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Was Joachim Gauck über die deutsche Arbeitswelt wissen sollte

Bundespräsident Joachim Gauck hat mit seinen Äußerungen, dass es den Deutschen zu gut gehe, für Aufregung gesorgt. Die Fakten zeigen: Millionen Deutsche können von ihrer Arbeit nicht leben. Viele werden krank oder stürzen in die Armut. Im europäischen Vergleich steht Deutschland schlecht da. Eine Sachverhaltsdarstellung - Teil 2.

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Unter den Bedingungen dieses neoliberalen Turbokapitalismus spielt die Psyche massenhaft nicht mehr mit. Die Deutschen nehmen heute doppelt so viele Antidepressiva wie noch vor zehn Jahren. Jedes Jahr kommen fast elf Millionen Tage zusammen, an denen Menschen, die an einer Depression erkrankt sind, nicht zur Arbeit gehen können. Dabei beschränkt sich die Depression nicht auf einen Lebensbereich. Sie erhöht auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Demenzerkrankungen. Sie grenzt die Betroffenen oft aus ihrem sozialen Umfeld, aus ihrem Freundeskreis und ihrer Familie aus. Depressionen sind Hauptursache für Arbeitsunfähigkeit oder Frühverrentung. Und etwa 7.000 Menschen treiben sie jedes Jahr in den Suizid, fast doppelt so viele Menschen, als im Straßenverkehr umkommen.

Weltweit sind Depressionen nach Rückenschmerzen der wichtigste Grund für Arbeitsunfähigkeit geworden. Eine bahnbrechende Studie wurde 2011 vom European College of Neuropsychopharmacology und dem European Brain Council unter der Leitung von Prof. Hans-Ulrich Wittchen veröffentlicht. Sie deckt 30 Länder in Europa ab und belegt, wie mentale Störungen zur größten gesundheitlichen Herausforderung des 21. Jahrhunderts geworden sind. Vor allem Frauen sind von Depressionen betroffen und die vor allem im Alter von 16 bis 42 Jahren, wenn sie versuchen müssen, den beruflichen Druck und den der Familie zu bewältigen. Ihr Risiko, an einer Depression zu erkranken, hat sich gegenüber den 70er-Jahren verdoppelt. Fast jede siebte Frau ist heute betroffen. Fast ein Drittel aller vorzeitigen Todesfälle bei Frauen und fast ein Viertel bei Männern sind so verursacht.

Allgemein ist der Gesundheitszustand der Deutschen im westeuropäischen Vergleich ohnehin eher schlecht. Mit 65 Jahren ist die statistische Erwartung weiterer gesunder Lebensjahre am unteren Ende des Vergleichsfeldes (Abb. 15080). Der Anteil von Menschen mit langanhaltender starker gesundheitlicher Behinderung ist der höchste im Vergleichsfeld. Bei den Krankenhausentlassungen nach psychischer Erkrankung hat Deutschland einen traurigen Spitzenplatz (Abb. 15674). Die Barmer Ersatzkrankenkasse, die größte gesetzliche Versicherung, berichtet in ihrem Krankenhausreport 2013, die Krankenhausverweilzeiten unter der Diagnose von psychischen Störungen seien im Vergleich zu 1990 bis 2012 um 67 % angestiegen (Abb. 17891).

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In dem entsprechenden Report 2011 hat sie die Daten von mehreren Millionen Patienten für 2010 ausgewertet. 2010 landeten über doppelt so viele Menschen wegen Depressionen im Krankenhaus wie zehn Jahre zuvor. Nach der Krankenhausstatistik des Statistischen Bundesamts wurden bei den nach vollstationärer Behandlung Entlassenen seit dem Jahr 1994 immer häufiger „Psychische und Verhaltensstörungen“ als Diagnose angegeben; deren Zahl stieg bis 2011 in nur 17 Jahren um mehr als die Hälfte auf 1,2 Millionen an.

Nach der neuen Gesundheitsstudie des Robert Koch-Instituts von 2013 ist etwa jeder zehnte Erwachsene (14 % der Frauen und 8 % der Männer) stark und andauernd gestresst, wobei der Anteil bei den 18- bis 29-Jährigen auf knapp 13 % steigt. Zu ähnlich alarmierenden Ergebnissen kommt eine Forsa-Umfrage im Auftrag der Techniker Krankenkasse vom Oktober 2013. Darin hat jeder Fünfte angegeben, in Dauerstress zu leben, wobei es bei Frauen allein sogar ein Viertel ist und hier Höchstwerte im Alter zwischen 36 und 45 Jahren erreicht werden. Bei den Frauen sagen fast sechs von zehn, ihr Leben sei in den vergangenen drei Jahren stressiger geworden, bei den Männern ist es knapp jeder zweite.

