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Gundersen warnt vor Erdbeben: Atomkraft-Werke sind weltweit gefährdet

Nuklear-Experte Arnold Gundersen hat keinen Zweifel: Die mehrfache Kernschmelze von Fukushima ist der schlimmste Industrie-Unfall, den die Menschheit je gesehen hat. Der Pazifik müsse gerettet werden, um eine Zerstörung des globalen Ökosystems zu verhindern. Doch die größte Gefahr sind Gundersen in der Tatsache, dass weltweit AKW des selben Typs betrieben werden. Diese seien alle gefährdet - doch die Atom-Lobby versucht, die Gefahren zu vertuschen.

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Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Zurzeit finden im Reaktor-Gebäude 4 von Fukushima die Bergungsarbeiten der Brenn-Elemente statt. Wie schätzen Sie die derzeitige Lage ein?

Arnie Gundersen: Insgesamt wurden 40 Brenn-Elemente geborgen. Ich denke. dass sie die einfachen Brenn-Elemente zuerst bergen. Sie picken sich sozusagen die Rosinen heraus. Sie fangen mit den einfachen an. Und sie hoffen, dass die öffentliche Aufmerksamkeit nachlässt, wenn sie zum schwierigen Teil gelangen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Die wahre Herausforderung liegt nicht in der Bergung der unbenutzten Brenn-Elemente im Reaktor- Gebäude 4. Da dieser Reaktor bei der Katastrophe vom 11. März nicht in Betrieb war, gab es keine Kernschmelze. Anders sieht es in Gebäude 1 und 3 aus. Dort lag eine Kernschmelze vor, was die Bergung sehr viel schwieriger macht. Würden Sie zustimmen?

Arnie Gundersen: Absolut. Die Bergung der Brenn-Elemente aus Gebäude 4 ist am dringlichsten, denn die Brenn-Elemente sind unverbraucht und das Gebäude ist sehr instabil. Das ist eine gefährliche Kombination. Dennoch sind die Bergungsarbeiten an Gebäude 1 und 3 noch schwieriger. Das Erdbeben hat dort schwere Schäden verursacht. Die Dächer beider Gebäude sind eingefallen – und bei Gebäude 3 besonders schwerwiegend. Dabei wurden die Metallfassungen, in denen sich Brenn-Elemente befinden, vermutlich sehr stark beschädigt. Stellen Sie sich die Metallfassungen als eine Zigarettenschachtel und die Brenn-Elemente als Zigaretten vor. Wenn die Packung beschädigt ist und Sie versuchen eine Zigarette herauszuziehen, wird Sie dabei vielleicht zerbrechen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Über den Zustand der Brenn-Elemente in Gebäude 3 wird bisher nur spekuliert. Warum gibt es keine genauen Erkenntnisse?

Arnie Gundersen: Die Strahlung dort ist so hoch, dass die Arbeiter bis heute nicht in der Lage sind, das Gebäude zu betreten, um den genauen Zustand der Brenn-Elemente festzustellen. In „Three Mile Island“ (Anm.: Kernschmelze im amerikanischen Reaktor „Three Mile Island“ im Jahr 1979) wussten wir durch Messungen nach einem Jahr genau, wo und in welchem Zustand sich das Kernmaterial befand. Drei Jahre nach dem Unfall von Fukushima sind wir noch nicht einmal ins Reaktorgebäude vorgedrungen. Und wir haben keine Ahnung wo das Kernmaterial ist. Sogar in Tschernobyl wussten wir früher, wo sich das Kernmaterial befand als in Fukushima. Was wahrscheinlich passiert ist: Das Kernmaterial ist durch den Reaktor geschmolzen und liegt auf dem Boden des Reaktorsicherheitsbehälters. Diese Behälter haben Lecks. Wasser dringt in die Behälter ein, berührt das Kernmaterial und fließt wieder heraus. Die Sicherheitsbehälter schirmen die Radioaktivität also nicht mehr ab.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Die Probleme mit dem kontaminierten Wasser sind nach wie vor außer Kontrolle. Täglich fließen 400 Tonnen verseuchtes Wasser in den Pazifik. Wie schätzen Sie diese Situation ein?

Arnie Gundersen: Dieses Problem ist seit April 2011 bekannt. Ich habe es bereits damals gesagt und stehe nach wie vor zu dieser Aussage: Wir sind Zeuge der größten industriellen Katastrophe in der Geschichte der Menschheit. Meiner Meinung nach übertreffen die Folgen von Fukushima sogar Tschernobyl.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie könnte man das Problem mit dem kontaminierten Wasser unter Kontrolle bringen?

Es gibt zwei Wege das Problem zu lösen. Die Japaner versuchen zu verhindern, dass das Wasser in den Pazifik fließt. Ich habe vor zwei Jahren einen anderen Weg vorgeschlagen. Man müsste das Grundwasser daran hindern, überhaupt erst in den Reaktor einzudringen. Dazu müsste man eine Reihe von Brunnen in den Bergen errichten, die an das Gebiet des AKW-Geländes angrenzen. Dort könnte man Grundwasser abpumpen, wodurch sich der Grundwasserspiegel senken würde und das Wasser am Eindringen gehindert werden könnte. Denken Sie an eine Badewanne: Tepco versucht die Ränder der Badewanne zu erhöhen, um zu verhindern, dass das Wasser eindringt. Ich habe vorgeschlagen, den Wasserhahn auszumachen.

Als ich den Vorschlag 2011 machte, wäre es eine einfachere Schlacht gewesen. Nun ist das Grundwasser großflächig kontaminiert. Tepcos Verspätung hat das Problem viel schlimmer gemacht. Und Tepco hat die Sache aus zwei Gründen verzögert: Erstens, sind sie nicht kompetent genug. Und zweitens, hatten sie nicht genug Geld. Die japanische Regierung sagte zu Tepco, sie müssten das Problem mit ihren eigenen finanziellen Ressourcen lösen. Sie hatten aber nie genug Geld, um die Probleme richtig anzugehen. Anstatt zu agieren, war Tepco also immer gezwungen zu reagieren.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Tepco ist eine Betreiberfirma. Sie scheint jedoch komplett überfordert mit der Handhabung der Folgen eines GAUs zu sein. Sie verfügen nicht über das nötige Wissen, die Erfahrung und die Technologie, um die Probleme zu lösen. Hinzu kommt, dass sie internationale Hilfe ablehnen. Was könnten die Gründe dafür sein?

Arnie Gundersen: Ich möchte das am Beispiel von „Three Mile Island“ verdeutlichen: Die Betreiberfirma damals war GPU (General Public Utilities). Aber nach dem GAU haben sie die Bergungsarbeiten an Bechtel übergeben, weil sie sich eingestanden haben, dass sie nicht in der Lage waren, es richtig zu machen. Sie haben das verstanden und professionelle Hilfe ersucht. Was Fukushima betrifft: Wir wurden von drei amerikanischen Firmen kontaktiert und alle sagen dasselbe: Sie sind mit der nötigen Technologie und Erfahrung nach Japan gegangen und die Japaner hören einfach nicht auf sie.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Was denken Sie könnte der Grund dafür sein?

Arnie Gundersen: Es gibt viele Gründe dafür. Zwei davon sind Nationalismus und Korruption. Die japanischen Firmen wollen den Auftrag für die Aufräumarbeiten selbst an Land ziehen. Es geht ums Geld.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Der ehemalige Tepco-Ingenieur Toshio Kimura machte eine erstaunliche Aussage (mehr hier). Er sagte, es gab schon vor vielen Jahren Zweifel an der Konstruktion der Anlage und ob sie einem Erdbeben standhalten würde. Seiner Meinung nach fiel das Kühlsystem bereits nach dem Erdbeben aus und die Kernschmelze trat vor dem Eintreffen des Tsunami ein. Was halten Sie von der Aussage von Kimura?

