RSS

Freihandel: Der große Turbo für das globale Lohn-Dumping

Die Idee des Freihandels lebt von der Illusion, dass immer beide Seiten gewinnen. Doch seit die großen Containerschiffe im Einsatz sind, seit der billige Luftfrachtverkehr aufgekommen ist und seit die Logistik zwischen Lieferanten und Abnehmern global und per Internet funktioniert, sind die Transportgrenzen weggeschoben worden und entscheiden vor allem die niedrigsten Sozialstandards über die Produktionsstandorte und die Verteilung zwischen Überschuss- und Defizitländern.

Ihren XING-Kontakten zeigen
abo-pic

Seit Ricardo und den anderen Klassikern des 18. Jahrhunderts lebt die Idee des Freihandels von der Illusion, dass immer beide gewinnen: Export- und Importländer, Länder mit Überschüssen und Länder mit Defiziten. Und wenn jeder das produziert, was er am besten kann, sollen alle den Vorteil haben.

Das mag mal so gewesen sein, als die Transporte über die Weltmeere noch teuer und langsam waren und als Defizite noch mit Gold bezahlt werden mussten und Gold in der Menge begrenzt war. Doch seit die großen Containerschiffe im Einsatz sind, seit der billige Luftfrachtverkehr aufgekommen ist und seit die Logistik zwischen Lieferanten und Abnehmern global und per Internet funktioniert, sind die Transportgrenzen weggeschoben worden und entscheiden vor allem die niedrigsten Sozialstandards über die Produktionsstandorte und die Verteilung zwischen Überschuss- und Defizitländern. Global operierende Unternehmen suchen sich die gewerkschaftsfeindlichsten und unsozialsten Standorte, um ihre Profite zu maximieren. Das gilt umso mehr, seit durch die verschiedenen Liberalisierungsrunden im GATT und später der WTO und vor allem seit der Aufnahme Chinas in den so garantierten Freihandel auch noch fast alle politischen Handelsbegrenzungen abgebaut wurden. Die verschiedenen Bundesregierungen haben unter dem Druck der Exportkonzerne diese Bewegung immer unterstützt.

Bei der Profitmaximierung durch Produktionsverlagerung an unsoziale Standorte sind deutsche Unternehmen in der ersten Riege, ob in Osteuropa oder den Schwellenländern und vor allem China. 2011 hatten die führenden DAX 30-Unternehmen bereits 58 % ihrer Beschäftigten im Ausland (Abb. 14675). Der Anteil des Auslandes am Umsatz lag sogar schon bei 74 %. Dagegen sind die Investitionen in Deutschland gemessen am verfügbaren Einkommen seit der Jahrtausendwende immer weiter zurückgegangen (Abb. 17045).

g1

g2Andererseits werden im Verlauf der Expansion der internationalen Finanzmärkte und deren fast kompletter Liberalisierung Handelsbilanzdefizite – anders als früher per Gold – nun mit der Geldmaschine eines ziemlich unbegrenzten Kredits finanziert. Das beste Beispiel ist der Aufkauf amerikanischer Staatsanleihen durch China, womit die enormen chinesischen Überschüsse im Handel mit den USA finanziert werden, oder auch die Finanzierung der deutschen Überschüsse in der Eurozone.

Im Ergebnis dieser verschiedenen technischen und finanziellen Bewegungen verdreifachte sich das Welthandelsvolumen zwischen 1990 und 2012 während sich die Weltwirtschaftsleistung nur verdoppelte (Abb. 18265).

g3

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Folgen solcher hochwachsenden Defizite sind eine ebenso unbegrenzte Abwanderung von Arbeitsplätzen aus den Defizit- in die Überschussländer und immer neue Krisen auf den Kreditmärkten. Platzen die Kreditblasen, so müssen die Defizitländer bei eintrocknendem Kredit unter dem Druck der Finanzmärkte Austeritätspolitiken verfolgen, die die Arbeitslosigkeit zusätzlich hochfahren. So lag 2013 die Arbeitslosigkeitsquote in Ost-Asien, was China einschließt, bei nur 4,5 %, während sie in den entwickelten Industrieländern auf 8,6 % und in der Eurozone insgesamt auf 12,0 % und in einigen Krisenländern der Eurozone sogar bis um 20 % betrug (Abb. 08259).

g4

 

 

 

 

 

 

 

 

 

An den Finanzmärkten schwappt nun eine gigantische Schuldenlast unkontrolliert herum. Nach neuesten Berechnungen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) sind weltweit allein Schuldpapiere in Form von verbrieften Anleihen der Regierungen und der Unternehmen im Volumen von gut 100 Billionen US$ im Umlauf – 43 % mehr als beim Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2008 und fast dreimal mehr als zu Beginn des Jahrtausends (Abb. 18313). Mitte 2007 hatte der Schuldenberg laut BIZ-Schätzungen noch ein Volumen von etwa 70 Billionen US$ erreicht. 100 Billionen US$ entspricht dem, was alle deutschen Haushalte zusammen in 70 Jahren ausgeben. Von diesem Mega-Schuldenberg ist kein leichter Abstieg in Sicht und drohen ständig neue Krisen.

g5

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ohne diese Flut an Krediten über Anleihen und viele andere Formen von Kreditfinanzierung, wie Bank-zu-Bank-Krediten oder Lieferantenkrediten, wäre es nicht möglich gewesen, die Handelsdefizite vieler Länder zu finanzieren und hätte sich der Handel weit weniger stark entwickelt.

Auch darf nicht vergessen werden, dass gerade die immer wieder in Deutschland gefeierten Exporte nach China Arbeitsplätze bei unseren Europartnern kosten und damit auch Nachteile für Deutschland im Euroverbund schaffen. Der größte Teil des deutschen China-Exports sind Maschinen und elektrotechnische Erzeugnisse (Abb. 10039), mit denen in China Waren produziert werden, die ihrerseits wieder zum größten Teil in den Export gehen. Auch die meisten chemischen Erzeugnisse gehören dazu. Wichtigster chinesischer Absatzmarkt ist die Europäische Union.

g6

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Kombination niedrigster Löhne in China und modernster deutscher Produktionsmittel ist unschlagbar. Sie verdrängt vor allem traditionelle Produkte auch der südlichen Eurozone, wie Italien, und auch aus Frankreich und heizt damit die Eurokrise an. Fast alle unsere Europartner haben erhebliche Defizite im eigenen Handel mit China, bei Italien, Spanien und Griechenland jedes Jahr um 1 % ihres BIP (Abb. 18318). Und außerhalb des eigenen Landes verlieren sie auf den Märkten der Eurozone und jenseits an die chinesische Konkurrenz. So finden die deutschen Exporte nach China ihr Gegenstück in verstärkten Defiziten unserer Europartner.

g7

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Druck aus der neoliberalen Globalisierung auf Löhne und Gehälter trägt entscheidend dazu bei, dass die Einkommen in den alten Industrieländern immer ungleicher verteilt werden (Abb. 18342), soweit nicht Regierungen über eine entsprechende Steuerpolitik und die Bereitstellung öffentlicher Ressourcen dagegen halten, wie das vor allem in den skandinavischen Ländern geschehen ist. Gleichzeitig geht das Wirtschaftswachstum immer mehr zurück (siehe Abb. 15837 unten). Dass dazwischen Zusammenhänge existieren, hat gerade der IWF, eine sehr konservative Institution, auf der Basis eines 5-Jahres-Vergleichs in einer neuen Studie (Redistribution, Inequality, and Growth – Februar 2014) festgestellt: Ungleichheit vermindere das volkswirtschaftliche Wachstum und auch die Perioden stärkeren Wachstums (Abb. 18343). Daran ändere die bisherige Umverteilung durch Steuer- und Sozialpolitiken wenig.

g8

 

 

 

 

 

 

 

 

g9

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In seinem neuen Buch „Capital im 21. Jahrhundert“ kommt denn auch Thomas Piketty, 42, Professor an der Paris School of Economics, zum Ergebnis, um eine solche Entwicklung zu immer mehr Ungleichheit aufzuhalten, seien radikalere Maßnahmen der Umverteilung nötig: erstens eine Vermögensteuer, die bei einem Vermögen von 200.000 Euro mit einem Prozent jährlich beginnt, bei mehr als eine Million Euro auf zwei Prozent steigt und bei Milliardenvermögen auch bis zu 10 % betragen kann. Zweitens eine Einkommensteuer von bis zu 80 % für Spitzenverdiener.

