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Arroganz pur: WDR-Chefredakteur weist Kritiker zurecht, nennt GEZ eine „Demokratie-Abgabe“

Weil zahlreiche ARD-Kritiker auf der Facebook-Seite des Senders gegen die neue Zwangsgebühr GEZ protestiert hatten, griff der Chefredakteur des WDR selbst zur Feder – und lieferte mit Arroganz, Überheblichkeit und Anmaßung und Realitätsverlust ein unfreiwilliges Sittenbild über die innere Verkommenheit des öffentlich-rechtlichen Systems.

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WDR: Nur 23 Bürger ärgern sich wirklich über Schönenborn

Der WDR Chefredakteur Fernsehen, Jörg Schönenborn, stellt klar: Die GEZ ist die Mutter aller Steuern - nämlich eine Demokratie-Abgabe, ohne die das Land in der Anarchie versinken würde.

Der WDR Chefredakteur Fernsehen, Jörg Schönenborn, stellt klar: Die GEZ ist die Mutter aller Steuern – nämlich eine Demokratie-Abgabe, ohne die das Land in der Anarchie versinken würde.

In der vergangenen Woche kam es auf der Facebook-Webseite der ARD zu einer Protestwelle gegen die GEZ. Unter einem grotesken Beitrag über „Die Plüschtier-Connection“, in der mit Gebührengeldern über die Leidenschaft des Plüschtier-Sammelns räsoniert wurde, entlud sich der angestaute Zorn der Bürger gegen die ab 1. Januar geltende Zwangsgebühr GEZ. Konkret: Zahlreiche Facebook-Nutzer schrieben kritische Kommentare auf der ARD-Seite. Die Kommentare wurden immer heftiger, weil seitens der ARD niemand reagierte (so etwas gab es schon einmal, bei der von der Tagesschau unterschlagenen Berichterstattung über eine Großdemonstration in Spanien – mehr hier). Die erste sichtbare Reaktion der ARD bestand dann darin, Benutzer zu sperren und Beiträge zu löschen. Dadurch wurde die Kritik, wenig verwunderlich, noch schärfer.

So weit, so schlecht. Doch was nun folgte, ist eine Demaskierung allererster Güte. Der Chefredakteur Fernsehen des WDR – der dem breiten Publikum vom Vorlesen der neuesten Meinungsumfragen bekannte Jörg Schönenborn – meldete sich mit einem Grundsatz-Beitrag zu Wort. Der Artikel, den Schönenborn ins Netz stellte, um den Gebührenzahlern zu zeigen, wo der Bartel den Most zu holen hat, trägt die Überschrift „Ein Beitrag zur Funktionsfähigkeit der Gesellschaft“.

Zutreffender wäre ein Titel wie „Was Sie schon immer über die Hybris der Eliten im Staatsfunk wissen wollten“.

Schönenborn wörtlich (Hervorhebungen DWN):

„Die Tage sind zum Jahresende kurz und meistens düster. Wenn man derzeit Medienseiten deutscher Zeitungen liest, möchte man als ARD-Mitarbeiter beinahe zu Anti-Depressiva greifen – wäre da nicht: die Wirklichkeit. Mit der hat nämlich wenig von dem zu tun, was da oft geschrieben steht. Viele Artikel funktionieren nach dem Motto: Ich nehme mir meine These und mache die Welt einfach passend. In dieser Welt begehrt ein Land auf gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, den nur noch wenige sehen oder hören wollen. Und wenn überhaupt, dann sind es Greise. Diese Welt ist voller Menschen, die Wut haben wie einst bei Sarrazin oder in Stuttgart. Voller Menschen, die ARD und ZDF am liebsten abschaffen möchten. Und wenn man es mit der Wirklichkeit ohnehin nicht so genau nimmt, spielen auch Geschmacksgrenzen keine Rolle mehr. Eine Schlagzeile sprach letzte Woche allen Ernstes vom „UnGEZiefer“ – das weckt in mir keine guten Erinnerungen.“

Einmal abgesehen davon, dass die Attitüde, sich wegen einer zugegeben misslungenen Schlagzeile in die Nähe der ermordeten Juden in Europa zu rücken, geschmacklos ist: Herr Schönenborn diskreditiert all jene, die sich in den vergangenen Jahren außerhalb der von der ARD zugelassenen Diskurs-Reservate politisch zu Wort gemeldet haben. Sie alle sind nach Einschätzung des ARD-Mannes dumpfe „Wut“-Bürger, denen es nur um die Zerstörung von erworbenen Heiligtümern der BRD gehe.

Doch Schönenborn sieht eine noch viel tiefere Gefahr in der Kritik an der GEZ.

Der Chefredakteur wörtlich:

„Gehen wir die Thesen mal durch. Es gebe in diesem Land nichts, das vergleichbar sei mit der „Zwangsabgabe“ für den Rundfunk. Aus der Kirche könne man austreten. Eine Wohnung könne man kündigen, nur eben nicht den Rundfunkbeitrag. Wer so argumentiert, kündigt vor allem eines auf: jede Form von gesellschaftlicher Solidarität. Eigentlich ist es bei uns nämlich gesellschaftlicher Konsens, dass wichtige Strukturen für das Zusammenleben gemeinschaftlich finanziert werden, und zwar egal, ob sie jeder persönlich nutzt oder nicht. Das beginnt beim Wasseranschluss, für den jeder, der irgendwo „wohnt“, eine „Zählergebühr“ bezahlt, ohne auch nur einen Liter verbraucht zu haben. Das gilt für Straßen, deren Bau und Pflege über die Steuern jeder mitbezahlt, der kein Auto hat. Und es hört mit dem Sessel im Konzertsaal noch lange nicht auf, der jeden Abend solidarisch bezuschusst wird, selbst wenn das Konzert ausverkauft ist.“

Nach Einschätzung des ARD-Mannes ist also jeder, der die GEZ kritisiert, ein Feind der Demokratie. Denn es gibt nichts Höheres als die demokratische Solidarität, die nach Schönenborns Auffassung nicht darin besteht, dass der Staat Rahmenbedingungen schafft, in denen Solidarität nachhaltig möglich ist. Für Schönenborn zeichnet sich wahre Demokratie dadurch aus, dass alle Bürger gezwungen werden, die öffentlich-rechtlichen Sender zu finanzieren.