Arnie Gundersen: Ich habe davon gehört. Ich denke Gebäude 1 hatte eine Kernschmelze direkt nach dem Erdbeben und es gibt viel Datenmaterial, dass diese Hypothese bestätigt. Und Tepco ist auf diese Reaktortypen spezialisiert. Sie betreiben ein weiteres Atomkraftwerk mit derselben Konstruktionsweise wie Fukushima Daiichi. Und sie haben natürlich ein finanzielles Interesse daran, dass dieses Kraftwerk wieder ans Netz geht.

Aber es ist auch eine weltweite Sorge, denn dieser Reaktortyp ist weit verbreitet. Es gibt hier eine Lektion, die die Atom-Industrie nicht lernen will: Die seismischen Analysen, auf denen der Bau all dieser AKWs basiert, könnten falsch sein. Wenn die Kernschmelze in Gebäude 1 durch das Erdbeben und nicht durch den Tsunami  verursacht wurde, dann müssten all diese seismischen Analysen neu bewertet werden. Und ich denke nicht, dass das zurzeit geschieht. Denn niemand will zugeben, dass all diese AKWs potenziell gefährdet sind.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Tepco verschleiert diese Informationen aus finanziellen Gründen. Sie sind stark daran interessiert die anderen Kraftwerke wieder ans Netz zu bringen, um den eigenen Bankrott abzuwenden. Wie schätzen Sie die finanzielle Situation von Tepco ein?

Arnie Gundersen: Die japanischen Banken haben Tepco gerade erst Milliarden von Dollar geliehen, um den Bankrott abzuwenden. Was aber nun geschehen muss, ist dass die japanische Regierung Tepco von der Verantwortung von Fukushima entbindet. Die Regierung sollte die Anlage in Fukushima übernehmen und zusammen mit den Verpflichtungen, die damit verbunden sind, also die Aufräumarbeiten rund um das AKW und in der gesamten Präfektur Fukushima. Aber die japanische Regierung will genau das nicht tun. Sie braucht Tepco als Sündenbock. Das ist das fundamentale Problem. Die Regierung will verhindern, dass die Bürger realisieren, dass sie für 500 Milliarden US-Dollar an Folgekosten geradestehen müssen. Die Anlage kostet etwa 100 Milliarden und die Präfektur nochmals 400 Milliarden US-Dollar an Aufräumkosten. Und die Regierung versucht krampfhaft die anderen AKWs wieder ans Netz zu bringen. Wenn die Japaner also realisieren für welche Beträge sie alle als Steuerzahler haften, nicht nur die Aktienhalter von Tepco, dann wäre die Debatte wahrscheinlich eine andere.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Die japanische Regierung hat gerade ein Gesetz zu Staatsgeheimnissen verabschiedet, das für viel Furore gesorgt hat. Es ist so vage formuliert, dass japanische Journalisten, die über Fukushima berichten, befürchten, dafür inhaftiert zu werden. Wie schätzen Sie dieses Gesetz ein?

bod_arnie-150x150Arnie Gundersen: Das Staatsgeheimnis-Gesetz wurde mit der Ermutigung der Amerikaner verabschiedet. Die Amerikaner sagten, es würde die nukleare Sicherheit gewährleisten. Offiziell geht es um Fragen der Landesverteidigung. Dieser Begriff ist sehr dehnbar und ich denke es geht nicht nur um Verteidigungsfragen. Die nuklearen Probleme um Fukushima werden wohl auch als Staatsgeheimnis klassifiziert werden. Es ist ein beängstigendes Gesetz. Ich fürchte, dass ich auf Grundlage dieses Gesetzes inhaftiert werden könnte, wenn ich wieder nach Japan zurückkehre.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie oft waren Sie selbst in Japan?

Arnie Gundersen: Ich war im letzten Jahr zweimal in Japan, in diesem Jahr leider noch nicht. Ich habe im Februar 2012 selbst fünf verschiedene Proben an verschiedenen Orten rund um Tokio genommen. All diese Proben wären in den USA als Atommüll klassifiziert worden. Nach amerikanischen Standards wäre Tokio damals eine radioaktiv-kontaminierte Region gewesen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Was denken Sie, wie lange die Menschen in der Präfektur Fukushima mit den Umweltfolgen der Katastrophe zu kämpfen haben?

Arnie Gundersen: Die Regierung ermutigt und zwingt die Menschen in jede Region, mit Ausnahme der hochradioaktiven, zurückzukehren. Ich fürchte, dass die Leute zu schnell zurückgehen. Diese Entscheidung basiert auf Messungen der IAEA (Internationale Atomenergie-Behörde), die fehlerhaft sind. Sie messen nur die Radioaktivität in der Luft und ignorieren die Verstrahlung der Böden und des Grundwassers. Zudem benutzt die IAEA Zahlen für die Gesamtpopulation und ignoriert, dass Frauen und Kinder viel empfindlicher auf Radioaktivität reagieren. Dadurch werden bewusst Opfer in Kauf genommen, um die Ordnung schnellst möglich wiederherzustellen und die Olympischen Spiele in Tokio nicht zu gefährden. Ich denke in die Region in einem Radius von 30-40 Kilometern um das AKW, sollte niemand zurückkehren. Diese Region sollte für einige Jahrhunderte zu einer „nationalen Opferzone“ erklärt werden. Sie müssen zugeben, dass dieses Land geopfert und aufgegeben wurde und dass die Leute aus der Region nicht nach Hause zurückkehren können. Aber das ist ein sehr heißes politisches Eisen, denn die Japaner haben einen starken Heimatbezug. Sie bleiben oft für Generationen an einem Ort.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Unterstützer der Atom-Industrie spielen den Ernst der Lage herunter und behaupten, dass bisher noch niemand durch die Verstrahlung zu Tode gekommen sei. Was sagen Sie dazu?

Arnie Gundersen: Es gibt mindestens zwei Arbeiter in Fukushima, die an den Folgen der Strahlung verstorben sind, darunter der Betriebsleiter des AKW. Tepco behauptet ihre Krebserkrankungen hätten keinen Bezug zum GAU und sie wären sowieso an Krebs verstorben. Ich glaube das nicht. Ich denke sie waren einer so starken Dosis ausgesetzt, dass sich der Krebs 1-2 Jahren rasant entwickelt hat. Es ist zudem anzunehmen, dass viele der Arbeiter auf dem Gelände durch die starke Strahlung an Krebs erkranken werden.

Zudem gibt es eine enorme Menge an Daten zur Kindersterblichkeit, die zurückgehalten werden. Die Ärzte-Gemeinschaft wird von der Abe-Regierung unter Druck gesetzt und veröffentlicht keine medizinischen Daten zu diesen Themen. Wir wurden von 6 japanischen Ärzten kontaktiert, die aufgefordert wurden ihre Patienten über die Ursachen ihrer Erkrankungen anzulügen. Sie sollten ihnen sagen, dass die Krankheiten nichts mit Radioaktivität zu tun hätten.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Es gibt Statistiken, die darauf hinweisen, dass es vermehrte Fälle von Schilddrüsen-Krebs in der Region gibt. Das tatsächliche Ausmaß zeigt sich jedoch vermutlich erst in 2-5 Jahren. Was halten Sie von diesen Hinweisen?

Arnie Gundersen: Die japanische Regierung belügt ihre Bürger. Es gab einen achtfachen Anstieg von Schilddrüsenkrebs über der statistischen Norm. Die Regierung sagt, dass könne nicht mit dem Unfall zusammenhängen, denn Schilddrüsenkrebs brauche eine lange Zeit, um aufzutreten. Aber das stimmt nicht. Man bezieht sich dabei auf Erkenntnisse aus Tschernobyl, wo es fünf Jahre dauerte, bis die Raten der Krebserkrankungen anstiegen. Aber das lag daran, dass dort fünf Jahre lang niemand Daten erhoben hat. Die Sowjet-Regierung hat diese Daten gezielt unterdrückt, um das Ausmaß der Katastrophe zu verschleiern. Und das passiert erneut: Wissenschaftler und Mediziner werden unter Druck gesetzt und bedroht, oder man entzieht ihnen die finanzielle Grundlage.