Meist übersehen werden die nachteiligen Umweltfolgen der fortschreitenden Verlagerung von Industrieproduktion in die Schwellenländer. Diese haben in der Regel viel niedrigere Umweltstandards als die alten Industrieländer und vor allem eine viel höhere Energieintensität in der Produktion, setzen also pro produzierter und dann in die alten Industrieländer exportierter Ware viel mehr Energie ein, als wenn die Ware – wie früher – dort produziert worden wäre. So hat China den drittschlimmsten Wert an Energieintensität nach Russland und Südafrika, die als Rohstoffproduzenten eigentlich gar nicht vergleichbar sind (Abb. 08251). Zudem beruht die chinesische Energieerzeugung zu mehr als drei Vierteln auf besonders schmutziger Kohle (Abb. 08260).

g10

 

 

 

 

 

 

 

 

 

g11

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ohne die globale Verlagerung von Industrieproduktion in Standorte mit höheren Emissionen und ohne den damit verbundenen Energieeinsatz für den Ferntransport würden die globalen CO2-Emission nicht so angestiegen sein, wie sie es über die letzten Jahrzehnte getan haben (Abb. 07414).

g12

 

 

 

 

 

 

 

 

So viel zur Theorie von den Wohltaten eines unbegrenzten Freihandels.

Über das GATT und die Welthandelsorganisation wurden die Freihandelsprinzipien immer mehr über die Umweltinteressen und die Schutzinteressen der Arbeitnehmer gestellt. Immer wieder wurden für jede Verhandlungsrunde mehr Wachstum und mehr Arbeitsplätze versprochen. Doch das Wachstum geht in den alten Industrieländern schon seit vielen Jahren gegen null (Abb. 15837) und die zusätzlichen Arbeitsplätze sind in China und anderen aggressiven Schwellenländern entstanden. Ähnlich sollte die massive und übereilte Erweiterung der EU bis in den Balkan hinein dem Freihandel dienen und Märkte öffnen. Mit ähnlichen Argumenten wird von interessierter Seite die Aufnahme der Türkei in die EU betrieben. Und demnächst wird unter dem Zeichen des Freihandels die Ukraine zur EU gehören (die Zollfreiheit wurde bereits eingeführt) und mit billigster Arbeitskraft weitere Konkurrenz aufmachen dürfen.

g13

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nun wird das noch zu verhandelnde transatlantische Freihandelsabkommen (TTIP) ins neoliberale Schaufenster geschoben. Wieder werden mehr Wachstum und mehr Arbeitsplätze versprochen. Der große Haken: Das Mandat für die Verhandlungen beauftragt die EU-Diplomaten, „im Bereich der Investitionen auf der Grundlage des höchsten Liberalisierungsniveaus und der höchsten Schutzstandards, die die beiden Vertragsparteien bis dato haben, Bestimmungen über die Liberalisierung und den Schutz von Investitionen“ auszuhandeln. Es fordert „gerechte und billige Behandlung“ für die Investoren. Und weiter: „Das Abkommen sollte einen wirksamen Mechanismus für die Beilegung von Streitigkeiten zwischen Investor und Staat vorsehen“. Offensichtlich will die EU zusätzliche Klagerechte für Investoren.

Alle TTIP-Mitgliedsstaaten, Parlamente und sogar Gerichte müssten sich dem Spruch der Schiedsgerichte unterordnen. Großkonzerne können dann, unter Berufung auf diese Schutzstandards, vor internationalen Schiedsgerichten Milliardenprozesse gegen Staaten anstrengen. Ein Beispiel: Der schwedische Energieversorger Vattenfall hat Deutschland wegen des geplanten Atomausstiegs auf 3,7 Milliarden Euro Schadensersatz verklagt.

Gleichzeitig zeichnet sich eine fortschreitende tektonische Veränderung im Welthandel ab, die die EU gegen 2020 die führende Rolle im Welthandel an die BRICS-Schwellenländer und vor allem China verlieren lässt (Abb. 18319). Auch das ist eine Folge der sich fortsetzenden neoliberalen Globalisierung. Dass sich damit Veränderungen in den Machtstrukturen der Welt verbinden, sollte selbstverständlich sein. Regierungen der fortgeschrittenen Industrieländer werden immer weniger tun können, um legitime Interessen ihrer Bürger wahrzunehmen. Die Machtstrukturen der Welt werden immer anonymer und wandern immer mehr in nicht demokratisch kontrollierte Bereiche ab. Schon jetzt tanzt die Bundesregierung um das undemokratische China wie um ein goldenes Kalb.

g14

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Übrigen benutzten und benutzen die Regierungen der Eurozone die Weltkredit- und Eurokrise, um immer mehr Verantwortung auf wählerferne, schlecht oder gar nicht demokratisch kontrollierte Instanzen von EU und EZB zu übertragen, die ideologisch der unbegrenzten Freiheit von Handel und Finanzen verschrieben sind. Auch das waren und sind Akte einer neoliberalen Globalisierung, die auf die Interessen und Mitwirkungsrechte der Betroffenen keine Rücksicht nehmen. Die Freiheit jener Instanzen ist grenzenlos, die Freiheit der Menschen dagegen immer mehr eingegrenzt. Doch der Widerstand gegen diese Form von Europa wächst in den Bevölkerungen, vor allem in Frankreich. Dort hat gerade der sozialistische Parlamentspräsident erklärt: „Nous ne pouvons sacrifier la France à l’Europe libérale“ (Wir können nicht Frankreich einem liberalen Europa opfern).

Die Freihandelsideologen machen gegen die hier dargestellten schweren Nachteile für ihr unbeirrtes Festhalten am Dogma geltend, dass die Schwellenländer und vor allem China den Rest der Welt mit billigen Waren versorgten. Das ist etwa bis in die ersten Jahre des Jahrtausends zutreffend. Danach jedoch ging von diesen Ländern zunehmend ein Preisauftrieb bei Öl und vielen Rohstoffen aus, weil sie sich nun hierfür zunehmend von den Weltmärkten versorgen mussten und dort die Preise hochtrieben. So haben sich die chinesischen Rohölimporte in den ersten 10 Jahren dieses Jahrtausends etwa verdreifacht; gleichzeitig verdoppelten sich real z.B. in den USA die Rohöl-Einfuhrpreise von den Weltmärkten (Abb. 18314). Zudem haben die Schwellenländer viele Preise angehoben, nachdem sie marktbeherrschend geworden sind und werden das auch in Zukunft tun. Von den angeblichen Wohltaten ist also unter dem Strich weit weniger übrig geblieben, als immer behauptet wird.

g15

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Über die letzten Jahrhunderte und verstärkt mit der neoliberalen Periode seit der Jahrtausendwende ist durch viel Gehirnwäsche den Menschen eingebläut worden, dass die Freihändler die „Guten“ und die Schutzsuchenden die „Bösen“ seien, belegt mit dem zum Schimpfwort gewordenen Attribut „Protektionist“.

