Greece erhebt ihre Exporte konzeptuell falsch. Der IWF weiß seit 30 Jahren um die Probleme mit der Erfassung der Frachteinnahmen der griechischen Reederei. Dennoch hat er sein Programm der internen Abwertung konzipiert, welches das Heil in einer Deflation sucht.

Um zu verstehen, was die Probleme sind, muss auf die Rolle der Reederei zurückgekommen werden. Die Reederei ist zwar eine Wachstumsbranche mit sehr hohen durchschnittlichen Wachstumsraten, aber sie ist im Charakter superzyklisch. Sie hat einen eigenen, von allen anderen Branchen verschiedenen Zyklus, einen Investitionszyklus, der einzigartig ist. Die Schiffsbestellungen konzentrieren sich innert einer ganzen Generation auf wenige Jahre, in denen die Kapazitätsgrenze erreicht wurde. In diesen Jahren explodieren die Frachtraten in ungeahnte Höhen. Simultan investieren viele Schiffseigner.

Die Banken vergeben wegen der scheinbar glänzenden Aussichten freigiebig Kredit. Aufgrund der Engpässe bei den Werften und der generell sehr langen Reifungszeit der Investitionen kommen die Kapazitäten erst mit vier- bis fünfjähriger Verzögerung auf den Markt. Ein Überangebot entsteht, das die Frachtraten und die Preise für die Transport-Dienstleistungen für lange Zeit ins scheinbar Bodenlose fallen lässt. Solche Höhepunkte der Investitionstätigkeit gab es in der Zweiten Hälfte der 1970er Jahre, und wieder zu Beginn der 2010er Jahre.

Quelle: UNCTAD, Review of Maritime Transport, verschiedene Jahrgänge

Quelle: UNCTAD, Review of Maritime Transport, verschiedene Jahrgänge

Diese Investitionszyklen beherrschen die Wettbewerbsfähigkeit der Flotten für eine ganze Generation. Die Schiffspreise für Neubauten wie auf dem Sekundärmarkt sind hoch korreliert mit den Frachtraten im jeweiligen Segment. Wer also in diesen Phasen hoher Preise für Neubauten investiert hat, bleibt für zwei Jahrzehnte mit sehr hohen Kosten belastet. Die Handelsschifffahrt ist ein extrem kapitalintensives Geschäft. Von allen Flotten der Welt hat die griechische Flotte die mit Abstand besten Zukunftsaussichten. Sie hat in den Jahren vor den Boom ihren Marktanteil stark ausgebaut und im Boom weit überdurchschnittlich von der Explosion der Frachtraten profitiert. Sie hat aber im Boom weit unterdurchschnittlich investiert, darum ist ihr Marktanteil 2003 bis 2012 deutlich zurückgegangen.

Quelle: UNCTAD, Review of Maritime Transport, verschiedene Jahrgänge

Quelle: UNCTAD, Review of Maritime Transport, verschiedene Jahrgänge

In den kommenden Jahren wird dieser Anteil ansteigen. Sie ist die finanzkräftigste der Welt und fähig, jetzt im ganz großen Stil zu investieren. Sie kauft aus Zwangsverkäufen und Konkursen große Mengen der vor wenigen Jahren neu gebauten Schiffe anderer Flotten zu Schleuderpreisen auf. Und sie investiert jetzt, wo die Preise für Neubauten im Keller sind, in ganz großem Stil in Zukunftsbereiche wie den LNG-Transport. Niemand hat ein derart hohes Orderbuch für neue Schiffe wie die griechische Flotte. Natürlich haben einzelne griechische Reeder mitgemacht, als die Investitionen überschossen. Sie sind ebenfalls überexponiert. Deshalb die hohe Quote nicht-bedienter Kredite in diesem Segment auch in Griechenland.

Aber als ganze Flotte ist niemand besser positioniert, mindestens unter den ganz großen Flotten. (Im spezialisierten Container-Bereich ist die dänische Flotte weit besser aufgestellt als etwa die deutsche.) Von den ganz großen Flotten sind nur zwei wirklich gut aufgestellt: Die griechische und diejenige Chinas, die auf einem ganz anderen Geschäftsmodell beruht. Die griechischen Reeder gelten seit den 1930er Jahren als die besten Risk-Takers in der Welt. Sie kaufen Schiffe, wenn alle verkaufen wollen. Und sie stoßen sie konsequent ab, wenn alle anderen kaufen wollen.

Was ist die Natur dieses Schiffszyklus? Warum so gewalttätig? Die Reederei ist extrem kapital- und energieintensiv. Der Kraftstoffverbrauch repräsentiert in normalen Zeiten rund 20% der Kosten, in Zeiten eines Erdölschocks steigt dies auf 70-80% an. Dieser Zyklus hängt mit anderen Worten stark mit der Entwicklung der Erdölpreise zusammen. In der Krise im Anschluss an eine Phase der Überinvestition kamen in den 1970er und in den 2000er Jahren zwei aufeinander folgende Erdölschocks hinzu. Nicht nur fielen die Frachtraten in den Keller, sondern die Preise der wichtigsten Vorleistung explodierten auch noch. Nicht nur der Cash-Flow, ja sogar die Wertschöpfung des gesamten Sektors könnte ohne weiteres negativ geworden sein.

Das Brutale ist die Sequenz. Im Anschluss an die größte Investitionstätigkeit zu den höchsten Preisen einer ganzen Generation implodieren die Preise resp. die Einkünfte der Schiffseigentümer. Zu diesem Zeitpunkt sind ihre fixen Kosten am höchsten, weil die Schiffe ja erst neu geliefert und noch nicht abbezahlt sind. Gleichzeitig explodieren die Preise der variablen Kosten und vervielfachen sich.