Dazu schreibt der GEZ-Kritiker Rene Ketterer Kleinsteuber, der im Internet eine Protest-Plattform gegen die Zwangsgebühr betreibt:

„Solidarität ist das Schlagwort – ein schönes Wort. Aber was bedeutet Solidarität in diesem Kontext? Solidarisch mit wem? Ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk im Jahr 2013 wirklich wichtig für das Zusammenleben? Und wenn ja, so wichtig, dass man sich gleich 23 Fernseh- und 77 Radioprogramme für fast 8 Milliarden EUR im Jahr leisten muss? Hier bedeutet der Begriff der Solidarität etwas anderes: Frau WDR-Intendantin Monika Piel bekommt inkl. Aufwendungen für ihren Dienstwagen ein Grundgehalt von 330.000 EUR im Jahr, weitaus mehr als unsere Bundeskanzlerin und das aus Zwangsbeiträgen. Und wer zahlt diese Beiträge? Z. B. die allein erziehende Frisörin, die 200 Stunden im Monat auf den Füßen steht, um gerade einmal 700 EUR für ihren Unterhalt nach Hause zu bringen. Sie muss gleich 18 EUR Rundfunkbeitrag bezahlen, was 2,5% ihres Einkommens ausmacht (bei Frau Piel entspricht das 0,00045% ihres Gehalts!). Ist das die vielzitierte Solidarität?“

Für Schönenborn geht es jedoch nicht um Nichtigkeiten wie den Dienstwagen einer Intendantin. Schönenborn sieht die öffentlich-rechtlichen Sender als die wahren und einzigen Hüter der Demokratie.

Schönenborn wörtlich:

Der Rundfunkbeitrag passt gut in dieses Land. Er ist genau genommen eine „Demokratie-Abgabe“. Ein Beitrag für die Funktionsfähigkeit unseres Staatswesens und unserer Gesellschaft. Demokratie fußt auf der Urteils- und Entscheidungsfähigkeit ihrer Bürgerinnen und Bürger. Und die ist in einem 80-Millionen-Land nur mittelbar herzustellen, „medial“, durch Medien eben. Trotz der vielen guten Zeitungen und Zeitschriften und trotz des Internets geben die Deutschen immer noch zwei Drittel ihres täglichen Medien-Zeitbudgets für Radio und Fernsehen aus. Und weil man schwerlich ein kommerzielles Vollprogramm findet, das auch nur eine halbe Stunde pro Tag über Politik berichtet, behaupte ich: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk sichert das Funktionieren unserer Demokratie.

Bisher waren wir der Auffassung, dass freie Wahlen, Gewaltenteilung, das Recht auf Meinungs- und Pressefreiheit und die Achtung der Menschenrechte die Grundlagen der Demokratie sind. In den USA, Großbritannien, Schweden, Norwegen, Frankreich, Italien, Japan, Australien usw. funktioniert das eigentlich ganz gut. Keine dieser Bananenrepubliken hat jedoch einen auch nur annähernd so aufgeblähten öffentlich-rechtlichen, ab dem 1. Januar 2013 durch eine direkte Steuer finanzierten Medienapparat. Einen sehr vitalen Staatsfunk haben dagegen Kuba, Venezuela, China und Saudi-Arabien. Sind diese Länder daher automatisch vorbildliche Demokratien?

Schönenborn behauptet allen Ernstes, dass das aufgeblähte, unkontrollierte, völlig intransparente, von Korruptionsskandalen zerfressene System der öffentlich-rechtlichen Sender die notwendige Bedingung zum Funktionieren der Demokratie in Deutschland ist. Jener Apparat, in dem kein Manager wirklich Verantwortung in dem Sinn trägt, dass er dafür sorgen muss, dass das Geld, das ausgegeben wird, auch durch Fleiß, Innovationskraft und unternehmerischen Mut auch verdient wird. Jener „Staat im Staate“, über den der Medienkritiker Hans-Peter Siebenhaar in epischer Breite beschreiben kann, wie die politischen Machenschaften in den Hinterzimmern ablaufen (mehr im Detail – hier). Jene mediale Räterepublik, die sich von allen Krisen, die die normalen Bürger bedrängen abgekoppelt hat, weil sie sich bis zum St. Nimmerleins-Tag den Zwangsobolus der Bürger gesichert hat.

Dass die Demokratie ausschließlich vom lebendigen Engagement vieler Einzelner und aktiver Gruppen sowie aus einer vielfältigen, vitalen Medienlandschaft lebt, kommt dem Mann vom Fernsehen nicht in den Sinn, weil er die wirkliche Welt nur aus der Ferne sieht. Er hat keine Ahnung, dass die politische Willensbildung im 21. Jahrhundert schon längst die althergebrachte Bevormundung des staatlichen Fernsehens über Bord geworfen hat. Zwar klauen die Nachrichtensendungen der öffentlich-rechtlichen Anstalten gerne aus dem Internet, etwa, wenn es um die Revolution in Nordafrika geht. Dann werden die Quellen nur dahingehend kenntlich gemacht, dass man sie mit einem leicht diskriminierenden Text als „Internet-Video“ kennzeichnet. Trotz dieser Praxis hat jedenfalls Herr Schönenborn nicht verstanden, worum es den Kritikern an der GEZ geht: Viele Deutsche wollen kein System, in dem sie gezwungen werden, für etwas zu zahlen, das sie nicht nutzen. Sie behaupten, sich auch ohne Staatsfernsehen ausreichend bilden und informieren zu können.

