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Euro-Kritiker Hankel: EU ist die späte Rache der Sowjetunion

Nachdem das Experiment mit der gesellschaftlichen Gleichmacherei im und am kafkaesken Funktio­närs-Staat à la UdSSR oder DDR gescheitert ist, versuchen es die Euro-Anhänger auf der europäischen Ebene zu wiederholen. Zwar nicht mehr im Zeichen des Unheiligen Karl Marx und seiner Irrtümer, sondern der Einheit und der Zukunft Europas.

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Die DWN dokumentieren im folgenden einen Vortrag von Prof. Wilhelm Hankel, den der Euro-Kritiker am 27.08. 2013 auf dem Peterberg bei Bonn gehalten hat.

Das Thema „der Euro und seine Folgen“ wird im Wahlkampf 2013 ausgeklammert oder weichgespült. Doch die Inflation des „monetären Sozialismus“ hält uns längst in ihren Krallen. Unter dem Stichwort „Euro-Rettung“ ist eine inflationär finanzierte Transferunion entstanden. Diese rettet weder den Euro noch die Demokratie in den Empfängerstaaten, sondern „verstaatlicht“ dort private Vermögen und Schulden! Ihre Nebeneffekte: Inflation und Billig- bis Minuszin­sen im Norden für Spareinlagen spülen hier Milliardensummen in die Fiskal-Kassen  und plündern Sparer und Steuerzahler aus.

Es ist unglaublich, aber wahr: Im Zentrum dieses Wahlkampfes stehen Nebenthe­men, Selbstverständlichkeiten oder abstruse Ungeheuerlichkeiten – Energiewende, Kinderkrippen,  staatliche Grundeinkommen oder offene Grenzen für Ausländer. Ein Thema fehlt, obwohl es alle Bürger und Wähler angeht und betrifft – und längst un­überhörbar an die Türen ihrer Wohnungen und Heime klopft: Was wird aus unserem Geld, dem Euro? Zerbricht Europa am Euro oder zerbricht unsere bürgerliche Gesell­schaft samt ihrer Zukunft  am Euro?

Es klingt wie die Rache des untergegangenen Real-Sozialismus: Nachdem dessen Experiment mit der gesellschaftlichen Gleichmacherei im und am kafkaesken Funktio­närs-Staat à la UdSSR oder DDR gescheitert ist, versuchen es die Euro-Anhänger auf der europäischen Ebene zu wiederholen.  Zwar nicht mehr im Zeichen des Unheiligen Karl Marx und seiner Irrtümer, sondern der Einheit und der Zukunft Europas.

Was im bundesdeutschen Rechtsstaat Sinn macht und dessen „Staatsräson“ dar­stellt: die „Einheitlichkeit der Lebensverhältnisse“ in allen Bundesländern herzustellen (GG Art. 106,3) wird auf die Ebene der EU übertragen – nur dass diese weder ein vom europäischen Volk legitimierter Bundesstaat ist (und es nicht werden darf!) noch eine von  einer homogenen Bürger-Gemeinschaft gewünschte Demokratie im Sinn der letzten 2000 Jahre: weder Polis noch Staat.

Versteckt in Präambel und vollmundige Absichtserklärungen des „Arbeitsvertrages über die Europäischen Union“ (AEUV 8/9) sowie Einzel-Regelungen (Art. 151) setzt sich die EU Ziele wie „Konvergenz der Volkswirtschaften“ und „Angleichung“ der so­zialen Strukturen und Verhältnisse, also von Staatsaufgaben für einen Nicht-Staat.

Wilhelm Hankel kritisiert, dass ein entscheidendes Thema im Wahlkampf fehlt: die Frage, was aus unserem Geld wird. (Screenshot)

Wilhelm Hankel kritisiert, dass ein entscheidendes Thema im Wahlkampf fehlt: die Frage, was aus unserem Geld wird. (Screenshot)

Aber genau dieses Ziel haben die Väter des AEUV verneint und deswegen das einzi­ge Instrument blockiert, mit dem es sich finanziell korrekt und inflationsfrei  verwirkli­chen ließe: die Budget- oder Entwicklungshilfe von Staat zu Staat. Genau diesen „Länder-Finanzausgleich“ auf EU-Ebene auszuschließen, ist und bleibt Sinn und Ziel der inzwischen legendären, weil immer wieder diskutierten „No-bail-out-Klausel“ des Art. 125 AEUV.

Doch jetzt hat die EU den „Königswegweg“ gefunden, wie sie aus der No-bail-Klausel das Gegenteil machen kann: die Hilfe der starken Euro-Staaten für die schwachen. Man sagt nicht mehr „Finanzausgleich“, sondern „rettet“ den Euro. Und wie? Indem man den Euro-Ländern, die sich selber in den Bankrott gewirtschaftet und um jeden Kredit am Kapitalmarkt gebracht haben, neue, frisch gedruckte Euro „grenzenlos“ zur Verfügung stellt! Man erklärt ganz einfach die verbotene Finanzpolitik zur erlaubten (und dringend gebotenen) Geldpolitik! „Denn fällt der Euro, fällt Europa.“ (Angela Mer­kel). Doch die eigentliche Frage: Fällt der Euro wirklich, wenn Griechenland oder ein anderer Euro-Staat bankrott macht, wird weder gestellt noch beantwortet!