Je jünger, desto mehr Befragte meinen, dass ihr Stresslevel in den letzten Jahren angestiegen sei. Ganz oben auf der Liste der Stressfaktoren steht die Arbeit – also Beruf oder Schule und Studium. So grassieren Depressionen neuerdings und anders als früher vor allem bei jüngeren Menschen. Dabei werden unter den Jugendlichen Lehrlinge verstärkt ausgenützt, indem man sie immer längere Zeiten als Arbeitskräfte statt als Auszubildende einsetzt: zwischen 2000 und 2007 durchschnittlich ein Viertel mehr bei einfachen Arbeiten und sogar zwei Drittel mehr in Fachkräftetätigkeiten. Die Ausbeutung der Arbeitskraft auch junger Menschen kennt keinen Halt.

Der sozio-ökonomische Status (SES) spielt beim Stress eine große Rolle. Bei den Frauen mit niedrigem SES ist mehr als jede Fünfte stark gestresst (20 %), bei den Frauen mit hohem SES geht es hingegen nur etwa jeder neunten so (11 %). Je ungleicher die soziale Entwicklung wird, umso mehr sammelt sich also der Stress bei den ohnehin Benachteiligten an. Gestresste Menschen leiden auch häufiger an Folgeerkrankungen wie Burnout-Syndrom, einer depressiven Gemütslage oder Ein- und Durchschlafproblemen. Nach Ansicht der Autoren der DEGS-Gesundheitsstudie belegen die Ergebnisse eindrücklich einen hohen Zusammenhang zwischen Belastungen durch chronischen Stress und psychischen Beeinträchtigungen durch depressive Symptome, Burnout-Syndrom und Schlafstörungen. Natürlich ist Arbeit nicht der einzige Stressfaktor, jedoch ein besonders wichtiger.

So steigt seit Mitte des vergangenen Jahrzehnts die Arbeitsunfähigkeit durch psychische Erkrankungen besonders stark an. Allein in den fünf Jahren bis 2012 haben die Arbeitsunfähigkeitstage um 41 % zugenommen. In den letzten 14 Jahren kam es zu mehr als einer Verdoppelung (Abb. 14792). Die Burnout-Fälle (Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung) haben ebenfalls stark zugenommen und betreffen schon jedes zehnte Mitglied der AOK-Versicherten (Abb. 17340). Nach einer Hochrechnung im Fehlzeitenreport waren 2011 mehr als 130.000 der gesetzlich krankenversichert Beschäftigten wegen eines Burnouts krankgeschrieben. Das ergab insgesamt 2,7 Millionen Fehltage.

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Die Belastungen führen auch dazu, dass immer mehr Menschen – trotz der damit verbundenen finanziellen Einbußen – vorzeitig in Rente gehen. Nach den Zahlen der Deutschen Rentenversicherung bezogen 2011 knapp 700.000 Menschen erstmalig ihre Altersrente. Knapp die Hälfte von ihnen bekam nicht ihr volles Ruhegeld ausgezahlt, weil sie nicht bis zur Regelaltersgrenze von 65 Jahren gearbeitet hatten. Besonders betroffen sind Krankenpfleger, Erzieher und Arbeitnehmer im Dienstleistungssektor. Insgesamt hatten bei den 64-Jährigen im Juni 2012 nur noch 14,2 % einen Job. Nach einer neuen repräsentativen Umfrage des Marktforschungsinstituts GfK vom Januar 2014 wollen nur 28 % der Beschäftigten von 45 bis 60 Jahren bis zum gesetzlichen Rentenalter voll erwerbstätig bleiben. Etwa jeder vierte Befragte will in den letzten Jahren vor der Rente nur noch in Teilzeit arbeiten. Ungefähr jeder Dritte möchte zwar bis zum Schluss voll arbeiten, aber vorzeitig in Rente gehen. Lediglich 8 % der Beschäftigten geben an, auch nach dem gesetzlichen Renteneintrittsalter noch ganz oder in Teilzeit arbeiten zu wollen.

Jetzt hat sich im Januar 2014 die Bundespsychotherapeutenkammer mit einer aufschlussreichen und zugleich alarmierenden Studie in Auswertung der Statistiken der Kranken- und Rentenversicherungen zur Arbeitsunfähigkeit und Frühverrentung gemeldet. Danach sind im Jahr 2012 75.000 Menschen wegen psychischer Erkrankungen in Frührente gegangen. Das sind 50 % mehr als vor zehn Jahren. Im Durchschnitt waren die Frührentner, die ihren Job wegen einer psychischen Erkrankung aufgeben mussten, erst 49 Jahre alt, und mehr als ein Viertel gilt als arm, zumal eine Erwerbsminderungsrente durchschnittlich nur rund 600 Euro beträgt. Psychische Erkrankungen sind bereits für 42 % aller Frührentner der Grund für die vorzeitige Pensionierung. Nach Ansicht von Kammerpräsident Richter werden psychisch kranke Frührentner praktisch abgeschrieben.