Sie machen von ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch. Sie engagieren sich politisch in einer Sache, in der sie anderer Meinung sind als Herr Schönenborn. Herr Schönenborn lebt als Systemerhalter von diesem System. Die Kritiker leben nicht von diesem System, sondern wollen eine Veränderung – und brauchen diese nicht zu fürchten. Daher können sie frei und offen reden.

Die Möglichkeit eines solchen Konflikts sollte in einer Demokratie eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Mit seiner Arroganz, Überheblichkeit und Anmaßung und seinem Realitätsverlust leistet Schönenborn jedoch keinen Beitrag zum politischen Diskurs.

Er liefert ein unfreiwilliges Sittenbild einer offenbar erschreckenden inneren Verkommenheit des öffentlich-rechtlichen Systems. Er schadet damit all jenen guten Journalisten bei den Sendern, die die Fähigkeit zur Differenzierung noch nicht verloren haben. Er demaskiert sich und seine Auftraggeber als das Gegenteil dessen, wofür sie sich brüsten. Schönenborns Antwort auf die Kritiker der GEZ ist ein Beleg dafür, dass diejenigen, die sich aus den Futtertrögen des Staates nähren, zwangsläufig keine Geschmacksnerven mehr dafür haben, wie Demokratie wirklich schmeckt.

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Merkel und Nato im Abseits: UN-Kommissarin lobt Russlands Einsatz in Syrien
Merkel und Nato im Abseits: UN-Kommissarin lobt Russlands Einsatz in Syrien
Die frühere Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofs lobt die russische Intervention in Syrien: Endlich kämpfe jemand entschlossen gegen die Terroristen. Moskau legte einen Vorschlag für einen Waffenstillstand vor. Angela Merkel wirkt desorientiert. Für die Interessen der Türkei wird es immer enger.…
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Die USA und Russland haben offenbar einen Plan für Syrien: Hier die Außenminister John Kerry und Sergej Lawrow, im Dezember in Moskau. (Foto: EPA/SERGEI KARPUKHIN / POOL)

Die USA und Russland haben offenbar einen Plan für Syrien: Hier die Außenminister John Kerry und Sergej Lawrow, im Dezember in Moskau. (Foto: EPA/SERGEI KARPUKHIN / POOL)

Die ehemalige Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofs, Carla del Ponte, hat die russischen Militärschläge in Syrien ausdrücklich gutgehießen. Del Ponte ist Mitglied der UN-Kommission zur Menschenrechtslage in Syrien. Sie ist eine angesehene, unabhängige Juristin und über jeden Verdacht erhaben, russische Propaganda zu betreiben. Del Ponte sagte: „Generell finde ich, dass Russlands Intervention gut war. Denn endlich attackiert jemand all diese terroristischen Gruppen wie Daesch (Islamischer Staat) und Al Nusra“, sagte sie am Montag in einem Interview mit dem französischsprachigen Schweizer Rundfunk und Fernsehen (RTS). Sie fügte allerdings hinzu, dass die Russen augenscheinlich nicht ausreichend zwischen Terroristen und anderen Milizen unterscheiden würden.

Die Schweizerin sprach sich in dem Interview außerdem dafür aus, dass der syrische Präsident Assad in Friedensverhandlungen einbezogen werden sollte: „Wenn man einen Waffenstillstand anstrebt, wenn man Frieden will, dann muss man zuerst mit der Regierung verhandeln“.

Russland hat dazu einen konkreten Vorschlag für einen Waffenstillstand an Washington gerichtet. Die TASS zitiert den russischen Außenminister Sergej Lawrow, der sagte, der Vorschlag liege bei der US-Regierung zur Überprüfung. Er sei einfach und schnell umzusetzen. Allerdings müssten die US-Verbündeten in der Region aufhören, den Sturz von Assad zu fordern, bevor man über einen Waffenstillstand sprechen könne. Lawrow nannte keinen konkreten Staat, seine Aussage dürfte sich im Grunde aber vor allem auf Saudi-Arabien beziehen. Die Saudis hatten am Montag ihre Bereitschaft erklärt, mit einer Elite-Truppe in Syrien einzumarschieren.

Tatsächlich scheint es jedoch in einer zentralen Frage eine Absprache zwischen der US-Regierung und Russland zu geben: Die kurdische YPG soll an den Verhandlungen beteiligt werden. Die YPG hatte als eine der wenigen regionalen Gruppen stets gegen die Terror-Miliz gekämpft. Lawrow erwähnte ausdrücklich den Dissens zwischen der Türkei und den USA: US-Außenamtssprecher John Kirby hatte gesagt, die Partei der Demokratischen Union (PYD) – die wichtigste Partei der Kurden in Syrien – sei aus Sicht der USA „keine Terrororganisation“. Die Unterstützung der USA für die Kurden in Syrien erfolgte maßgeblich unter dem Gesichtspunkt, den Kampf gegen die Terror-Miliz Islamischer Staat (IS) zu unterstützen. Die türkische Regierung bezeichnet die PYD und die YPG als „terroristische Organisationen“ und bekämpft die Organisationen mit derselben Härte wie sie im eigenen Land gegen die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) vorgeht.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte bereits in der vergangenen Woche wegen eines Besuchs des US-Sondergesandten Brett McGurk bei den Volksverteidigungseinheiten, die die Stadt Kobane im Norden Syriens kontrollieren, die Facon verloren. Erdogan stellte fassungslos die Frage, ob er eigentlich der Partner der USA sei oder „die Terroristen von Kobane“.