Man kann lange grübeln, ob dieser Widerspruch im AEUV gewollt war und von An­fang an die „wahren“ Absichten der EU-Politiker kaschieren sollte; soll heißen den Wählern Sand in die Augen zu streuen. Oder ob es einmal mehr die bis zur Dämlich­keit reichende Unerfahrung der damaligen deutschen Unterhändler (des späteren Bundespräsidenten Horst Köhler und  Bundeskanzlers Helmut Kohl) gewesen ist, diesen folgenreichen Widerspruch nicht zu bemerken. Er hat inzwischen dazu geführt, dass der Finanzausgleich zwi­schen den EU-Staaten geräuschlos, aber vertragswidrig und hochinflatorisch über die Währung, den Euro, „ersetzt“ werden konnte.

Der Etikettenschwindel gehört dazu. Da wird als „Bürgschaft“, „Gewährleistung“ und „Bank-Kredit“ ausgegeben, was in Wahrheit nichts anderes ist als ein „verlorener Zu­schuss“; er schließt die Budgetlöcher der Krisenländer. Die Mittel werden über die staatseigene KfW, die Euro-Rettungsfonds (ESFS, ESM) und die „unbegrenzten“ Auf-käufe maroder Staatsanleihen durch die EZB  (OMT) bereitgestellt. Es sind weder Bürgschaften, Gewährleistungen noch Kredite noch Geldanlagen der EZB. Es sind Bestandteile einer „Transferunion“, die es offiziell nicht gibt (noch nicht!) und deren Mittel  dreierlei gemeinsam haben:

Erstens: Sie stammen aus der Druckerpresse: der physischen und elektroni­schen. Die Bilanz der EZB hat sich, seit dieser Prozess läuft, mehr als ver­dreifacht!

Zweitens: Sie finanzieren in den Empfängerstaaten allenfalls marginal wirt­schaftliches Wachstum, Investitionen und Arbeitsplätze. Der Löwenanteil dient der Umwandlung privater Schulden und Vermögen in öffentliche. Der Staat „saniert“ Banken und übernimmt Anteile an gefährdeten  Unternehmen, deren Alt-Aktionäre aussteigen können. Und diese Mittel kompensieren die anhaltende Kapitalflucht aus diesen Ländern und schließen Zahlungsbilanz­löcher!

Drittens: Die sich kumulierenden Staatsschulden (weit über 100% BIP) müs­sen früher oder später gestrichen werden, um sowohl die Handlungsfähigkeit wie die Kreditwürdigkeit dieser Staaten am Kapitalmarkt wiederherzustellen.

Fazit: Euro-Inflation und Billig-Zinspolitik  der EZB tragen nicht nur dazu bei, das Geld der reichen Leute in den Krisenstaaten des Südens zu retten. Beides „hilft“ in den hoch-verschuldeten Staaten des Nordens, die eigenen Steuerzahler und Sparer kräf­tig auszuplündern: über die daraus resultierende „kalte Steuerprogression“  und die horrende Unterverzinsung der Spareinlagen.

Nur: Über diesen für den Fiskus erfreuli­chen „Nebeneffekt“ (Er spült dem deutschen Fiskus jährlich Mehreinnahmen von 50 Mrd. Euro und mehr in die Kasse!) schweigt man sich in allen Wahlprogrammen von Regierungs- wie Oppositionsparteien aus. Warum wohl? Weil man das Problem nicht sieht oder es nicht sehen will? Wie lange lässt sich dieser Prozess durchhalten? Zwei Szenarien sind denkbar: Entweder revoltieren die Krisenopfer (vor allem jugendliche Arbeitslose) im Süden und beseitigen die „Euro-Diktatur“. Oder seine finanzielle Erschöpfung zwingt den Norden zur Einstellung der Hilfe, zur Verkleinerung der Euro-Zone („Nord-Euro“)  oder der Rückkehr zu nationalen Währungen.

Am Ende des Euro steht nur zweierlei offen: Das Datum und der Weg, auf dem er kommt. Entweder erzwingen die verzweifelten Opfer in den Krisenstaaten das Ende der „Euro-Diktatur“, vielleicht sogar den (rechtlich möglichen) Austritt aus der EU, die wieder zu dem würde, als was sie von ihren Gründungsvätern der 1950er Jahre kon­zipiert worden war: eine erweiterte „Montan-Union“ aus der dann eine de-facto- Wäh­rung-union entstand: die D-Mark-Zone. Oder die finanzielle Erschöpfung zwingt die Regierungen der zahlenden Staaten dazu, die Reißleine zu ziehen. Entweder sie re­duzieren den Euro zu einem Rest- oder „Nord-Euro“. Oder sie führen ihre alten natio­nalen Währungen wieder ein.

Letzteres ist, wenn sie realistisch sind, unvermeidbar. Denn der von vielen geforderte Rest- oder Nord-Euro kann immer nur eine Zwischenlösung sein – denn auch in die­ser Gruppe besteht weder Homogenität der Strukturen noch Konvergenz der Politik (Stichworte Belgien, Frankreich, Irland u.a.). Vor allem Deutschland kann mit dieser Zwischenlösung nicht leben. Es müsste dem Inflationstrend der anderen folgen und – wie bisher –  auf eine Politik des stabilen Geldes verzichten. Der „monetäre Sozialis­mus“ setzte sich, wenn auch in abgeschwächter Form – fort.