Die Zahlen derer, die Arbeitslosengeld bekommen (907.000 Menschen) oder die amtlich als arbeitslos gezählt werden (2.9 Millionen Menschen) täuschen ein falsches Bild vor. Zieht man die ab, die angeblich gar keine Arbeit suchen, so bleiben immer noch 10,6 Millionen Menschen ohne reguläre Arbeit, einschließlich der 4,4 Millionen Hartz-4-Aufstocker, die von ihrer Arbeit nicht leben können, übrig (Abb. 18357).

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Besonders schlecht sind die schon mehr als ein Jahr Arbeitslosen dran, die auf Hartz-IV-Niveau abgerutscht sind und deren Anteil an allen Arbeitslosen mit fast der Hälfte oder 1,3 Millionen in Deutschland besonders hoch ist. Nur die Eurokrisenländern Irland, Griechenland und Portugal sowie Belgien haben in Westeuropa noch höhere Anteile. Nach einer Untersuchung aus 2013 gehören dazu als harter Kern 435.000 dauerhaft Langzeitarbeitslose, die kaum Chancen auf Vermittlung haben, zumal sich die öffentlich geförderte Beschäftigung inzwischen nahezu ausschließlich auf fragwürdige Ein-Euro-Jobs beschränkt. Von diesen dauerhaft Arbeitslosen sind 300.000 Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren abhängig.

Im Schatten des sozialen Arbeitslosen-Elends und davon profitierend hat sich um die Jobcenter der Arbeitslosen herum eine blühende „Sozialindustrie“ entwickelt, die viel kostet aber zu oft wenig am Elend ändern kann. Das sind einerseits die „Gemeinnützigen Gesellschaften mit beschränkter Haftung“, kurz gGmbH. Derzeit gibt es etwa 4.000 davon, die tausende Sozialpädagogen, Therapeuten und Kulturschaffende beschäftigen, um Arbeitssuchende fortzubilden. Bis zu 600 Euro soll es monatlich für einen Fortzubildenden geben. Wenn eine solche gGmbH beispielsweise 1.400 Fortzubildende betreut, macht das schon einen ordentlichen und profitablen Umsatz aus. Von Jobzentren in solche Maßnahmen Gezwungene sollen von bis zu 10 Maßnahmen berichten, die sie ohne größeren Erfolg nacheinander über sich ergehen lassen mussten. Dann gibt es noch die privaten Arbeitsvermittler. Die sind zusätzlich zu den tausenden von direkt bei der Bundesagentur für Arbeit und bei den Jobcentern angestellten und verbeamteten öffentlichen Arbeitsvermittler tätig. Die Jobcenter geben Vermittlungsgutscheine aus, mit denen der Arbeitssuchende zu den privaten Vermittlern gehen kann. Die erhalten für sechs Wochen Beschäftigung des Vermittelten 1.000 Euro und weitere 1.000 Euro nach weiteren sechs Monaten, bis das Ganze bei negativem Ausgang von Neuem beginnen kann, denn dauerhafte Erfolge sind in der Regel relativ selten.

Arbeitslosigkeit und selbst die Angst vor Arbeitslosigkeit werfen tiefe Gräben in der deutschen Sozialstruktur auf. Menschen in Angst neigen zur Anpassung. Arbeitslosigkeit im Millionenbereich drückt auf die Arbeitseinkommen. Arbeitslose bekommen das Stigma zu spüren. Zeiten von Arbeitslosigkeit sorgen für viel zu kleine Renten und für Altersarmut mit deprimierenden Verhältnissen in Alters- und Pflegeheimen, die die Eliten allenfalls aus der Zeitung kennen oder besser gar nicht erst zur Kenntnis nehmen.

Im Schatten der Arbeitslosigkeit versteckt sich bittere Armut. Nach einer Meldung des Statistischen Bundesamts vom Mai dieses Jahres lebte 2012 ein Drittel der Bevölkerung in Deutschland in privaten Haushalten, die nach eigener Einschätzung nicht in der Lage waren, unerwartet anfallende Ausgaben aus eigenen Finanzmitteln zu bestreiten. Dabei handelt es sich zum Beispiel um Ausgaben für größere Anschaffungen oder Reparaturen. Auf Urlaubsreisen mussten knapp 22 % der Bevölkerung aus finanziellen Gründen verzichten. Klammert man die derzeitigen Euro-Krisenländer aus der Betrachtung aus, so ist die Lage in Deutschland erheblich schlechter als sonst in Westeuropa: der 10. Platz unter 11 Ländern für die Unfähigkeit, unerwartete Ausgaben zu bestreiten (Abb. 18360), und der 9. Platz unter 12 Ländern für die Unfähigkeit, sich einen Urlaub zu leisten.

