Fukushima: Hoch radioaktives schwarzes Pulver in Tokio entdeckt

Der deutsche Physiker Sebastian Pflugbeil hat in Japan alarmierende Beobachtungen nach der Katastrophe von Fukushima gemacht. So habe er in der Hauptstadt Tokio Phänomene beobachtet, die er noch nie gesehen habe: Radioaktiver Staub, der von der Kernschmelze stammen dürfte, sei auf den Straßen der Hauptstadt gefunden worden.

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Politik, Medien und Mafia arbeiten Hand in Hand, um die Folgen von Fukushima zu vertuschen. Der deutsche Physiker Sebastian Pflugbeil war in Japan und konnte sich so ein Bild von den katastrophalen Auswirkungen der Atomunfalls auf ganz Japan machen. Die Vergabe der Olympischen Spiele 2020 sei ein Riesen-Fehler gewesen. Denn selbst in Tokio gibt es mittlerweile Strahlenwerte, die nur von Rückständen der Kernschmelzen stammen können. Pflugbeil sagte den Deutschen Wirtschafts Nachrichten, es gebe Messungen, „die machen mehr als unruhig“.

Sebastian Pflugbeil, der Präsident der deutschen Gesellschaft für Strahlenschutz e.V. ist, besuchte im März Japan und konnte sich so ein Bild der Auswirkungen der Fukushima-Katastrophe machen. So sei es ein „Riesen-Fehler“ gewesen, die Olympischen Spiele nach Japan zu vergeben. „Die Bedingungen sind völlig irrwitzig.“ In Tokio habe er hochgradig verstrahlte pulvrige Rückstände entdeckt. Ein solches Phänomen habe er noch nie gesehen, so Pflugbeil.

Zu beunruhigenden Phänomenen in der Hauptstadt Tokio:

Es war ein Riesen-Fehler die Olympischen Spiele nach Japan zu vergeben. Geplant ist Sportler im Norden von Tokio unterzubringen in Gebieten, die erheblich kontaminiert sind. Die Bedingungen sind völlig irrwitzig. Es gibt Messungen, die machen mehr als unruhig. Dabei handelt es sich nur um Zufallsfunde, etwa in Parks, auf Spielplätzen oder Hausdächern. Bei meinem letzten Japan-Besuch vor wenigen Tagen habe ich Phänomene gesehen, die ich so noch nie gesehen habe.

Pulvrige schwarze Rückstände, ähnlich einer getrockneten Pfütze, waren auf der Straße sichtbar. Dieses Pulver war so hochgradig radioaktiv, dass es nur von Rückständen der Kernschmelzen stammen kann. Wie das Pulver bis nach Tokio transportiert wurde, ist bislang nicht bekannt. Besonders gefährlich ist das für Kinder, die oft am Boden spielen oder auch mal hinfallen. Immer wieder muss man feststellen, dass dekontaminierte Flächen nach einiger Zeit wieder belastet sind. Niemand weiß, wie man die Radioaktivität aus den bewaldeten Bergen entfernen könnte. Jeder Regen und auch die Schneeschmelze bringt verschmutztes Wasser in die Täler, Bäche und Flüsse.

Sebastian Pflugbeil zur Bekanntgabe von Tepco, demnächst gewaltige Mengen radioaktives Wasser in den Pazifik abzulassen:

Jeden Tag gelangen 400 Kubikmeter kontaminiertes Wasser in den Ozean. Was aber keiner weiß: Die gleiche Menge sickert jeden Tag über das Grundwasser in den Pazifik. Das bedeutet, dass 800 Kubikmeter radioaktive Brühe tagtäglich in die Umwelt gelangen. Das geschieht seit drei Jahren. Die Folgen sind überhaupt nicht absehbar. Leider haben die Fischer der Region sich überreden lassen, der Ableitung von kontaminiertem Wasser in den Pazifik zuzustimmen – wenn denn die Grenzwerte deutlich unterschritten würden (mehr hier). So verständlich es ist, dass die Fischer um ihren Lebensunterhalt kämpfen – auf nur gering belastete Ableitungen in den Pazifik zu vertrauen, erscheint mehr als leichtsinnig.