Doch es gibt einen Ausweg: Ein europäischer Parallelgeld-Standard. Euro plus nationale Währungen. Ich skizziere ihn in meinem Buch: „Die Eurobombe wird ent­schärft“ (Universitas, Wien 2013)

Mathematiker, nicht unbedingt Politiker (auch wenn sie Physik studiert haben wie Frau Merkel), können sich vorstellen, wie die Rückkehr zu nationalen Währungen die Währungslandschaft verändert. Allein in der Euro-Zone entstünden bei 17 neuen na­tionalen Währungen zwischen ihnen 2.720 neue Wechselkurse – nach der Formel n(n-1):2. Es wäre das Telefonbuch einer mittleren Kreisstadt, täglich neu zu drucken. Selbst in einem Nord-Euro für annähernd 9 Staaten wären es noch 900!

Im einen wie anderen Fall wäre eine (blamable) Rückkehr in einen De-facto-US-Dol­lar-Standard unvermeidbar. Wenn es keine Wechselkurs- Nominierung  in Euro gibt, muss es eine in US-Dollar geben – denn bei weltweit 200 Währungen gäbe es rund 20.000 bilaterale Wechselkurse, mit ihrer US-Dollar-Nominierung nur 199!

Der Euro könnte auch in einem re-nationalisierten Europa seine Funktion als Recheneinheit und Bezugsbasis für die innereuropäischen Wechselkurse („numéraire“) beibehalten. Er würde zur Weiterentwicklung des alten „ECU“ (European Currency Unit) aus der Vor-Euro-Zeit. Jeder Bürger hätte ein Wahlrecht, in welcher Währung er sein Vermögen hält: in Euro oder nationaler Währung.

In Abwertungsländern sichert der Euro sein Vermögen, denn der Euro wertet nicht ab. In Aufwertungsländern wie Deutschland gäbe es in aufgewerteter D-Mark einen Inflations-Ausgleich; Hauptgewinner wäre der Fiskus: Er könnte seine Euro-Schulden in D-Mark verbilligt tilgen. Die deutsche Ex­portwirtschaft käme kaum zu Schaden; bei einem durchschnittlichen Import-Gehalt (Rohstoffe, Energie, Vorleistungen von fast 50% je Export-Einheit) würde sie wesent­lich an Kostenentlastung und Wettbewerbsstärke gewinnen – wie bei allen früheren D-Mark-Aufwertungen auch. Die EU gewönne durch diesen „Doppel-Standard“ an inne­rer Stärke. Jedes Land könnte seine Krise aus eigener Kraft und mit eigenen Instru­menten (Zins, Wechselkurs, Reformen) überwinden. Das Diktat der „Troika“ wäre be­endet.

Der Graben zwischen Euro- und Nicht-Euroländern verschwände. Außenseiter wie Schweiz, Norwegen oder Russland könnten beitreten.

Die Gravitationszentren (die Hartwährungsländer rund um Deutschland) würden einen neuen „D-Mark-Block“ bilden, eine Zone besonders dichter Markt- und Han­delsverflechtung.

Die Kompetenzen zwischen EZB und nationalen Zentralbanken (NZB) würden neu geregelt. Die NZB wird wieder zum Garanten nationaler Währungsstabilität und ist zuständig für die nationale Geld- und Kreditversorgung. Die EZB ist Sprachrohr dieser Währungs-Gemeinschaft neuen Typs nach außen: gegenüber IWF, BIZ und Weltwährungskonferenzen. An den inneren Währungsmärkten, an denen sich die Wechselkurse frei bilden, hat sie lediglich „akkordierende“ (kurs­glättende) Funktionen durch Euro-Verkauf und Währungs-Ankauf.

Der „Pferdefuß“ des neuen Systems liegt in der Schulden-Verteuerung der Abwertungs­länder. Ihnen muss in Form von Schulden-Moratorien und –Schnitten („Haircuts“) gehol­fen werden. Dafür stehen die erprobten Konsolidierungs-Mechanismen des „Pariser“ und Londoner Clubs“ unter IWF-Aufsicht zur Verfügung. Dies wäre das Währungs-Europa, das den Stürmen der Zeit standhält und  den Gründungsvätern Europas vorschwebte.

Professor Dr. Wilhelm Hankel, geboren am 10. Januar 1929 in Danzig
Studium: Volkswirtschaftslehre in Mainz und Amsterdam
Dissertation: Zur Theorie der volkswirtschaftlichen Kontierung unter besonderer Berücksichtigung der monetären Aspekte, Mainz 1953
Berufsweg: 1952 Bank Deutscher Länder, Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit bis 1956, Auswärtiges Amt bis 1957, 1959 Kreditanstalt für Wiederaufbau, zuletzt als Chefvolkswirt, 1967 Leiter der Abteilung Geld und Kredit im Bundeswirtschaftsministerium, 1972 Vorstandschef der Hessischen Landesbank, seit 1970 Honorarprofessor für Währungs- und Entwicklungspolitik an der Universität Frankfurt, 1974/75 Gastprofessur in Harvard, 1975/76 Konrad-Adenauer-Professor an der Georgetown University in Washington, 1978 bis 1981 Senior Visiting Professor am Bologna Centre for Advanced International Studies der Johns Hopkins University, bis 1983 Gastprofessor am Wissenschaftszentrum Berlin.