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Die Spitze des Eisbergs an Armut sind die Gratis-Küchen, wo sich Armut zeigen muss. In Deutschland hat sich die Zahl der Tafeln von 330 im Jahr 2003 auf 916 in 2013 fast verdreifacht (Abb. 18041). Dazu gehören mehr als 3.000 Tafel-Läden und Ausgabestellen bundesweit mit ca. 60.000 ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern. Sie unterstützen regelmäßig etwa 1,5 Millionen bedürftige Personen, davon ein Drittel Kinder und Jugendliche. Für den angeblichen Sozialstaat Deutschland ist schon das eine Schande. Die Zahl der Tafeln und der versorgten Personen ist in den letzten Jahren stetig gestiegen. Mit Sorge beobachten die Tafeln vor allem die steigende Anzahl der bedürftigen Kinder und Jugendlichen. Viele bieten inzwischen eigene Kinder- und Jugendprojekte an.

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Nach einer neuen Studie des DGB unterstützte der Staat 2012 insgesamt 6,1 Millionen Bürger mit Hartz-IV-Leistungen. Von ihnen seien 4,4 Millionen im erwerbsfähigen Alter gewesen. Der Hartz-IV-Regelsatz belief sich in 2013 auf die Summe von 12,56 Euro pro Tag, darunter 4,46 Euro für Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke und ganze 0,05 Euro für Bildung. Aus der Sicht eines Menschen, der an der Spitze der Bundesregierung ein Einkommen von rund 350 Euro netto pro Tag (einschließlich steuerfreier Aufwandsentschädigung) bezieht, sollte das eigentlich ein unvorstellbar tiefer sozialer Graben sein, der die Betroffenen im Schatten verschwinden lässt.

Mitte 2013 bezogen fast neun Millionen Menschen Arbeitslosengeld, Hartz-IV-Leistungen oder Sozialhilfe. Sie alle haben keinen richtigen Job und leben praktisch in Armut. Hinzu kommen noch sehr viele Menschen, die mit Rentenabschlag frühverrentet wurden, weil sie keine Arbeit finden konnten, und natürlich die nicht wenigen, die sich aus Scham oder anderen Gründen nicht beim Sozialamt melden wollen. Rund 1,08 Millionen Bundesbürger erhalten nach einer neuen Auswertung der Arbeitsagentur bereits seit 2005 durchgängig Hartz-IV-Leistungen. Im Westen liegt die Quote dieser Dauerbezieher bei fast 23 % und im Osten bei fast 28 %. Weil ihr Arbeitslosengeld zum Leben allein nicht ausreicht, ist inzwischen etwa ein Zehntel auch der kurzzeitig Erwerbslosen zusätzlich auf Hartz IV angewiesen. So gab es 2012 bundesweit über 83.000 Menschen, die zusätzlich zu ihrem Arbeitslosengeld I auch noch Hartz IV beziehen mussten.

Die Armutsgefährdungsquote ist von rund 10 % 1999 auf über 16 % 2012 erheblich angestiegen (Abb. 17356). Der Schwellenwert für Armutsgefährdung liegt nach der gebräuchlichen Definition bei 60 % des Medians des Nettoäquivalenzeinkommens der Gesamtbevölkerung. Um diese schrecklichen Begriffe verständlich zu machen: Damit war im Jahr 2012 in Deutschland armutsgefährdet, wer weniger als 980 Euro je Monat zur Verfügung hatte, was auf rund 13 Millionen Menschen zutraf. Einige Personengruppen waren besonders armutsgefährdet, so knapp 22 % der Frauen zwischen 18 und 24 Jahren, fast ein Drittel der Haushalte alleinstehender Männer oder Frauen, 39 % der Alleinerzieher, mehr als 69 % der Haushalte von Arbeitslosen, knapp 26 % derer mit niedrigem Bildungsabschluss und in ähnlicher Höhe der Anteil bei den Mietern.

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Auch gilt „einmal arm, immer arm“. Fast 81 % der Personen, die 2011 unter der Armutsgefährdungsquote lagen, waren bereits in den vier Jahren zuvor zumindest einmal von Armut betroffen. Darunter sind nahezu 40 % dauerhaft arm, weitere 42 % haben in diesem Zeitraum Ab- und Aufstiege in und aus Armut erlebt. Armut ist in Deutschland heute also alles andere als eine gelegentliche Randerscheinung, die man vergessen könnte. Auch international sieht Deutschland bei der Armut nicht gut aus: In 12 Ländern Westeuropas ist die Armutsgefährdung geringer, nur in den 5 Euro-Krisenländern und Großbritannien ist sie höher.