Als weitere Eskalation hat die Türkei den US-Botschafter in Ankara einbestellt. Dem Botschafter sei das „Unbehagen“ Ankaras angesichts der Äußerungen Kirbys ausgesprochen worden, berichtete die Zeitung Hürriyet am Dienstag unter Berufung auf diplomatische Quellen.

Die syrische Regierung will sich nicht auf Provokationen der von Saudi-Arabien gegründeten „Opposition“ einlassen, die die Genfer Friedensgespräche desavouiert hatte. Vorschläge für einen Waffenstillstand kämen von den Staaten, die die Aufständischen unterstützten, sagte die Präsidenten-Beraterin Buthaina Schaaban der Nachrichtenagentur Reuters am Dienstag. Mit dem Gerede von einem Waffenstillstand durch diese Gruppen solle die Hauptaufgabe verhindert werden, nämlich „den Terrorismus zu bekämpfen“. Ziel der Offensive der Armee sei, „die Städte und Dörfer zu befreien, die dreieinhalb Jahre lang von Terroristen kontrolliert wurden“. Dies gelte auch für Aleppo. Außerdem solle die Grenze zur Türkei wieder gesichert werden.
Die Beraterin des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad bezeichnete die Türkei als Haupteinfallstor für die Terroristen. Über die türkische Grenze führt eine der Hauptnachschubrouten der Rebellen. Auch Russland bezichtigt die Türkei der Kooperation mit den IS-Terroristen.

Syrien und Russland können mit dem Westen aus einer Position der Stärke verhandeln: Mit der von russischen Luftangriffen unterstützten Offensive ist es der syrischen Armee und den mit ihr verbündeten Milizen in den vergangenen Wochen gelungen, die Rebellen in den Provinzen Latakia und Aleppo zurückzudrängen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel scheint in der aktuellen Lage etwas den Überblick verloren zu haben: Sie hatte bei einem Besuch in Ankara gesagt, Russland sei schuld an einer neuen Flüchtlingswelle. Belege dafür hat Merkel nicht vorgelegt, sie wiederholte die Aussagen der türkischen Regierung, die als Kriegspartei nur eingeschränkt glaubwürdig ist. Merkel möchte aber Erdogan unbedingt unterstützten, damit er für sie im Gegenzug das europäische Flüchtlingsproblem löst. Die EU hat in dieser Frage höchst fahrlässig auf Erdogan gesetzt – einen bekanntermaßen unsicheren Kantonisten, der die hilf- und planlose EU-Führung bei einer Verhandlung im November regelrecht vorgeführt hat. 

Merkel will die Nato mobilisieren, um die Türkei zu unterstützen – offiziell im Kampf gegen die Schlepper. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Berichterstattung der Bild-Zeitung: Die Zeitung ist nach den Unternehmensgrundsätzen des Springer-Konzerns auf „die Unterstützung des transatlantischen Bündnisses“, also der Nato, verpflichtet.

Die Zeitung schreibt in einem höchst alarmistischen Leitartikel unter dem Titel „Warum in München (mal wieder) Europas Untergang beginnen könnte“, dass der Westen in Syrien gegenüber Assad und Putin – in Anspielung auf Hitler und Chamberlain – kein „Appeasement“ betreiben dürfe. Die Zeitung attackiert Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier, CSU-Chef Steinmeier und den CDU-Chef von NRW, Armin Laschet, und wirft ihnen vor, „die Politik Angela Merkels“ zu „hintertreiben“. Die Bild plädiert unverhohlen für einen Nato-Einsatz und schreibt: „Putins Ziel in Syrien ist es, den Schlächter Assad an der Macht zu halten. Durch eine ,politische Lösung‘, von der auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier immer noch träumt, ist das nicht möglich. Bleibt die militärische Lösung. Putins Plan für Syrien ist ein Friedhofsfrieden. Er wird seine Luftwaffe nicht ruhen lassen, bevor alle Gegner Assads tot oder vertrieben (also als Flüchtlinge auf dem Weg zu uns) sind.“

Die Syrien-Krise steht folgerichtig im Zentrum des Treffens der Nato-Verteidigungsminister am Mittwoch und Donnerstag in Brüssel. Die Ressortchefs werden dazu über eine Anfrage der USA beraten, mit Awacs-Aufklärungsflugzeugen auszuhelfen. Die Vereinigten Staaten haben eigene Awacs-Maschinen über Syrien im Kampf gegen die Extremistenmiliz IS im Einsatz und erhoffen sich nun von den Verbündeten in der Heimat Entlastung. Sollte dies geschehen, könnten auch Flugzeuge mit Besatzungen der Bundeswehr in die USA aufbrechen. Der Bundestag müsste in diesem Fall nicht darüber entscheiden, ob deutsche Soldaten am Syrien-Einsatz teilnehmen. Alle Nato-Staaten sind Teil der Anti-IS-Koalition.

Die Militärallianz selbst ist am Einsatz im syrischen Bürgerkrieg noch nicht beteiligt. Nun läuft der Nato – wie auch den US-Neocons und Angela Merkel – die Zeit davon, sie droht im Nahen Osten ins Abseits zu geraten. Sogar die US-Nachrichtenagentur Reuters ist skeptisch, ob eine militärische Involvierung der Nato sinnvoll sei und schreibt: „Ein solcher Einstieg ist umstritten, zumal Russland dort seit Monaten Luftangriffe fliegt.“ Und genau dafür erhält Russland nun mit der Aussage von Del Ponte Rückendeckung – worüber im Nato-Hauptquartier keine besonders große Freude herrschen dürfte.