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Schäuble stoppt Banken-Rettung mit Steuergeldern in Italien
Schäuble stoppt Banken-Rettung mit Steuergeldern in Italien
Deutschland hat vorerst eine Bankenrettung in Italien auf Kosten der Steuerzahler verhindert. Bundesfinanzminister Schäuble besteht darauf, dass zuerst die Gläubiger beteiligt werden müssten. Die italienische Zentralbank nimmt die Krise sehr ernst und bereitet sich auf eine größere Operation vor.
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Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble mit seinem italienischen Kollegen Pier Carlo Padoan. (Foto: dpa)

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble mit seinem italienischen Kollegen Pier Carlo Padoan. (Foto: dpa)

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hat die geplante Rettung von italienischen Banken durch den Steuerzahler verhindert. Bloomberg berichtet, dass Deutschland klargemacht habe, dass die von der EU beschlossenen Bail-In-Regeln angewandt werden müssten. Bloomberg beruft sich auf deutsche Regierungskreise. Demnach habe die Bundesregierung gefordert, dass zuerst die Gläubiger der Banken an Verlusten beteiligt werden müssten. Danach sei eine Abwicklung auch mit Hilfe von Steuergeldern möglich.

Der unabhängige Finanzexperte Achim Dübel von Finpolconsult, der unter anderem die EU-Kommission in der Banken-Krise beraten hat, analysiert den Vorgang:

„Es kann keine Bankenunion – geplant mit privatem Backup – geben, in der die Investoren in Banken nicht für deren Verluste haften. Auch wegen der schon jetzt weit offenen Vergemeinschaftungskanäle dieser Rettungen über EZB und ESM muss das in einer Währungsunion so erfolgen. Es ist dabei vollkommen egal, wer diese Gläubiger sind.

Zur Befriedigung der Betrogenen und Unerfahrenen haben wir das Zivilrecht und den Verbraucherschutz. Das wird den BMF-Juristen bekannt sein. So ist man auch in Spanien vorgegangen, zumindest teilweise.

In Italien werden nicht nur ungesicherte Bankbonds, die aus ,steuerlichen‘ Gründen massenhaft an Kleinanleger verkauft wurden, gerettet, sondern selbst explizit nachrangige Bankbonds.

Der italienische Schritt würde innerhalb des Euros automatisch zu einer Erhöhung der erwarteten deutschen Staatsschuld führen, wenn nämlich, wie absehbar, Italien sich die dauernden Rettungsaktionen nicht mehr leisten kann.

Ein ,sudden stop‘ – ausgelöst durch eine fehlgeschlagene Auktion von Staatsschulden mit anschließendem Investorenrun, ist bei solchen schubweisen Erhöhungen von Staatsschulden, denen keine oder nur fragwürdige Aktivawerte gegenüberstehen, jederzeit denkbar.

Die Kanäle der Vergemeinschaftung sind offen. Sie erfolgt bereits jetzt über die EZB-Käufe von Staatsanleihen, sodann über verstärkte EZB-Repo-Operationen von in Schwierigkeiten kommenden Banken, und schließlich über den ESM, der sicher im italienischen wie im spanischen und griechischen Fall die Investorenrettung finanzieren würde.

Die Modelle sind der griechische Bankenrettungsfonds und eine ESM-Finanzierung von dessen Verlusten – offiziell 35 Milliarden Euro, davon 25 Milliarden für die vier Großbanken.

Jeweils mit der Fiktion einer Staatshaftung, die nichts anderes ist als ein Verschieben von finanzpolitischen Lasten auf die kommende Generation, die feststellen wird, dass es diese nationale Haftung mangels Masse nicht gibt.

Mit dieser finanzpolitischen Drohkulisse für Deutschland ist es klares Mandat des deutschen BMF, gegen eine derartige Verschiebung von privaten Schulden auf den Staatssektor in Italien vorzugehen.“

Italiens Premier Renzi hat nach der Ablehnung der Rettung bereits einen Rückzieher gemacht: Italien wird seinen Banken nach Angaben von Ministerpräsident Matteo Renzi auch ohne neue Ausnahmen von EU-Regeln helfen können. Er habe auf dem EU-Gipfel keine Änderung der geltenden Vorschriften gefordert, sagte Renzi am Mittwoch nach Ende des EU-Gipfels in Brüssel. Hilfe für die Banken sei auch im bisherigen gesetzlichen Rahmen für die Bankenunion möglich. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel betonte, sowohl der Stabilitätspakt als auch die Regeln der Bankenunion böten ausreichende Flexibilität, um bei spezifischen Problemen in einzelnen EU-Ländern reagieren zu können. Es gebe keine Notwendigkeit für neue Regeln. „Wir können ja nicht alle zwei Jahre die Dinge wieder neu machen“, sagte sie.

Renzi hatten nach der Austritts-Entscheidung der Briten bereits am Montag in Berlin auf Probleme italienischer Banken verwiesen. Er kritisierte seine Vorgängerregierungen, weil diese anders als die Regierungen anderer EU-Staaten etwa die Frage der Rekapitalisierung der Banken noch nicht angegangen seien. Eine Sprecherin der EU-Kommission wies in Brüssel darauf hin, dass man sich das italienische Vorgehen genau anschaue. Es stimme, dass die Brexit-Entscheidung einen negativen Effekt auf italienische Banken gehabt habe. Allerdings lasse sich dies auch in anderen Ländern beobachten.