Arnold „Arnie“ Gundersen wurde 1949 in New Jersey geboren. Er hat mehr als 40 Jahre Erfahrung im Bereich der Kern-Energie. Er erwarb seinen Master-Abschluss in Reaktortechnik am Rensselaer Polytechnic Institute (RPI). Von 1972 bis 1976 war er als Reaktortechniker in der Northeast Utilities Service Corporation tätig. Von 1979 bis 1990 arbeitete er für die Firma Nuclear Energy Services. Gundersen war als Sachverständiger für die Auswertung des Reaktorunglücks von „Three Mile Island“ tätig. Er ist Mitbegründer von Fairewinds Energy Education.

Aktuelle Berichte zu Fukushima hier.

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Banken-Test wiegt Europas Anleger und Sparer in falscher Sicherheit
Banken-Test wiegt Europas Anleger und Sparer in falscher Sicherheit
Auf den ersten Blick sind die Ergebnisse des Stresstests der Europäischen Bankenaufsicht gefällig. Ein genauer Blick zeigt jedoch: Der Tag der Wahrheit wird in Europa hinausgezögert. Die angemessene Rekapitalisierung der Banken wird verpasst. Europa versäumt so die Chance auf eine…
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Der genaue Blick auf Europas Banken ist ernüchternd. (Foto: dpa)

Der genaue Blick auf Europas Banken ist ernüchternd. (Foto: dpa)

Die offizielle Leseart des EZB-Stresstest klingt beruhigend. Der Stresstest zeige, dass die europäischen Banken ihr Kernkapital (engl. Common Tier Equity 1, kurz CET1) gegenüber einem vergleichbaren Test von 2012 und 2014 deutlich verbessert haben. Sie sind per Ende 2015 mehrheitlich auf Niveaus von 10-14% der risikogewichteten Aktiven (engl. Risk Weighted Assets, kurz RWA’s) angelangt. Die Kernkapitalquoten liegen somit rund 2% höher als Ende 2013 und 4% höher als Ende 2011.

Die Banken seien bis auf wenige Institute auch gewappnet gegenüber einem makroökonomischen Schock, einer rezessiven Wirtschaftsentwicklung in Europa im Zeitraum 2016-18. Die unterstellten BIP-Wachstumsraten liegen in diesem Zeitraum bei -1.2% für 2016, – 1.3% für 2017 und +0.7% für 2018. Dieses ‚Stressszenario’ war der Europäischen Bankenaufsicht von der Europäischen Kommission vorgegeben worden. In diesem Fall würden die Kernkapitalquoten bei den meisten Instituten erheblich fallen, im Durchschnitt um 3.8%. Sie wären damit wieder sehr dünn kapitalisiert, aber nicht überlebensgefährdet. Am schlimmsten würde es die älteste Bank der Welt, die Monte Paschi die Siena (MPS) erwischen. Sie stünde dann mit negativem Eigenkapital da. Auch andere Institute sähen ihr Kernkapital im so definierten Stressfall recht stark zurück gestutzt. Dabei stünden irische, italienische, englische und deutsche Institute im Vordergrund. Doch die Schwäche wäre weit verbreitet und würde auch die beiden spanischen Großbanken oder eine Société Générale und BNP betreffen. Der überwiegende Teil der Kapitalverluste würde aus Kreditverlusten resultieren, und zusätzlich käme ein kleinerer Teil operationelle Verluste hinzu.

Anzufügen ist, dass die MPS natürlich im Vorfeld orientiert war, und dass die Bank am Freitag, just dem Tag der Veröffentlichung des Stresstests, eine außerordentliche Kapitalerhöhung um 5 Milliarden Euro verkünden konnte, welche von einem italienischen Bankenkonsortium organisiert wird. Auch würden rund 10 Milliarden faule Kredite von ihrer Bilanz genommen. Diese Maßnahmen sind von nationalen Regulatoren sowie der EU-Kommission bereits abgesegnet.

Alles gut also? Wie ist das Ganze einzuordnen? Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass die Bankenaufsicht nun zum dritten Mal einen solchen Stresstest durchführt, und dass von daher höhere Anforderungen an deren Qualität zu stellen sind.

Dies umso mehr, als die Regeln für Anleger drastisch verschärft worden sind. Seit dem 1.1. 2016 müssen bei einer Schieflage einzelner Banken zunächst Aktionäre und subordinierte Obligationäre in den sauren Apfel beißen und ihr Kapital verloren geben, bevor der Staat rettend eingreifen könnte. Von daher haben solche vergleichenden Stresstests eine besonders wichtige Funktion. Sie wären praktisch das wichtigste Instrument für Anleger und für Sparer, um sich über die bankspezifischen Risiken genau informieren zu können. Es gibt auch für Kleinanleger immer noch nur nationale Einlagensicherungssysteme, nicht aber in der Eurozone als Ganze. Und diese Einlagensicherung bezieht sich auf Einlagen bis 100’000 Euro, nicht mehr.

Diese zentrale Aufgabe erfüllt dieser Stresstest nicht, er stellt eher eine Farce, eine Beruhigungspille dar. Dies beginnt bei der Auswahl der Indikatoren:

Die Analyse konzentriert sich auf die Kernkapitalquote relativ zu den risikogewichteten Aktiven. Während das Kernkapital strikt reguliert und umschrieben ist, sind die risikogewichteten Aktiven in der Praxis eine Black-Box. Die meisten dieser Banken haben interne Risikomodelle, d.h. solche bei denen sie die Risiko-Gewichte selber definieren dürfen. Die Praxis dieser Banken ist offensichtlich völlig verschieden von derjenigen in den Vereinigten Staaten. Dort machen die risikogewichteten Aktiven traditionell 60-85% der Bilanz-Aktiven von Großbanken aus. In Europa sind das ganz andere Größenordnungen, die risikogewichteten Aktiven erreichen teilweise maximal 20% bis 40% der Bilanzaktiven. Systematisch am dünnsten sind die Banken in der Eurozone kapitalisiert.

Anteil risikogewichteter Aktiven an der Bilanzsumme verschiedener Banken in den USA. (Quelle: Geschäftsberichte, eigene Berechnung)

Anteil risikogewichteter Aktiven an der Bilanzsumme verschiedener Banken in den USA. (Quelle: Geschäftsberichte, eigene Berechnung)

Anteil risikogewichteter Aktiven an der Bilanzsumme verschiedener Banken in Großbritannien. (Quelle: Geschäftsberichte, eigene Berechnung)

Anteil risikogewichteter Aktiven an der Bilanzsumme verschiedener Banken in Großbritannien. (Quelle: Geschäftsberichte, eigene Berechnung)

Anteil risikogewichteter Aktiven an der Bilanzsumme verschiedener Banken in der Euro-Zone. (Quelle: Geschäftsberichte, eigene Berechnung)

Anteil risikogewichteter Aktiven an der Bilanzsumme verschiedener Banken in der Euro-Zone. (Quelle: Geschäftsberichte, eigene Berechnung)

Als Folge haben europäische Banken viel niedrigere Quoten für das Kernkapital relativ zur Bilanzsumme, die so genannte Leverage Ratio. Die meisten europäischen Banken haben eine Leverage Ratio von 4 bis 7%, was nicht viel ist. Die Deutsche Bank hatte Ende 2015 eine Leverage Ratio von 3.5%. Mehrere europäische Großbanken sind bilanzmäßig so groß wie die US-Großbanken, haben aber einen Drittel oder einen Viertel des Kernkapitals dieser Großbanken.