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Frankreich und Deutschland wollen Bargeld einschränken
Frankreich und Deutschland wollen Bargeld einschränken
Die Einschränkung des Bargeld-Verkehrs wird von Frankreich und Deutschland mit Hochdruck vorangetrieben. Offiziell geht es um den Kampf gegen den Terror und die Geldwäsche. Tatsächlich soll auf diesem Weg die Durchsetzung von Strafzinsen für Sparguthaben erzwungen werden.
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Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble: Letztes Geleit fürs Bargeld? (Foto: dpa)

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble: Letztes Geleit fürs Bargeld? (Foto: dpa)

Deutschland und Frankreich wollen sich für eine gemeinsame Grenze bei Bargeldzahlungen stark machen. «Wir bemühen uns in Europa um einheitliche Obergrenzen für Bargeldtransaktionen», sagte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) am Dienstag in Paris nach der Sitzung des Wirtschafts- und Finanzrats beider Länder. Es gehe um den Kampf gegen Geldwäsche und gegen die Finanzierung von Terrorismus, so Schäuble.

«Es ist überhaupt nicht die Rede davon, eine Obergrenze einzuführen, wie viel Bargeld jemand besitzen darf», sagte Schäuble. Denkbar seien auch Zahlungen jenseits einer Obergrenze, wenn die Teilnehmer der Transaktion bekannt seien. Die Bundesregierung bereitet ein Limit von 5000 Euro vor.

Tatsächlich geht es natürlich nicht um die Geldwäsche, sondern darum, zu verhindern, dass die Kunden ihre Gelder von den Banken abziehen: Durch Negativzinsen sollen sie gezwungen werden, ihre Gelder in riskante Investments zu stecken. Im Fall von Banken-Pleiten müssen außerdem die Gläubiger – also die Kunden einer Bank – seit dem 1. Januar 2016 eine in Schieflage geratene Bank retten. Daher ist es für die Regierungen wichtig, dass die Kunden ihr Geld nicht außerhalb des Bank-Systems aufbewahren können.

Diese Gründe eignen sich jedoch nicht als offizielle Motivation. Daher haben sich die EU-Staaten auf die Bekämpfung des Terrors und die Geldwäsche festgelegt. Allerdings ist nicht bekannt, wie die EU etwas die Terror-Miliz IS zum Online-Banking zwingen will.

Frankreich Finanzminister Michel Sapin sprach von einer Pflicht, eine europäische Lösung bei der Barzahlung anzupeilen. Einzelne Ländern könnten bei Bedarf noch weitergehen. In Frankreich liegt die Obergrenze seit 2015 bei 1000 Euro.

Nach den Worten von Bundesbankchef Jens Weidmann geht es darum, die Bargeldnutzung einzuschränken. Die deswegen ebenfalls diskutierte mögliche Abschaffung der 500-Euro-Note sei eine Entscheidung des Rates der Europäischen Zentralbank. «Das Ziel ist sehr unterstützenswert, Geldwäsche oder Terrorismus oder allgemeine illegale Aktivitäten einzuschränken», sagte Weidmann. Entscheidend sei, dass dies keine Schritte zur Abschaffung des Bargeld seien.

«Barzahlungen sind ein sehr wichtiger Bestandteil des Wirtschaftslebens», betonte Weidmann. 80 Prozent der Transaktionen an Verkaufsstellen in Deutschland würden in bar abgewickelt, davon seien 53 Prozent des Umsatzes betroffen. «Letztlich wollen die Bürger auch selbst entscheiden, Bargeld zu nutzen oder nicht», sagte Weidmann.

Geplant ist unter anderem, die Nutzung anonymer und aufladbarer Kreditkarten noch strenger zu reglementieren. Zudem sollen europäische Finanzinstitute gezwungen werden, alle Geldströme aus Staaten genau unter die Lupe zu nehmen, die Mängel bei der Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung aufweisen. Eine Liste mit sogenannten Hochrisikoländern soll bis Mitte 2016 vorliegen.

Im Kampf gegen den Terrorismus begrüßte Sapin die jüngsten Beschlüsse der EU-Kommission als «gute Vorschläge». Nun gehe es darum, diese so schnell wie möglich noch innerhalb dieses Jahres auf europäischer Ebene umzusetzen. Geplant ist etwa, die Nutzung anonymer und aufladbarer Kreditkarten strenger zu reglementieren. Zudem sollen Finanzinstitute alle Geldströme aus Staaten unter die Lupe nehmen, die Mängel bei der Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung aufweisen.

Der frühere Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Hans-Jürgen Papier, hält Beschränkungen von Bargeldzahlungen für verfassungswidrig. «Dies wären nicht gerechtfertigte Eingriffe in Freiheitsrechte, nämlich in die Vertragsfreiheit und Privatautonomie», sagte Papier der FAZ. Zudem habe das Verfassungsgericht immer wieder betont, «dass die Freiheitswahrnehmung der Bürger nicht total erfasst und registriert werden darf».

Der SPD-Finanzexperte und stellvertretende Fraktionschef Carsten Schneider verteidigte das Vorhaben. «In Deutschland werden jährlich circa 60 Milliarden Euro gewaschen und nur ein Prozent der kriminellen Gelder werden eingezogen. Das kann der Staat nicht akzeptieren», sagte Schneider der Saarbrücker Zeitung. Deutschland sei inzwischen europaweit ein «Eldorado» für Geldwäsche. Neben einer Bargeld-Obergrenze von 5000 Euro müsse auch der 500-Euro-Schein abgeschafft werden. «Das ist das Zahlungsmittel bei Schwarzgeld im großen Stil.»

