Politik

EU-Freizügigkeit: Nur wenige Europäer wechseln in ein anderes Land

Nur 14 Millionen EU-Bürger haben seit der Einführung der Freizügigkeit das Land gewechselt, in dem sie leben – Rentner, Schüler und Studenten eingerechnet. Die Zahl der Wander-Arbeiter dürfte unter 3 Prozent liegen. Die Idee des Arbeitsmarktes ohne Grenzen ist gescheitert - zum Schaden der Wirtschaft und der Arbeitnehmer.
02.01.2014 01:28
Lesezeit: 5 min

In seiner Erklärung zum Neuen Jahr hat EU-Sozial-Kommissar László Andor in einem kleinen Nebensatz seiner Erklärung zur Freizügigkeit verraten, dass nur ein minimaler Teil der EU-Bürger von der vielgerühmten und stark bekämpften Freizügigkeit Gebrauch machen. Andor schreibt, dass „14 Millionen Europäer in einem anderen Mitgliedsland studieren, arbeiten oder ihren Lebensabend verbringen“.

Bei einer Gesamtzahl von 333 Millionen EU-Bürgern (inklusive Lettland) ist das ein erstaunlich geringer Prozentsatz: Nicht einmal 5 Prozent aller EU-Bürger bewegen sich demnach aus ihrem Heimatland.

Diese Zahlen stimmen mit jenen überein, die der Ökonom Pankaj Ghemawat in seinem Buch „World 3.0“ erhoben hat. Ghemawat schreibt in seiner Untersuchung, dass die Idee einer globalen Arbeits-Wanderung ein Märchen ist: Die Zahlen weltweit belegen, dass weniger als 10 Prozent aller Menschen ihr Heimatland dauerhaft verlassen (mehr zu diesem Dilemma hier).

Auch die Fakten zu der mit viel Pomp eingeführten Blue Card in Deutschland sind ernüchternd: Nur etwa 7.000 Arbeitssuchende, die von außerhalb der EU nach Deutschland gelockt werden sollten, haben seither mit einer Blue Card eine Stelle angetreten. Davon sind 4.000 bereits vorher im Land gewesen, sagte der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Frank-Jürgen Weise.

Die Gründe liegen auf der Hand: Sprachliche, kulturelle und soziale Bindungen gibt der Durchschnittsmensch nicht einfach auf – er kann sich in der Regel nur verschlechtern, wenn er nicht zweisprachig aufgewachsen und extrem hoch qualifiziert ist.

Diese Fakten gelten in Europa wie eh und je. Und auch der wirtschaftliche Vorteil, den jemand daraus gewinnen kann, dass er sein Heimatland verlässt, ist begrenzt durch die höheren Kosten, die sich daraus ergeben, dass man ein völlig neues Netzwerk in der Fremde aufbauen muss.

Die EU unterliegt in der Frage der Freizügigkeit ebenso einem ideologischen Irrtum wie die schärfsten Gegner der Arbeitsmigration: Eine neulich von Facebook erstellte Untersuchung zeigt, dass außereuropäische Arbeitskräfte kein Interesse an Kontinentaleuropa haben (mehr hier).

Nur London gilt als Ort der Zuwanderung, der englischen Sprache wegen und wegen der langen Einwanderungstradition in Großbritannien. Doch selbst in London weicht die Euphorie selbst der hochqualifizierten Migranten sehr bald der Ernüchterung: Sie bleiben Menschen zweiter Klasse, so wie jene Briten, die nicht auf die Elite-Universitäten gegangen sind oder zu einer der Traditions-Familien des Empire zur Kenntnis nehmen müssen, dass ihr Aufstieg nur bis zu einem gewissen Niveau gelingen kann – und keinesfalls bis ganz nach oben.

Der Fetisch der Freizügigkeit hat dagegen in den ärmeren EU-Staaten wie Bulgarien oder Rumänien dazu geführt, dass die Länder einen gewaltigen Verlust an beruflicher Intelligenz hinnehmen müssen: Prognosen sagen voraus, dass die Gesundheitssysteme von Bulgarien und Rumänien zusammenbrechen werden, wenn die Ärzte tatsächlich wie erwartet massiv in andere EU-Staaten auswandern (mehr hier).

Umgekehrt wird es für Ärzte – um bei dem Beispiel zu bleiben – sehr schwierig, ihren Job etwa in Ostdeutschland, wo es kaum noch niedergelassene Ärzte gibt, auszuführen: Der Arzt muss die Sprache der Patienten verstehen, was in vielen Teilen Europas sogar ein Dialekt-Problem ist. Gerade einfache Leute sprechen nicht nach dem Duden. Sie treffen nun mit der Schilderung einer komplexen Krankheit auf Ärzte, die mit Müh und Not die wichtigsten Fachbegriffe in der Landessprache sprechen können. Missverständnisse und falsche Diagnosen erfolgen fast zwangsläufig – und auch damit ist keinem gedient.

Vor allem aber wird das Problem der Arbeitslosigkeit nicht behoben: Wenn so wenige EU-Europäer überhaupt bereit sind, die Mühsal einer Emigration auf sich zu nehmen, werden die Arbeitsloseraten in Südeuropa so hoch bleiben, wie sie sind.

Die EU möchte durch bürokratische Vorkehrungen gegensteuern: Andor preis in seinem Statement ein „paneuropäisches Job-Netzwerk“ namens EURES als nationenübergreifenden Stellenmarkt an.