Allerdings stellt sich die italienische Zentralbank offenbar auf eine größere Operation ein: Der Gouverneur der Banca d’Italia, Ignazio Visco, sagte der Zeitung Il Sole 24 Ore, dass die Zentralbank alle Instrumente nützen werde, um die Stabilität des italienischen Banken-Systems zu sichern.

Merkel lehnt große Reform der EU ab
Merkel lehnt große Reform der EU ab
Bundeskanzlerin Merkel will trotz des möglichen Austritts von Großbritannien keine weitreichende Reform der EU, welche Änderungen der Verträge nötig machen würde. Merkel will eine kleine Reform mit weniger Bürokratie und schnellen Entscheidungen.
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Bundeskanzlerin Angela Merkel am Mittwoch beim EU-Gipfel ohne Großbritannien. (Foto: dpa)

Bundeskanzlerin Angela Merkel am Mittwoch beim EU-Gipfel ohne Großbritannien. (Foto: dpa)

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich in Brüssel nach dem ersten EU-Gipfel ohne Großbritannien gegen eine Reform der Union ausgesprochen, die Vertragsänderungen erfordert. Es werde keine Änderung der Verträge geben. „Wir können mit den Verträgen arbeiten“, sagte Merkel mit Blick auf den Lissabonner EU-Vertrag Statt dessen solle sich die Eu den Themen künftig „einfach und unbürokratisch“ annähern. Merkel erneuerte ihre Position, dass es bis zum offiziellen Austrittsansuchen keine Verhandlungen mit Großbritannien geben werde. Warum das Vereinigte Königreich dann am EU-Gipfel nicht teilnehmen durfte, erschließt sich dem neutralen Beobachter nicht.

Ob der Artikel 50 nach dem Lissaboner Vertrag überhaupt aktiviert wird ist unklar. Die EU hat mit London vereinbart, dass eine Entscheidung darüber erst im September fallen werde. In Großbritannien haben bereits zwei Abgeordnete erklärt, mit einer Kampagne für ein neues Referendum beginnen zu wollen:

Geraint Davies von Labour und der Walliser Jonathan Edwards sind, so Reuters in seinem englischsprachigen Dienst, der Auffassung, dass eine so schwerwiegende Entscheidung eine „Bestätigung“ durch das Volk brauche.

Die 27 Regierungen der EU wollen nach dem Brexit-Schock erst einmal den Sommer abwarten und peilen für September eine umfassendere Debatte über die Lehren aus Austrittsvotum der Briten an. Eine politische Reflexion zur Zukunft der Staatengemeinschaft werde beim informellen Gipfel am Mittwoch in Brüssel begonnen, heißt es im Entwurf der Abschlusserklärung für das Treffen der 27 Staats- und Regierungschefs, die der Nachrichtenagentur Reuters am Mittwoch vorlag. „Wir kommen auf dieses Thema beim informellen Treffen im September in Bratislava zurück“, heißt es weiter. „Die Europäer erwarten von uns bessere Ergebnisse, wenn es darum geht, Sicherheit, Wohlstand und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu liefern.“ Laut EU-Diplomaten ist das Treffen in der slowakischen Hauptstadt für Mitte September angepeilt. Die Slowakei übernimmt im Juli für sechs Monate die EU-Ratspräsidentschaft. Die britische Regierung ist zu dem Treffen nicht eingeladen.

Gabriel nennt EU-Vorgehen zu Ceta „unglaublich töricht“
Gabriel nennt EU-Vorgehen zu Ceta „unglaublich töricht“
Vizekanzler Sigmar Gabriel kritisiert die EU-Kommission wegen der Entscheidung, CETA nicht durch die nationalen Parlamente abstimmen zu lassen. Allerdings hatten vor Jahre alle EU-Staaten die Kommission mit den Verhandlungen beauftragt. Auch während der Verhandlungen kamen niemals grundsätzliche Einwände aus den…
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Sigmar Gabriel, hier mit Hannelore Kraft, bei einer SPD-Regionalkonferenz. (Foto: dpa)

Sigmar Gabriel, hier mit Hannelore Kraft, bei einer SPD-Regionalkonferenz. (Foto: dpa)

Der Streit zwischen den Mitgliedsstaaten und der EU findet einen neuen Schauplatz: Obwohl von allen EU-Regierungen einstimmig beauftragt und während der Verhandlungen begleitet, attackieren die EU-Staaten nach dem Brexit-Schock die EU-Kommission: Zuerst verlangte Polen den Rücktritt von Jean-Claude Juncker, dann sagte David Cameron, die falsche EU-Politik in der Flüchtlingskrise sei der Grund für den Austritt gewesen.