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Italienische Großbank UniCredit gerät unter Druck
Italienische Großbank UniCredit gerät unter Druck
Die italienische Großbank UniCredit hat im vergangenen Jahr mit rund 1,7 Milliarden Euro rund 15 Prozent weniger verdient als 2014. Die Bank kündigte überdies einen Personalabbau an. Zudem steht ihr Chef Federico Ghizzoni unter Druck, weil ein einflussreicher Aktionär kürzlich…
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UniCredit-Chef Ghizzoni hat nicht mehr den vollen Rückhalt der Aktionäre. (Foto: dpa)

UniCredit-Chef Ghizzoni hat nicht mehr den vollen Rückhalt der Aktionäre. (Foto: dpa)

Die italienische Großbank UniCredit hat im vergangenen Jahr einen Gewinn von rund 1,7 Milliarden Euro erwirtschaftet, wie Reuters am Dienstag meldete. Dies seien rund 15 Prozent weniger als im Jahr 2014. Zudem gab die Bank bekannt, dass sie sich mit den italienischen Gewerkschaften über einen Stellenabbau einigen konnte. Demnach sollen bis 2018 rund 3200 Arbeitsplätze abgebaut werden. Davon betroffen sind sich nach Informationen der österreichischen Zeitung „Der Standard“ auch rund 470 Management-Positionen. Mitarbeiter, die freiwillig kündigen, würden demnach eine aus einem Solidaritätsfonds zu zahlende Prämie erhalten. Die italienische Zentralbank muss dem Vorhaben noch zustimmen.

Zudem belasten Spekulationen um eine baldige Absetzung des UniCredit-Chefs Ghizzoni die Bank. Während sich Luca di Montezemolo – der ehemalige Präsident von Ferrari und derzeit als UniCredit-Vizepräsident in der Geschäftsführung vertreten – für einen Verbleib von Ghizzoni ausspricht, hat sich der Großaktionär Leonardo Del Vecchio bereits öffentlich für einen Führungswechsel ausgesprochen. Montezemolo vertritt den größten Aktionär Aabar aus Abu Dhabi, der fünf Prozent an dem Finanzinstitut hält. Leonardo Del Vecchio, Gründer des weltgrößten Brillenherstellers Luxottica, besitzt zwei Prozent an UniCredit. Wie Der Standard am Montag berichtete, sei vor allem der zweite Vizepräsident Fabrizio Palenzona Drahtzieher einer möglichen Managementumbildung.

Die Aktie von UniCredit verlor am Dienstag-Nachmittag an der Mailänder Börse rund 3,5 Prozent an Wert. Hintergrund ist die Skepsis von Anlegern bezüglich der Stabilität des europäischen Bankensystems. Italienische Banken haben ausfallgefährdete Kredite in der Größenordnung von etwa 200 Milliarden Euro in ihren Büchern. Töchter der UniCredit sind die Bank Austria und die Hypovereinsbank (HVB) in München.

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US-Präsidenten-Wahl: Trump und Sanders gewinnen in New Hampshire
US-Präsidenten-Wahl: Trump und Sanders gewinnen in New Hampshire
Bei den Vorwahlen zur US-Präsidentschaft haben in New Hampshire die Außenseiter gewonnen: Donald Trump bei den Republikanen und Bernie Sanders bei den Demokraten. Das Ergebnis zeigt, welch schlechten Ruf das Establishment in Washington bei den US-Bürgern hat.
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Bernie Sanders siegte klar über Hillary Clinton. (Foto: dpa)

Bernie Sanders siegte klar über Hillary Clinton. (Foto: dpa)

Donald Trump schockt das republikanische Establishment. (Foto: dpa)

Donald Trump schockt das republikanische Establishment. (Foto: dpa)

Die zweite Runde im Rennen um die US-Präsidentschaftskandidatur haben Donald Trump bei den Republikanern und Bernie Sanders bei den Demokraten gewonnen. Damit erlitt Ex-Außenministerin Hillary Clinton eine Niederlage. Sie räumte am Dienstagabend ihre Niederlage ein und gratulierte Sanders zu seinem Sieg. Bei der ersten Vorwahl in Iowa lag die frühere First Lady noch vorn, allerdings nur mit einem hauchdünnen Vorsprung. In New Hampshire entfielen nach Auszählung von 66 Prozent der Stimmen 60 Prozent auf Sanders und 38 Prozent auf Clinton. Clintons Wahlkampfmanager Robby Mook erklärte, das Rennen sei nun ausgeglichen und werde vermutlich im März entschieden. Dann steht unter anderem der sogenannte Super Tuesday an, an dem in besonders vielen Bundesstaaten Vorwahlen abgehalten werden.

Auch Trumps Sieg in New Hampshire war erwartet worden. Trump kam auf 34 Prozent, gefolgt von dem Gouverneur von Ohio, John Kasich, auf Platz zwei. Trump zeigte sich in seiner Dankesrede gewohnt kämpferisch. Er warf Sanders vor, das Land verschenken zu wollen. Trump versprach nicht nur bessere Handelsverträge, sondern auch, die Islamistenmiliz IS „fertigzumachen“. Sanders, der gegen die Macht der Wall Street zu Felde zieht, fand mit seiner Botschaft zuletzt immer mehr Anhänger. „Die Regierung unseres großartigen Landes gehört dem ganzen Volk und nicht nur einer handvoll reicher Wahlkampfspendern“, sagte er nach seinem Sieg.

New Hampshire ist erst die zweite Station der Vorwahlen, mit deren Hilfe die US-Parteien ihre Kandidaten für die Wahl des Präsidenten am 8. November bestimmen. Zwar stellt der Bundesstaat mit etwa 1,3 Millionen Einwohnern – etwa so viele wie München – nur wenige Delegierte bei den Parteitagen im Sommer. Allerdings werden hier oft Vorentscheidungen getroffen. Wer bereits bei den ersten beiden Stationen schlecht abschneidet, bricht oft seinen Wahlkampf ab.