Es ist ein extremer Fall sektoraler Schuldendeflation, der ihresgleichen sucht. Hohe Investitionstätigkeit zu Mondpreisen, mit der Konsequenz extrem hoher Fixkosten. Dann sofort und schlagartig ein Zusammenbruch der Frachtraten / Einnahmen. Die Realzinsen und die reale Schuldenlast für die Schiffseigentümer steigen schlagartig und permanent an. Und ihre variablen Kosten explodieren für einige Jahre. Die neu gebauten Schiffe der vergangenen Jahre, welche die Sicherheiten der Bankkredite darstellen, sind nichts mehr wert.

Deshalb können die Banken keinen neuen Kredit mehr geben. Alle Kreditnehmer stehen unter Wasser und haben negatives Eigenkapital auf ihren Krediten. Griechenland ist, obschon seine Flotte vergleichsweise gut abschneidet, wie kein anderes Land von dieser sektoralen Schuldendeflation betroffen. Das Land hat die mit Abstand größte Handelsflotte der Welt hat, und diese stellt seine hauptsächliche Exportindustrie dar. Andere große Flotten, wiewohl viel schwerer angeschlagen, sind im Vergleich zur Gesamtwirtschaft klein und deshalb gesamtwirtschaftlich kaum betroffen.

Ein Vergleich der Krise der frühen 1980er Jahre mit der jetzigen Krise mag zusätzliche Aspekte verdeutlichen. In den frühen 1980er Jahren war Griechenland das meistbetroffene Land der Welt. Es hatte die größte Tankerflotte der Welt, mit einer riesigen Zahl von neu georderten Supertankern. Deren Frachtraten fielen in den 1980er Jahren in den Keller, um bis zu 95% gegenüber den frühen 1970er Jahren. Ein Grund war der Frieden zwischen Israel und Ägypten, der den Suezkanal wieder öffnete und die Fahrten um das Kap Horn überflüssig machte. Und das Vereinigte Königreich und Norwegen begannen mit der Erdölförderung in der Nordsee, was die Nachfrage nach Transportleistung aus dem Mittleren Osten nach Europa zusätzlich drastisch reduzierte. Damals sank die Nachfrage nach Tankerfahrten (in Mia Tonnenkilometer) vom Höhepunkt 1979 bis zum Tiefpunkt 1987 um über 60%.

Quelle: UNCTAD, Review of Maritime Transport, verschiedene Jahrgänge

Quelle: UNCTAD, Review of Maritime Transport, verschiedene Jahrgänge

Damals kamen weitere Elemente hinzu. Die Nominalzinsen explodierten, weil die Fed unter Volcker die Zinsen in unbekannte Höhen anhob. Just in dem Moment, wo die Schiffseigentümer maximal verschuldet waren.

Und schließlich explodierten auch noch die Arbeitskosten. Der Grund war die Politik der Abwertung, welche die Regierung von Andreas Papandreou ab 1983 einschlug, und die im freien Fall der Drachme endete. Da die Löhne der Seefahrer und übrigen Angestellten seit 1977 nicht mehr in Pfund, sondern in Drachme denominiert waren, stiegen die Arbeitskosten schlagartig an. Schließlich hatten große Reeder wie Niarchos in Griechenland große Werften aufgebaut, und waren vom Zusammenbruch der Bestellungen voll getroffen. Damals stand die griechische Reederei effektiv vor dem totalen Zusammenbruch. Jetzt empfehlen Ökonomen wie Hans-Werner Sinn ebenfalls die Abwertung. Sie würde die griechische Flotte wegen der Arbeitskosten zusätzlich in die Bredouille bringen.

Was ist jetzt anders als damals? Diesmal ist die griechische Flotte die am wenigsten betroffene der Welt, mindestens unter den großen Flotten. Die Konkurrenten wie Japan, China, Korea, Singapur, Deutschland investierten 2009 bis 2013 wie verrückt in neue Schiffe. Die Investitionstätigkeit konzentrierte sich auf die Massenfracht-Transporter und auf die Containerschiffe. Dort ist auch der Preisfall am ausgeprägtesten.

Bei Tankern, wo die Flotte Griechenlands einsam dominiert, dagegen hat sich die Situation drastisch verbessert. Die Frachtraten haben sich 2015 verdoppelt gegenüber den Vorjahren, und der Fall der Rohöl-Preise wirkt zusätzlich wie ein warmer Regen. Es hat im Unterschied zur ersten Hälfte der 1980er Jahre keinen Rückgang der Nachfrage gegeben. Die geleisteten Tonnenkilometer sind unverändert weiter gewachsen, in allen großen Segmenten außer dem allgemeinen Cargo. Die Zinsen im Dollar sind seit 2008 auf Null gefallen. Die Schiffskredite werden zu Libor plus gepreist. Und die Arbeitskosten für die griechische Reederei sind durch den Fall des Euro gegenüber dem Dollar gesunken. Große Schiffswerften gibt es nur noch in drei Ländern: China, Korea, Japan. Der Rest sind Spezialitäten, mit gesamtwirtschaftlich kleiner Wirkung. Griechenland hat keine nennenswerte Werft-Industrie mehr.

Damit sind wir bei der gesamtwirtschaftlichen Wirkung der sektoralen Schuldendeflation angelangt. Viele Teilnehmer an der Diskussion sind der Ansicht, dass die Handelsschifffahrt eine Branche ist, die nicht mehr viel mit Griechenland zu tun hat. Nichts könnte falscher sein.

Das Argument ist: Die Reederei bringt Griechenland gar nicht so viel. Ihre Aktivität spielt sich hauptsächlich auf Dollarkonten im Ausland ab. Stimmt … und stimmt nicht. Was stimmt: Die Handelsschifffahrt ist sehr kapitalintensiv. Sie wird häufig finanziert durch Banken. Bis zur Einführung des Euro waren dies fast ausschließlich Banken im Ausland, in New York, in London, in der Schweiz und auch in Deutschland. Vor allem die Commerzbank ist traditionell sehr groß in der Schiffsfinanzierung. Die Schiffe werden als Kreditsicherheit hinterlegt, entweder einzeln, oder in schwierigen Zeiten auch als Flotte. Die Banken verlangen üblicherweise, dass der Zahlungsverkehr über designierte Konten bei ihnen abgewickelt wird.

