Warum die Welt die „German Angst“ vor einer Inflation ernstnimmt

Deutschland hat wie kaum ein anderes Land ein kollektives Trauma: Die Inflation. Wann immer angelsächsische Medien über die Deutschen berichten, dann schreiben sie in diesem Zusammenhang von der „German Angst“. Die historische Einordnung der aktuellen Geldpolitik der EZB zeigt, dass die Welt gut beraten ist, wenigstens in diesem Punkt Deutsch zu lernen.

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Mario Draghi, der Chef der Europäischen Investitionsbank Philippe Maystadt und Mario Monti: Können sie den Geist wieder in die Flasche bekommen? Oder ist die Folge der exzessiven Geldpolitik unausweichlich die stille Enteignung der Bürger in Form einer Inflation? (Foto: consilium)

Mario Draghi, der Chef der Europäischen Investitionsbank Philippe Maystadt und Mario Monti: Können sie den Geist wieder in die Flasche bekommen? Oder ist die Folge der exzessiven Geldpolitik unausweichlich die stille Enteignung der Bürger in Form einer Inflation? (Foto: consilium)

Der Versuch einer Erklärung: Kirschwasser, Kindergarten (oder auch Kindergarden) und Oktoberfest (und früher auch das weltweit bewunderte „Fräuleinwunder“) sind Germanismen, die fast der ganzen englischsprachigen Welt mehr oder wenig problemlos – und ohne viel darüber nachzudenken –  von den Lippen gehen. Und, die es mit den Deutschen wirklich gut meinen.

Den „Weltschmerz“ (und dessen romantische und romantisierende Bedeutung) kennt man in Kanada als Comic-Strip, aber schon die „Witzelsucht“ kennen nur mehr die (eingeweihten) Mediziner; so wie den „Mittelschmerz“ und auch das „Wunderkind“. Aber auch hier weiß man, woher das Wort stammt und was es bedeutet. Und man meint es wieder — recht gut — mit den Deutschen (wenn auch mit einem gewissen Augenzwinkern).

Bei Putsch, Nacht-und Nebel-Erlass und Blitzkrieg gibt es bereits sehr viel weniger gute Assoziationen – und wenn schon nicht das Bild des „hässlichen Deutschen“ bemüht wird, so doch, dass ein gewisses neurotisches Potential vorhanden ist. Hat sich im Laufe der Jahrzehnte zuviel geistiger „Kummerspeck“ angesammelt? Alles „Mummenschanz“? Oder dient diese deutsche Angst (vor der Inflation, dem Leiden und anderem Unbill) der  „Schadenfreude“ unserer Nachbarn?

Doch wie ist es dazu gekommen, dass diese „German Angst“ im angelsächsischen Sprachraum als ein geradezu typisch deutscher – beinahe als krankhaft „zwänglerischer“ – Zustand wahrgenommen wird? (Dieser Germanismus umschreibt die Zögerlichkeit, Entscheidungen zu finden, aber auch eine generalisierte – das ganze Volk betreffende –„Angststörung“ oder auch das „Leiden“ an der Welt; an sich selbst.)

Diese „typisch deutsche Zögerlichkeit“ hat man in der – nicht nur – englischsprachigen Welt schon mehrmals moniert: die äußerst zurückhaltende Außen- und Sicherheitspolitik Deutschlands nach der Wiedervereinigung der beiden Wirtschaftssysteme, und hier insbesondere in Bezug auf den zweiten Golfkrieg.

Aber auch die Einschränkungen von „Google Street View“ (Deutschland ist heute weltweit das einzige Land, in dem Google nur das „Standardprogramm“ anbietet) ist für den „Rest der Welt“ der Ausdruck tief sitzender Zweifel und kollektiver Angstmache gegen alles „Nichtdeutsche“. Und für den geradezu „hysterischen“ Umgang mit der Vogelgrippe, und ebenso mit der Rinderseuche BSE, gibt es für das Ausland nur mehr einen Begriff: German Angst!