Seit den Hartz-Gesetzen geht von der Gefahr der Arbeitslosigkeit ein enormer psychischer Druck auf alle Deutschen im arbeitsfähigen Alter aus, die nicht zu den Bevorrechtigten mit entsprechendem Vermögensstatus und absolut sicherem Job zählen. Erfasst werden davon auch qualifizierte Arbeitnehmer und sogar akademisch ausgebildete, vor allem in vorgerückten Altersgruppen. Am Beispiel der Hartz-4-Empfänger wurde im Oktober 2013 durch eine neue Studie unter Mitwirkung des bundeseigenen Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung bekannt, wie stark Armut auf die Psyche schlägt. Die darin ausgewerteten Daten der Techniker Krankenkasse für 2006 zeigen, dass seinerzeit 22 % der berufstätigen Versicherten eine psychiatrische Diagnose gestellt bekommen hatten, doch Bezieher von Arbeitslosengeld II – also Hartz IV – waren schon zu 37 % betroffen. Noch brisanter sind die aktuelleren Daten der AOK, nach denen der Anteil von Hartz-IV-Beziehern mit psychischen Problemen an allen Hartz-4-Beziehern der AOK allein zwischen 2007 und 2011 um ein Viertel von knapp 33 % auf über 40 % gestiegen ist (Abb. 18240).

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Der neue Datenreport des Statistischen Bundesamts von 2013 deckt ebenfalls auf, welche Folgen Armut für den Gesundheitszustand hat. So haben arme Männer und Frauen ein 2,7-beziehungsweise ein 2,4-fach erhöhtes Sterberisiko. Die mittlere Lebenserwartung von Männern der unteren Einkommensgruppe im Armutsgefährdungsbereich liegt fast 11 Jahre unter jener von Top-Verdienern. Bei Frauen beträgt die Differenz rund 8 Jahre (Abb. 17900). Dazu Roland Habich vom Wissenschaftszentrum Berlin (WZB), unter dessen Aufsicht der Report entstanden ist: „Überspitzt könnte man die Befunde treffend so charakterisieren: Arme sterben früher.“ Leider ist das nicht überspitzt, sondern nur die traurige Wahrheit.

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Lesen Sie den ersten Teil der Analyse hier.

 

Joachim Jahnke, geboren 1939, promovierte in Rechts- und Staatswissenschaften mit Anschluss-Studium an französischer Verwaltungshochschule (ENA), Mitarbeit im Kabinett Vizepräsident EU-Kommission, Bundeswirtschaftsministerium zuletzt als Ministerialdirigent und Stellvertretender Leiter der Außenwirtschaftsabteilung. Europäiscbuchhe Bank für Wiederaufbau und Entwicklung in London, zuletzt bis Ende 2002 als Mitglied des Vorstands und Stellvertretender Präsident. Seit 2005 Herausgeber des „Infoportals“ mit kritischen Analysen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung (globalisierungskritisch). Autor von 10 Büchern zu diesem Thema, davon zuletzt „Euro – Die unmöglich Währung“, „Ich sage nur China ..“ und „Es war einmal eine Soziale Marktwirtschaft“. Seine gesellschaftskritischen Analysen beruhen auf fundierter und langjähriger Insider-Erfahrung.

Sein Buch über das Ende der sozialen Marktwirtschaft (275 Seiten mit 176 grafischen Darstellungen) kann unter der ISBN 9783735715401 überall im Buch- und Versandhandel für 15,50 Euro bestellt werden, bei Amazon hier.

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Top-Ökonom: Glaubt den Eliten nicht, Weltwirtschaft ist auf Crash-Kurs
Top-Ökonom: Glaubt den Eliten nicht, Weltwirtschaft ist auf Crash-Kurs
Der ehemalige Asien-Chefökonom von Morgan Stanley warnt vor schweren Krisen in der Weltwirtschaft. Die politischen Eliten würden alle Warnungen ignorieren. Sie reden sich die Lage schön und behaupten, die Lage sei nicht so schlimm. Als Beispiel der Unfähigkeit der politischen…
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Angela Merkel, Barack Obama, Shinzo Abe und Francois Hollande beim G7. (Foto. dpa)

Angela Merkel, Barack Obama, Shinzo Abe und Francois Hollande beim G7. (Foto. dpa)

Der ehemalige Chefökonom für die Region Asien bei Morgan Stanley, Andy Xie, hat in einem zuerst in der South China Morning Post veröffentlichten Gastbeitrag scharfe Kritik am Zustand der Weltwirtschaft und an den führenden Eliten geäußert.