Die Frachteinnahmen erfolgen auf diese Konten, alle Ausgaben werden von diesen aus bezahlt. Große Ausgabenposten sind Schiffskauf, Schuldendienst (Zinsen + Amortisation), Ausgaben für Kraftstoff, für Reparatur und Unterhalt, Hafengebühren, für Personal und für die Gemeinkosten der Operation. Es ist also völlig normal, es sind Konten bei sehr großen Banken, die alle Flüsse sehen wollen. Dies hat gar nichts Anrüchiges.

Zunächst die einfache Darstellung, wie sie in Publikationen griechischer Ökonomen üblich ist. Die Handelsschifffahrt beschäftigt direkt immer noch Zehntausende von Griechen, ungefähr 30-35.000 als Seeleute, weitere 20.000 als Angestellte. 1980 waren es noch 100.000 Seeleute. Diese sind hoch bezahlt, so dass ihr Anteil an der Lohnsumme mehr als doppelt so hoch liegt ist als an der Beschäftigung. Sehr bedeutend ist das maritime Cluster rund um Piräus, das Vorleistungen erbringt: Schifffahrtsbroker, Schiffsdesigner und technische Büros, Banken und Versicherungen, spezialisierte Unternehmen für Reparatur- und Unterhalt, Anwälte etc. Auch diese Unternehmen, welche Vorleistungen erbringen, sind weit überdurchschnittlich bezahlt.

Über diese Kopplungseffekte hinaus wird jeweils der Effekt auf die Zahlungsbilanz hervorgehoben. Dabei wird aber nur die Leistungsbilanz angeführt, welche falsch erhoben ist. Ein großer Teil der Transaktionen der Reeder spielt sich aber in der Finanzierungsbilanz (engl. financial account) der Zahlungsbilanz ab. Dort sind Direktinvestitionen und Überträge auf die Bankeinlagen abgebildet. Das sind Zahlungsflüsse, welche eigentlich in die Leistungsbilanz hinein gehören. Wegen der Unfähigkeit der Bank of Greece und des IWF sind sie aber in der Finanzierungsbilanz aufgeführt.

Doch der wichtigste Teil der Aktivität der Reeder für die griechische Wirtschaft findet sich in keiner Bilanz. Historisch war das griechische Bankensystem eng reguliert, von Kapitalkontrollen dominiert, und in den 1980er und 1990er Jahren primär auf die Staatsfinanzierung ausgerichtet. Teil dieser Fehlregulierung ist die 1991 eingeführte Quellensteuer auf Zinserträge von Bankdepositen. Diese ist nicht verrechenbar mit Zinsaufwänden und gilt auch für die Reeder. Weil das inländische Bankensystem hochgradig fehlreguliert war, hat sich aus diesen Auslandkonten der Reeder ein sekundärer Kreislauf außerhalb des Landes herausgebildet. Man kann es sogar als ein Schattenbankensystem bezeichnen.

Die Reeder sind in einem über lange Phasen hochprofitablen Geschäft, sie können hohe Cash-Reserven aufbauen. Aber sie wissen aus der Erfahrung über Generationen, dass dies ein superzyklisches Geschäft darstellt. Sie suchen aus dieser Erfahrung die Diversifikation für ihr Kerngeschäft, und zwar ausgeprägt auch in Griechenland.

Einige haben es mit wechselndem und unterschiedlichem Erfolg in Schiffswerften verfolgt, einige im Energiesektor, in Banken oder in anderen Sektoren. Historisch wurde am meisten im Immobiliensektor investiert, und zwar im Wohnungsbau wie im kommerziellen Bausektor, etwa von Geschäftshäusern, Shopping Centers und vor allem im Tourismus. Investoren in diesen Bereichen sind häufig Reeder, welche ihre Herkunftsinsel oder -region entwickeln. Sie haben dort ein regionales Kontaktnetz, sie kennen die Leute, sie haben Vertrauensleute, und kommen so zu den guten Immobilienangeboten. Ein Teil investiert global, wobei Immobilien in wichtigen Zentren dazugehören: London, New York, Genf, Gstaad.

Diese Investitionen in Griechenland werden nicht ausschließlich über griechische Banken abgewickelt. Ein Teil muss aus gesetzlichen Gründen zwingend über die Bank in Griechenland bezahlt werden. Aber ein Teil findet über Konten bei ausländischen Banken statt. Die quasi als Immobilien-Entwickler operierenden Reeder bezahlen dann den Landbesitzer oder einen Bauunternehmer teilweise auf dessen Konto bei einer ausländischen Bank. Diese Funktionsweise war der Preis oder das Abbild eines hoch regulierten und von Kapitalkontrollen beherrschten Bankensystems sowie von Inflation und fehlgeleiteter Besteuerung.

Diese Zahlungen über das Bankensystem im Ausland haben durchaus reale Wirkungen im Inland. Die Unternehmen aus anderen Sektoren zahlen dann im Inland Löhne und Gehälter, die Beschäftigten tätigen Konsumausgaben etc. Aus diesem Grund ist der Investitionszyklus im Bausektor und im Tourismus in Griechenland maßgeblich mit dem beschriebenen Schifffahrtszyklus korreliert und von diesem geprägt. Sobald die Schifffahrt schlagartig in die Phase der Schuldendeflation kommt, stoppt der Zustrom aus dem Ausland in der publizierten Finanzierungsbilanz, die Investitionen im Wohnungsbau, gewerblich-kommerziellen Bau und im Tourismus kommen schlagartig zum Erliegen.

In Griechenland selber hat sich seit den 1970er Jahre ein tertiärer Kreislauf herausgebildet. Seine Merkmale sind ebenfalls Schwarzzahlungen vor allem im Agrarsektor, im Bau- und Immobiliensektor, bei Restaurants, im Handel und Detailhandel, bei Selbständigen wie Ärzten, Zahnärzten, Anwälten und bei der weitverbreiteten Beschäftigung von nicht legalisierten Immigrantinnen in der Hausarbeit. Dieser informelle Sektor kann als Steuervermeidung des kleinen Mannes bezeichnet werden.

