Südafrika nach Mandela: Ein Land am Abgrund, ganz ohne Illusionen

Nelson Mandela hat trotz seines Status als Freiheitsheld nicht verhindern können, dass sein Heimatland nach der Befreiung vom Rassismus in Korruption und Elend versinkt. In Südafrika gibt es keine neuen Helden, die das Land zu einer echten Demokratie umbauen könnten. Die Zeichen stehen eher auf einen neuen Bürgerkrieg.

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Nelson Mandela war eine eindrucksvolle Figur – vor allem, weil er nach Jahrzehnten im Gefängnis der Gewalt abschwor, die er zuvor selbst anwendete, um das Apartheid-Regime zu stürzen.

Doch Mandela ist als politischer Führer kein Glücksfall für Südafrika gewesen. Denn alle Statistiken sprechen eine deutliche Sprache:  Seit dem Ende der Apartheid Anfang der 90er Jahre haben sich die Lebensumstände auch der schwarzen Bevölkerung massiv verschlechtert. Zwischen 1995 und 2000 sank das durchschnittliche Einkommen um 40 Prozent, so das National Bureau of Economic Research. Seitdem hat sich die Lage nur wenig verbessert.

Die Armut hat vor allem eine Ursache: die Korruption.

Südafrika ist heute eines der korruptesten Länder der Erde. Drei Viertel der Südafrikaner sagten, dass die Korruption innerhalb der letzten beiden Jahre zugenommen habe, so das 2013 Global Corruption Barometer von Transparency International. 65 Prozent sagten, die Korruption im Land sei ein „ernstes Problem“.

83 Prozent sagen, dass die südafrikanische Polizei korrupt oder extrem korrupt ist. 77 Prozent sagten, dass die politischen Parteien korrupt oder extrem korrupt sind. Knapp die Hälfte der Befragten (47 Prozent) hatte innerhalb der letzten 12 Monate ein Schmiergeld gezahlt.

Mehr als ein Drittel der Männer in Johannesburg sagte im Jahr 2010, dass sie schon einmal eine Frau vergewaltigt haben, berichtet die Huffington Post. 7 Prozent der Männer haben sich schon mindestens einmal an einer Gruppenvergewaltigung beteiligt.

Die Lebenserwartung in Südafrika ist heute mit weniger als 50 Jahren die zweitniedrigste der Welt, so die CIA. In Zeiten der Apartheid war die Lebenserwartung auf 64 Jahre angestiegen.

Der Grund für diese katastrophale Bilanz liegt in der Ideologie, der Mandela und seine Kombattanten anhingen: Sie waren knallharte Kommunisten, die Privateigentum ablehnten und versuchten, ihre eigene Funktionärs-Clique in Stellung zu bringen.

Bei seiner Festnahme im Jahr 1962 war Mandela Mitglied im Zentralkomitee der Südafrikanischen Kommunistischen Partei (SACP), sagt der heutige stellvertretende SACP-Generalsekretär Solly Mapaila: „Für uns südafrikanische Kommunisten, wird Genosse Mandela für immer den monumentalen Beitrag der SACP in unserem Befreiungskampf symbolisieren“, zitiert ihn BusinessDay.

Mit der Machtübernahme durch den Afrikanischen Nationalkongress (ANC) wurde die Wirtschaftspolitik des Landes auf den Kopf gestellt. Die Bauern und zahlreiche Unternehmen wurden von der neuen Führung enteignet. Mehr als eine Million Weiße verließen das Land.

Und es kam, wie es immer kommt, wenn den Menschen das Himmelreich auf Erden versprochen wird.

Die Allgemeine Zeitung aus Namibia analysiert nüchtern:

Schneller als erwartet verpufft die Euphorie im politischen Alltag – und weicht großer Ernüchterung. Obwohl Mandelas Amtszeit insgesamt erfolgreich verläuft, vernachlässigt seine Regierung den Kampf gegen die Aids-Epidemie, die damals ihren Höhepunkt am Kap erreicht. Auch wirtschaftlich dümpelt das Land vor sich hin. Zu lange sonnt es sich in der weltweiten Freude über den friedlichen Übergang und der internationalen Wertschätzung seines Präsidenten – und vergisst darüber den Kampf gegen Armut und Kriminalität.