Gerade im (Maya-)Jahr 2012 wird die überbordende Furcht der Deutschen vor dem Weltuntergang bzw. der Apokalypse – gerade im englischsprachigen Ausland — als kollektive, generalisierte Angststörung gesehen. 2009 stellte der Journalist Ulrich Greiner in Bezug auf „German Angst“ jedoch auch fest, es scheint so „… als müssten die Deutschen ihr Bild von sich revidieren …“, dass nämlich „die Masse als unheimliches Tier, als politisch explosive Macht, […] wenn auch nicht verschwunden, so doch vom allgemeinen Prozess der Individualisierung geschwächt worden“ sei.

Ist es das, was den Deutschen blüht? Ein schwaches Volk, das leicht zu steuern ist? Oder braucht die Welt ein „von der Individualisierung geschwächtes Volk“, um keine Angst mehr davor zu haben?

Deutschland hatte einige schwere Traumata im letzten Jahrhundert zu bewältigen. Die am tiefsten sitzenden sind wohl – neben den verlorenen Kriegen – der Frieden von Versailles im Jahre 1919 und die Inflationen in den Zwanzigern und Vierzigern des vorigen Jahrhunderts; begleitet von zwei Währungskrisen und nachfolgend -reformen (Auslöser waren die Weltkriege bzw. deren Ende). Während das Kaiserreich den Krieg über Anleihen finanzierte, für die die Bürger gerade standen, war nach Ende des Zweiten Weltkrieges Deutschland sozusagen nicht mehr existent (und damit auch nicht mehr seine Währung).

Beide Male verfiel der Wert der Währung rasant, während die Preise jedesmal explodierten –  und beide Male nahm die Reichsbank dies so in Kauf (auch mangels Alternativen). So kostete im Januar 1920 ein Brief 20 Pfennig Porto, im Oktober 1923 aber schon zehn Millionen und keine zwei Wochen später bereits 100 Millionen Mark. (Der „Friedensvertrag von Versailles“ hatte zwei Dimensionen: Einerseits war es  für Deutschland das – moralische — Eingeständnis der Niederlage, auch gegenüber Frankreich. Andererseits entzog die durch den Vertrag erwirkten enormen Reparationszahlungen und die Industriedemontagen im Ruhrgebiet die angeheizte Inflation der Bevölkerung jegliche Grundlage. Not und Elend waren die Folge.)

Aber auch in Zeiten wie diesen haben die Deutschen einiges zu verlieren: Auf fast fünf Billionen Euro summiert sich ihr (Geld)Vermögen. Bei einer – kaum wahrnehmbaren, sogenannten schleichenden — Inflationsrate von zwei Prozent verliert ein Vermögen aber nach nur einem Jahrzehnt 18 Prozent seiner Kaufkraft, bei vier Prozent sind es in zehn Jahren aber schon 32 Prozent Wertverlust. Von Hyperinflation spricht man erst ab fünfzig Prozent – pro Monat.

Was bewirkt Inflation?

Es gibt eine recht einfache Formel: Der Staat profitiert, wenn die Sparguthaben schmelzen – dies nennt man dann „Financial Repression“. Erfunden oder besser gesagt „wieder entdeckt“ wurde diese Variante der stillen Enteignung von den USA und Großbritannien nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Clou an der Sache waren recht streng regulierte Finanzmärkte und niedrige Zinsen auf der einen, aber eine kontinuierliche Inflation auf Kosten der Bürger auf der anderen Seite. Die Ersparnisse der Bürger schmolzen wie Butter in der Sonne, während der Staat recht elegant – und ohne viel Aufhebens, das heißt ohne die politischen Gremien zu behelligen – sich seiner Bürden entledigte.