In Deutschland wurde die Gehirnwäsche noch durch die Propaganda von der Exportabhängigkeit Deutschlands verstärkt, als könne man die Binnenkonjunktur nicht verbessern und sei daher auf Ewigkeiten zum Ausgleich sehr einseitig auf Freihandel und hohe Exportüberschüsse angewiesen. Natürlich wird verschwiegen, was mit den Überschüssen geschehen ist. So sind die deutschen Direktinvestitionen in ausländischen Industrieanlagen seit Ende 2000 nur um 560 Milliarden Euro gestiegen. Der große Rest von gigantischen 1,2 Billionen Euro landete über Banken, Versicherungen und Investmentfonds in unsicheren Anlagen auf den Finanzmärkten von vergifteten amerikanischen Hypothekenpapieren bis zu hochriskanten Finanzanlagen in den Eurokrisenländern, von Staatsanleihen bis zu Anleihen und Aktien der Banken, und ist teilweise inzwischen verloren gegangen. Deutsche Banken waren zu massiven Abschreibungen gezwungen, die den Staat zum stützenden Eingreifen veranlassten mit entsprechenden Folgen für die Staatsverschuldung.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsentwicklung schreibt dazu in seinem Wochenbericht Nr. 26.2013: „Seit 1999 haben deutsche Investoren rund 400 Milliarden Euro durch schlechte Investitionen im Ausland verloren, etwa 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Von 2006 bis 2012 waren es sogar rund 600 Milliarden Euro – das sind 22 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.“ So zeigt auch das 2007 einsetzende Auseinanderklaffen der steil steigenden kumulierten deutschen Leistungsbilanz und der geringeren Entwicklung der deutschen Auslandsvermögensbilanz, wie hier Vermögen verloren geht (Abb. 17914).

g16

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dabei ist die neoliberal propagierte totale und globale Freiheit der Märkte nicht die Norm sondern erst das Ergebnis beschränkender staatlicher Eingriffe in einen Naturzustand jeder menschlichen Gesellschaft, nämlich in die normalen menschlichen Bedürfnisse nach Sicherheit und Kontrolle über wirtschaftliche Risiken. Vom Freihandel profitiert vor allem eine kleine Minderheit von Konzernen und Kapitaleignern, während die unvermeidbaren Lasten von der großen Mehrheit getragen werden, deren Arbeitsplätze und Löhne unter Druck kommen und deren Ansprüche an eine menschliche Umwelt leiden.

Daher stehen hinter der Freihandelspropaganda vor allem die großen global operierenden Exportkonzerne und deren Lobby, die die Regierungen vor sich herschiebt. Leider haben sich auch die deutschen Gewerkschaften vor diesen Karren spannen lassen und mit jahrelangen Lohnverzichten die Überschüsse ermöglicht und sich dann auch noch für die Exportweltmeisterschaft begeistern lassen. So hat beispielsweise der DGB in seiner Informationsschrift „Standort 2001: Deutschland in solider Position“ den „Außenhandel auf Rekordkurs“ und „Deutschland ist Exportweltmeister“ gefeiert. Auch in „Reformanstöße des DGB für Wachstum und Beschäftigung, Bildung und Innovation“ vom Januar 2004 wird die „außerordentliche erfolgreiche Exportnation“ betont. Und in seinem Aufruf zum 1. Mai 2003 freute sich DGB-Chef Sommer, dass die Regierung erkannt habe, „dass nur eine auf Innovation gepolte Wirtschaft … eine Chance hat, ihren Spitzenplatz als Exportweltmeister zu sichern.“

Der Druck aus dem durch die neoliberale Globalisierung aggressiv verstärkten Freihandel trägt sehr viel Verantwortung für die soziale Aufspaltung der Gesellschaft, den Arbeitsstress und die damit verbundene Ausbreitung von Depressionen in den alten Industrieländern und auch in Deutschland. Wer sich das und die anderen Nachteile eines unbegrenzten Freihandels nicht bewusst macht, lebt mit einer schlimmen Illusion.

 

Joachim Jahnke, geboren 1939, promovierte in Rechts- und Staatswissenschaften mit Anschluss-Studium an französischer Verwaltungshochschule (ENA), Mitarbeit im Kabinett Vizepräsident EU-Kommission, Bundeswirtschaftsministerium zuletzt als Ministerialdirigent und Stellvertretender Leiter der Außenwirtschaftsabteilung. Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung in London, zuletzt bis Ende 2002 als Mitglied des Vorstands und Stellvertretender Präsident. Seit 2005 Herausgeber des „Infoportals“ mit kritischen Analysen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung (globalisierungskritisch). Autor von 10 Büchern zu diesem Thema, davon zuletzt „Euro – Die unmöglich Währung“, „Ich sage nur China ..“ und „Es war einmal eine Soziale Marktwirtschaft“. Seine gesellschaftskritischen Analysen beruhen auf fundierter und langjähriger Insider-Erfahrung.

Sein Buch über das Ende der sozialen Marktwirtschaft (275 Seiten mit 176 grafischen Darstellungen) kann unter der ISBN 9783735715401 überall im Buch- und Versandhandel für 15,50 Euro bestellt werden, bei Amazon hier.

*** Bestellen Sie den täglichen Newsletter der Deutschen Wirtschafts Nachrichten: Die wichtigsten aktuellen News und die exklusiven Stories bereits am frühen Morgen. Verschaffen Sie sich einen Informations-Vorsprung. Anmeldung zum Gratis-Newsletter hier. ***


Weltmächte und ihre Stellvertreter: Syrien-Krieg kann noch fünf Jahre dauern
Weltmächte und ihre Stellvertreter: Syrien-Krieg kann noch fünf Jahre dauern
Der Syrien-Krieg wird offenbar noch Jahre andauern. Zum einen gibt es unzählige Söldner-Truppen und Milizen, die von Russland und den USA nicht mehr zu kontrollieren sind. Doch zum anderen ist das Söldnertum mittlerweile die einzige berufliche Perspektive für junge Syrer.
abo-pic
Die Heimat des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad wurde von internationalen Söldnern komplett zerstört. (Foto: dpa)

Die Heimat des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad wurde von internationalen Söldnern komplett zerstört. (Foto: dpa)

Die geopolitische Analyse-Firma Geopolitical Futures geht davon aus, dass der Syrien-Krieg noch bis zu fünf Jahre dauern wird. Ausschlaggebend ist unter anderem, dass die bewaffneten Islamisten keine zusammenhängende Gruppe bilden, sondern aus einer Vielzahl von Milizen bestehen würden. Alleine an den Genfer Friedensverhandlungen nahmen bisher 97 bewaffnete Milizen teil, um ihre Unterschriften unter die ausgehandelte Feuerpause zu setzen, die sie dann später gebrochen haben.

Russland und die USA versuchen zwar, den Syrien-Konflikt durch gemeinsame Absprachen und Verhandlungen zu beenden, doch die beteiligten Milizen und Söldner sind außer Kontrolle geraten. Zudem sind Russland und die USA nicht die einzigen Mächte, die ihre Stellvertreter im Syrien-Krieg haben. Saudi-Arabien, Katar, der Iran, Frankreich, Großbritannien und die Türkei haben ebenfalls ihre Söldner im Syrien-Krieg. Sie werden von diesen Staaten eingesetzt, weil die Staaten eigenen Armeen nicht dauerhaft finanzieren können oder Schwierigkeiten damit haben, ihre eigenen Bürger für Kriege in fremden Ländern zu motivieren.