Nun hat Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel die EU-Kommission kritisiert, weil sie die nationalen Parlamente über das ausgehandelte EU-Freihandelsabkommen mit Kanada (Ceta) nicht mitentscheiden lassen will. „Die EU-Kommission will beim Freihandelsabkommen mit Kanada mit dem Kopf durch die Wand“, sagte Gabriel am Mittwoch zu Reuters. „Jetzt zu beschließen, dass die nationalen Parlamente zu diesem Handelsabkommen nichts zu sagen haben, ist unglaublich töricht.“

Gabriel nannte sich selbst einen „Befürworter guter Handelsabkommen“. Die EU-Kommission falle aber allen Gutwilligen in den Rücken und mache ihnen die Arbeit noch schwerer. „Das dumme Durchdrücken von CETA würde alle Verschwörungstheorien zu den geplanten Freihandelsabkommen explodieren lassen“, warnte er. Zudem bringe das Vorgehen von Kommissionschef Jean-Claude Juncker und seiner Behörde das ohnehin in einer Sackgasse steckende Freihandelsabkommen TTIP mit den USA noch weiter in Schwierigkeiten. „Kein Mensch wird noch glauben, dass es bei dem Abkommen mit den USA TTIP nicht genauso laufen wird“, sagte er. In einem anderen Interview sagte GAbriel laut Reuters: „Wenn die EU-Kommission das bei Ceta macht, ist TTIP tot“, sagte er.

Ohne ein Votum des Bundestages werde es kein deutsches Ja zu dem Abkommen mit Kanada geben. „Was immer die EU-Kommission beschließt: in Deutschland entscheidet der deutsche Bundestag“, erklärt er. Ohne ein Ja des Bundestages werde er „auf keinen Fall Ceta zustimmen“, sagte der SPD-Vorsitzende.

Gabriel reagierte damit auf die Ankündigung von Juncker, dass Ceta-Abkommen mit Kanada nur vom Europäischen Parlament ratifizieren zu lassen und keine Zustimmung der nationalen Parlamente einzuholen. Juncker pocht auf die Zuständigkeit der Kommission gegenüber den nationalen Regierungen in Handelsfragen. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte ihm in Sachen Bundestagsentscheidung widersprochen. Man müsse zur Kenntnis nehmen, dass die EU-Kommission eine andere Rechtsauffassung habe. Auch Österreichs Bundeskanzler Christian Kern warnte die EU-Kommission vor einem Hauruckverfahren bei den beiden Handelsvereinbarungen, mit dem sie ihre Glaubwürdigkeit unterminieren würde.

Cameron: Falsche Flüchtlings-Politik hat zum Austritt geführt
Cameron: Falsche Flüchtlings-Politik hat zum Austritt geführt
Der britische Premier Cameron hat die falsche Flüchtlingspolitik der EU für den Austritt Großbritanniens verantwortlich gemacht. Die Angst vor einer unkontrollierten Masseneinwanderung habe am Ende den Ausschlag gegeben. Die Tatsache, dass London massiv in jene Kriege verwickelt ist, die zu…
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Bundeskanzlerin Angela Merkel diskutiert mit David Cameron beim Gipfel den Austritt Großbritanniens aus der EU. (Foto: dpa)

Bundeskanzlerin Angela Merkel mit David Cameron beim Gipfel. (Foto: dpa)

Der britische Premier David Cameron hat beim EU-Gipfel die Flüchtlingskrise als den Hauptgrund für die Entscheidung der Briten angegeben. Cameron sagte, er habe das Referendum verloren, weil die EU es verabsäumt habe, die Sorgen der Bürger in Migrationsfragen ernst zu nehmen. Die zunehmenden Spannungen in der Flüchtlingskrise unmittelbar vor dem Referendum hätten letzten Endes den Ausschlag gegeben, sagte Cameron laut FT. Sie seien die „treibende Kraft“ für das Votum gewesen, weil sich die Bürger vor einer Massen-Einwanderung gefürchtet hätten. Die Frage der Personenfreizügigkeit werde auch in den Brexit-Verhandlungen eine zentrale Rolle spielen.

Die EU gibt Großbritannien Zeit bis September, um offiziell den Austritt aus der EU zu erklären. Die EU-Staats- und Regierungschefs hätten „Verständnis dafür, dass etwas Zeit nötig ist, bis sich der Staub legt“, sagte EU-Ratspräsident Donald Tusk nach dem EU-Gipfel am Dienstag. Der scheidende Premier David Cameron zeigte sich zufrieden. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte, für sie sei der Brexit unumkehrbar.

Die Briten hatten am Donnerstag bei einer Volksabstimmung überraschend mit knapp 52 Prozent für den Austritt aus der EU gestimmt. Cameron hatte darauf seinen Rücktritt bis September angekündigt. Erst ein neuer Premier soll dann der EU offiziell mitteilen, dass Großbritannien die EU verlassen will. Damit würden auf zwei Jahre angelegte Austrittsverhandlungen beginnen.

Die EU-Staats- und Regierungschefs hofften weiter, dass die Austrittserklärung „so schnell wie möglich“ erfolge, sagte Tusk, nachdem der Brexit seit Tagen für Turbulenzen an den Finanzmärkten sorgt. Eine Frist für die Austrittserklärung wurde London aber nicht gesetzt.

In den Schlussfolgerungen des Gipfels fand sich nur ein einziger kurzer Satz zum Brexit: „Der Premierminister des Vereinigten Königreichs hat den Europäischen Rat über den Ausgang des Referendums im Vereinigten Königreich informiert.“

EU-Präsident Jean-Claude Juncker sagte, er könne diejenigen nicht verstehen, „die für den Austritt geworben haben, und dann vollkommen unfähig sind, uns zu sagen, was sie wollen“. Er sei davon ausgegangen, dass die Brexit-Befürworter „einen Plan“ hätten.