Sie seien nicht fähig oder gewillt zu sein, die gefährliche Entwicklung zu stoppen. „Vor der gegenwärtigen Zeitverschwendung namens G7-Treffen konnte die Arbeitsgruppe der G20 in Schanghai keine vernünftigen Vorschläge zur Ankurbelung der Weltwirtschaft machen und beschwerte sich stattdessen, dass die gegenwärtigen Gefahren nicht die ‚tiefer liegenden Fundamentaldaten der Weltwirtschaft‘ reflektierten. Der Ölpreis war seit Juni 2014 um 70 Prozent eingebrochen, der brasilianische Real hatte sich halbiert und der russische Rubel hatte 60 Prozent an Wert eingebüßt. Die Weltwirtschaft befindet sich am Rand einer weiteren Rezession und diese wichtigen Leute haben das alles auf eine Art psychologisches Problem der Wahrnehmung der Menschen geschoben.“

Tatsächlich deuten „deuteten alle Anzeichen auf eine längere Periode der globalen Stagnation und Instabilität“ hin, schreibt Xie. Dafür macht Xie teilweise die expansive Geldpolitik verschiedener Notenbanken nach der Krise von 2008 verantwortlich. Diese massiven Finanzmittel hätten meist keine nachhaltige Wirkung auf die Realwirtschaft gehabt, sondern zu Preisblasen in verschiedenen Anlageformen wie Aktien und Immobilien geführt. Dadurch seien vor allem die wenigen Wohlhabenden immer reicher geworden, während der große Rest bestenfalls einige „Krümel“ des Geldsegens abbekommen hätte. „Der durch die expansive Geldpolitik erhoffte Wohlstandeffekt ist im kleinen Kreis der Wohlhabenden geblieben“, schreibt Xie.

Dort, wo massiv in die Wirtschaft investiert wurde, sei es häufig zum Aufbau von unproduktiven Überkapazitäten gekommen. Diese machen sich derzeit etwa in der europäischen Stahlindustrie bemerkbar, die unter dem hohen chinesischen Überangebot leidet. „China hat nach 2008 Gelder im Umfang von etwa 20 Billionen Dollar bereitgestellt, um den Bau von Fabriken und Wohnungen zu finanzieren. Doch eine Investition garantiert noch keine Nachfrage. China baute also noch mehr Fabriken, um Nachfrage für die eben erwähnte Fabrik zu generieren. Dieses Schneeballsystem konnte nicht lange funktionieren.“

Xie kritisiert, dass die chinesische Überproduktion überdies die Rohstoffpreise aufgebläht hat, was ebenfalls zu einem Schneeballsystem geführt habe. „Als die großen Zentralbanken die Zinsen auf Null gesetzt haben, sind Billionen von Dollar als Kredite in den Rohstoffbereich geflossen. Unternehmen in den Schwellenländern, die von den steigenden Rohstoffpreisen beeindruckt waren, liehen sich insgesamt 9 Billionen Dollar. Dieser Schuldenberg gründet auf einem Rohstoff-Schneeballsystem, welches seinerseits auf einem chinesischen Investitions-Schneeballsystem ruht. Sein Zusammenbruch ist erst der Beginn.“

Dass die Weltwirtschaft kurz vor einer Rezession stehe, sei außerdem das Resultat eines Systems falscher Anreize: „Nach der Finanzkrise von 2008 hat die amerikanische Regierung und die Federal Reserve Billionen von Dollar dafür ausgegeben, jene Leute zu retten, die die Krise erschaffen haben. Anstatt mit der Insolvenz und Gefängnis rechnen zu müssen, sind diese Leute so reich geworden wie nie zuvor. Wie vorauszusagen war, haben sie ihre Ressourcen dazu verwendet, das System noch mehr zu manipulieren.“

Das Ende der Arbeiter: Roboter produzieren Adidas-Schuhe in Deutschland
Das Ende der Arbeiter: Roboter produzieren Adidas-Schuhe in Deutschland
Adidas produziert künftig wieder in Deutschland - allerdings ohne Arbeitsplätze zu schaffen: In Ansbach baut das Unternehmen dazu eine Roboter-Fabrik für Schuhe, die weitgehend ohne menschliche Mitarbeiter auskommen soll. Viele globale Unternehmen ziehen sich aus Asien zurück, weil die Arbeiter…
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Mit der Roboterfabrik will Adidas bei der Produktion wieder auf Made in Germany setzen. (Foto: dpa)

Mit der Roboterfabrik will Adidas bei der Produktion wieder auf Made in Germany setzen. (Foto: dpa)

Der deutsche Sportartikelhersteller Adidas baut derzeit eine Fabrik, die weitgehend ohne menschliche Mitarbeiter auskommen soll. Stattdessen übernehmen Roboter die Produktion. Auf rund 4600 Quadratmetern sollen die Maschinen in der so genannten „Speedfactory“ vollautomatisch Schuhe „Made in Germany“ herstellen.