Das Clarion Project berichtet, dass es zum einen den syrischen Söldnerdachverband „Islamische Front“ gibt. Dazu gehören Ahrar al-Scham, die Sukuor al-Scham-Brigaden, die Tawhid-Brigaden, die Hak-Brigade, die Ansar al-Scham-Bataillone und die Islamische Armee. Dieser Verband besteht aus schätzungsweise 40.000 bis 70.000 Kämpfern.

Die al-Nusra-Front hingegen verfügt über schätzungsweise 15.000 bis 20.000 Kämpfer. Sie hat sich mittlerweile als die schlagkräftigste Söldnertruppe im Syrien-Krieg durchgesetzt. In der vergangenen Woche hatte sie in Aleppo die Zentrale der syrischen Luftaufklärung mit Tunnel-Bomben in die Luft gejagt.

Die Freie Syrische Armee (FSA) ist ein loser Verband, der aus 36 bewaffneten Gruppen besteht. Die internationale Terror-Miliz ISIS hingegen operiert im Irak und Syrien mit einer Anzahl von schätzungsweise 20.000 bis 30.000 Kämpfern.

Die einzelnen Söldner-Gruppen profitieren davon, dass die jungen Syrer keine andere finanzielle Perspektive haben, als sich ihnen anzuschließen. Weil es sich bei Syrien und dem Irak um faktisch zerstörte Staaten handelt, bleibt nur noch der Kriegsdienst als einzige berufliche Perspektive. ISIS soll sowohl ausländischen Söldnern als auch einheimischen Interessenten die besten Löhne zahlen.

Allerdings berichtet das Wall Street Journal, dass auch Söldner aus der ehemaligen Sowjetunion im Syrien-Krieg mitmischen. Besonders aktiv soll das „Slavonic Corps“ sein, das auf Seiten der syrischen Regierung kämpft. Sie erhalten 3.200 Euro pro Monat, berichtet die Welt.

Das offizielle Russland hat sich dagegen entschieden, an der Seite der syrischen Regierung gegen den IS zu kämpfen. Moskau fürchtet ein Übergreifen des islamischen Terrors auf sein eigenes Territorium. Für Russland ist die islamistische Gefahr besonders groß, weil versucht werden könnte, die islamische Bevölkerung Russlands auf die Seite der Islamisten zu ziehen.

***

Nach wenigen Wochen ein SPIEGEL-Bestseller: Das neue Buch von Michael Maier. (Foto: FBV)

Nach wenigen Wochen ein SPIEGEL-Bestseller: Das neue Buch von Michael Maier. (Foto: FBV)

DWN-Herausgeber Michael Maier beschreibt in seinem neuen Buch die Söldner-Krieg und welche geopolitischen Folgen sie haben. Der Krieg als Geschäftsmodell ist die wichtigste Fluchtursache – und wird von den europäischen Politikern kaum jemals als solche benannt. Auch wenn aus den EU-Staaten direkt keine Söldner geschickt werden, machen sich die Europäer doch mitschuldig an der menschlichen Katastrophe etwa in Syrien. Denn dieser Krieg ist kein Naturereignis, sondern wird von vielen Nationen so lange geführt, bis sie ihre Interessen durchgesetzt haben. 

 

Michael Maier: „Das Ende der Behaglichkeit. Wie die modernen Kriege Deutschland und Europa verändern“. FinanzBuch Verlag München, 228 Seiten, 19,99€. Bestellen Sie das Buch hier direkt beim Verlag.

Oder kaufen Sie es im guten deutschen Buchhandel das Buch ist überall erhältlich. Wir unterstützen den Buchhandel ausdrücklich, er muss gefördert werden!

Oder bestellen Sie das Buch bei Amazon. Mit einem Kauf unterstützen Sie die Unabhängigkeit der DWN, damit diese Sie weiter kritisch über die Entwicklungen informieren können.

*** Bestellen Sie den täglichen Newsletter der Deutschen Wirtschafts Nachrichten: Die wichtigsten aktuellen News und die exklusiven Stories bereits am frühen Morgen. Verschaffen Sie sich einen Informations-Vorsprung. Anmeldung zum Gratis-Newsletter hier. ***

Grüne: EU muss weit mehr Flüchtlinge aus der Türkei übernehmen
Grüne: EU muss weit mehr Flüchtlinge aus der Türkei übernehmen
Die grüne Fraktionsvorsitzende Göring-Eckardt fordert, dass die EU eine weit höhere Anzahl an Flüchtlingen aus der Türkei übernehmen soll. Dazu sollte der Deal mit der Türkei neu verhandelt werden. Die EU sollte sich auf Dauer auf die Übernahme von Kontingenten…
abo-pic
Die Vorsitzende der Bundestagsfaktion von Bündnis 90 / Die Grünen, Katrin Göring-Eckardt, plädiert dafür, dass die EU mehr Flüchtlinge aufnimmt. (Foto: dpa)

Die Vorsitzende der Bundestagsfaktion von Bündnis 90 / Die Grünen, Katrin Göring-Eckardt. (Foto: dpa)

Die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt, hat ein neues Flüchtlingsabkommen mit der Türkei gefordert. Die EU müsse bereit sein, weit mehr Flüchtlinge als die zuletzt versprochenen 72.000 Syrer aus der Türkei nach Europa holen, forderte sie im Tagesspiegel. „Dazu müssen wir der Türkei anbieten, über Dauerkontingente regelmäßig Flüchtlinge aufzunehmen.“

Von der Bundesregierung verlangte Göring-Eckart, in Vorleistung zu gehen und mindestens jene 28.000 Flüchtlinge aufzunehmen, zu deren Übernahme sie sich auf EU-Ebene bereits verpflichtet habe. „Das muss die Bundesregierung der Türkei anbieten. Nur so können wir ein neues, wirksames und humanitäres Flüchtlingsabkommen erreichen“, sagte die Grünen-Politikerin. Es gehe darum, einen legalen und sicheren Zugangsweg nach Europa zu schaffen.

Die EU darf alle Schutzsuchenden, die seit dem 20. März auf die griechischen Inseln übergesetzt sind, in die Türkei zurückschicken. Für jeden zurückgeschickten Syrer darf seit dem 4. April ein anderer Syrer aus der Türkei legal und direkt in die EU einreisen. Bis zu 72.000 Menschen sollen auf diese Weise Aufnahme in Europa finden. Bislang sind es allerdings erst wenige hundert.

 

Deutschland verliert EM-Test gegen die Slowakei 1:3
Deutschland verliert EM-Test gegen die Slowakei 1:3
Die deutsche Nationalmannschaft hat den vorletzten Test vor der EM in Augsburg mit 1:3 verloren. Das Spiel wurde wegen starken Regens beeinträchtigt.
abo-pic
Mario Götze im Kampf gegen die slowakische Abwehr. (Foto: dpa)

Mario Götze im Kampf gegen die slowakische Abwehr. (Foto: dpa)

Auf Joachim Löw wartet nach einem missglückten Test im Gewitter noch viel Arbeit, um den Fußball-Weltmeister reif für den EM-Titel zu machen. Ohne etliche nicht einsatzfähige oder geschonte Stammkräfte unterlag die deutsche Nationalmannschaft am Sonntag im vorletzten Länderspiel vor dem Ernstfall in Frankreich mit 1:3 (1:2) gegen die Slowakei. Vor nur 22 110 Zuschauern in der bei weitem nicht ausverkauften Augsburger Arena stand das Benefiz-Länderspiel zur Pause nach einem Unwetter mit dicken Hagelkörnern vor dem Abbruch.