Man würde ja nichts sagen, wenn sie dabei ein entsprechend risikoärmeres Portfolio hätten. Dem ist aber genau nicht so. Denn die europäischen Banken hatten in der Vergangenheit und sie haben gegenwärtig viel höhere Quoten an Kreditausfällen (Non-Performing loans, NPL’s) und viel höhere Verluste bei Kreditausfällen (Loss Given Defaults, LGD’s) als die amerikanischen Banken. Die europäischen Banken müssten folglich mehr Eigenkapital als die amerikanischen Banken halten. Ihre risikogewichteten Aktiven müssten höher liegen. Das amerikanische Bankensystem hatte im Höhepunkt der Finanzkrise eine Quote von Kreditausfällen von maximal 5%, sie liegt jetzt bei 2%. Das Bankensystem der Eurozone hat heute eine ausgewiesene Quote von rund 10%. Doch renommierte Chefökonomen von Großbanken argumentieren, dass die effektive Quote rund das Doppelte beträgt. Sie wird nur verschleiert durch die ultraniedrigen Zinssätze, welche den Banken erlaubt, Kredite praktisch zu Nullzinsen umzuschulden und als bedient (performing) zu deklarieren.

Die Stresstest –Methodologie ist darüber hinaus ungenügend, weil sie Derivate und andere Außerbilanz-Positionen nicht berücksichtigt. Im Unterschied zur Praxis in den USA wird keine Total Leverage Ratio, d.h. Relation zwischen Kernkapital und totaler Exposition, bilanz- oder außerbilanzmässig, ausgewiesen. Eine so definierte Leverage Ratio ist viel restriktiver. In den Vereinigten Staaten mussten die Banken per Ende 2015 erstmals eine solche Außerbilanz-Positionen einschließende Leverage Ratio ausweisen. Einzelne dieser Großbanken erreichten eine totale Leverage Ratio von 5 bis 7 Prozent. Davon können europäische Großbanken nur träumen.

Wegen der Mängel dieser Methodologie, aber auch der Informationspflicht gegenüber der Bevölkerung, sollte ein Stresstest auch realistischer gemacht werden. Das Szenario einer leichten Rezession allein in Europa genügt nicht. Was die europäischen Großbanken nämlich auszeichnet, ist ihr gewaltiges Engagements gegenüber Schwellenländern, das viel höher ist als dasjenige der amerikanischen Großbanken. Dabei sind diese Engagements gegenüber Schwellenländern nicht breit diversifiziert, sondern konzentrieren sich auf rund 10 europäische Großbanken.

Ein Stresstest sollte deshalb eine harte Landung der Konjunktur Chinas einschließen, mit Folgeeffekten auf andere Schwellenländer und auf die Rohwarenpreise. Vor allem europäische Großbanken sind die Kreditgeber in den Schwellenländern und zu Minen- und teilweise zu Erdölgesellschaften. Sie sind Kreditgeber in Brasilien, Russland, der Türkei und anderen Wackelkandidaten.

Ein realistischer Stresstest müsste auch die Möglichkeit von Ausfällen bei Gegenparteien im Derivatebereich einschließen. Natürlich hat sich die Lage verbessert durch das systematischere collateral-Management im Derivatebereich, auch durch die Abwicklung über zentralisierte Börsen, welche als Gegenpartei auftreten. Aber spezifische Ausfall-Risiken bleiben bestehen und sind, wenn sie auftreten, von enormer Wirkung.

Ein realistischer Stresstest müsste ferner einschließen, dass Märkte, die ohnehin total überbewertet sind, sowohl Obligationen- wie Aktienmärkte, eine rasche erhebliche Korrektur erleiden könnten. Dies deshalb weil die Märkte global illiquide geworden sind. 70-90% aller Transaktionen an den Finanzmärkten sind heute kurzfristige Intraday-Transaktionen meist von Hedge-Funds. Bei extremen Ereignissen verschwinden diese Algo-Funds. Aufgrund der Regulation in Basel III gibt es keine großen Handelsbücher der Banken mehr, welche als Puffer auftreten können. Es sind mit anderen Worten sehr erhebliche Preisbewegungen viel wahrscheinlicher geworden, die Marktrisiken sind effektiv viel höher als in der Vergangenheit.

Zum Schluss ein weiterer Mangel des Stresstest: Die Negativzinspolitik der EZB wird bei der Wirkung auf die Profitabilität nicht berücksichtigt. Sie drückt die Zinsmargen der Banken zusammen und ist auch ein Hindernis für das indifferente Geschäft. Hier ist auch zu bemerken, dass in Europa nach wie vor die (nicht bezahlten) Zinsen auf unbediente Kredite als Einkommen der Banken berechnet werden. Es ergibt sich dies aus den bis heute gültigen IFRS-Vorschriften über die Rechnungslegung. Erst wenn ein Kredit abgeschrieben wird, entfällt die Verbuchung der Zinseinkünfte. Die von unbedienten Krediten betroffenen Banken in Europa haben mit anderen Worten nicht nur eine viel dünnere Eigenkapitaldecke, sondern seit Jahren auch geringere Einnahmen als ausgewiesen. In den Vereinigten Staaten muss der Kredit, der mehr als 90 Tage nicht bedient ist, nach kurzer Zeit auf den vermutlichen Restwert abgeschrieben werden. Die Einnahmen werden somit nach kurzer Zeit ebenfalls korrigiert. In Europa ist eine entsprechende Regeländerung unter IFRS erst für 2018 in Aussicht gestellt worden.

Was ist insgesamt die Bilanz dieses Stresstests? Europa geht weiterhin einen völlig anderen Weg als die Vereinigten Staaten von Amerika. Statt rigide Tests mit angemessenen Indikatoren und realistischen Szenarien einzuschlagen, wird schöngefärbt. Die wirklichen Risiken werden verschwiegen, die Öffentlichkeit eingelullt. Dadurch entfällt auch die Notwendigkeit zur raschen Sanierung der Bankenlandschaft in Europa, welche von gravierenden Überkapazitäten und geringen Margen gebeutelt ist. Mit der Droge Niedrigzinsen und mit fiktiver Rechnungslegung wird die schwere Last fauler Kredite weiter geschleppt. Die Banken können deshalb noch länger ihre Funktion als Finanzintermediäre nicht angemessen wahrnehmen, sie werden zombifiziert. Die Negativzinsen der EZB lassen ihnen keine Chance, sich über Gewinne oder über frisches Eigenkapital von Außen zu rekapitalisieren. Die Rechnung dafür zahlen später, wahrscheinlich ab 2018, wenn die Vorschriften greifen, die ahnungslosen Anleger, welche im guten Glauben gelassen wurden. Doch es könnte jeden in Europa treffen. Denn eine unweigerliche Begleiterscheinung ist die schwache Kreditvergabe, und damit ein schwaches Wirtschaftswachstum.

Wem es vordergründig nützt, sind müde gewordene und abgekämpfte Politiker am Ende ihrer Karriere. Die Absicht kann nur politisch sein. Im Herbst findet das Referendum über die Verfassungsreform in Italien statt. Im Frühling 2017 sind Präsidentschaftswahlen in Frankreich angesagt. Im Herbst Bundestagswahlen. Spätestens im Frühling 2018 sind Parlamentswahlen in Italien. Das sind die drei großen Eurozone-Länder. Offenbar ist das Kalkül, dass bis dann eisern geschwiegen werden soll, damit keine unerwünschten Regierungswechsel stattfinden. Dieses Szenario geht nur auf, wenn die effektiv vorhandenen Risiken nicht eintreffen. Denn die Eigenkapitaldecke europäischer Banken reicht niemals hin, diese Risiken abzudecken. Gemäß der Philosophie der Basler Vorschriften sollte Eigenkapital da sein für unerwartete Risiken. Erwartete oder bekannte Risiken oder Verluste sollten vollumfänglich über Rückstellungen und Abschreibungen gedeckt sein. Dies ist nicht der Fall in Europa, und der Stresstest hat dies nicht einmal andiskutiert.