Der Gouverneur von New Jersey, Chris Christie, wollte das endgültige Ergebnis abwarten, bevor er eine Entscheidung über sein weiteres Vorgehen fällt. Er war bei den Republikanern mit acht Prozent abgeschlagen. Um die dritte Stelle lieferten sich der ehemalige Gouverneur von Florida, Jeb Bush, Senator Marco Rubio aus Florida und der erzkonservative Senator Ted Cruz ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Vom Ausgang der Vorwahl dürfte auch abhängen, ob mit New Yorks Ex-Bürgermeister Michael Bloomberg ein weiterer Bewerber antritt.

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Seehofer wirft Merkel „Herrschaft des Unrechts“ vor
Seehofer wirft Merkel „Herrschaft des Unrechts“ vor
Der bayrische Ministerpräsident Seehofer will in der Frage von Recht und Gesetz bei der Einwanderung nicht „opportunistisch“ sein: Bundeskanzlerin Merkel habe mit der Grenzöffnung die „Herrschaft des Unrechts“ in Kraft gesetzt. Diese gelte es zu beenden.
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Horst Seehofer und Angela Merkel beim CSU-Parteitag im November. (Foto: dpa)

Horst Seehofer und Angela Merkel beim CSU-Parteitag im November. (Foto: dpa)

CSU-Chef Horst Seehofer vergleicht die von Angela Merkel am 4. September vergangenen Jahres verkündete Grenzöffnung für Flüchtlinge mit der Praxis von Unrechtstaaten: «Wir haben im Moment keinen Zustand von Recht und Ordnung», sagte Seehofer in einem Interview mit der Passauer Neuen Presse. «Es ist eine Herrschaft des Unrechts.» Der bayerische Ministerpräsident hält es für untragbar, dass Flüchtlinge und Migranten ohne gültige Einreisepapiere ungehindert ins Land kommen dürfen.

Die angedrohte Verfassungsklage gegen den Kurs von CDU-Chefin Merkel in der Asylpolitik könnte Bayern noch vor den Landtagswahlen Mitte März einreichen, wenn die Flüchtlingszahlen nicht begrenzt würden. Er könne «da nicht opportunistisch handeln und eine Klage unterlassen, nur weil ich befürchten muss, dass mich dafür nicht alle lieben», meinte Seehofer. Der frühere Verfassungsrichter Udo di Fabio hatte in einem Gutachten festgestellt, dass die willkürliche Aufgabe des Schutzes der Grenzen nicht von der Verfassung gedeckt sei. Justizminister Heiko Maas hatte den renommierten Juristen darauf der „geistigen Brandstiftung“ bezichtigt.

Seehofer knöpfte sich auch den Regierungspartner SPD vor. Auf die Frage, ob es für ihn denkbar sei, dass SPD-Chef Sigmar Gabriel die große Koalition platzen lässt, um mit Linken und Grünen den Rest der Wahlperiode zu regieren, antwortete er: «Ich würde bei den Sozialdemokraten gar nichts mehr ausschließen. Ich kann bei ihnen keine Linie erkennen.»

Zuvor hatte Gabriel versucht, den Streit um den Familiennachzug bei Flüchtlingskindern zu entschärfen. Gabriel brachte einen für seine Partei gesichtswahrenden Kompromissvorschlag ins Spiel. So könnte bei minderjährigen Flüchtlingen künftig im Einzelfall entschieden werden, ob sie ihre Eltern nach Deutschland nachholen dürfen. Gabriel forderte die Union auf, am Ende «nach menschlichem Ermessen, nach Nächstenliebe und Verantwortungsbewusstsein» zu entscheiden.

Die Union lehnt Zugeständnisse bislang ab und pocht auf den strikten Regierungsbeschluss. CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer sagte am Dienstag im Bayerischen Rundfunk, man könne «nur den Kopf schütteln über so ein närrisches Treiben innerhalb der SPD und von der SPD-Spitze Sigmar Gabriel».

So brachten Gespräche zwischen Bundesinnenministerium (CDU) und Bundesjustizministerium (SPD) keine Annäherung. Von einer «Quadratur des Kreises» war die Rede. CDU und CSU sehen nicht ein, warum sie den eben vom Kabinett beschlossenen Gesetzentwurf zum Asylpaket II wieder aufschnüren sollen – nur weil das SPD-geführte Familienministerium im Gesetzestext übersah, dass auch bestimmte jugendliche Flüchtlinge, die allein unterwegs sind, für zwei Jahre ihre Familie nicht nachholen dürfen.

In der Praxis geht es um äußerst geringe Zahlen. Im Jahr 2014 erhielten laut Innenministerium 214 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge eingeschränkten (subsidiären) Schutz. 2015 wurde nach Informationen der FR und der Welt laut vorläufigen Zahlen nur 442 Eltern eine Aufenthaltserlaubnis in Deutschland erteilt, weil sie zu ihrem vorher eingereisten Kind nachzogen.

Grüne und Linke warfen der SPD vor, beim Verteidigen des Asylrechts zu versagen: «Es grenzt an ein Wunder, dass Sigmar Gabriel nach all den Asylrechtsverschärfungen der vergangenen Monate das Wort Nächstenliebe noch ausbuchstabieren kann», sagte Grünen-Chefin Simone Peter.