Mit der Fabrik in Ansbach kann Adidas damit erstmals nach rund zwanzig Jahren wieder mit in Deutschland hergestellten Produkten werben. Denn wegen der vergleichsweisen hohen Lohnkosten hierzulande hat auch die deutsche Traditionsmarke ihre Produktionsstätten schon vor Jahrzehnten komplett in Billiglohnländer vor allem in Asien ausgelagert und beschäftigt dort fast eine Million Menschen. Seit jedoch die Löhne etwa auch in China steigen, schauen sich Textilhersteller nach Alternativen um. Wer kann, investiert in Fabriken mit Robotertechnologien, etwa wie bei Adidas über eine Kooperation mit dem Maschinenbauer Manz, und spart so gleich an den Mitarbeitern. Ein Beispiel dafür lieferte jüngst der Apple-Zulieferer Foxconn: Nach einem bericht der BBC hat das Unternehmen, das sich einen Ruf für die schlechte Behandlung seiner Mitarbeiter erworben hat, gleich 60.000 Arbeiter durch Roboter ersetzt. Damit hat mehr als die Hälfte der zuvor 110.000-Mitarbeiter starken Belegschaft ihren Job an die Maschinen verloren.

Adidas verspricht, dass es genau so nicht laufen soll. Seinen Job verliere demnach erstmal niemand, vielmehr wolle man die Speedfactory dazu nutzen, um die Produktionszahlen zu erhöhen. Ab dem kommenden Jahr sollen so bis 2020 jedes Jahr 30 Millionen Paar Schuhe mehr hergestellt werden als im Vorjahr, berichtet der Guardian.

Die Automatisierung ermöglicht es dabei, schneller als je zuvor zu fertigen – und günstiger. So kann Adidas künftig wieder das bei vielen Kunden als Kunden als Gütesiegel geltende „Made in Germany“ auf Produkte schreiben ohne dafür mehr zu bezahlen wie für die in Asien von Hand gefertigten Schuhe. In den jeweiligen Absatzmärkten entspricht eine inländische Produktion gerade auf Prestige-Produkten wie etwa den Nationaltrikots der Fußballmannschaft auch einen positiven Effekt auf die Verkaufszahlen. Allerdings soll Deutschland nicht der einzige Standort bleiben: Stellt sich die Fabrik in Ansbach als Erfolg heraus, so plant Adidas die Produktion auch in andere Absatzmärkte „zurückzuholen“, mit weiteren Roboterfabriken etwa in Frankreich, Großbritannien oder den USA.

Starker Dollar treibt Rohstoff-Märkte tiefer in die Krise
Starker Dollar treibt Rohstoff-Märkte tiefer in die Krise
Die Preise der meisten Rohstoffe haben im Mai deutlich nachgegeben. Besonders der starke Dollar wird dafür verantwortlich gemacht. Die Fed kann weiterhin Druck auf die Rohstoffmärkte ausüben, wenn sie die Leitzinsen anhebt oder eine Anhebung auch nur andeutet.
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Der Dollar bleibt stark, die Folgen zahlen die Schwellenländer. (Foto: dpa)

Der Dollar bleibt stark, die Folgen zahlen die Schwellenländer. (Foto: dpa)

China dominiert den globalen Markt für Stahlerzeugnisse. (Foto: dpa)

China dominiert den globalen Markt für Stahlerzeugnisse. (Foto: dpa)

Die Preise wichtiger Rohstoffe haben sich im Mai teils deutlich verbilligt. Beobachter machten dafür insbesondere einen stärkeren Dollar verantwortlich. Da die meisten Rohstoffe international in der amerikanischen Landeswährung gehandelt werden, verteuern sich diese entsprechend und Anleger halten sich eher zurück. Dadurch besitzt die US-Notenbank Fed einen großen Einfluss auf die künftige Preisgestaltung. Wenn sie die Leitzinsen wie erwartet demnächst anhebt, wird der Dollar aufwerten und weiteren Druck auf die Notierungen ausüben. Selbst wenn sie eine Anhebung der Zinsen für einige Zeit nur andeutet, wird dieser Effekt eintreten.

