Europäische Armut: Leasing für Jeans und Geschirrspüler

Die Europäer können sich die lebensnotwendigen Dinge nicht mehr leisten: Daher gibt es nun Leasing für Jeans und Geschirrspüler. Eine Renaissance erlebt der Tauschhandel, der von Auto bis zum Wohnen alles umfasst. Auch gebrauchte Billig-Möbel finden reißenden Absatz.

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Jeans, Jacken und Pullis für jeweils fünf Euro monatlich: Bei einer niederländischen Jeansmarke können Kunden ihre Kleidung entweder kaufen oder für ein Jahr leasen. Das Geschäftsmodell funktioniert folgendermaßen: 20 Euro Kaution müssen einmalig hinterlegt werden, die Leihgebühr für die Kleidungsstücke beträgt fünf Euro im Monat. Nach einem Jahr kann der Kunde entscheiden, ob er die Hose für eine Aufzahlung behält – und somit besitzt –, zurückgibt oder für ein neues Paar Hosen eintauscht.

„Wir wollen, dass jeder unsere Jeans tragen kann“, sagt Bert van Son, Chef von Mud Jeans, dem Wall Street Journal. Die zurückgegebene Ware wird entweder recycelt oder kommt in den Second-Hand-Verkauf.

Teilen, Tauschen und Leasen sind keine neuen Geschäftsmodelle, aber sie boomen seit dem Finanzcrash 2008. Der neue Trend vom Konsum im Verbund nennt sich „Collaborative Consumption“. Diese Art des „Einkaufens“ ist stark im Kommen. Das läge daran, dass die Menschen immer weniger Geld zum Ausgeben hätten, sagt die auf Konsumverhalten spezialisierte Uni-Professorin Lucia Reisch dem WSJ.

120 Millionen Menschen sind in Europa armutsgefährdet, können sich teilweise ihr Essen nicht mehr leisten. In den vergangenen drei Jahren stieg die Zahl jener, die mit Nahrungsmittel versorgt werden müssen, um 75 Prozent, so eine Studie des Roten Kreuz (mehr hier).

Diese Entwicklung ändert das Konsumverhalten, wie eine Studie von L‘Observatoire Cetelem, zugehörig zu BNP Paribas, aufzeigt: Weit mehr als die Hälfte der Befragten können sich heute Tauschgeschäfte vorstellen; 82 Prozent in West-, und 61 Prozent in Osteuropa. Die Bereitschaft, Second Hand zu kaufen, steigert sich ebenfalls. 68 Prozent der Europäer können sich das in den kommenden Jahren vorstellen, 58 Prozent kaufen bereits Second Hand.

Das Magazin Time kürte 2011 das Geschäftsmodell des Teilens als eine der „Zehn Ideen, die die Welt verändern werden“. Es gibt immer mehr Unternehmen und Start-ups, die nach der Ideologie des „Konsums im Verbund“ arbeiten.

Bei der französischen Supermarktkette Intermarché können Geräte wie Smartphones oder Geschirrspüler geleast werden. Ab einem Warenwert von 349 Euro wird ein Leasingvertrag vereinbart, nach zwei bis fünf Jahren kann sich der Kunde zwischen Kauf oder Rückgabe entscheiden.

Carsharing ist aus großen Städten nicht mehr wegzudenken. Es gibt ein eigenes Online-Unternehmen, das ausschließlich gebrauchte Ikea-Möbel verkauft. Bei H&M erhalten Kunden für eine Tüte mit Altkleidern einen Gutschein für ein neues Kleidungsstück.

Immer mehr Touristen nutzen Couchsurfing oder übernehmen gleich die Wohnung mittels Online-Portalen wie Airbnb. Das neue Start-up ist für die traditionelle Hotellerie so ein starker Konkurrent, dass die Schweizer Hoteliers mithilfe der Behörden die Online-Plattform stoppen wollte. (hier).

Mit Amsterdam will sich gleich eine ganze Stadt „teilen“ und so zur „Sharing City“ werden. Vorbild sind hier die USA. Im Juni wurde beim 81. Jahrestreffen der US-Bürgermeister in Las Vegas ein Beschluss vereinbart, mit dem ganze Städte „shareable“ gemacht werden sollen.

Die Hoffnung der amerikanischen Bürgermeister: Der Sharing-Markt schafft Arbeitsplätze, Wohnraum, neue Ideen für Transport, Essen und verbessert die Lebensstile. Somit bleibt zusätzliches Geld für die privaten Haushalte übrig und das Leben in der Stadt bezahlbar. Das Teilen soll die finanzielle Situation der Einwohner verbessern. Dies ist auch nötig, denn in den vergangenen 30 Jahren ist das Durchschnittseinkommen einer US-Familie jährlich nur um 0,36 Prozent angestiegen.

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