Dieses Netzwerk ist wie vieles in der EU: unbrauchbar.

Wer beispielsweise eingibt, dass er als „Leiter eines kleinen Unternehmens“ einen Job in Frankreich sucht, bekommt von der EU-Maschine unter 89 freien Stellen etwa folgendes Angebot:

„Recherche un chef de site spécialisé dans le domaine de la santé pour son établissement de Villeurbanne (69). Rattaché à un de nos inspecteurs, vous aurez pour principales missions: d'assurer l'organisation et le suivi de plusieurs sites, de gérer le planning et les travaux réalisés sur le site, de gérer le personnel au quotidien sur les sites dont vous aurez la charge(motivation, formation, écoute, prise de décision), d'assurer le contact avec les interlocuteurs terrain du client, d'assurer les tâches d'entretien et de nettoyage conformément au cahier des charges défini avec le client, de suivre les indicateurs technico-economiques et de préserver la rentabilité des sites, d'être le (la) garant(e) du respect de la sécurité et des procédures de travail, de rendre compte de vos activités à votre inspecteur. Vous gérerez principalement le nettoyage et la désinfection des chambres et des services de soins. vous serez en contact permanent avec le personnel soignant. Poste évolutif.

GSF. Coordonnées : recrutement@gsf.fr

GSF s'affirme comme l'un des leaders de la propreté et des services associés (656 ME) de CA, 112 établissements en France et 29500 collaborateurs dans le monde) et se distingue par une culture d'entreprise où, identité, culture client, respect des hommes et professionalisme sont des valeurs fortes.“

Für diesen Job ist ein Monatsgehalt von 1.780 Euro ausgelobt.

Eine deutsche, rumänische, finnische oder italienische Übersetzung dieses Job-Angebots existiert nicht.

Welcher Nicht-Franzose kann sich denn auf einen solchen Job bewerben? Für 1.780 Euro monatlich wird vorausgesetzt, dass man fließend in einem Fachgebiet französisch spricht – und sich dann gegen vermutlich hunderte Bewerber aus der Region, die die staatlichen Stellen vermutlich persönlich kennen, durchsetzen kann?

Man kann davon ausgehen, dass der EU-Kommissar, ein Ungar, noch nie auf dieser Website war. Sonst würde er nicht behaupten, dass just dieser Stellenmarkt das Problem der Arbeitslosigkeit in Europa lösen wird.

Die Bürokraten, die aus den EU-Staaten nach Brüssel gespült wurden, weil sie dort eine post-politische Karriere mit starkem EntVersorgungscharakter absolvieren, haben sich nie mit dem Detail eines Problems beschäftigt.

Ähnliches gilt für die deutschen Arbeits-Experten wie den neuen Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Dieser sagte der SZ: „Die europäischen Freiheiten sind der Kern unserer Idee von Europa, die Arbeitnehmer-Freizügigkeit ist ein unverzichtbarer Teil der europäischen Integration. Deutschland hat davon ungemein und sicher viel mehr als andere profitiert.“

All diese Sonntags-Redner und Interview-Weltmeister glauben, dass es reicht, wenn man eine Ideologie wie ein Banner vor sich herträgt.

Doch die Freizügigkeit ist, wenn man auf das entscheidende Detail achtet, einen Illusion, eine schöne Idee, eine Fantasie.

In der politischen Praxis funktioniert sie nicht.

Der Fluch der EU besteht darin, dass sie von Berufspolitikern geleitet wird, die niemals in ihrem Leben in einem wirklichen Job außerhalb des klinisch sauberen Elfenbeinturms der Parteien-Herrschaft gearbeitet haben.

Diese Leute können zu Neujahr schöne Reden halten (wenn ihnen überhaupt jemand zuhört).

Das dramatische Problem der hohen Arbeitslosigkeit, besonders unter Jugendlichen, können diese Technokraten nicht lösen.

Es ist schade um jeden Cent außer Steuergeldern. Das Geld wäre besser bei einer radikal dezentralisierten Innovations-Förderung investiert. In der Ausbildung von Jugendlichen im Technologie-Bereich. In der Entlastung der kleinen und mittleren Unternehmen, was Steuerlast und Finanzierung von Staatsapparaten betrifft. In Programmen, die das große Geschäft der kommenden Jahrzehnte – die Altenpflege und das Gesundheitswesen, in den Regionen sicherstellt, indem man lokal junge Leute für Pflege und medizinische Dienste befähigt.

Doch das alles kann nicht über eine zentrale Steuerung aus einer ahnungslosen Politiker-Klasse kommen.

Ein Politiker, der nicht mindestens drei Jahre in der Pflege gearbeitet hat, dürfte keine Entscheidungen in diesem Bereich treffen.

Dasselbe gilt für Software-Entwicklung, Bildung, Maschinenbau, Energie und all den anderen Berufen.

Mit Ideologie allein schafft man keine Arbeitsplätze.

Man erweckt den Anschein, die Probleme lösen zu können.

Doch die Probleme der EU werden im kalten Wind der Globalisierung nur mit viel Sachverstand zu lösen sein.

Weil dieser jedoch in Brüssel, Berlin, Paris und all den anderen politischen Zentren weitgehend fehlt, steuert Europa auf ein verlorenes Jahrzehnt zu.

Die verantwortlichen Politiker hoffen auf Freizügigkeit, wenn sie schließlich den Abgang werden machen müssen.

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