Terror-Experte: Sicherheitslage in Europa wird sich verschärfen
Terror-Experte: Sicherheitslage in Europa wird sich verschärfen
Nach Auffassung der früheren Chefs der Österreichischen Verfassungsschutzes wird sich die Sicherheitslage in Europa weiter verschärfen. Das Problem: Keine der von Bundeskanzlerin Merkel angekündigten Maßnahmen wird an der Situation etwas ändern. Nach der massiven unkontrollierten Einwanderung ist es für eine…
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Verfassungsschutz-Präsident Maaßen, BKA-Präsident Münch, Bundeskanzlerin Merkel und Bundesinnenminister de Maiziere. (Foto: dpa)

Verfassungsschutz-Präsident Maaßen, BKA-Präsident Münch, Bundeskanzlerin Merkel und Bundesinnenminister de Maiziere. (Foto: dpa)

Der Terror ist in Europa angekommen. Frankreich wurde in kurzen Abständen Schauplatz einer Terrorwelle. Nach Nizza im Juni dieses Jahres folgte Saint Etienne-du-Rouvary, eine Kleinstadt in der Normandie, einen Monat später. Dass Frankreich im Fokus des Terrors steht, zeichnete sich seit dem Anschlag auf die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo im Jänner 2015 ab. Die Anschläge von Paris im November 2015, bei denen 130 Menschen getötet und mehr als 350 verletzt wurden, ließen erahnen, dass in Europa ein neues Kapitel des Terrorismus aufgeschlagen wurde.

Es war nicht anzunehmen, dass der islamistisch motivierte Terror auf Frankreich beschränkt bleibt. Die Ermittlungen haben gezeigt, dass diese Netzwerke über lange Zeiträume hinweg aufgebaut wurden und neben Belgien, Italien auch bis nach Deutschland reichen. Den Sicherheitsbehörden war klar, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis der Terror auch Deutschland erfasst. Würzburg, München, Ansbach, Reutlingen, Anschläge auf deutschem Boden in kurzen Abständen, haben in der Bevölkerung eine bisher nie gekannte Verunsicherung ausgelöst. Politisch besonders brisant ist der Umstand, dass sich der Islamische Staat (IS) zu zwei dieser Anschläge bekannt hat, ohne dass eine direkte Verbindung zwischen den Tätern und der Terrororganisation nachgewiesen werden konnte. Selbstradikalisierung nennen die Sicherheitsbehörden dieses Phänomen. Dabei handelt es sich um ein bekanntes Phänomen, dass Sicherheitsbehörden als „lonely wolf syndrom“ bezeichnen und das eine neue Dimension des Terrors beschreibt. Eine Dimension, gegen die auch die Sicherheitsbehörden machtlos sind, tritt der Täter doch erst dann in Erscheinung, wenn es für Prävention zu spät ist. Meist jüngere Menschen durchlaufen einen raschen Radikalisierungsprozess, wie das Beispiel der Bluttat in Würzburg zeigt. Selbst der näheren Umgebung bleibt der Radikalisierungsprozess bis zur Tat verborgen.

Politisch brisant ist der Umstand, dass die Täter einen Migrationshintergrund aufweisen oder als Asylanten nach Deutschland eingereist waren.

Die Sicherheitslage in Deutschland bleibt unübersichtlich, zumal die Politik und auch die Sicherheitsbehörden keine Entwarnung geben können. Unmittelbar nach den Anschlägen in Bayern charakterisiert der bayrische Ministerpräsident Horst Seehofer die Sicherheitslage als ernst und bedrohlich, während der Bundesinnenminister Thomas de Maiziere beruhigte und davon sprach, dass von den Flüchtlingen keine besondere Gefahr ausgehe. Ungeachtet der beruhigenden Beurteilungen der Bundespolitik war die Sicherheitslage in Deutschland seit Jahrzehnten nicht mehr so angespannt.

Wie lässt sich die Bedrohung für den Bürger darstellen und wie wird sich die Bedrohungslage in Deutschland weiter entwickeln?

(-) Es ist nicht mehr wegzudiskutieren, dass die anhaltende Instabilität im Nahen Osten, aber auch in Nordafrika, unmittelbare Auswirkungen auf die Flüchtlingssituation in Europa hat. Diese Instabilität wird nicht nur über Jahre anhalten, sie wird sich auch noch verschärfen.

(-) Der Versuch der irakischen Regierung den sunnitisch-schiitischen Konflikt zu entschärfen, ist nicht gelungen. Die Wiedereroberung von IS-besetzten Gebieten, in vornehmlich sunnitisch geprägten Regionen, führt zu humanitären Katastrophen und zunehmender Migration über die Türkei nach Europa.

(-) Das starke militärische Engagement der internationalen Koalition unter Einschluss Russlands beschert dem IS Gebietsverluste und erhöht das Flüchtlingsaufkommen weiter. Diese Entwicklung wird sich auf nicht absehbare Zeit noch verstärken und vor allem die Türkei unmittelbar betreffen.

(-) Auch die innenpolitische Entwicklung in der Türkei führt zu einer Zunahme der Migration aus der Türkei Richtung EU. Dies betrifft nicht nur die Anhänger der Gülen-Bewegung, sondern auch die Kurden. Damit werden politische Konflikte aus dieser Region nach Europa importiert. Die türkischen und kurdischen Demonstrationen in deutschen und österreichischen Großstädten sind alarmierende Vorboten dieser innertürkischen Konflikte.

(-) Einer der politisch heikelsten Themen für die innerdeutsche und europäische Sicherheit lautet: Haben wir damit zu rechnen, dass der IS ganz gezielt Kämpfer, als Flüchtlinge getarnt, nach Europa entsendet? Anfänglich von den Sicherheitsbehörden dementiert, geht man heute davon aus, dass derartige Fälle nicht selten sind. Eine Bedrohung, die als hoch zu beurteilen ist. Die Gefährdung wird auch noch dadurch erhöht, dass die Sicherheitsbehörden die Identität solcher Personen kaum überprüfen können, wenn sie überhaupt noch auffindbar sind. Die Anschlagsgefahr eingeschleuster IS-Kämpfer ist daher real. Darauf konzentrieren sich derzeit Sicherheitsbehörden und Nachrichtendienste.

(-) Eine Vielzahl der Flüchtlinge ist traumatisiert. Unterschiedliche soziale Herkunft und religiöse Zuordnung in einer neuen, schwierigen Umgebung sorgen für interne Spannungen. Diese Entwicklung fördert die Tendenz zur Radikalisierung und Gewaltbereitschaft und stellte die Gastgebernation vor schier unlösbare Sicherheitsprobleme.

(-) Nicht der IS ist die größte Bedrohung für die innere Sicherheit in Deutschland. Es sind die Nachahmungstäter, die eine rasche Radikalisierung durchlaufen und den Sicherheitsbehörden bis zur Tat überwiegend unbekannt sind. Dass der IS sich in weiterer Folge zu den Taten bekennt, wirkt wie ein Motivationsschub für potenzielle Täter und führt zu einem Prozess, welche die Sicherheitsbehörden als Selbstradikalisierung charakterisieren.

(-) Von all den uns bisher bekannten Terroranschlägen der letzten Jahre, eröffnet der Anschlag in Nizza eine neue Dimension des Terrors. Die Erkenntnis, dass es weder eines Sprengstoffes noch einer aufwendigen Logistik bedarf, um Massenmord zu begehen, lassen die Behörden mit der Erkenntnis zurück, dass solche Veranstaltungen letztlich nicht zu schützen sind. Die Kombination eines Einzeltäters in Verbindung mit der Nutzung jederzeit verfügbarer Gerätschaften, beispielsweise eines Kraftfahrzeugs wie in Nizza, stellt die Sicherheitsbehörden künftig vor schier unlösbare Probleme.