Juncker bestätigte, dass Cameron beim Abendessen vor allem die Einwanderung aus der EU für das Brexit-Votum verantwortlich machte. Er selbst glaube aber nicht, dass dies der Fall sei, sagte der Luxemburger. Juncker machte Cameron für das Ergebnis mitverantwortlich: „Wenn man den Menschen jahrelang, jahrzehntelang sagt, dass mit der EU etwas nicht stimmt, muss man nicht überrascht sein, wenn die Wähler das glauben.“

Sie sehe „keinen Weg, um dies nochmal umzukehren“, sagte Merkel. Alle täten gut daran, „die Realitäten zur Kenntnis zu nehmen“. „Wunschdenken“ sei nicht angebracht, sagte sie zu Hoffnungen, es könne einen „Exit vom Brexit“ geben.

Der Premier selbst sagte auf seinem letzten Gipfel, er bedauere nicht, die Volksabstimmung angesetzt zu haben: „Es war richtig, das zu tun.“ Das Ergebnis bedauere er natürlich.

Bei seinem letzten Gipfel-Abendessen mit seinen EU-Kollegen äußerte Cameron die Hoffnung, dass Großbritannien auch in Zukunft „engstmögliche Wirtschaftsbeziehungen“ zur EU haben werde, wie ein britischer Regierungsvertreter sagte. „Schlüssel“ dafür sei aber aus seiner Sicht, dass die EU das Recht auf Freizügigkeit reformiere.

Wie die künftigen Beziehungen Großbritanniens zur EU aussehen werden, ist völlig offen. London hofft, den Zugang zum EU-Binnenmarkt so weit wie möglich zu erhalten.

Frankreichs Präsident François Hollande sagte beim Gipfel, dafür müsse Großbritannien aber „einen Preis in jeder Beziehung bezahlen“. Dazu gehöre auch der Erhalt der Freizügigkeit. „Man kann nicht Kapital-, Waren- und Dienstleistungsfreiheit haben und dann für Personen sagen ‚bleibt zuhause‘.“ Es gebe „vier Freiheiten oder keine“.

Vor dem Gipfel hatte der Brexit-Vorkämpfer Nigel Farage im Europaparlament seinen Sieg ausgekostet. „Jetzt lachen Sie nicht mehr“, triumphierte der Chef der EU-feindlichen United Kingdom Independence Party (UKIP) und prophezeite. „Das Vereinigte Königreich wird nicht der letzte Mitgliedstaat sein, der die Europäische Union verlässt“.

Putin besucht Deutsche Schule in Moskau: Lernt aus der Geschichte!
Putin besucht Deutsche Schule in Moskau: Lernt aus der Geschichte!
Russlands Präsident Wladimir Putin hat die Deutsche Schule in Moskau besucht, an der auch seine beiden Töchter unterrichtet werden. Putin wollte mit dem Besuch offenbar ein Zeichen seiner Verbundenheit mit Deutschland setzen.
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Russlands Präsident Wladimir Putin beim Besuch der Deutsche Schule in Moskau. (Foto: dpa)

Russlands Präsident Wladimir Putin beim Besuch der Deutsche Schule in Moskau. (Foto: dpa)

Putin sprach mit deutschen und russischen Schülern, den Teilnehmern eines Geschichtsprojekts zum Zweiten Weltkrieg. «Es ist sehr wichtig, dass russische und deutsche Schüler über die Vergangenheit reden, um in die Zukunft zu gehen».

Begonnen hatte Putin seine kurze Rede auf Deutsch: «Ich bin sehr froh, dass ich alle Anwesenden begrüßen darf.» Wenige Tage nach dem 75. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion 1941 sendete er ein politisches Freundschaftssignal mit persönlichem Hintergrund.

Für Putin bedeutet die Deutsche Schule in Moskau ein Stück Familiengeschichte. Nicht nur Kinder deutscher Firmenvertreter, Diplomaten und Korrespondenten werden dort unterrichtet. Viele russische Eltern, die an deutscher Bildung interessiert sind, melden ihre Kinder an der Privatschule im Südwesten Moskaus an.

Auch Putin schickte seine Töchter Maria und Katharina auf die Deutsche Schule. Als er im Jahr 2000 Präsident wurde, kamen die Mädchen aus Sicherheitsbedenken seltener. Doch sie wurden extern unterrichtet und waren immer wieder bei Schulkonzerten oder Festen zu sehen.

André Reichel war damals Klassenkamerad von Maria, nun ist er Musiklehrer und mitverantwortlich für das Geschichts- und Versöhnungsprojekt. Deutsche Schüler aus Moskau und aus Bad Salzungen (Thüringen) sowie russische Schüler aus Rschew in Nordwestrussland nehmen teil. Sie besuchen gemeinsam die Soldatenfriedhöfe von Rschew, wo 1942/43 eine verheerende Schlacht getobt hatte. «Erinnern, Gedenken, Versöhnen» ist das Motto der knapp 50 Schüler.

Die Lehrer hätten Putin vor wenigen Wochen eingeladen – aber ohne große Hoffnung, sagte Reichel der dpa. Doch vor zwei Tagen sei plötzlich eine Zusage aus dem Kreml gekommen. «Das ist wie ein Sechser im Lotto», freut sich der Musiklehrer. «Wir haben es bis zuletzt nicht geglaubt», sagt auch Schulleiter Uwe Beck.