Als noch richtig Fußball gespielt werden konnte, hatte Mario Gomez mit seinem ersten Elfmeter im Nationaltrikot die DFB-Auswahl in der 13. Minute in Führung gebracht. Ein Doppelschlag des EM-Teilnehmers Slowakei durch Marek Hamsik (41.) und Michal Duris (44.) zerstörte den bis dahin schwungvollen Auftritt der deutschen Mannschaft. Nach dem Halbzeit-Donnerwetter war das Spielen auf dem durchnässten Rasen extrem schwierig. Das dritte Gegentor von Juray Kucka (52.) ging trotzdem auf das Konto des eingewechselten Torhüters Marc-André ter Stegen, der den Ball durch die Beine rutschen ließ.

Zwei Tage vor der Nominierung des endgültigen 23-Mann-Kaders zeigte sich, dass Löw für einen EM-Erfolg vor allem die etablierte Spieler brauchen wird. Nach dem Abpfiff ging es zurück ins Trainingslager nach Ascona in der Schweiz, vor dem EM-Auftakt gegen die Ukraine am 12. Juni wartet nur noch ein Härtetest gegen Ungarn am nächsten Samstag.

«Das Ergebnis ist völlig zweitrangig, es geht um die Erkenntnisse», hatte Löw vor dem zehnten Aufeinandertreffen mit der Slowakei gesagt. Und die Erkenntnisse waren – wie auch das Ergebnis – bescheiden. Von den vier Debütanten Bernd Leno, Joshua Kimmich, Julian Weigl und Julian Brandt konnte keiner entscheidende Pluspunkte sammeln. Dazu verhinderten die Platzverhältnisse nach dem Unwetter ein vernünftiges Fußballspiel. Als Gewinner durfte sich Gomez fühlen, der bei dem 45-Minuten-Einsatz sein gewachsenes Selbstvertrauen mit einem Tor krönte. Auch Mario Götze präsentierte sich nur 15 Tage nach seinem Rippenbruch spielfreudig, dazu setzte noch Julian Draxler Akzente.

Dabei hatte alles sehr vielversprechend begonnen: Von Müdigkeit war nach der ersten Trainingslager-Woche am Lago Maggiore zunächst nicht viel zu sehen. Die DFB-Auswahl begann schwungvoll, obgleich sie in der Form noch nie zusammengespielt hatte. Auf neun Leistungsträger hatte Löw aus diversen Gründen verzichtet.

Den Engpass auf der Sechser-Position – Bastian Schweinsteiger ist nicht fit und Toni Kroos weilte nach dem Champions-League-Triumph noch bei Real Madrid – löste Löw mit einer taktischen Variante. Als einziger defensiver Mittelfeldspieler agierte Khedira, der nach einmonatiger Verletzungspause seine Turnierfitness nachwies. Dahinter spielte eine Dreier-Abwehrkette mit Jerome Boateng, Antonio Rüdiger und Kimmich sowie den Außenspielern Jonas Hector und Sebastian Rudy.

Die Fans sahen im ersten Länderspiel in Augsburg nach 31 Jahren zunächst eine spielbestimmende deutsche Mannschaft. Schon nach drei Minuten besaß Boateng, der nach umstrittenen Äußerungen des AfD-Vizevorsitzenden Alexander Gauland im Vorfeld ungewollt im Mittelpunkt gestanden hatte, mit einem Scherenschlag die erste Torchance. Und weiter ging es mit einer Doppelchance von Gomez und Draxler, die vom guten slowakischen Torhüter Matus Kozacik und Bundesligaprofi Peter Pekarik noch entschärft wurde (7.).

Dann war es aber doch passiert. Nach einem Foul an Götze verwandelte Gomez den fälligen Strafstoß. Für den Torschützenkönig aus der Türkei war es das 27. Länderspiel-Tor – und zugleich Ausdruck seines neuen Selbstbewusstseins. Auch spielerisch wusste der Stoßstürmer zu überzeugen. In dieser Phase des Spiels gab es nur einen Kritikpunkt: die Chancenverwertung. So vergaben Hector (27.), Leroy Sané (30.) und Draxler (32.) weitere gute Gelegenheiten.

Das sollte sich rächen: Eine Tiefschlafphase des Weltmeisters in den letzten fünf Minuten der ersten Halbzeit nutzten die Slowaken, um das Spiel zu drehen. Erst setzte Hamsik, der beim SSC Neapel spielende Star der Slowaken, einen 25-Meter-Schuss unhaltbar für Leno ins Tor (41.). Kurz darauf verhinderte Rudy zunächst auf der Torlinie den zweiten Gegentreffer, was aber Filip Duris bei der anschließenden Ecke per Kopf nachholte (44.). Dabei hatte Kimmich seinen Gegenspieler entwischen lassen. «Wir haben die Chancen leichtfertig vergeben und zweimal nicht aufgepasst. Das ist eine gute Lehre», urteilte Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff.

Weiter ging es mit einem Donnerwetter – vom Himmel. Dunkle Wolken zogen schon kurz vor dem Pausenpfiff auf. In der Halbzeit entlud sich der Himmel mit einem kräftigen Gewitter. Die Halbzeitpause wurde vom belgischen Schiedsrichter Serge Gumienny um weitere 25 Minuten verlängert. Sogar ein Abbruch des Spiels wurde diskutiert.

Gespielt wurde trotzdem, wenn auch nur beschwerlich. Das war aber keine Entschuldigung für den Patzer von ter Stegen beim Schuss von Kucka. Es war die Fortsetzung einer unglücklichen DFB-Karriere, die der frühere Gladbacher mit fünf Gegentreffern im ersten Länderspiel 2012 begann und mit dem fast schon denkwürdigen Patzer bei der USA-Reise ihren negativen Höhepunkt fand. Danach zeigte sich die DFB-Elf bemüht, es fehlte aber an Durchschlagskraft.

Torten-Angriff auf Sahra Wagenknecht bei Parteitag der Linken
Torten-Angriff auf Sahra Wagenknecht bei Parteitag der Linken
Die Linken-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht ist auf dem Bundesparteitag in Magdeburg Opfer einer Attacke mit einer Torte geworden. Ein junger Mann drängte sich laut Augenzeugen vor die erste Reihe, in der Wagenknecht saß, und warf ihr eine braune Cremetorte direkt ins…
abo-pic
Sahra Wagenknecht nach dem Torten-Angriff. (Foto: dpa)

Sahra Wagenknecht nach dem Torten-Angriff. (Foto: dpa)

Die neben Wagenknecht sitzenden Parteichefin Katja Kipping und Dietmar Bartsch schirmten die getroffene Politikerin umgehend ab. Bartsch begleitete sie durch einen Seitenausgang aus der Halle. Dort sammelte sich Wagenknecht erst einmal und entfernte die gröbsten Spuren. Die Attacke fand während der Eröffnungsrede von Parteichef Bernd Riexinger statt, der seine Ansprache mit den Worten „Was ist denn da los“ unterbrach.