(-) Wie sehr ein Einzeltäter das öffentliche Leben einer deutschen Großstadt zum Stillstand bringen kann, belegt der Vorfall in München. Mehr als 2.200 Polizeibeamte und Sondereinsatzkräfte, inklusive GSG9 und auch Teile der österreichischen Cobra waren im Einsatz. Selbst Stunden nach der Tat gab es widersprüchliche Meldungen darüber, was in der Stadt vorgeht. Panik brach unter der Bevölkerung aus. Die öffentlichen Verkehrsmittel wurden stillgelegt und die Bürger aufgefordert in ihren Häusern zu bleiben. Panikartige Szenen spielten sich in der Innenstadt ab. Halbinformationen und Gerüchte wurden über die Social Media verbreitet und schufen ein Lagebild, dass auch Stunden danach, mit der Realität wenig zu tun hatte. Erstmals auf deutschem Boden wurde die Interaktion zwischen Polizei und Bürgern in dieser Dimension zu einem Informationsdesaster für die Betroffenen.

Für die Sicherheit der Bürger ist diese Entwicklung alles andere als beruhigend. Die Intensität der Konflikte in den Krisenregionen im Süden und im Südosten der EU-Außengrenze als auch in Syrien und im Irak, wird sich auf absehbare Zeit nicht beruhigen. Die negative Ausstrahlung auf die europäische und damit auch deutsche Sicherheit wird weiter anhalten. Deutschland bleibt das attraktivste Einwanderungsland innerhalb der EU.

Wie sehr die Politik mit der derzeitigen Sicherheitssituation gefordert ist, zeigt der, von Kanzlerin Merkel im Rahmen ihrer Sommerkonferenz vorgestellte Neun-Punkte-Plan, wie die Aufstockung der Sicherheitsbehörden, die Schaffung eines nationalen Ein- und Ausreiseregisters, die Senkung der Hürden für die Abschiebung von Asylbewerbern, sowie ein Frühwarnsystem für Radikalisierungen bei Flüchtlingen. Der bayrische Innenminister Herrmann ließ im Lichte der Terrorereignisse damit aufhorchen, dass er die Abschiebung selbst in Krisengebiete andenke.

Die Ansätze gehen zwar in die richtige Richtung, kommen jedoch zu spät. Radikalisierung ist längst zur latenten Gefahr geworden, der nächste terroristische Anschlag nur eine Frage der Zeit. Die Gesellschaft reagiert wie immer nach Ereignissen dieser Art. Mehr Befugnisse für den Sicherheitsapparat, selbst eine Diskussion um die Schaffung einer „Nationalgarde“ ist angelaufen, zumal die Bundeswehr mit der Abschaffung der Wehrpflicht nicht mehr über die notwendigen Kapazitäten verfügt. Die Nachrichtendienste und Sicherheitsbehörden erhalten weiter Befugnisse und der Bürger muss mit Einschränkungen seiner Privatsphäre umzugehen lernen.

Fakt ist allerdings auch, dass alle diese Maßnahmen die Sicherheitslage nicht verbessern. Die Zivilgesellschaft auch in Deutschland wird feststellen müssen, dass Terror in Europa und auch in Deutschland zur Realität zu werden droht.

Dr. Gert R. Polli ist der ehemalige Leiter des österreichischen Bundesamtes für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung.

Osteuropa: Waffen für Söldner in Syrien, Nein zu Flüchtlingen
Osteuropa: Waffen für Söldner in Syrien, Nein zu Flüchtlingen
Die Haltung der osteuropäischen Staaten in der Flüchtlingsfrage kann einer neuen Studie zufolge als moralisch fragwürdig qualifiziert werden. Der Waffenhandel boomt. Viele Waffen landen bei Söldnern, die die Syrer vertreiben. Doch die Aufnahme von Flüchtlingen lehnen die Osteuropäer ab -…
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Polens Beata Szydlo, Tschechiens Bohuslav Sobotka, Ungarns Viktor Orban und der Slowake Robert Fico beim Visegrad-Gipfel in Warschau am 21. Juli 2016. (Foto: dpa)

Polens Beata Szydlo, Tschechiens Bohuslav Sobotka, Ungarns Viktor Orban und der Slowake Robert Fico beim Visegrad-Gipfel in Warschau am 21. Juli 2016. (Foto: dpa)

Einer Studie des Balkan Investigative Reporting Network (BIRN) und des Organized Crime and Corruption Reporting Project (OCCRP) zufolge wurden seit dem Jahr 2012 Waffen aus Kroatien, Tschechien, Serbien, der Slowakei, Bulgarien, Rumänien, Bosnien Herzegowina und Montenegro im Wert von insgesamt 1,2 Milliarden Dollar über diverse Golf-Staaten nach Syrien exportiert. Die Waffen-Flüge gingen alle in Richtung der US-Luftwaffenstützpunkte im Nahen Osten. Die Waffenempfänger sollen die Freie Syrische Armee (FSA), die al-Nusra-Front und weitere vom Westen unterstützte Söldner-Truppen gewesen sein.

Auch die Terror-Miliz ISIS soll Waffen aus Osteuropa erhalten haben. Bei den Rüstungsgütern handelt es sich nicht nur um Kalaschnikows, Maschinengewehre und Raketenwerfer, sondern auch um Panzer, Flaks und Raketensysteme. Robert Stephen Ford, US-Botschafter in Syrien zwischen 2011 und 2014, sagte BIRN und OCCRP, dass der Handel durch die CIA koordiniert wird. Berichtet Balkan Insight. Der Waffentransfer aus Osteuropa in den Nahen Osten ist rechtlich illegal. „Die Beweise deuten in Richtung einer systematischen Abzweigung von Waffen an die bewaffneten Gruppen hin, die beschuldigt werden, schwere Menschenrechtsverletzungen zu begehen. Wenn dies der Fall ist, sind die Transfers aus Sicht des UN-Waffenhandelsabkommens und gemäß des internationalen Rechts illegal und müssten deshalb sofort eingestellt werden“, sagt Patrick Wilcken, ein Rüstungskontroll-Forscher von Amnesty International, der die Beweise von BIRN und OCCRP geprüft hat.

Waffen aus Mittel- und Osteuropa wurden mit Frachtflügen und Schiffen geliefert. Durch die Identifizierung der Flugzeuge und Schiffe waren Reporter in der Lage, den Zustrom von Waffen in Echtzeit zu verfolgen. Eine detaillierte Analyse der Flughafenpläne, Frachtfluggeschichte, Flug-Tracking-Daten und Flugsicherung konnte in den vergangenen 13 Monaten 68 Waffenflüge identifizieren, die für den Syrien-Konflikt bestimmt waren.

Die Waffenlieferungen aus den osteuropäischen Staaten an Söldner im Syrien-Konflikt haben einen entscheidenden Anteil dazu beigetragen, dass im Syrien-Konflikt hunderttausende Menschen getötet wurden und weitere Millionen in die Nachbarstaaten Syriens und nach Europa fliehen mussten. Die Flüchtlingskrise hätte ohne diese Lieferungen nicht das aktuelle Ausmaß erreichen können. Obwohl besonders viele Waffen von Tschechien für den Syrien-Konflikt bereitgestellt wurden, möchte die Regierung in Prag keine syrischen Flüchtlinge aufnehmen. Auch zwei Drittel der tschechischen Bevölkerung lehnen die Aufnahme von Flüchtlingen ab, berichtet die Heinrich Böll Stiftung.

Der tschechische Außenminister Lubomir Zaoralek sieht nicht die Waffenflügeseines Landes als einer der Ursachen für die Flüchtlingskrise an, sondern Russland. „Die Russen sind aktiv dabei, Flüchtlinge über die nördliche Route und per Luft an uns zu senden“, zitiert der Prague Daily Monitor Zaoralek.