Zur Ankündigung, dass Tepco das in den Pazifik geleitete Wasser filtern will:

Man kann Cäsium aus der Brühe rausfiltern, doch die Anlagen dafür sind meistens defekt. Das gefährlichere Strontium kann gar nicht gefiltert werden. Premier Abe hat zwar vor dem Zuschlag zu den Olympischen Spielen 2020 gesagt, dass die Situation im KKW Fukushima beherrscht werde (hier). Nach dem Zuschlag hat er sich dann aber an die wissenschaftliche Welt mit der Frage gewandt, wie man das Strontium loswerden könne. Allerdings gibt es darauf weltweit keine Antwort der Wissenschaft. Es gab bis jetzt noch keinen vergleichbaren Fall.

Zu den Bedingungen der Arbeiter in Fukushima:

Sebastian Pflugbeil kehrte soeben von einem Japan-Besuch zurück. (Foto: Flickr/ippnw Deutschland)

Sebastian Pflugbeil kehrte soeben von einem Japan-Besuch zurück. (Foto: Flickr/ippnw Deutschland)

Es ist kein Geheimnis, dass es zwei Arten von Arbeitern gibt. Die offiziellen, von denen die wenigsten noch arbeiten dürfen, da sie die Höchstgrenze für Strahlenwerte bereits überstiegen haben. Und die inoffiziellen, die von der Yakusa – der japanischen Mafia –  nach Fukushima gebracht werden (hier). Die Obdachlosen oder Hilfsarbeiter unterliegen keiner medizinischen Kontrolle. Sie arbeiten mit den bloßen Händen, müssen mit Schippe und Besen die Flüssigkeiten aus den leckenden Tanks zusammenwischen. Hier kommen sie in Kontakt mit dem gefährlichen Strontium. Viele von ihnen sind nicht mit Dosimeter ausgestattet. Unklar ist, was mit den Arbeitern passiert. Viele von ihnen tauchen nach ihrem Einsatz nicht wieder auf. Es besteht der Verdacht, dass etliche von ihnen bereits schwer erkrankt oder gar verstorben sind. Das Bild, das Tepco und die Politik abliefern, ist sehr lückenhaft und stellt sich im Nachhinein als falsch heraus (hier).

Zur Lage in Fukushima:

Mittlerweile gibt es Gegenden auf der Anlage, wo sich keiner mehr hintraut. In Block 4 ist die Lage etwas besser als in den Blöcken 1 bis 3, wo eine Kernschmelze stattgefunden hat. In Block 4, welcher während der Katastrophe gar nicht in Betrieb war, konnten bereits ungenutzte Brennstäbe geborgen werden. Die gebrauchten, gefährlichen hängen dort immer noch in einer Art Badewanne. Sollte einer davon kaputtgehen, bedeutet das eine Katastrophe. Dann kann man nur noch die Beine in die Hand nehmen. In Block 1 bis 3 ist die Lage viel komplizierter. Seit drei Jahren konnte da überhaupt kein Fortschritt erzielt werden. Die Strahlenbelastung ist dort durch die Kernschmelze extrem hoch. Das wird uns noch Jahrzehnte beschäftigen. Eine zufriedenstellende Lösung werden wir wohl alle nicht mehr erleben.

Über die Folgen für die japanische Bevölkerung:

In Japan wird das Thema von Politik und Medien verharmlost. Die zuständigen Stellen sind vorwiegend daran interessiert, dass die Bürger sich ruhig verhalten, nicht weiter aus der Region um Fukushima fortziehen oder gar zurückkehren. Die Bewegung von Bürgerinitiativen ist zurückgegangen. Die sozialen Schwierigkeiten werden bisher als noch unangenehmer empfunden als die medizinischen Folgen, deren Ausmaß sich noch niemand wirklich vorstellen kann. Nachbarn, Kollegen oder die eigene Familie machen Druck, dass über die Atomkatastrophe besser geschwiegen wird.