Die Täter verteilten Flugblätter (siehe Video von Russia Today am Anfang des Artikels). Sie ziehen darin eine Linie von Wagenknecht zur AfD-Politikerin Beatrix von Storch. Beide teilten nicht nur die Torte im Gesicht, so der Zettel. Ein als Clown verkleideter Mann hatte die AfD-Politikerin bei einer nicht-öffentlichen Sitzung der AfD-Programmkommission im Februar in Kassel mit einer Torte beworfen. Storch schrieb zum Angriff auf Wagenknecht auf Facebook: „Tortenwürfe auf Menschen mit anderer Meinung sind Angriffe auf den Kern unserer Demokratie: Sie bekämpfen die freie Meinungsäußerung mit Gewalt gegen Personen.“

In dem Flugblatt wird Wagenknecht vorgeworfen, sie sei wie die AfD bemüht, den „Volkszorn“ in politische Forderungen zu übersetzen. Zwischen AfD und Linken gebe es einen „nationalen Konsens“. Wagenknecht hatte Kritik auf sich gezogen, weil sie öffentlich gesagt hatte, dass nicht alle Flüchtlinge nach Deutschland kommen könnten.

Sie zog sich nach der Attacke in ihrem Hotel um. Eine Parteisprecherin sagte, es werde Anzeige gegen eine Frau und einen Mann erstattet. Ordner hätten die Täter des Geländes verwiesen. Die Täter stammten augenscheinlich aus „linken Strukturen“. Sie hätten sich als Pressevertreter angemeldet, berichtet die dpa.

Riexinger, Kipping und Bartsch verurteilten den Angriff scharf. Gewalt sei kein Mittel der Auseinandersetzung, sagte Riexinger. Kipping sagte: „Das war nicht nur ein Angriff auf Sahra, das war ein Angriff auf uns alle.“ Wagenknecht sei klar gegen Rassismus und Diskriminierung. Sie habe wie alle Linken im Bundestag geschlossen „gegen die Verstümmelung des Asylrechts“ gestimmt. „Wir weisen geschlossen zurück, was hier in diesem Wisch steht“, sagte Kipping mit Bezug zu dem Flugblatt unter dem Applaus der mehr als 500 Delegierten.

Bartsch sagte: „Das ist nicht links, das ist auch nicht antifaschistisch, das ist asozial, das ist hinterhältig, das ist dumm.“

 

„Rechtsruck“: Der Aufstand der Arbeiter, die nicht mehr Untertanen sein wollen
„Rechtsruck“: Der Aufstand der Arbeiter, die nicht mehr Untertanen sein wollen
Politik und Wirtschaft machen es sich zu leicht mit der Beschwörung des „Rechtsrucks“ in Europa: Die Arbeiter sind es leid, als Untertanen behandelt zu werden – im politischen Leben, in den Unternehmen, in der Gesellschaft. Die Wahlerfolge der rechten Parteien…
abo-pic
Die Regierenden in Europa verstehen nicht mehr, was ihre Völker bewegt. Die Folge ist ein Rechtsruck der Wähler. (Foto: dpa)

Die Regierenden in Europa verstehen nicht mehr, was ihre Völker bewegt. (Foto: dpa)

+++WERBUNG+++

Dass in Österreich beinahe ein Vertreter der am rechten Rand angesiedelten FPÖ Präsident geworden wäre, regt die Demokraten in ganz Europa auf. Sie verfallen in Panik. Immerhin hat die FPÖ allein fast genauso viele Stimmen erhalten wie der von allen anderen Parteien unterstützte Kandidat – ein absolutes Novum in Europa. In erster Linie wird mit Warnungen reagiert: Bei einem Sieg der FPÖ in Österreich, der AfD in Deutschland, des Front National in Frankreich, der Lega Nord in Italien oder ähnlicher Parteien wie etwa der Vlaams Belang in Belgien würden sich die Katastrophen des 20. Jahrhunderts wiederholen. Die Erinnerung an Hitler, Mussolini oder Franco soll die Wähler „zur Räson“ bringen. Diese Argumentation beeindruckt die Wähler wenig, weil sie nicht die Gründe berücksichtigt, die viele Menschen zu den Rechtsparteien treibt.

Die Flüchtlinge als willkommener Sündenbock

Die meist zitierte Motivation ist die Angst vor den Flüchtlingen, die zwar eine große Rolle spielt, aber keine ausreichende Erklärung liefert – nicht zuletzt, weil die Tendenz nach rechts schon vor der Flüchtlingskrise begonnen hat. Die Flüchtlinge, die seit Monaten aus Syrien, dem Irak, Afghanistan und Nordafrika nach Europa drängen, bieten gemeinsam mit den zahlreichen Immigranten der vergangenen Jahrzehnte das probate Bild des Feindes, der für die eigenen Probleme verantwortlich gemacht wird. Diese Art Projektion ist ein Phänomen, das in der Geschichte immer in schwierigen Phasen auftritt. Auch das übliche Paradoxon ist zu beobachten: Der Ausländerhass ist am stärksten in Regionen ausgeprägt, wo keine oder kaum Migranten anzutreffen sind.

Dass hier die Emotion und nicht die Vernunft bestimmt, zeigen die Daten: In der EU leben über 500 Millionen Menschen, zur Debatte steht die Aufnahme von etwa einer Million Flüchtlingen, das wären 0,2 Prozent.

Die Politik soll Probleme lösen, für die sie nicht zuständig ist

Der zweite große Grund, der die Menschen nach rechts treibt, ist die Unzufriedenheit mit der Politik. Nun wird niemand leugnen, dass die europäische Politik enorme Mängel aufweist. Allerdings sollen die Politiker auch Probleme lösen, für die sie nicht zuständig sind. Hier manifestiert sich eine Erwartung, die in Jahrhunderten entstanden ist und auch in der jüngsten Vergangenheit genährt wurde: Monarchen und Diktatoren haben die Bürger meist als unmündige Schutzbefohlene betrachtet und viele demokratische Politiker pflegen bis heute die Illusion, dass „Vater“ Staat alle Probleme lösen und alle Menschen versorgen werde. Diese Prägung ist in der aktuellen Situation, in der sich Wirtschaft und Gesellschaft befinden, besonders schädlich.

Die Rechtsparteien artikulieren die Wut von Millionen

In Europa erwarten Millionen Arbeitslose, dass „Vater Staat“ ihre Situation verbessert. Weitere Millionen sind auf ihrem Arbeitsplatz nicht glücklich, Untersuchungen sprechen davon, dass beinahe jeder, jede Zweite in die innere Emigration geht. Nicht zuletzt sind auch die Spannungen im privaten Bereich zu beachten, die an den zahllosen Scheidungen und Beziehungskrisen abzulesen sind. Ein großer Teil der Bevölkerung ist unzufrieden bis unglücklich und hofft auf Lösungen. Nachdem der Staat dazu nicht in der Lage ist, zeigen die Menschen am Wahltag ihren Ärger.

Verschiedentlich wird gefragt, warum besonders das rechte Lager von dieser Entwicklung profitiert: Die Antwort dürfte in dem Umstand liegen, dass diese Parteien keine Alternativen anbieten, sondern vor allem protestieren und auf diese Art den Unmut der Betroffenen abholen. Zudem bedienen sie mit Beschimpfungen der Migranten das Verlangen nach einem Sündenbock. Die anderen Oppositionsparteien versuchen mit Programmen zu punkten, die vermeintlich besser sind als jene der Regierenden, doch in der Wut ist man an Argumenten nicht interessiert.