Tschechiens Präsident Milos Zeman lehnt die Flüchtlingsaufnahme mit der Begründung, dass es sich bei den Syrern um Muslime und damit um eine „organisierte muslimische Invasion“ handelt, ab, berichtet der Guardian. Stattdessen sollten die Flüchtlinge in ihren Ländern bleiben, um gegen ISIS zu kämpfen.

Auch der slowakische Premier Robert Fico sagt, dass sein Land keine „muslimischen Flüchtlinge“ aus Syrien aufnehmen wird, berichtet der Independent.

Tschechien hat bisher Waffen im Wert von 302 Millionen Dollar und die Slowakei Waffen im Wert von 192 Millionen Dollar für den Syrien-Konflikt geliefert, die in den Händen von islamistischen Söldnern und ISIS landeten.

Kurden-Partei geht nach dem Putsch wieder auf Distanz zu Erdogan
Kurden-Partei geht nach dem Putsch wieder auf Distanz zu Erdogan
Der Kurden-Führer Demirtas wirft dem türkischen Präsidenten Erdogan vor, die Chance auf einen Friedensprozess verspielt zu haben. Im Osten der Türkei flammen die Kämpfe wieder auf. Die Eintracht nach dem Putsch ist Vergangenheit.
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Der türkische Staatschef Erdogan. (Foto: dpa)

Der türkische Staatschef Erdogan. (Foto: dpa)

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat nach Ansicht des Chefs der prokurdischen Opposition die Chance zur Beilegung des Konflikts mit der PKK vertan. Der gescheiterte Militärputsch von Mitte Juli hätte als Gelegenheit für eine Wiederbelebung des Friedensprozesses genutzt werden können, sagte der Co-Vorsitzende der Kurdenpartei HDP, Selahattin Demirtas, in einem Reuters-Interview vom Samstag. „Aber Erdogan sieht die Krise nicht als einen Weg zur Demokratisierung.“ Zugleich äußerte er sich besorgt, dass nach dem massiven Vorgehen gegen Zehntausende mutmaßliche Unterstützer der Putschisten auch die breitere Opposition zunehmend ins Visier der Behörden geraten könnte.

Selahattin Demirtas ist ein gern gesehener Gast in Washington. Am 26. September 2014 nahm er gemeinsam mit dem türkisch-kurdischen CHP-Politiker Sezgin Tanrikulu an einer Kurden-Konferenz des Center for American Progress teil. Tanrikulu ist mit der Nummer TR705 der Hauptinformant von Stratfor. Gürsel Tekin ist laut Wikileaks ebenfalls Informant von Stratfor.

Nach Informationen von Al Jazeera soll er sich auch mit Vertretern des US-Außenministeriums und des US-Kongresses getroffen haben. Er nahm an weiteren Kurden-Konferenzen am Brookings Institution (24. April 2012)

Am 26. September 2014 und am 29. April 2016 war er zu Besuch beim National Press Club.

Ende 2015 traf er sich mit Vertretern des Weißen Hauses und des US-Außenministeriums in Washington. Er traf sich im Weißen Haus mit Obamas Nahostberater Robert Malley, US-Vizeaußenminister Tony Blinken und dem US-Abgeordneten Adam Smith. Demirtas sagte nach dem Treffen mit den US-Vertretern, dass es sich um sehr konstruktive Gespräche gehandelt habe. In der Vergangenheit hätte es im Rahmen des türkisch-kurdischen Friedensprozesses direkte Gespräche zwischen der PKK gegeben. Doch er er hoffe sich von nun an internationale Beobachter und keine direkten Gespräche, da diese nicht gefruchtet hätten, berichtet Milliyet.

Zuvor hatte Demirtas am 3. Dezember 2015 an einer Kurden-Konferenz am Middle East Institute in Washington teilgenommen.

Selahattin Demirtas ist Alumni des International Visitor Leadership Program (IVLP) des US-Außenministeriums. Die BBC berichtet, dass dieses Programm dazu dient, künftige politische Führer weltweit vorzubereiten und ihnen bei ihrer Karriere zu helfen. Laut BBC gehören auch Nicolas Sarkozy oder Hamid Karazi zu den IVLP-Alumnis.

Der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck (Jahrgang 1993), Michael Saakaschwili (1985), Jens Stoltenberg (1988), Abdullah Gül (1995), Donald Tusk (1993), Robert Fico (1990), haben ebenfalls das IVLP-Programm absolviert.

Das Foreign Policy-Magazin hatte Selahattin Demirtas im Jahr 2015 in die Liste der „100 Global Thinkers“ aufgenommen, weil er „Erdogans Träume zerschmettert“ habe.

Im Jahr 2013 wurde ein Telefongespräch zwischen dem türkischen Geschäftsmann Süleyman Hamit Müftigil und einen Journalisten der Zeitung Sözcü auf Youtube veröffentlicht. Müftigil gilt als einer der Mittelsmänner zwischen den USA und der Gülen-Bewegung. Müftigil sagte im Gespräch, dass die PKK in der kommenden Zeit erneut den bewaffneten Kampf aufnehmen werde, egal was der inhaftierte PKK-Chef Abdullah Öcalan sagt.

Müftigil sagt dem Journalisten, dass am 28. Oktober 2013 eine Kurdenkonferenz in Washington D.C. stattfinden soll. Der HDP-Politiker Selahattin Demirtaş und die gesamte kurdische Diaspora seien eingeladen. Auch der syrische Kurdenführer Salih Muslim sei eingeladen. Die Teilnehmer seien allesamt Gegner Abdullah Öcalans. Sie seien nicht interessiert am Friedensprozess, der von Erdoğan und Öcalan ins Leben gerufen wurde. Die Anti-Öcalan-Fraktion werde von einigen Abgeordneten aus dem US-Kongress unterstützt, so Müftigil. Öcalan habe nichts mehr zu melden. Müftigil deutet an, dass Israel die Anti-Öcalan-Fraktion unterstützen würde. Doch konkrete Namen nennt er nicht. Er erwähnt beispielsweise auch nicht, dass die Obama-Regierung interessiert ist am Friedensprozess zwischen Kurden und Türken. Im US-Kongress gibt es deshalb auch viele Obama-Gegner.

„Von nun an beginnt wieder der bewaffnete Kampf. Öcalan muss sich aufgrund seiner Haftstrafe friedfertig zeigen. Doch die anderen akzeptieren das nicht mehr. Sie sagen Öcalan, dass er sich endlich `verpissen´ oder `verrecken´ soll.“

Der Sözcü-Journalist zeigt sich verwundert und betroffen, da der Kurdenkonflikt wieder aufflammen könnte. Daraufhin antwortet Müftigil, dass das türkische Volk ohnehin „dumm“ sei. „Die sind wie Schafe und haben nicht den blassesten Schimmer darüber, was wirklich los ist“, so Müftigil. Anschließend holt Müftigil aus und sagt, dass Erdoğan und Öcalan auf jeden Fall „beseitigt“ werden müssen. Auch Barzani müsse „beseitigt“ werden. Es herrsche ohnehin eine tiefe Feindschaft zwischen Barzani und dem syrischen Kurdenführer Salih Muslim. Erdoğan, Barzani und Öcalan sind die wichtigsten Personen im Friedensprozess zwischen Kurden und Türken.

Bei den türkischen Parlamentswahlen im Juni 2015 hatten die Grünen in Deutschland aktiv den Wahlkampf der HDP unterstützt. Es wurden Wahlkampfaufrufe in Deutsch, Türkisch und Kurdisch hergestellt und veröffentlicht.