Der Kremlchef sagte an der Schule: «Russland und Deutschland haben stets prosperiert, wenn sie zusammengearbeitet haben.»

Ein Schüler fragte Putin nach den Grundlagen der deutsch-russischen Beziehungen. «Das Wichtigste ist Vertrauen», antwortete der Präsident laut dpa.

Polen erkennt deutsch-französische Führung in der EU nicht an
Polen erkennt deutsch-französische Führung in der EU nicht an
Der EU droht eine neue Konflikt-Linie: Die polnische Regierungschefin Szydlo lehnt eine deutsch-französische Führung der EU ab. Polen werde den von Paris und Berlin anvisierten Weg einer stärkeren Integration der EU nicht mitgehen. Auch andere Osteuropäer wollen nicht mitziehen. Erste…
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Die polnische Ministerpräsidentin Beata Szydlo und Bundeskanzlerin Angela Merkel am Mittwoch in Berlin. (Foto: dpa)

Die polnische Ministerpräsidentin Beata Szydlo und Bundeskanzlerin Angela Merkel am Mittwoch in Berlin. (Foto: dpa)

Polens Ministerpräsidentin Beata Szydlo sieht den deutsch-französischen Motor innerhalb der EU nach dem Brexit-Votum der Briten deutlich geschwächt. Sie glaube nicht, dass das deutsch-französische Duo nun noch in der Lage sei, „etwas Neues für die Europäische Union zu erreichen“, sagte die Politikerin am Montag dem Fernsehsender TVP Info.

Paris und Berlin seien der Ansicht, dass die Integration der EU vertieft werden müsse, fuhr Szydlo fort. „Wir sagen: Nein, diesen Weg können wir nicht weiter beschreiten.“ Die Briten hätten diese Vision der EU mit ihrem Votum am vergangenen Donnerstag zurückgewiesen. Die EU brauche stattdessen „neue Gesichter, eine neue Vision und eine neue Konzeption“.

Gegen eine weitere EU-Integration hatte sich zuvor bereits der polnische Außenminister Witold Waszczykowski ausgesprochen. Am Montag sagte er nach einem Treffen mit Kollegen in Warschau, Polen werde bei dem am Dienstag beginnenden Brüsseler EU-Gipfel einige „radikale Vorschläge“ präsentieren. Dazu gehöre unter anderem die Forderung, dass der Europäische Rat, also die Staats- und Regierungschefs der EU-Länder, die entscheidende Rolle in der EU spielen müsse und nicht die Kommission.

Unterdessen reagierten einige EU-Oststaaten skeptisch auf die Forderung von Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und seinem französischen Kollegen Jean-Marc Ayrault nach einer engeren Zusammenarbeit der EU in den Bereichen Sicherheit, Verteidigung und Migration. In einem gemeinsamen Papier hatten die beiden Minister unter anderem „weitere Schritte in Richtung einer Politischen Union in Europa“ vorgeschlagen.

Der tschechische Außenminister Lubomir Zaoralek sagte dazu in Prag, es ergebe derzeit keinen Sinn, über eine „rasche oder überstürzte Integration zu sprechen“. Das wäre eine „dumme Antwort“ auf das, was in Großbritannien passiert sei. Es sei klar geworden, dass die Öffentlichkeit hinter diesen Integrationsprozessen hinterherhinke.

Steinmeier und Ayrault hatten sich am Montag in Prag mit ihren Kollegen der Visegrad-Staaten Tschechien, Polen, Ungarn und der Slowakei getroffen. Zaoralek sagte, die vier östlichen EU-Mitglieder hätten Vorbehalte gegenüber einer gemeinsamen Sicherheitspolitik.

Der Vorsitzende der polnischen Regierungspartei PiS, Jaroslaw Kaczynski, will Großbritannien nach dem Brexit-Votum die Rückkehr in die Europäische Union ermöglichen. Als erster europäischer Führungspolitiker vertrat Kaczynski am Montag bei einem Besuch in Bialystok die Ansicht, die Briten sollten Gelegenheit erhalten, bei einem zweiten Referendum den Beschluss über den Austritt aus der EU vom vergangenen Donnerstag zurückzunehmen. Der Austritt Großbritanniens aus der EU sei „sehr schlecht“, fügte Kaczynski hinzu.

Das alte „fatale Prinzip“, nach dem es „mehr Europa geben muss, wenn etwas nicht funktioniert“, müsse aufgegeben werden, forderte Kaczynski. Dieses Prinzip sei darauf hinausgelaufen, dass es immer „mehr Integration, mehr Macht für Brüssel, das heißt für Berlin und Paris, vor allem für Berlin“ gegeben habe, sagte Kaczynski. Die immer engere politische und wirtschaftliche Integration könne „in einer Katastrophe enden“.

Kaczynski gehört nicht der Regierung von Ministerpräsidentin Beata Szydlo an, gilt aber als zentraler Entscheidungsträger der polnischen Führung. In einer ersten Reaktion auf das Brexit-Votum hatte er am Freitag ein Modell auf der Basis der „Nationen, der Nationalstaaten“ vorgeschlagen.

Kaczynski kritisierte die Rolle, die der aus Polen stammende EU-Ratspräsident Donald Tusk in der Debatte um den Brexit gespielt habe, als „ausgesprochen finster“. Tusk müsse „ganz einfach von der europäischen Bühne verschwinden“, sagte Kaczynski.

 

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