Über staatliche Entschädigungen für Bewohner der Präfektur Fukushima:

Die Politik hat hier äußert willkürlich reagiert. Es gab Messungen an den Häusern. Wenn ein bestimmter Wert überschritten war, wurde die Familie bei der Umsiedlung unterstützt. Die Werte konnten sich allerdings bereits bei Nachbarhäusern unterscheiden. Das heißt, eine Familie wurde entschädigt, die andere nicht. Schlimm ist das vor allem für Frauen mit kleinen Kindern, die aus guten Gründen weggezogen sind. Oft hat sich die Familie deswegen getrennt, da die Männer wegen der Arbeit dort geblieben sind. Zu den gesundheitlichen Sorgen kamen die finanziellen noch dazu. Auch für jene, die Häuser gekauft haben und nun den Kredit weiterzahlen müssen, obwohl sie dort nicht mehr wohnen können und keine Entschädigung erhalten. Was die Menschen in Japan durchmachen, ist für uns nur schwer vorstellbar. Mittlerweile bietet die Politik Rückkehrern nach Fukushima ein neues Haus an. Die Verantwortlichen haben Angst, dass das Gebiet zunehmend verwaisen könnte.

Über die Folgen für den Pazifik:

Nahrungsketten im Wasser sind viel komplexer als jene am Land. An Land gibt es vielleicht vier, fünf Etagen. Ein Beispiel: Radioaktivität aus einem KKW-Schornstein, Wind, Regen, Niederschlag im Gras auf einer Weide, Kühe, die das Gras fressen. In der Milch wird die Konzentration von radioaktivem Jod etwas höher sein als die in der Luft. Im Wasser sind diese Ketten viel länger, da kommen teilweise astronomische Werte der Anreicherung von Radionukliden zusammen. Auch Muscheln, die ständig Wasser durch ihren Körper pumpen, können 10.000-mal so viel radioaktive Substanzen im Körper ansammeln, wie im Wasser in der Umgebung.

Die amerikanischen Medien berichten immer öfter über unerklärliche Phänomene vor der US-Westküste (hier), wie das Sterben von Seesternen, große Verluste in der Fischerei, hunderte toter Meeresschildkröten (hier). In Japan liest man davon nicht viel. Zwar sorgen die Messungen von japanischen Bürgerinitiativen dafür, dass die Lebensmittelketten dort einigermaßen die Grenzwerte einhalten. Was allerdings in Schulküchen oder Restaurants serviert wird, das will ich mir gar nicht vorstellen.

Über die langfristigen Folgen von Fukushima:

Die gesundheitlichen Folgen deuten sich ja bereits an. Mit einem nicht mehr bestreitbaren Anstieg der Krebserkrankungen rechne ich in ein, zwei Jahren (hier). Der Pazifik wird jahrzehntelang kontaminiert sein. Das Argument der Atom-Lobby, dass sich die Radioaktivität im Meer verdünnt, ist völliger Blödsinn. Die Folgen werden wahrscheinlich etwas anders aussehen als die von Tschernobyl – das liegt an den unterschiedlichen Katastrophenverläufen. Nach Tschernobyl war man sich in Westeuropa sicher, dass wir keinerlei Gesundheitsschäden haben würden. Nach etwa 10 Jahren wurde klar, dass es auch in Westeuropa vermehrt Leukämie, Downsyndrom, angeborene Fehlbildungen und Säuglingssterblichkeit gab. In Westeuropa haben es etwa 250.000 Kinder – überwiegend Mädchen – nicht bis zur Geburt geschafft. Es ist ernsthaft zu befürchten, dass all das in Japan schon stattfindet – noch werden diese Probleme aber ignoriert.

Dr. rer. nat. Sebastian Pflugbeil ist Präsident der deutschen Gesellschaft für Strahlenschutz e.V. Pflugbeil arbeitete bis zur Wende als Medizinphysiker im Zentralinstitut für Herz-Kreislauf-Forschung der Akademie der Wissenschaften der DDR in Berlin-Buch und befasste sich ehrenamtlich mit Problemen der Atomenergieverwertung, insbesondere den Strahlenfolgen in den Uranbergwerken der Wismut. Er war Mitbegründer der DDR-Bürgerbewegung Neues Forum und vertrat dieses als Sprecher am Berliner und am Zentralen Runden Tisch. 1990 wurde er Minister ohne Geschäftsbereich in der Übergangsregierung unter Modrow. In dieser Funktion setzte er sich für die sofortige Stilllegung der Atomreaktoren in der DDR ein. Danach war er bis 1995 Abgeordneter im Berliner Stadtparlament. 2012 erhielt er den Nuclear-Free Future Award für sein Lebenswerk.

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