Die Troika hat die vom Schiffszyklus geprägte Krise Griechenlands fehlinterpretiert als Krise der Wettbewerbsfähigkeit und sich ausgerechnet auf die Lohnkosten festgelegt. Dabei ist die den Export dominierende Schifffahrt kapital- und energieintensiv und von der Entwicklung der Frachtraten geprägt. Die Lohnstückkosten seien zu stark gewachsen. Deshalb wurden die Löhne gesenkt, die Steuern durchs Band erhöht. Wegen des Konzepts der internen Abwertung hat man sich sogar auf die Mehrwertsteuersätze und andere indirekte Steuern wie für Benzin und Elektrizität konzentriert. Damit hat man nicht nur die von der externen Schuldendeflation herrührende Schuldendeflation auf den gesamten Binnensektor übertragen. Man hat die Flucht in den informellen Sektor im Inland zusätzlich angeheizt. Deshalb der Zusammenbruch der Steuererträge, der nach immer neuen Steuererhöhungen und Ausgabensenkungen ruft.

Will man in Griechenland effektiv Strukturreformen machen, muss man diese Zweit- und Drittkreisläufe unterbinden. Anfangs der 1980er Jahre machte ein junger Ökonom mit zweifelhaftem Ruhm in den USA Furore. Arthur Laffer behauptete mit einer Zeichnung auf einer Serviette, dass die Senkung der Steuersätze die Steuereinnahmen erhöhen würden. Wenn dies je irgendwo zugetroffen hat, dann heute in Griechenland. Doch eine Steuersenkung allein würde nichts bringen. Das ganze Steuersystem müsste systematisch überarbeitet und ein ganz anderer Kontrollapparat über die Auslandkonten installiert werden. Wohlgemerkt, die Tonnagesteuer sollte nicht angetastet werden. Sie ist ein wesentlicher Teil der Wettbewerbsfähigkeit der griechischen Flotte. Aber die Anreize, Kontrollmechanismen und Strafen zur illegalen Bezahlung über Auslandkonten für andere Wirtschaftsaktivität müssten und könnten so gestaltet werden, dass die Steuererträge im Inland sprudeln würden. Ohne einen grundlegenden Politikwechsel im Inland ist dies nicht zu machen. Mit immer höheren Mehrwertsteuern wird das Steueraufkommen kollabieren und nicht weiter wachsen.

Die Krise in Griechenland hat somit einen sehr spezifischen Charakter. Aber sie unterscheidet sich nicht grundsätzlich von derjenigen in den anderen Peripherieländern und in vielen anderen Ländern der Eurozone. Nur hat dort der Prozess der sektoralen Schuldendeflation seinen Ursprung nicht in der Schifffahrt, sondern in einem anderen extrem kapitalintensiven Sektor. Auch dieser hat langfristige und unglaublich gewalttätige Zyklen. Darüber hinaus ist er in der Statistik genau gleich unterschätzt wie die Schifffahrt in Griechenland. Doch er ist nicht unterschätzt, weil die Behörden sich nicht an die an sich korrekt spezifizierten Vorschriften des Internationalen Währungsfonds halten.

Die Konzepte zu seiner Abbildung sind fundamental falsch. Und er hat gesamtwirtschaftlich noch einschneidendere Konsequenzen als die Schifffahrt in Griechenland. Er ist auch Teil von Sekundär- und Tertiärkreisläufen. Darüber schreiben wir ein andermal. Ist die Troika unfähig, die griechische Krise zu lösen, wird das Erwachen in den anderen Ländern noch viel brutaler sein. In den nächsten Wochen wird sich die Krise Europas entscheiden. Schickt man Griechenland heute in den Grexit, ist diese Generation von Politikmachern verloren. Ihre Karrieren werden beendet sein.

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Den ersten Teil der Analyse zu den Folgen eines Grexit für die EU lesen Sie hier.

Eine ausführliche Darstellung der Gesamtdynamik der Eurokrise findet sich hier: Die griechische Tragödie

Eine Kurzfassung auf Englisch ist erschienen auf Social Europe.

Michael Bernegger ist selbständiger Ökonom. Er arbeitete als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Schweizerischen Nationalbank, als Währungsanalyst in einer Investmentbank und in verschiedenen Führungsfunktionen in der schweizerischen Finanzindustrie. Seine vollständige und äußerst lesenswerte Analyse über die Lage in Griechenland hat er auf Social Europe veröffentlicht.

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Merkel zu Integration von Flüchtlingen: „Wir schaffen das“
Merkel zu Integration von Flüchtlingen: „Wir schaffen das“
Bundeskanzlerin Merkel ist überzeugt, dass die Integration der Flüchtlinge in Deutschland gelingen werde. Unklar ist, welche Position Merkel zu den illegal eingereisten Personen einnimmt. Die Einreise nach Deutschland ist deutlich zurückgegangen, nachdem die Balkan-Route geschlossen wurde und Österreich seine Grenzen…
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Bundeskanzlerin Merkel und CSU-Chef Seehofer am Samstag bei ihrer Versöhnungsklausur. (Foto: dpa)

Bundeskanzlerin Merkel und CSU-Chef Seehofer am Samstag bei ihrer Versöhnungsklausur. (Foto: dpa)

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat ihre Zuversicht in das Gelingen der Flüchtlingsintegration bekräftigt. In ihrem am Samstag veröffentlichten Video-Podcast zeigte sie sich überzeugt davon, dass diejenigen Flüchtlinge, die in Deutschland bleiben, gut integriert werden könnten.

Mit Blick auf das vierte Treffen mit Verbänden und in der Flüchtlingshilfe engagierten Gruppen am Freitag sagte Merkel, die Botschaft an die Teilnehmer sei: „Dass wir es nur gemeinsam schaffen. Aber dann schaffen wir das.“ Das sei auch der Geist, in dem in dieser Runde diskutiert werde.