Aber nicht nur die Vermögenden werden geschoren: Sozialtransferleistungen, Löhne, Gehälter, Renten und Pensionen steigen sehr viel weniger stark als die Teuerung. Während sich nach den großen Kriegen gerade die Lebens- und Genussmittel enorm verteuerten, ist heutzutage die Energiebranche der Preistreiber schlechthin (nicht zuletzt aufgrund der Abhängigkeit aller von diesem Sektor und der propagierten Energiewende). Einige Ökonomen erwarten ein ähnliches Szenario wie in den Siebzigern – in diesem Jahrzehnt  stieg die Inflationsrate auf über sieben Prozent.

„Auch wenn die Realwirtschaft stagniert, ist Inflation möglich – wie bei der Stagflation in den siebziger Jahren. Es ist erstaunlich, dass diese Phase im Bewusstsein vieler Menschen nicht mehr vorkommt“, so Stefan Homburg, Finanzwissenschafter von der Universität Hannover. Stagflation, von lat. stagnare = stocken, bezeichnet ein geringes oder rückläufiges Wachstum des Bruttosozialprodukts (BSP) und hohe Arbeitslosigkeit mit stark steigenden Preisen.

Vor diesem historischen Hintergrund sind auch die stets aktuellen Aussagen von  Bundesbank-Chef Weidmann bezüglich Draghis EZB-Massnahmen zur Geldwertstabilität zu verstehen.

Wie entsteht Inflation?

Theoretisch entsteht Inflation (vom lat. inflare = das Aufblähen, das Anschwellen), wenn die Zentralbank mehr Geld auf den Markt wirft, als für den Wirtschaftskreislauf nötig wäre; dadurch steigt das Güterpreisniveau. Europa befindet sich derzeit in der Lage, dass zwar Geld an die Banken ausgegeben, verliehen, wurde, dieses aber den Weg zu den Endverbrauchern nicht findet. Die Banken horten die Gelder (sowohl „echtes“, gedrucktes, als auch Giralgeld). Die EZB möchte diese Gelder aber wieder „sterilisieren“. Das heißt, , wenn sich die wirtschaftlichen Gegebenheiten wieder aufhellen und die Banken wieder Courage haben, vermehrt Kredite zu vergeben (sowohl an Privat als auch an Unternehmen), und diese Gelder in den Kreislauf der Marktwirtschaften zurück gelangen, spätestens dann muss die EZB aber die überflüssige Liquidität wieder „einsammeln“, um eben die Inflation zu vermeiden …

Angesichts der unsicheren Gebaren in der Bankenszene und der Überschuldung der Staaten – niemand weiß wirklich, welche Untiefen in den Bilanzen der Banken schlummern – sowie der Unberechenbarkeit der wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen ist dies ein sehr, sehr ambitioniertes und auch waghalsiges Unternehmen. Wie das Herr Draghi bewerkstelligen will, bleibt vorerst sein Geheimnis. Ein Mittel wäre wohl die Re-Emission von aufgekauften PFIIGS-Staatsanleihen auf die Märkte, um die Geldbasis zu verringern. Oder den Leitzinssatz zu erhöhen.  Beides brächte die PFIIGS-Staaten aber noch weiter in Not.

Zu frühes „Sterilisieren“ entzieht den Banken – und den Märkten – Kapital, bei zu spätem Eingreifen wartet um die Ecke die Inflation. Aber auch eine Abwertung der Währung kann im gemeinsamen Fiskalraum nicht in Betrachtung gezogen werden – in „früheren“ Zeiten ein gern und oft genutztes Mittel, besonders in den südeuropäischen Staaten.

Kann man sich der Inflation entziehen?

