Textil-Industrie: Sklaverei ist die Grundlage für billige Mode

Im Textilbereich existiert in Ländern wie Usbekistan die Sklaverei in exakt der Form wie vor hundert Jahren. Alle Bürger werden – gegen minimale Entlohnung – gezwungen, an der Baumwoll-Ernte mitzuwirken. Zahlreiche internationale Textilhersteller wie H&M sind dadurch in der Lage, den reichen Ländern billige T-Shirts und Mode-Bekleidung zu verkaufen.

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Bukhara, Uzbekistan, 18 .October 2009: Ein junges Schulmädchen trägt Baumwolle in einem Feld in Bahrin. (Foto: Nicole Hill)

Bukhara, Uzbekistan, 18 .October 2009: Ein junges Schulmädchen trägt Baumwolle in einem Feld in Bahrin. (Foto: Nicole Hill)

Als einziges Land der Welt verpflichtet Usbekistan seine Bürger zur jährlichen Baumwollernte, Kritiker sprechen von staatlich angeordneter Zwangsarbeit. Erwachsene wie auch Kinder müssen auf den Plantagen aushelfen, während die Schulen geschlossen bleiben.

Das Thema der Sklaverei erfuhr 2004 erstmals weltweite Aufmerksamkeit, als ein Bericht der International Crisis Group den Einsatz von Zwangsarbeit in Usbekistan genauer beleuchtete. Einige Unternehmen versprachen daraufhin sich für einen Boykott usbekischer Baumwolle und die Abschaffung von Zwangsarbeit in der Baumwollindustrie einzusetzen. Dieser Cotton Pledge wurde bis dato von über 100 Unternehmen unterzeichnet.

In der Textilindustrie sind Lieferketten jedoch oft sehr komplex und die Baumwolle durchläuft viele Zwischenstationen. Viele Firmen beziehen usbekische Baumwolle somit indirekt und unwissentlich über ihre Lieferanten in Bangladesch und China.

Für den Schweizer Think Tank RepRisk sprach Anna Tuson mit Joanna Ewart-James, die als Supply Chain Program Coordinator für die Nichtregierungsorganisation Anti-Slavery International tätig ist. Das Programm richtet sich konkret an Unternehmen und ihre Rolle in der Abschaffung von Zwangsarbeit. Anti-Slavery International setzt sich bereits seit 2009 für ein Ende der Zwangsarbeit in der Baumwollindustrie ein.

Bukhara, Uzbekistan, 16. October 2009: Dieser Junge darf heute nicht in die Schule. (Foto: Nicole Hill)

Bukhara, Uzbekistan, 16. October 2009: Dieser Junge darf heute nicht in die Schule. (Foto: Nicole Hill)

Sollten die Unternehmen selber ihre Lieferketten genauer unter die Lupe nehmen?

Joanna Ewart-James: Ja, denn wenn Unternehmen Baumwolle aus Usbekistan für ihre Produktion verwenden, machen sie sich der von den Behörden verordneten Zwangsarbeit mitschuldig. Natürlich liegt es im Interesse der Unternehmen eine solche Mitschuld zu vermeiden. Der Kunde wünscht ebenfalls keine von Kinderhand gepflückte Baumwolle in seiner Kleidung. Leider versagt die usbekische Regierung nicht nur in der Aufgabe, ihre Bürger vor Zwangs- und Kinderarbeit zu schützen, sondern fördert diese aktiv. Die Mobilisierung der Erwachsenen und Kinder erfolgt zudem unter Androhung von Strafen. Vor diesem Hintergrund ist es besonders wichtig, dass Unternehmen eine sorgfältige Überprüfung ihrerseits vornehmen und sich so vor einer möglichen Mitverantwortung schützen.

Zwar hat die usbekische Regierung die Abkommen der Internationalen Arbeitsorganisation (engl. International Labor Organization ILO) formal unterzeichnet, es findet in der Praxis jedoch keine Zusammenarbeit mit der ILO statt. Anti-Slavery International geht das Problem nun auf verschiedene Weise an. Zum einen unterstützen wir die ILO in ihrer bestehenden Arbeit, zum anderen halten wir Unternehmen dazu an, ihre Verantwortung ernst zu nehmen. Eine unserer Forderungen ist die bestehenden Handelsvorteile für Usbekistan zu kappen. Denn trotz der Vorwürfe der Zwangsarbeit wird das Land bei der Einfuhr von Baumwolle nach Europa begünstigt.