Mandela selbst leistet dem allgemeinen Laissez fair Vorschub, indem er sich allein auf zeremonielle Aufgaben beschränkt und die Tagespolitik frühzeitig seinem späteren Nachfolger Thabo Mbeki überlässt. Schon 1999 wird seine Versöhnungspolitik von diesem ad acta gelegt und die „Afrikanisierung“ des Landes in Angriff genommen, die viel des von Mandela aufgebauten Vertrauenskapitals zerstört. Mbeki selbst isoliert sich zunehmend von Volk und Partei. 2008 wird er vom ANC in einer Palastrevolte gestürzt und durch den afrikanischen Traditionalisten Jacob Zuma ersetzt.

Mandela verfolgt schweigend aus dem Ruhestand, wie seine Nachfolger sein Erbe in erbitterten Machtkämpfen verspielen. Keinem gelingt es, Korruption und Kriminalität wirksam einzudämmen – und das Versprechen auf ein „besseres Leben für alle“ zu erfüllen. Auch zerschlägt sich die Hoffnung, durch die Ausrichtung der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 die Wirtschaft zu beleben. Vielleicht ist genau deshalb die Enttäuschung nun auch so groß und entlädt sich Jahr für Jahr in immer heftigeren und gewalttätigeren Streiks, die Südafrikas Wirtschaft schweren Schaden zugefügt haben.

Tatsächlich muss sich Zuma vor einer Untersuchungskommission wegen dubioser südafrikanischen Waffengeschäfte mit europäischen Rüstungskonzernen während der neunziger Jahre verantworten. Die Vorwürfe der Korruption gehen bin in die Zeit Mandelas zurück, wie die NZZ schreibt:

Vertreter der Firmen hatten eingestanden, für Zuschläge für Ausschreibungen Gelder an hochrangige Politiker gezahlt zu haben. Im Jahr 1996 hatte die damalige Regierung von Nelson Mandela beschlossen, Luftwaffe und Marine trotz sinkender internationaler Bedrohung im grossen Stil mit neuen Waffen auszustatten. Das Gesamtvolumen des Rüstungsprojekts betrug umgerechnet rund 4,4 Milliarden Franken. Langjährige Ermittlungen zu Korruptionsskandalen im Zusammenhang mit dem Erwerb von Rüstungsgütern waren im Jahr 2010 auf politischen Druck hin eingestellt worden. Präsident Jacob Zuma, gegen den knapp 8 Jahre lang selbst ermittelt wurde, setzte die Kommission jedoch Ende des Jahres 2011 ein, um einer unmittelbar bevorstehenden Anordnung durch das Verfassungsgericht zuvorzukommen.

Nun ermittelt die Kommission wieder.

Doch die Lage in Südafrika bleibt ein Fiako, weil der Freiheitsheld von der Wirklichkeit des sozialistischen Alltags eingeholt wurde.

Nelson Mandela ist eine Symbolfigur dafür, wie dramatisch sich ungerechte System ändern können, wenn ein Einzelner gegen sie kämpft.

Mandela bleibt jedoch auch eine Symbolfigur dafür, dass Habgier, Vetternwirtschaft und Unterdrückung in ungerechten Systemen stärker sind als die guten Absichten des einzelnen.

Aber der einzelne kann eben nicht alles machen: „Mandelas Größe lag in seiner Gabe, die Menschen in seiner rassisch gespaltenen Heimat zu überzeugen, dass sein Weg der Versöhnung der einzig gangbare ist“, schreibt Tom Lodge.

Mandelas Erben müssen den nächsten Schritt tun, und ein gerechtes, faires und demokratisches Südafrika aufbauen.

Erst dann ist auch Nelson Mandelas Mission wirklich erfüllt.


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