Man müsse zum Teil ganz neue Wege gehen, um das Arbeitspensum zu bewältigen, sagte die Bundeskanzlerin. Es gebe auch insgesamt einiges, was wir „besser machen können, schneller machen können“. Dass Behördengänge in Deutschland manchmal lange dauerten, empfänden nicht nur Flüchtlinge und ehrenamtliche Helfer so, sondern auch viele andere Menschen.

Merkel verwies darauf, dass beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) inzwischen viele zusätzliche Stellen besetzt seien. Es gebe jetzt „eine sehr gute und koordinierte Zusammenarbeit mit den Ländern“. Im Vordergrund stünden dabei die rund 600 Ausländerbehörden. Jeder Flüchtling müsse möglichst zeitnah einen Integrationskurs besuchen können. Es gehe auch um die Frage, welche Fähigkeiten Flüchtlinge hätten. „Viel Arbeit, aber da ist viel, viel in Gang gekommen“, sagte die Kanzlerin.

Mit Blick auf Sorgen und Bedenken von Bundesbürgern hinsichtlich der Flüchtlinge sagte Merkel: „Wir müssen natürlich mit den Menschen darüber sprechen.“ Sie glaube, die Ereignisse in der Silvesternacht in Köln hätten „Verunsicherung mit sich gebracht“. Besonders schlimm sei in der Zeit gewesen, „dass man über die Dinge scheinbar nicht sprechen wollte“. Deshalb diene der Runde Tisch mit den verschiedenen Verbänden auch dazu, ganz offen über Schwierigkeiten bei der Integration zu sprechen.

Es gebe „sehr, sehr gute Fälle“, aber eben auch kriminelle Handlungen, „leider auch bei der deutschen Bevölkerung mit Angriffen auf Flüchtlingsheime, aber eben auch von einigen Flüchtlingen oder Menschen, die schon eine ganze Weile hier sind“.

Es gelte klar die Rechte, aber auch die Pflichten in Deutschland zu benennen. Dazu gehöre, die Gesetze einzuhalten, sich zu bemühen, die Sprache zu erlernen und seinen eigenen Lebensunterhalt zu verdienen, wo immer das möglich sei. Man könne in Deutschland frei leben, „aber immer auf der Basis des Grundgesetzes“, betonte die Kanzlerin.

Britischer EU-Kommissar Jonathan Hill tritt zurück
Britischer EU-Kommissar Jonathan Hill tritt zurück
Der britische EU-Finanzkommissar ist zurückgetreten. Damit verschärfen die Briten das Tempo in einer Trennung von der EU. Zuvor hatte sich EU-Präsident Schulz rüde über die Briten geäußert und verlangt, sie mögen die EU unverzüglich verlassen.
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Abschied von der EU: Jonathan Hill mit Cecilia Malmström. (Foto: dpa)

Abschied von der EU: Jonathan Hill mit Cecilia Malmström. (Foto: dpa)

Nach dem Brexit-Votum seiner Landsleute hat der britische EU-Finanzkommissar Jonathan Hill seinen Rücktritt erklärt. Nach dem Votum könne er als EU-Kommissar nicht einfach so weitermachen, als sei nichts geschehen, erklärte Hill am Samstag in Brüssel. Sein Ressort soll nach Angaben von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker EU-Währungskommissar Valdis Dombrovskis übernehmen. Juncker erklärte sich grundsätzlich bereit, womöglich erneut einen Briten in die Kommission aufzunehmen.

Die Briten hatten am Donnerstag mit knapper Mehrheit für den Austritt ihres Landes aus der Europäischen Union gestimmt. Hill erklärte, die Entscheidung habe ihn „sehr enttäuscht“. „Ich hätte mir einen anderen Ausgang gewünscht“, hieß es in der Erklärung weiter. Doch „die britische Bevölkerung hat anders entschieden, und so funktioniert Demokratie nun einmal.“

Das frühere Mitglied des House of Lords arbeitete seit 2014 für die EU-Kommission. Er sei ursprünglich als EU-Skeptiker nach Brüssel gekommen, erklärte Hill, doch habe sich seine Ansicht im Laufe der Zeit geändert: „Allen Frustrationen zum Trotz war unsere Mitgliedschaft gut für unseren Platz in der Welt und gut für unsere Wirtschaft“.

Die Briten kommen mit dem freiwilligen Rückzug einem Konflikt mit dem EU-Parlament zuvor. Dieses hatte bereits einen Brief vorbereitet, in dem Hill zum Rücktritt aufgefordert hätte werden sollen, berichtet Politico. Besonders Martin Schulz soll empört gewesen sein, dass David Cameron nicht unverzüglich das Austrittsansuchen gemäß Artikel 50 EUV stellen will, sondern sich bis zum Oktober damit Zeit lässt. Schulz soll bei einem Treffen mit Juncker und Tusk durchaus heftig geworden sein und seine Forderung mit einem Schlag auf den Tisch bekräftigt haben. Juncker und Tusk fahren eine zurückhaltendere Linie und wollen einen vernünftigen Übergang sicherstellen.

Für Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist das Tempo der Austrittsverhandlungen Großbritanniens mit der EU nicht entscheidend. „Ehrlich gesagt soll es nicht ewig dauern, das ist richtig, aber ich würde mich auch nicht wegen einer kurzen Zeit verkämpfen“, sagte Merkel am Samstag nach der Klausur von CDU und CSU in Potsdam.

Wann Großbritannien seinen Antrag auf Austritt aus der EU nach Artikel 50 stellen werde, müsse das Land selbst entscheiden. Merkel sagte, sie gehe davon aus, dass Großbritannien das Ergebnis des Referendums nun auch umsetzen wolle.