Die Regierenden in der Falle des Autoritarismus

Die Regierenden in Brüssel und in den achtundzwanzig Mitgliedstaaten der EU stellen sich den Forderungen der Bürger, lassen sich also in das autoritäre Verhältnis zwischen Herrschenden und Schutzbefohlenen treiben und versagen in dieser Falle naturgemäß kläglich.

Ein Grundmuster der politischen Irrwege lautet: Millionen sind arbeitslos, weil Unternehmen untergehen. Unternehmen gehen unter, weil sie die Risiken falsch eingeschätzt haben. Also muss man das Risiko bekämpfen. Die Folge sind die absurden Regulierungen, die die Vermeidung von Gefahren erzwingen sollen. Da wird kein Bereich ausgelassen, die Bandbreite reicht von den Allergenen im Essen über die Sicherheit der Aufzüge bis hin zu den Krediten, die nicht vergeben werden dürfen, damit die Kreditnehmer nicht überfordert werden, oder zur stündlichen Kontrolle zahlloser Brandmelder und tausenden anderen Bestimmungen, die ganz Europa lähmen, aber die Probleme nicht lösen.

Die hohe Arbeitslosigkeit, die Frustration vieler Menschen sind eine Folge der aktuell stattfindenden, fundamentalen Änderungen in der Gesellschaft und im Besonderen in der Arbeitswelt, die enorme, nicht leicht zu bewältigende Herausforderungen auslösen.

Die fundamentale Änderung der Arbeitswelt

Die jüngste Entwicklung der Technik stellt alle gewohnten Strukturen in Frage. Durch das Internet verändern sich die Arbeitsbedingungen für den Handel und das Bankwesen. In der Produktion schaffen die Roboter und die 3-D-Drucker eine gänzlich neue Welt. In der Verwaltung sind die Möglichkeiten der Automation durch die EDV noch lange nicht ausgeschöpft. Alle Unternehmen müssen sich auf die neuen Umstände einstellen und Produkte und Dienstleistungen entwickeln, mit denen sie morgen erfolgreich auf dem Markt bestehen können, aber auch die Abläufe in den Betrieben neu gestalten. Diese Herausforderungen kann die Politik den Betrieben nicht abnehmen. Da sind in erster Linie die Unternehmer, die Manager, die Führungskräfte gefordert, die sich dem Neuen stellen müssen.

Der zum Scheitern verurteilte Versuch, Strukturen zu bewahren

Diese Notwendigkeit steht im diametralen Gegensatz zur menschlichen Neigung, am Gewohnten festzuhalten. Innovation setzt zudem voraus, dass die Unternehmensleiter sehr kreativ sind und die sich laufend ändernden technischen Möglichkeiten erfolgreich einsetzen. Eine Fähigkeit, die nicht alle Unternehmer und Manager haben. Auch ist naturgemäß schwer abschätzbar, welche Neuerungen sich auf dem Markt durchsetzen werden. Aus diesen Faktoren entsteht der weit verbreitete Versuch, die bestehenden Unternehmen zu bewahren. Als vermeintlich wirksames Rezept bieten sich möglichst drastische Einsparungen an, die aber nicht in der Lage sind, die Position der Betriebe auf dem Markt zu verbessern. In die gleiche Richtung weisen Großfusionen, die meist nur darauf abzielen, mit weniger Personal die Umsätze der fusionierten Unternehmen zu erwirtschaften.

Die Frustration von Millionen Arbeitnehmern

Unter diesen Rahmenbedingungen gehen in Europa tagtäglich Millionen Menschen in ihre Betriebe. Viele sind sich über ihre genaue Aufgabe nicht im Klaren, weil diese in ständigen Reformen immer wieder neu definiert wird, aber nur selten eine Rückmeldung erfolgt, ob die Leistung den Erwartungen entspricht oder nicht. Viele zittern um ihren Arbeitsplatz, weil gerade wieder – die wievielte? – Einsparungsaktion durchgeführt wird. Und Millionen haben den Arbeitsplatz schon verloren. Das ist die Grundstimmung in einem beachtlichen Teil der Bevölkerung.
Selbstverständlich trifft dieses Bild nicht für alle zu, selbstverständlich gibt es zahlreiche, blühende Unternehmen, in denen bei bester Stimmung die Zukunft täglich neu erobert wird. Die Leiter und Mitarbeiter dieser Betriebe belasten die Politik und die Gesellschaft nicht, es geht um jene, die unter dem Wandel leiden.

Schuldzuweisungen an Politiker und Arbeitnehmer

Unternehmensleiter, die nicht wissen, wie sie die aktuellen Herausforderungen bewältigen sollen, erliegen nicht selten der Versuchung, für das eigene Unvermögen Schuldige verantwortlich zu machen. Auch für diese Gruppe ist die Kritik am Versagen des Staates naheliegend.

Die Kritik drängt sich zudem auf, da der Regulierungseifer der Politik tatsächlich eine enorme Behinderung der Betriebe auslöst. Die oft sinnlosen Vorschriften, deren Einhaltung mit hohen Strafen erzwungen wird, blockieren unendlich viele Arbeitsstunden, die somit nicht produktiv eingesetzt werden können. Wie das Beispiel zahlreicher, beeindruckend erfolgreicher Firmen zeigt, ist aber folgende Argumentation übertrieben: Man sei durch die Bürokratie so behindert, dass man die Betriebe nicht erfolgreich führen könne. Die Schuld liege also zur Gänze bei den Politikern, ohne Politik hätten die Manager die Zukunft schon erobert.

Die Schuldzuweisung an die Politiker stellt nur eine Seite der Entlastungsargumentation vieler Unternehmensleiter dar. Die andere besteht in der Kritik an den Arbeitnehmern, deren Ausbildung und mangelnde Bereitschaft zu lebenslangem Lernen die Entwicklung bremse. Den Arbeitnehmern wird oft, besonders in dem eher hierarchisch-elitär funktionierenden Frankreich, mit Überheblichkeit begegnet, statt auf Augenhöhe miteinander zu kommunizieren und gemeinsam die Herausforderungen zu meistern. Ähnliches ist auch in Italien zu beobachten.

Der Kündigungsschutz als fatale Bremse

Ein Ausdruck der Erwartung, dass der Staat alle Probleme lösen könne, sind auch die Proteste gegen Reformen des Arbeitsmarkts, die in Frankreich und Italien tausende auf die Straße treibt: Mit Hilfe von Gesetzen sollen die bestehenden Arbeitsplätze erhalten und neue geschaffen werden. „Vater Staat“ möge die Unternehmer zwingen, keine Kündigungen vorzunehmen und zusätzliche Mitarbeiter anzustellen.

Der Kündigungsschutz trägt paradoxerweise wesentlich zur Arbeitslosigkeit bei: Die Unternehmer nehmen nach Möglichkeit keine Mitarbeiter auf, weil diese in schwierigen Phasen nicht gekündigt werden können. Betriebe, die mit Problemen kämpfen, können die Belegschaften nicht reduzieren und müssen schließen, wodurch alle und nicht nur einige den Arbeitsplatz verlieren. Arbeitnehmer, die den Kündigungsschutz in einem Unternehmen genießen, wechseln kaum, auch wenn sie unzufrieden sind, sodass neue, attraktive Firmen nicht den entsprechenden Zulauf haben.

Mit den Protesten kämpfen die Arbeitnehmer gegen ihre eigene Zukunft. Es ist also in diesem Bereich nicht der Staat, der von sich aus durch das Arbeitsrecht die Wirtschaft behindert. Hier geht es um eine Forderung der Arbeitnehmer, die die Politik in der Vergangenheit erfüllt hat, und die nun den Arbeitnehmern schadet.
Ohne die Lockerung der Kündigungsschutz-Regeln ab 2004 hätte Deutschland den Aufschwung der vergangenen Jahre nicht geschafft.