Nach dem Putschversuch hatte die Gewalt im überwiegend von Kurden bewohnten Südosten der Türkei vorübergehend nachgelassen. Doch weder der Staat noch die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK schienen bereit, daraus Kapital für die seit 2015 brachliegenden Bemühungen um Frieden zu schlagen, sagte Demirtas. „Wir haben von keiner Seite irgendwelche positiven Signale erhalten, dass dies eine Gelegenheit für eine Lösung sein wird.“

Zum Wochenende flammte die Gewalt wieder auf. Nach Armee-Angaben wurden am Samstag 35 PKK-Rebellen getötet, als sie versuchten, einen Militärstützpunkt in der Provinz Hakkari zu stürmen. Bei Kämpfen am Freitag seien acht Soldaten getötet worden. Insgesamt wurden in dem seit mehr als drei Jahrzehnten anhaltenden Konflikt 40.000 Menschen getötet.

Die HDP ist die drittgrößte Kraft im Parlament. Sie weist Vorwürfe zurück, direkt mit der nach mehr Autonomie strebenden PKK in Verbindung zu stehen. Bereits vor dem Putschversuch hatte sich Erdogan erfolgreich dafür eingesetzt, dass ihren Abgeordneten die parlamentarische Immunität entzogen wird. Kritikern zufolge will er so versuchen, seine Machtbasis zu erweitern.

Auch nach dem Putschversuch am 15. Juli und der Verhängung des Aufnahmezustands am 21. Juli setzten die Staatsanwälte ihre rechtlichen Schritte gegen HDP-Abgeordnete fort. Demirtas etwa erhielt allein in der vergangenen Woche zwölf neue Vorladungen. Zu einem Gespräch zwischen Erdogan und anderen Parteichefs nach dem Putschversuch, das nationale Einheit signalisieren sollte, wurde er nicht eingeladen. „Wir machen uns Sorgen, dass der Ausnahmezustand zunehmend gegen die wahre Opposition in der Türkei genutzt werden könnte“, sagte Demirtas, der unmittelbar nach dem Putsch noch Partei für Erdogan ergriffen hatte und sich gegen die Putschisten gestellt hatte.

ETH Zürich entwickelt fliegenden Zug
ETH Zürich entwickelt fliegenden Zug
Ingenieure der ETH Lausanne arbeiten derzeit an einer Möglichkeit, auch ohne Brücke und Tunnel mit dem Zug große Strecken beispielsweise über das Meer zu überbrücken. Ein Clicksystem soll Waggons mit einem Flugzeug verbinden und reisen noch entspannter machen.
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Theoretisch könnten in den drei Waggons bis zu 450 Passagiere transportiert werden. (Foto: © EPFL / TRANSP-OR / LIV / ICOM)

Theoretisch könnten in den drei Waggons bis zu 450 Passagiere transportiert werden. (Foto: © EPFL / TRANSP-OR / LIV / ICOM)

Clip Air heißt das Projekt der ETH Lausanne. Dabei geht es um eine neue Art Flugzeug, die es ermöglichen soll, im Zugwaggon sitzen zu bleiben und fliegenderweise damit auf Reisen zu gehen. So könnte eine Atlantiküberquerung mit dem Zugwaggon bald möglich sein.

Dafür arbeiten die Ingenieure der Universität derzeit an einem Nurflügler-Flugzeug, bei dem die Waggons unter den Tragflächen befestigt werden sollen. Am Ende soll das neuartige Verkehrsmittel sogar weniger Treibstoff benötigen als herkömmliche Flugzeuge. Die bisherigen Entwicklungen zeigen einen Nurflügler, der dank seiner drei Turbinen drei Kapseln mit einer Länge von 30 Metern und einem Gewicht von 30 Tonnen transportieren kann.

Jede der Kapseln soll 150 Passagiere Platz bieten. Damit könnte das neuartige Flugzeug 450 Passagiere auf einmal transportieren. Zum Vergleich: Um 450 Menschen mit normalen Flugzeugen zu transportieren, würde man bisher drei Airbus A 320 und somit auch sechs Turbinen benötigen.

Der erste Schritt hin zum neuen Transportmittel ist nun die Testphase mit einer Drohne. Diese verfügt über eine Spannweite von zehn Metern und soll behilflich sein, das Clip-Air-Prinzip unter realen Bedingungen zu testen und Informationen über den tatsächlichen Treibstoffverbrauch zu erhalten.

So weit entfernt von der Realität liegen die Schweizer Ingenieure aber nicht, wie ein Blick in die Forschungsarbeit von Airbus zeigt. Im November des vergangenen Jahres wurde ein Patentantrag von Airbus von der US-amerikanischen Patentbehörde genehmigt. Hierbei ging es um modulare Kabinen, die es ermöglichen sollen, die Standzeiten des Flugzeugs beim „Be- und Entladen von Passagieren“ zu reduzieren. Wären die Kabinen vom Flugzeug unabhängig, könnten die Passagiere bereits viel früher einsteigen.

Gänge oder Bustransporte über die Gangway wären unnötig. Die Passagiere würden nach dem Check In direkt am Gate in die Kabinen steigen. Mit einer Hebevorrichtung sollen diese im Anschluss am Rumpf des Flugzeuges angesetzt werden. Entsprechend könnte das Flugzeug nach der Landung sofort zur nächsten Kabine übergehen, statt warten zu müssen, bis alle Passagiere und Gepäckstücke das Flugzeug verlassen haben.

Ob dieses Patent jedoch tatsächlich irgendwann zu einer Entwicklung führt, ist noch unklar. Neue Flugzeuge und Kabinen müssten gebaut und ganz Flughäfen vermutlich umgerüstet werden. Vielleicht ließe der Neubau oder die Modernisierung von Flughäfen aber eine solche Umrüstung zu Testzwecken schon einmal zu.

Das neue DWN-Magazin: Worum es in Syrien wirklich geht
Das neue DWN-Magazin: Worum es in Syrien wirklich geht
Das neue DWN-Magazin geht der Frage nach, was hinter dem Syrien-Konflikt steckt und warum andere Staaten an einem Krieg in diesem Land interessiert sind. Der Krieg wird fälschlich als Bürgerkrieg bezeichnet. Tatsächlich handelt es sich um einen Krieg um Rohstoffe,…
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UNESCO Weltkulturerbe Palmyra in Syrien – zerstört durch ISIS. (Foto: dpa)

UNESCO Weltkulturerbe Palmyra – zerstört durch ISIS. (Foto: dpa)

Das neue DWN-Magazin widmet sich der Diskussion um den Syrien-Konflikt. Es geht um die Weichenstellungen für den internationalen Energiemarkt. Amerikaner, Saudis und Russen ringen um die Vorherrschaft.

Für die Russen ist der Syrien-Konflikt von enormer strategischer Bedeutung, weil die Russen verhindern wollen, dass Katar für den europäischen Energie-Markt zur Alternative wird. Wenn Russland seinen Einfluss in Syrien verliert, hätte dies zur Folge, dass dem russischen Energieriesen Gazprom ein ernster Konkurrent aus der Golf-Region erwachsen könnte.

Die Saudis wissen um die wirtschaftlichen Interessen Moskaus und machten daher den Russen ein Angebot, wie man das Ende des Bürgerkriegs in Syrien auch in einen Vorteil für Russland umwandeln könnte. Der saudische Geheimdienst-Chef schlug den Russen mit voller Unterstützung der USA eine mögliche, gemeinsame Strategie vor. Auch die Organisation der erdölexportierenden Länder solle diesem Bündnis beiwohnen. Der Plan der Saudis ist eine Pipeline, die Europa mit Erdgas beliefern soll.

Putin strebt seit längerem ein solches Abkommen an. Wenn Saudi-Arabien seine Fördermenge reduzieren und der Ölpreis steigen würde, könnte Russlands Regierung zusätzliche Einnahmen erzielen. Putin lehnte das Angebot der Saudis jedoch ab: „Unsere Haltung zu Assad wird sich niemals ändern. Wir glauben, dass die syrische Regierung der beste Vertreter des syrischen Volkes ist und nicht diese Kannibalen.“

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Die wichtigsten Informationen finden Sie dazu im neuen Monatsmagazin der DWN.

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