Juncker erwartet weitere Volksabstimmungen über die EU
Juncker erwartet weitere Volksabstimmungen über die EU
EU-Präsident Juncker erwartet Volksabstimmungen über die EU auch in anderen europäischen Staaten. Den etwa 1.000 britischen EU-Beamten gab Juncker eine Job-Garantie: Sie arbeiten für die EU und nicht für Großbritannien.
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EU-Präsident Jean-Claude Juncker am Tag nach dem Brexit in Brüssel. (Foto: dpa)

EU-Präsident Jean-Claude Juncker am Tag nach dem Brexit in Brüssel. (Foto: dpa)

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker schließt weitere Referenden zum Austritt aus der Europäischen Union nicht aus. Dies sei möglich, „da Populisten in der Regel keine Gelegenheit auslassen, um mit viel Lärm für ihre Anti-Europa-Politik zu werben“, sagte Juncker in einem Interview der Bild-Zeitung. Es dürfte sich allerdings jetzt rasch zeigen, dass es Großbritannien nach dem Votum für einen EU-Austritt bald schlechter gehen werde – „wirtschaftlich, sozial und außenpolitisch“. Beim EU-Gipfel kommende Woche müsse es eine offene und ehrliche Diskussion geben, wie man die Sorgen der Bürger aufnehmen und gegen „Populisten“ vorgehen könne.

Kritik äußerte Juncker am britischen Premier David Cameron, der das Referendum angesetzt und wegen der Niederlage nun seinen Rücktritt angekündigt hat. Der Ausgang sei nicht verwunderlich. „Denn wenn jemand von Montag bis Samstag über Europa schimpft, dann nimmt man ihm auch am Sonntag nicht ab, dass er überzeugter Europäer ist.“ Der sogenannte Brexit sei dennoch nicht der Anfang vom Ende. Europa müsse sich nun darauf konzentrieren, Investitionen anzukurbeln, Arbeitsplätze zu schaffen und für die Sicherheit der Bürger zu sorgen.

Indirekt stellte Juncker den Verbleib des britischen EU-Kommissars Jonathan Hill infrage, der in Brüssel für den Finanzmarkt zuständig ist. „Das ist jetzt zuallererst eine persönliche Entscheidung von Lord Hill, den ich als erfahrenen Politiker sehr schätze“, so der Kommissionspräsident. Den etwa 1000 britischen EU-Beamten gab Juncker eine Jobgarantie. Denn sie arbeiteten für Europa und nicht Großbritannien.

Obama: Angela Merkel ist die neue Ansprechpartnerin der USA
Obama: Angela Merkel ist die neue Ansprechpartnerin der USA
US-Präsident Obama will sich über den Umgang der EU mit Großbritannien künftig direkt mit Bundeskanzlerin Merkel abstimmen. Bisher waren die Briten der erste Ansprechpartner für die US-Regierung. Hillary Clinton will genau diese Achse aufrechterhalten.
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US-Präsident Barack Obama mit der damaligen Außenministerin Hillary Clinton im September 2012. (Foto: dpa)

US-Präsident Barack Obama mit der damaligen Außenministerin Hillary Clinton im September 2012. (Foto: dpa)

US-Präsident Barack Obama stimmt sich beim Umgang mit der britischen Entscheidung für den EU-Austritt mit Bundeskanzlerin Angela Merkel ab, berichtet die AFP. Er habe am Freitag mit Merkel telefoniert, sagte Obama in einer Rede an der kalifornischen Stanford-Unversität. Dabei habe er mit der Kanzlerin vereinbart, „dass die USA und ihre europäischen Verbündeten in den kommenden Wochen und Monaten eng zusammenarbeiten werden“.

Obama äußerte zugleich die Erwartung, dass Großbritannien seinen Austritt aus der Europäischen Union in „geordneter“ Weise vollziehen werde. In einem Telefonat mit dem britischen Premierminister David Cameron habe er mit diesem abgesprochen, dass die Wirtschafts- und Finanzteams beider Regierungen in engem Kontakt bleiben sollten.

Der britische Regierungschef, der das Referendum anberaumt, aber für den Verbleib seines Landes in der EU geworben hatte, hat seinen Rücktritt für Oktober angekündigt. Er will, dass erst sein Nachfolger die Ausstiegsverhandlungen mit der EU führt.

Einen anderen Akzent setzte Hillary Clinton, voraussichtliche Präsidentschaftskandidatin der US-Demokraten: Sie sagte, die „special relationship“ zwischen Großbritannien sowie der transatlantischen Allianz und den USA sei weiterhin unverbrüchlich.

Der US-Präsident hatte sich für den Verblieb Großbritanniens in der EU eingesetzt. Bei einem Besuch in Großbritannien im April warnte er vor schwindendem britischen Einfluss in der Weltpolitik bei einem EU-Austritt. Die Europäische Union habe den britischen Einfluss nicht geschmälert, sondern „vergrößert“.

Die Intervention des US-Präsidenten nutzte aber womöglich eher dem Brexit-Lager. Sie könnte „kontraproduktiv“ gewesen sein, sagte am Freitag der Europa-Experte Michael Geary vom Wilson Center, einem Washingtoner Institut.

Für die USA werden nun die Beziehungen sowohl zu Großbritannien als auch zur Europäischen Union komplizierter und instabiler. Die unüberschaubaren Folgewirkungen des Brexit machen beide Partner zu unberechenbaren Größen.

In einem knappen schriftlichen Statement versicherte Obama am Freitag, dass sowohl die Europäische Union als auch Großbritannien für die USA „unverzichtbare Partner“ blieben, auch während der Phase der Neuverhandlung ihrer gegenseitigen Beziehungen. Und er beteuerte, dass die „besondere Beziehung“ zwischen den Vereinigten Staaten und Großbritannien erhalten bleibe und Washington weiter auf Großbritannien als Nato-Partner setze.

Die USA haben ihre besonders enge Partnerschaft zu Großbritannien traditionell dafür genutzt, innerhalb Europas Einfluss auszuüben. Die „besondere Beziehung“ zu London habe die Kooperation mit der EU bei vielen Themen leicht gemacht, sagte der Experte Jeffrey Rathke vom Center for Strategic and International Studies in der US-Hauptstadt. Nach der Entscheidung für den Brexit müssten die USA nun ihre Kooperation mit anderen europäischen Staaten „aufpeppen“.