Auf den ersten Blick: Nein. Auf den zweiten – und aus der Historie reflektierend – ist man (scheinbar) auf der Gewinnerseite, wenn man Edelmetalle, Diamanten, Gemälde oder Immobilien sein eigen nennt  – einige setzen gar auf Oldtimer. Diese Flucht in Sachwerte kann aber auch nach hinten los gehen – dann nämlich, wenn eine „Blase“ kreiert wird, das heißt, der eigentliche Wert wird hochgepusht (bei Fremdfinanzierungen ist die Gefahr der Blasenbildungen besonders hoch) oder die Nachfrage bricht ein. Letztendlich ist dies alles auch eine Frage des „Glaubens“ bzw. des Vertrauens in diese oder jene Werte …

Der Gewinner ist aber auch hier der Staat, da sein Gedeih (und Verderben) direkt an das Einkommens- und Warenpreisniveau gebunden ist und die – gleich hoch bleibenden – Schulden sehr viel schneller egalisiert werden können. Aber Vorsicht: Auch Zwangshypotheken wurden schon wieder  –  ähnlich wie 1948  – angedacht  und auch ein Goldverbot wurde in den USA schon in den Zwanzigern des vorigen Jahrhunderts verhängt … man sollte nie die Kreativität des Staates unterschätzen, wenn die Kasse klemmt.  Denn wenn es hart auf hart kommt, wird der Staat zum Paradoxon: der Staat (als Gebilde und Konstrukt) bzw. die Politik wird sich immer für sich also für den Staat (der Bürger) entscheiden. Denn hier geht es um sein essentielles Weiterbestehen.

Und vielleicht liegt in diesem Verlust des – schon mehrmals enttäuschten  –  Vertrauens in den Staat respektive in die Politik, die Bürger und deren Vermögen zu schützen,  die Ursache und die Saat der „German Angst“. Diese „Angst“ ist aber auch dem Umstand geschuldet, dass die Deutschen nicht nur fleißig und innovativ, sondern auch wahre „Sparweltweister“ sind. Und dieses Ersparte (auch Immobilien) sind nun dem Unbilden der Fiskalpolitik – sowie einer möglichen noch höheren Inflation  –  ausgesetzt.

Da die derzeitige deutsche Verschuldung bei etwa zwei Billionen Euro liegt (dieser Saldo wurde vor der Einführung der Rettungslawine angesammelt), käme der Politik eine gleichmäßige, schleichende Inflation nicht ganz ungelegen. Denn wie sagte der Inflationshistoriker Adam Fergusson so treffend: „Alle Regierungen wollen irgendwann von ihren Schulden nichts mehr wissen.“

Denn: Je höher die Schulden des Staates, desto weniger politischer und wirtschaftlicher Spielraum ist vorhanden – auch gegenüber dem eigenen Volke. (Deutschland nähert sich mittlerweile in der Summe der Verschuldung aller – Staat, Länder, Städte, Gemeinden, Unternehmen und Private  – der 300-Prozent-Marke in Bezug auf das BIP…)

Nachbetrachtungen: Vielleicht sollte man sich zum Abschluss und bei dieser Gelegenheit auch an „le Waldsterben“ erinnern. Dieses Lehnwort spiegelt im Französischen weniger die Sorge um den Wald wieder, sondern auch, was der in den Neunzigern kreierte Terminus mitunter implizierte: Die besondere – fast schon hysterische – Affektiertheit der Deutschen hinsichtlich dieses Themas. Man könnte manchmal annehmen, dass sich die Deutschen aufmachten, wenn schon nicht die Welt, dann doch ganz Europa retten zu wollen … und wenn schon nicht retten, dann solle man doch  gefälligst ihren Argumenten folgen.

Cassius Dio, ein altrömischer Historiker, sprach anlässlich des Sieges von Arminius über Varus: „ … die Bäume standen so dicht und waren so übergroß …. Denn fliehen konnte keiner, wenn er es auch noch so gerne wollte.“

„Denn fliehen konnte keiner …“ ist wohl die Antwort darauf, dass Deutschland derzeit wenig bis keine Möglichkeiten hat, der gemeinsamen (Fiskal)Politik zu entrinnen … und die Zukunft wird zeigen, ob die Deutschen den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen (wollen) oder, ob diese subtilen Ängste einen realen Hintergrund haben. Es steht aber zu befürchten, dass den Deutschen – und der Welt – die „German Angst“ bleibt. Da hilft dann wohl auch keine Couch mehr.

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