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Flüchtlinge: Erdogan knallhart, Angela Merkels CDU peinlich-hilflos
Flüchtlinge: Erdogan knallhart, Angela Merkels CDU peinlich-hilflos
Der türkische Präsident Erdogan hat der EU bei der Verhandlung über die Flüchtlinge gnadenlos das Messer angesetzt, wie aus einem soeben veröffentlichten Gesprächsprotokoll hervorgeht. Hilflos sind die Reaktionen von EU-Präsident Juncker; peinlich die Weltfremdheit von CDU-Generalsekretär Peter Tauber.
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Bundeskanzlerin Angela Merkel am Montag in Ankara beim türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. (Foto: EPA/TURKISH PRESIDENT PRESS OFFICE)

Bundeskanzlerin Angela Merkel am Montag in Ankara beim türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. (Foto: EPA/TURKISH PRESIDENT PRESS OFFICE)

Hoffen auf das Wunder: Angela Merkel und der CDU-Generalsekretär Peter Tauber, beim Absingen der Nationalhymne am CDU-Parteitag, Karlsruhe im Dezember 2015. (Foto: dpa)

Hoffen auf das Wunder: Angela Merkel und der CDU-Generalsekretär Peter Tauber, beim Absingen der Nationalhymne am CDU-Parteitag, Karlsruhe im Dezember 2015. (Foto: dpa)

Die Nachrichtenagentur Reuters bringt einen interessanten Bericht über die Methoden, die der türkische Präsident Erdogan in seinen Verhandlungen mit der EU über die Zahlung für Flüchtlinge anwendet. Erdogan forderte laut der griechischen Website euro2day.gr 30 Milliarden Euro von internationalen Geldgebern, die sofortige Auszahlung des EU-Beitrags, und lehnte jedwede Instruktion der EU über die Verwendung der europäischen Steuergelder ab. Die EU-Verhandler wirken hilflos und sind der Erpressung offenbar vollständig ausgeliefert:

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat im November EU-Spitzenpolitikern einem griechischen Medienbericht zufolge mit der kompletten Öffnung der Grenzen für Flüchtlinge gedroht, sollte die EU ihr Angebot an die Türkei nicht verbessern. Die Website euro2day.gr veröffentlichte am Montag die vierseitige Zusammenfassung eines Gesprächs, das Erdogan mit EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker und EU-Ratspräsident Donald Tusk am Rande des G20-Gipfels in Antalya geführt haben soll. Demzufolge fragte Erdogan, ob die EU seinem Land drei oder sechs Milliarden Euro zur besseren Unterbringung von Flüchtlingen zukommen lassen wolle. Als Juncker gesagt habe, dass die EU ein Paket von drei Milliarden Euro plane, soll Erdogan erwidert haben, dass die Türkei das Geld ohnehin nicht brauche. «Wir können die Tore nach Griechenland und Bulgarien jederzeit öffnen und die Flüchtlinge in Busse setzen

Sprecher von EU-Rat und EU-Kommission wollten der Nachrichtenagentur Reuters die Echtheit der Aufzeichnungen weder bestätigen noch dementieren. Vom Büro Erdogans war zunächst keine Stellungnahme zu erhalten. Unklar war zudem, wer das Protokoll verfasst hat und wie die griechische Website daran gelangt ist.

Rhetorisch fragte der türkische Präsident seine Gesprächspartner den Angaben zufolge: «Wie wollen Sie mit den Flüchtlingen umgehen, wenn Sie keine Einigung erzielen? Die Flüchtlinge töten?» Tusk habe geantwortet, man könne die EU weniger attraktiv für Migranten machen, aber das sei nicht die Lösung, die man wolle. Daraufhin habe Erdogan geantwortet, dass die EU mit mehr als nur einem toten Jungen an der türkischen Küste konfrontiert werde. «Es werden 10.000 oder 15.000 sein. Wie wollen Sie damit umgehen?»

Den Angaben zufolge beklagte sich Erdogan zudem, dass die Türkei bei den EU-Beitrittsverhandlungen seit 53 Jahren auf Fortschritte warte. Juncker habe auf die Dringlichkeit der aktuellen Probleme in der Flüchtlingskrise hingewiesen und mit Blick auf ein Treffen in Brüssel Anfang Oktober gesagt: «Wir arbeiten hart, und wir haben Sie in Brüssel wie einen Prinzen behandelt.» Erdogan soll darauf erwidert haben: «Wie einen Prinzen? Natürlich, ich repräsentiere kein Dritte-Welt-Land.»

Die EU hat nach längerem Streit erst vergangene Woche das Paket in Höhe von drei Milliarden Euro für die Türkei bewilligt. Bundeskanzlerin Angela Merkel betrachtet das Land als Schlüssel zur Bewältigung der Flüchtlingskrise und war am Montag zu weiteren Gesprächen bei der türkischen Regierung in Ankara.

Wie schwach auch die Leute von Angela Merkel sind, zeigt eine Stellungnahme des offenkundig völlig überforderten CDU-Generalsekretärs Peter Tauber, über den die dpa am Donnerstag berichtete:

CDU-Generalsekretär Peter Tauber hat für das gesunkene Vertrauen in die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung Verständnis gezeigt. «Viele wünschen sich, dass es sozusagen diesen einen Hebel gibt, den man umlegt und dann ist das Problem weg», sagte Tauber dem Sender MDR INFO. «Wir sind einfach überzeugt, dass es diese einfache Lösung nicht gibt, dass es länger dauert als es sich viele wünschen

Im jüngsten ARD-«Deutschlandtrend» hatte eine große Mehrheit der Deutschen der Flüchtlingspolitik der Regierung ein vernichtendes Zeugnis ausgestellt. 81 Prozent der Befragten fanden, die Bundesregierung habe die Situation nicht im Griff.

Tauber sagte weiter, Deutschland sei auf internationale Zusammenarbeit angewiesen. Es liege an den anderen Ländern, mitzuziehen. «Ich glaube, wir müssen das ein Stück weit jetzt durchhalten, damit es am Ende gut wird. Ich bin fest davon überzeugt, dass es am Ende gelingt.»

The Greek Analyst hat das fragliche Protokoll auf Twitter gepostet. Interessant: Offenbar hat die EU vorgeschlagen, 3 Milliarden Euro pro Jahr an die Türkei zu überweisen:

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