Warum ist das so?

Die EU hat aus verschiedenen Gründen eine sehr politische Sichtweise auf Usbekistan. So verfügt das Land z.B. über eine wichtige Militärbasis, die zur Unterstützung der ISAF-Truppen in Afghanistan genutzt wird.

Bukhara, Uzbekistan, 17. October 2009: Die Lieferwege der Baumwolle sind undurchsichtig. (Foto: Nicole Hill)

Bukhara, Uzbekistan, 17. October 2009: Die Lieferwege der Baumwolle sind undurchsichtig. (Foto: Nicole Hill)

Mit welchen Firmen arbeitet Anti-Slavery zusammen? Und welche stehen aufgrund menschenunwürdiger Arbeitsbedingungen in der Baumwollverarbeitung besonders im Fokus?

Wir hatten zuletzt vor allem H&M im Visier, konnten uns aber bisher auf keine Vereinbarung verständigen. H&M hatte ebenfalls versprochen, keine Baumwolle mehr aus Usbekistan zu beziehen. Doch dann hörten wir von Berichten in der südkoreanischen Presse, dass H&M von einer Tochterfirma des Großkonzerns Daewoo usbekische Baumwolle bezieht.
Wir konnten hier bereits einen kleinen Erfolg verbuchen, denn Daewoo kündigte inzwischen ihrerseits ihr Verhältnis mit dem usbekischen Lieferanten auf. Natürlich stehen viele Unternehmen vor dem gleichen Problem und wir haben lediglich mit unserer Arbeit bei H&M angefangen.

Inwieweit führen solche Selbstverpflichtungen seitens der Firmen zu tatsächlichen Verbesserungen?

Wir sind natürlich sehr glücklich darüber, dass so viele Firmen dem Cotton Pledge zugestimmt haben, aber die eigentliche Schwierigkeit besteht nun in der Umsetzung und der genauen Inspektion der Zulieferketten. Es wäre wünschenswert, wenn Daewoo seine Machtstellung auf dem usbekischen Baumwollmarkt ausnutzen würde, um Druck auf die Regierung auszuüben. Wir haben mit Daewoo auch bereits erste Gespräche diesbezüglich geführt.

Auf welche Weise zwingt Usbekistan seine Bürger zur Baumwollernte?

Besonders hervorzuheben ist hier, dass sowohl Erwachsene wie Kinder zur Ernte gezwungen werden. Wir haben es also mit Zwangsarbeit wie auch einer schwerwiegenden Form von Kinderarbeit zu tun. Einigen Kindern wird mit Gewalt, anderen mit einem Schulverweis gedroht. Über die letzten Jahre wurden Schulen zudem während der Erntezeit systematisch geschlossen. Lehrer haben ihre Schüler regelrecht in die Felder begleitet, anstelle regulär Unterricht abzuhalten.

Dieses Jahr konnten wir jedoch einen gewissen Wandel beobachten, wahrscheinlich aufgrund der internationalen Presse. Die Regierung hat weniger Schulen geschlossen und es wurden weniger junge Kinder zur Ernte eingesetzt. Zumeist waren die Kinder 15 Jahre und älter. Jedoch schien es auch so, dass nun mehr Erwachsene zur Arbeit gezwungen wurden, um den Wegfall der Kinderauszugleichen. Den Erwachsenen wurde zudem mit dem Verlust ihres Arbeitsplatzes, Bußen und physischer Gewalt gedroht.

Unter welchen Bedingungen arbeiten die Erntehelfer?

Die Arbeitsbedingungen sind generell schlecht. Arbeiter müssen schwer tragen und sind nur unzureichend vor Verätzungen geschützt. Die Arbeiter werden zudem nur minimal, wenn überhaupt entlohnt.

Bukhara, Uzbekistan, 17. October 2009: Bobur ist 13 Jahre alt und pflückt zusammen mit anderen Schülern Baumwolle in einem Feld in der Nähe von Bukhara. (Foto: Nicole Hill)

Bukhara, Uzbekistan, 17. October 2009: Bobur ist 13 Jahre alt und pflückt zusammen mit anderen Schülern Baumwolle in einem Feld in der Nähe von Bukhara. (Foto: Nicole Hill)

Warum zwingt die Regierung Arbeiter zur Baumwollernte?