Stunde der Wahrheit: Brexit als Auslöser der nächsten Finanz-Krise
Stunde der Wahrheit: Brexit als Auslöser der nächsten Finanz-Krise
Der Austritt Großbritanniens aus der EU ist ein Katalysator für gravierende globale Fehlentwicklungen. Er wird als externer Faktor verwendet werden, um massive Bereinigungen in einer Zombie-Wirtschaft vorzunehmen, die zuletzt nur noch auf Zeit gespielt hat. Die Zeit ist jetzt abgelaufen.…
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Der Premier hat seine Schuldigkeit getan: David Cameron mit Frau Samantha am Tag nach dem Brexit. (Foto: dpa)

Der Premier hat seine Schuldigkeit getan: David Cameron mit Frau Samantha am Tag nach dem Brexit. (Foto: dpa)

Für sich genommen und rein rational betrachtet ist der Austritt Großbritanniens aus der EU kein Anlass, der die Welt in eine neue Wirtschaftskrise stürzen kann. Tatsächlich hat das Vereinigte Königreich eine ausgesprochen privilegierte Position in der EU gehabt. Angesichts der vielen komplexen Verträge, die die EU mit anderen Staaten hat, wäre es theoretisch leicht, nun eben auch mit London eine neue Form der Zusammenarbeit zu finden. Der Preis, den beide Parteien zahlen müssen, ist überschaubar und hält sich die Waage: Die EU bekommt keine Netto-Zahlungen mehr, dafür können die Briten nicht mehr mit- und reinreden. Norwegen und die Schweiz haben ähnliche Beziehungen mit der EU. Die Flucht in den Schweizer Franken nach dem Brexit zeigt, dass das durchaus sehr gut funktionieren kann.

Politisch gesehen wird sich nun zeigen, wie pragmatisch die EU ist und wie flexibel die Nachfolger Camerons agieren. Die EU ist ja der Inbegriff von Völkerfreundschaft und Verständigung. Also sollte es möglich sein, mit den Briten einen fairen Deal zu finden. Denkbar ist allerdings auch, dass die nationalen Kräfte die Oberhand gewinnen: Wie leicht Völker gegeneinander aufzuwiegeln sind, haben wir in dieser Reihenfolge bei Griechenland, Russland, Polen und der Türkei gesehen. Die politischen Opportunisten sitzen nicht nur in den Reihen der neuen rechten Parteien, sondern auch in den Regierungen. Immerhin: Der Brexit hat gezeigt, dass eine ausschließlich auf Angst basierende Kampagne nicht verfängt.

Dies hängt paradoxerweise mit der Tatsache zusammen, dass die meisten Leute keine Angst haben – sondern eher Wut, Entfremdung und Unverständnis gegenüber für sie anonymen Institutionen empfinden. Die Angst machte sich vor allem an der zunehmenden Ablehnung von Migration und Zuwanderung bemerkbar. Hier wurden die Briten Opfer einer diabolischen Verführungskunst: Sie sind der Fiktion erlegen, dass die Ausländer die Sündenböcke sind und dass alles gut wird, wenn nur erst die Grenzen geschlossen sind. Absurderweise konnten jene EU-Ausländer, die in Großbritannien Steuern zahlen und zu einem guten Teil die Wirtschaft am Laufen halten, nicht mitstimmen. Dasselbe gilt für andere Migranten, die ebenfalls Steuern zahlen, aber eben noch eine andere Staatsbürgerschaft haben.

Das Paradox besteht in der Tatsache, dass die Leute eigentlich allen Grund hätten, mit Sorge in die Zukunft zu blicken: Das globale Wirtschaftssystem steckt in einer fundamentalen Krise. Vieles ist auf Sand und falschen Versprechungen gebaut. Das Banken-System in der City hat davon profitiert, dass London eine Steueroase ist – mit bisher offenen Toren für Geldwäsche und Steuerhinterziehung aus dem Ausland. Dieses Geschäft dürfte nach dem Brexit in die USA abwandern. Die Amerikaner haben mit den Panama Papers bewiesen, wie die globale Akquisition funktioniert.

Das Gefährliche am Brexit ist, dass er in den kommenden Monaten all jenen die perfekte Begründung liefern wird, die vom Zombie-System profitiert haben. Der Brexit war ein Schwarzer Schwan mit Ansage und kurzer Selbsttäuschung: In den letzten Tagen vor dem Referendum haben sich viele noch ein letztes Mal der Illusion hingegeben, dass man nur zu warten brauche, bis die Lage besser wird. Die enge Verquickung von Politik und Finanzindustrie zeigte der EU-Gegner Nigel Farage: Er war der erste, der bekanntgab, dass die EU-Befürworter gewonnen hätten. Das Pfund schoss in die Höhe. Wenige Stunden später stellte sich heraus, dass das Gegenteil der Fall war. In der Zwischenzeit könnten Spekulanten ein Vermögen verdient haben. Welche Rolle Farage spielte, wird nie bekannt werden.

Nun aber werden Banken, Unternehmen, Verbände und Märkte den Brexit nutzen, um aufzuräumen. Sie können nun, wie nach 9/11 oder Lehman, ein externes Ereignis für schlechte Zahlen, Massenentlassungen, Schließungen und sogar Pleiten anführen. Diese Bereinigung wäre in jedem Fall gekommen. Es liegt aber in der Natur der Menschen, dass man bis zuletzt versucht, die Augen zu schließen und den Crash zu vermeiden – in der Hoffnung, alles sei nur ein böser Traum, den man durch Erwachen hinter sich lassen kann.