Die Chancen waren noch so groß

Derzeit wird somit ein neues Kapitel in der Geschichte des Autoritarismus geschrieben, das nichts Gutes erwarten lässt.

Dabei bietet die aktuelle Umbruchphase einmalige Chancen:

– Das Internet eröffnet ausnahmslos allen Unternehmen Zugang zu Märkten, die sie früher nicht erreichen konnten. Zudem haben heute Milliarden Menschen Einkommen, die sie zu interessanten Kunden machen. Noch vor kurzer Zeit waren das nur Millionen.
– Die moderne Technik bietet kleineren und mittleren Unternehmen Möglichkeiten, die früher nur großen, internationalen Firmen offen standen. Dieser Umstand zeigt, dass die aktuelle Praxis, mit Großfusionen Giganten zu kreieren, keine Notwendigkeit darstellt.
– Manager, die die Herausforderungen annehmen, gewinnen die Zukunft. Zahllose Beispiele zeigen, dass trotz der unbestritten widrigen Umstände die Weltmärkte erobert werden können.
– Arbeitnehmer, die sich auf dem Arbeitsmarkt bewähren müssen und mit Respekt behandelt werden, sind die motivierten Träger des Erfolgs.

Wenn die Arbeitnehmer sich als Untertanen fühlen, die Führungskräfte als Übermenschen agieren, alle vom Staat Wunder erwarten und die Regierenden versuchen, die Wunder zu liefern, ist der Zug zu den protestierenden Rechtsparteien unvermeidlich.
Die Geschichte lehrt, dass auch die größten Chancen ungenutzt bleiben können. Zwischen 1918 und 1938 standen alle Voraussetzungen zur Verfügung, um eine wunderbare Welt zu bauen. Allerdings wurden diese Möglichkeiten nicht oder zu spät oder nur von wenigen erkannt. Diese Gefahr besteht auch jetzt.
Einige Punkte zur Erinnerung:

– 1918 verkündete das dadaistische Manifest das Ende der verkrusteten Geisteswelt vor 1914,
– seit 1908 gab es mit dem Modell T von Ford ein Auto, das sich viele leisten konnten,
– 1905 formulierte Einstein die spezielle und 1916 die allgemeine Relativitätstheorie,
– 1927 Heisenberg die Unschärferelation,
– 1927 begann mit „The Jazz Singer“ das Tonfilmzeitalter,
– 1928 entdeckte Fleming das Penicillin,
– 1929 schrieb Remarque mit „Im Westen nichts Neues“ das ultimative Anti-Kriegsbuch,
– 1935 erfand Carothers Nylon,
– 1933 startete Roosevelt den New Deal,
– 1936 veröffentliche Keynes seine „General Theory“

Und heute: Die technischen Neuerungen schlagen alle historischen Rekorde und eröffnen ungeahnte Möglichkeiten, aber viele weigern sich, die Chancen anzunehmen und zu nutzen, und wählen Politiker, die „dagegen“ sind.

***

Ronald Barazon war viele Jahre Chefredakteur der Salzburger Nachrichten. Er ist einer der angesehensten Wirtschaftsjournalisten in Europa und heute Chefredakteur der Zeitschrift „Der Volkswirt“ sowie Moderator beim ORF. 

*** Bestellen Sie den täglichen Newsletter der Deutschen Wirtschafts Nachrichten: Die wichtigsten aktuellen News und die exklusiven Stories bereits am frühen Morgen. Verschaffen Sie sich einen Informations-Vorsprung. Anmeldung zum Gratis-Newsletter hier. ***

Flüchtlinge kommen wieder: Österreich bereitet Notstand vor
Flüchtlinge kommen wieder: Österreich bereitet Notstand vor
Die österreichische Bundesregierung arbeitet mit Hochdruck an der Einführung des Notstandes: Die Zahlen der Flüchtlinge steigen wieder. Die Regierung will um jeden Preis verhindern, dass die FPÖ weiter Auftrieb erhält.
abo-pic
Der designierte Bundespräsident Van der Bellen mit dem Amtsinhaber Heinz Fischer. Die Regierung bereitet sich auf einen neuen Notstand vor. (Foto: dpa)

Der designierte Bundespräsident Van der Bellen mit dem Amtsinhaber Heinz Fischer. (Foto: dpa)

Nach dem Wechsel des Bundeskanzlers waren die österreichischen Medien voll des Lobes für den neuen Mann an der Spitze der Regierung. Christian Kern überzeugte mit der Kritik an der bisherigen Regierung. Er sagte, die Parteien hätten „machtversessen und zukunftsvergessen“ agiert. Viele Beobachter konstatierten sogar eine neue „Aufbruchstimmung“. Doch der Erfolg der FPÖ bei der Bundespräsidentenwahl hat die Regierung aufgeschreckt: Die FPÖ erhielt allein fast so viele Stimmen wie der von allen anderen Parteien und den gesellschaftlichen Gruppierungen aus Kunst, Wirtschaft und Kirche unterstützte Grüne Alexander Van der Bellen. Es reichte gerade noch einmal zu einem hauchdünnen Vorsprung – eine in Europa einmalige Entwicklung.

Doch der Aufbruch scheint schon wieder vorüber zu sein. Das zentrale Thema kehrt in die Realität zurück: Der Wiener Standard meldet, dass die Zahlen der Flüchtlinge und Migranten wieder stark steigen. Die geplante Obergrenze von 37.500 scheint nicht zu halten, die Zeitung rechnet mit 50.000 neuen Asylanträgen – und da sind die Sommermonate noch gar nicht besonders berücksichtigt.

Daher laufen laut Standard die Vorbereitungen auf die Ausrufung des Notstandes durch die Regierung. Dazu muss die Regierung eine Verordnung erlassen, mit der faktisch das Asylrecht außer Kraft gesetzt wird. Voraussetzung ist, „dass die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und der Schutz der inneren Sicherheit gefährdet sind“. Der Standard schreibt, dass die „involvierten Ministerien bereits Argumente sammeln“, warum dieser Fall ausgerufen werden muss.

Das Vorgehen ist bei Verfassungsjuristen und Menschenrechtsorganisationen höchst umstritten: Denn faktisch können Schutzsuchende ohne Ansehen des Einzelfalls dann abgewiesen werden. Die Bundesregierung verhandelt nach Standard-Aussage bereits mit den Nachbarstaaten, um Flüchtlinge und Migranten ohne Verfahren zurückzuschicken.

Auch der neue Bundeskanzler Kern lässt demnach keinen Zweifel, dass der Notstand ausgerufen werden müsse, wenn die Obergrenze erreicht ist.

Die hektischen Aktivitäten der im ersten Wahlgang bei der Bundesregierung schwer geschlagenen Regierungsparteien SPÖ und ÖVP haben ihren Grund in einer geradezu panischen Angst vor einem weiteren Zulauf für die FPÖ. Die Partei führt schon jetzt in allen Umfragen. Zahlreiche Vorfälle mit Migranten und Asylbewerbern wurden von den Medien in epischer Breite geschildert, was die Verunsicherung in der Bevölkerung naturgemäß gesteigert hat. Für die Regierungsparteien steht die Abwehr der Flüchtlinge an oberster Stelle, um doch noch in letzter Minute den Machtverlust an die FPÖ zu verhindern.

media-fastclick media-fastclick