Ein Teil des Problems besteht darin, dass die Regierung Preise und Löhne kontrolliert, also sowohl was der Bauer, als auch der einzelne Arbeiter für die gepflückte Baumwolle bekommt. Die Bezahlung ist oft so schlecht, dass viele erwachsene Arbeiter zur Ernte ins Nachbarland Kasachstan gehen.

Gibt es Widerstand innerhalb der usbekischen Bevölkerung?

Ja, und das, obwohl die Arbeit von Menschenrechtlern in Usbekistan mit großen Gefahren verbunden ist. Beobachter riskieren nicht nur schikaniert, sondern auch verhaftet zu werden. 2011 wurden mindestens drei prominente Menschenrechts-Aktivisten festgenommen. Sie hatten Kinder bei der Arbeit befragt und fotografiert. Trotz hoher Risiken ist ihre Arbeit für uns unerlässlich, um Informationen aus erster Hand zu erhalten.

Was können wir als Kunden tun, um dem Problem entgegen zu wirken?

Sie sollten Fragen stellen und sich vergewissern, dass Händler konkrete Schritte unternehmen, um Zwangsarbeit bei ihren Zulieferern einen Riegel vorzuschieben.

Sind Sie zuversichtlich, einen Wandel herbeirufen zu können?

Es gab bereits einige Veränderungen, ein grundlegender Fortschritt bleibt jedoch aus. Faktisch ist die usbekische Wirtschaft auf Zwangsarbeit aufgebaut. Die Regierung geht das Problem zudem nur halbherzig an, um vordergründig auf den wachsenden Druck zu reagieren. Es wird sehr schwierig sein, weiter reichende Veränderungen zu bewirken, aber möglich.

Daewoo wurde mehrfach erfolglos um eine Stellungnahme gebeten.

H&M erwiderte, dass kein Mitarbeiter der Firma für weitere Fragen zur Verfügung stünde, schickte jedoch die folgende vorgefasste Stellungnahme:

Die weltweiten Lieferketten von Baumwolle sind oft komplex und es bestehen keine direkten Geschäftsbeziehungen zwischen uns und den eigentlichen Baumwollproduzenten. Nichtsdestotrotz setzen wir uns seit 2007 mit dem Thema der Zwangs- und Kinderarbeit in der usbekischen Baumwollindustrie auseinander.

2011 hat sich das Unternehmen mithilfe des Responsible Sourcing Network verpflichtet, keine Baumwolle aus Usbekistan wissentlich für seine Produktion einzusetzen. Unsere Company Policy verbietet den Einsatz usbekischer Baumwolle, was ebenfalls allen unseren Zulieferern kommuniziert wurde. H&M wird die Verwendung von Baumwolle in Zukunft an weitere Bedingungen knüpfen und Lieferanten auffordern, eine formale Verpflichtung zu unterzeichnen.

H&M zielt darauf, bis 2020 seine gesamte Baumwolle aus nachhaltigem und transparentem Anbau zu beziehen. Zudem sind wir 2004 der Better Cotton Initiative und dem Textile Exchange beigetreten, um uns für einen sozial, wirtschaftlich und ökologisch nachhaltigen Baumwollanbau einzusetzen. 2013 stellen wir 850.000 Euro bereit, um Baumwollproduzenten hinsichtlich der BCI-Richtlinien zu schulen.

 

Dieser Artikel erschien zuerst in der aktuellen Ausgabe des Magazins RepRisk Insight, in dem es darum geht, welchen Herausforderungen sich Handelsunternehmen und ihre Zulieferer in der globalen Welt gegenübersehen. Es geht um Umwelt-Themen, Soziale Fragen und Governance-Themen. Die Beiträge stammen von Wissenschaftlern, Think Tanks, NGOs, Branchen-Experten und Unternehmen.

RepRisk ist ein in der Schweiz ansässiger Watch-Dog, der sich mit der Frage befasst, wie Unternehmen danach gemessen werden können, ob sie nach ethischen Prinzipien produzieren. Das Unternehmen jat einen eigenen Index erstellt, der Unternehmen nach Governance-Kriterien einstuft. RepRisk berät zahlreiche große, institutionelle Investoren.

Anna Tuson ist Senior Senior Analyst bei RepRisk. Übersetzung aus dem Englischen: Cara-Sophie Scherf.

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