Die Ankündigung der Zentralbanken, die Banken mit Liquidität zu stützen und die Ankündigung der Fed, mit Swaps an den Devisenmärkten zu intervenieren, sind deutliche Signale, dass die Weltgemeinschaft zwar aufgewacht ist. Doch sie findet sich nicht einem von Wachstum getriebenen Umfeld wieder, in dem externe Schocks verdaut werden können, sondern in einer weltweiten Rezession, deren Vorbote der Rohstoff-Schock gewesen ist. Die Jagd nach Assets ist Ausdruck der globalen Schulden-Krise, die man auch an Großbritannien erkennen kann: Das Land ist stärker verschuldet als das vielgescholtene Italien.

Anders als beim Platzen der Dotcom-Blase ist noch nicht zu erkennen, wer am Ende von den gravierenden Umwälzungen profitieren wird, die die technologische Revolution von Internet und Industrie 4.0 angestoßen hat. Die „Old Economy“ – von den Banken über die Rohstoffe bis zum Automobil-Sektor – leidet unter einer massiven Überproduktion, der keine künftige Nachfrage gegenübersteht. Bis auf wenige Länder hat kaum eine Regierung dieses Menetekel erkannt. Und auch dort, wo die Innovation herkommt – etwa –en USA – werden nicht die Massen profitieren, sondern eine neue, digitale Oberschicht. Soziale Verwerfungen sind unausweichlich.

Doch diese Spannungen werden erst langsam Folgen für die Gesellschaft zeigen. Sie werden verschärft durch die mangelnden Lösch-Qualitäten der Zentralbanken, in der EU vor allem der EZB: Die Rentensysteme der Lebensversicherer stehen in Europa vor dem Kollaps – und erstaunlicherweise findet dieses Thema öffentlich nur wenig Beachtung. So sagte Kanzleramtsminister Altmaier beim CDU-Wirtschaftstag beiläufig, dass sich auch die deutschen Rentner künftig von der Idee der 100 Prozent-Deckung verabschieden müssen und sich eher auf 80 Prozent einstellen müssen. 90 Millionen Verträge in Lebensversicherungen hängen in der Luft. Die Ergo-Versicherung hat erst vor wenigen Tagen angekündigt, zu überlegen, das Geschäft mit den Lebensversicherungen in eine eigene Gesellschaft ausgliedern zu wollen. Das ist alles andere als beruhigend.

Der Brexit als Katalysator eines morschen globalen Finanzsystems ist nicht, wie einige Kommentatoren meinen, ein Konflikt „Alt gegen Jung“ oder „Stadt gegen Land“ oder „Gebildet gegen Ungebildet“. Der Brexit macht die Bruchlinie sichtbar zwischen dem einen Prozent und den 99 Prozent auf aller Welt. Der Brexit beendet den Alptraum vom Crash, indem der Crash zur Realität wird. Grundlegende Verwerfungen werden in den kommenden Monaten mit dem Label „Brexit“ versehen, weil man auch damit ganz praktisch Sündenböcke gefunden hat. Es werden die „dummen Briten“ sein, denen man die Schuld an der Misere in die Schuhe schieben kann. Doch hinter dem Brexit lauert der echte Crash: Er geht nicht auf das Konto von Wutbürgern. Er ist das eiskalte Kalkül von zynischen Geschäftemachern in Politik und Finanzwirtschaft, die bisher noch bei jedem Crash unerkannt und unbestraft geblieben sind.

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Das neue Buch von DWN-Herausgeber Michael Maier erscheint in wenigen Tagen beim Finanzbuch Verlag München. (Foto: FBV)

Das neue Buch von Michael Maier. (Foto: FBV)

DWN-Herausgeber Michael Maier analysiert in seinem neuen Buch das Wesen der Finanz-Kriege als direkte Folge der Schuldenkrise. Die Jagd nach wirklich werthaltigen Assets führt zu einem mörderischen, globalen Verteilungskrieg. Ein einziges Ereignis genügt, um das weltweite Finanzsystem in seiner unüberschaubaren Vernetzung zu gefährden. In einer solchen Situation neigen die Staaten dazu, Gewalt in jeder Form wieder in ihr tägliches Repertoire aufzunehmen. In der Regel sind die Leidtragenden nicht diejenigen, die einen Crash verursacht haben.

Michael Maier: „Das Ende der Behaglichkeit. Wie die modernen Kriege Deutschland und Europa verändern“. FinanzBuch Verlag München, 228 Seiten, 19,99€.

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Auf Gold gesetzt: Soros gewinnt Wette gegen die EU
Auf Gold gesetzt: Soros gewinnt Wette gegen die EU
Vor einer Woche hatte US-Investor George Soros wegen des von ihm erwarteten Brexit auf Gold gesetzt - und damit satte Gewinne gemacht. Die genaue Höhe seiner Wette ist nicht bekannt.
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George Soros bezahlte Bürgerverbände in Ferguson für die Organisation der Proteste. (Foto: dpa)

US-Investor George Soros. (Foto: dpa)

Vergangene Woche hatte Soros in einem Gastbeitrag der Zeitung Guardian exakt dieses Szenario vorausgesagt, wobei er von einem Einbruch des Pfunds von insgesamt 20 Prozent ausgeht. Zuvor hatte das Soros Fund Management mehrere Aktien-Pakete abgestoßen und stattdessen Gold und Anteile an Gold-Minen erworben. Soros Fund Management verwaltet insgesamt 30 Milliarden Dollar, berichtet das Wall Street Journal. Der US-Investor hatte bereits im Jahr 1992 gegen das britische Pfund gewettet und einen großen Gewinn eingestrichen.

Das britische Pfund verzeichnete nach dem Referendum den heftigsten Kursverlust zum Dollar seit mindestens 30 Jahren, berichtet Market Watch. Der Kurs liegt derzeit bei etwa 1,38 Dollar, doch nach Ansicht des US-Investors George Soros könnte es bis auf 1,15 Dollar fallen. Ein billiges Pfund macht britische Produkte anderswo billiger, verteuert aber Importe und kann so zu höherer Inflation und sinkender Kaufkraft führen.

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