Gold und Kupfer gehörten im Mai zu den größten Verlierern – die Preise in beiden Rohstoffklassen sanken so stark wie seit einem halben Jahr nicht mehr, wie Financial Times berichtet. Kupfer verbilligte sich um über 7 Prozent auf aktuell rund 4650 Dollar pro Tonne. „Einen Rückgang des Angebots, mit dem viele gerechnet hatten, hat es nicht gegeben“, sagte ein Analyst des Schweizer Vermögensverwalters Julius Bär. Die Produzenten hätten sich stattdessen auf Kostensenkungen fokussiert und das Produktionsniveau gehalten. Der Goldpreis sank am Montag auf ein 3-Monats-Tief, bevor er sich am Dienstag auf etwa 1215 Dollar pro Feinunze erholen konnte.

Terminkontrakte für Stahl und Eisenerz aus chinesischer Produktion markierten ebenfalls neue Tiefpunkte und waren seit ihrer Markteinführung in den Jahren 2009 beziehungsweise 2013 noch nie so günstig wie derzeit, schreibt Financial Times. Die Terminpreise für Stahl sanken im Mai um 28 Prozent, während jene für Eisenerz um rund 24 Prozent nachgaben.

Chinas Stahlindustrie leidet ebenso wie andere Branchen unter hohen Überkapazitäten, weil umfangreiche Spekulationen auf den Terminmärkten die Notierungen in der Vergangenheit immer wieder künstlich in die Höhe getrieben und Produzenten zu einem höheren Output ermuntert hatten. An den Rohstoffbörsen des Landes gelten inzwischen neue Regeln, um ein Überschießen des Marktes zu verhindern.

Gegen den allgemeinen Trend stiegen die Preise für Rohöl im Mai weiter an. Die Notierungen für die Sorten Brent und WTI schwanken derzeit um die Marke von 50 Dollar pro Barrel (159 Liter), nachdem sie im Januar und Februar deutlich weniger als 30 Dollar pro Barrel gekostet hatten.

Die Zeit wird knapp: Bürgerinitiative macht gegen CETA mobil
Die Zeit wird knapp: Bürgerinitiative macht gegen CETA mobil
Die Bürgerinitiative Campact will alle rechtlichen und politischen Möglichkeiten nutzen, um das CETA-Abkommen mit Kanada doch noch zu Fall zu bringen. Die Initiative rechnet sich gewisse Chancen aus, obwohl die Zeit knapp ist und es viele Hürden zu überwinden gilt,…
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EU-Kommissarin Cecilia Malmström bei den CETA-Beratungen der Handelsminister in Brüssel. (Foto: dpa)

EU-Kommissarin Cecilia Malmström bei den CETA-Beratungen der Handelsminister in Brüssel. (Foto: dpa)

Gegner der umstrittenen Freihandelsabkommen CETA und TTIP demonstrieren am 28.05.2016 während des Katholikentages in Leipzig (Sachsen). (Foto: dpa)

Gegner der umstrittenen Freihandelsabkommen CETA und TTIP demonstrieren am 28.05.2016 während des Katholikentages in Leipzig (Sachsen). (Foto: dpa)

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie hoch schätzen Sie Ihre Chancen ein, CETA verhindern zu können?

Jörg Haas: Wir sind optimistisch, dass wir CETA politisch noch verhindern können – und wenn das nicht gelingt, dass am Ende das Bundesverfassungsgericht gegen CETA entscheidet. Es gibt jedoch keinen Königsweg, daher ist es wichtig verschiedene politische und juristische Wege einzuschlagen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: CETA ist ja bereits ausverhandelt. Dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie zufolge könnte das Abkommen bereits im kommenden Jahr starten. Bleibt Ihnen für Ihr Vorhaben genug Zeit?

Jörg Haas: Für die Prozessführung wird bis auf Weiteres von folgender zeitlicher Folge
ausgegangen: Im Herbst wird die Kommission der Europäischen Union dem
Ministerrat – genauer: dem Rat der EU-Handelsminister – den Vertragstext zum Beschluss über die Unterzeichnung und die vorläufige Anwendung vorlegen. Dieser Beschluss bedarf nach der bisherigen Praxis der Zustimmung des Europäischen Parlaments. Daran wird sich die Ratifikationsphase anschließen, in der Kanada, aber auch sämtliche Mitgliedstaaten der Europäischen Union ihre Zustimmung zum Vertragsabschluss erklären müssen.

In Deutschland geschieht dies in der Gestalt eines Zustimmungsgesetzes des
Bundestages mit Zustimmung des Bundesrates. Nach Abschluss der
Ratifikationsphase wird die Kommission dem Ministerrat den Vertrag zum Beschluss
über den endgültigen Vertragsabschluss vorlegen. Dieses Procedere wird überwiegend für wahrscheinlich gehalten, doch bleibt es in wesentlichen Hinsichten spekulativ. Unklar ist bis heute, ob die Zustimmung aller EU-Mitgliedstaaten erforderlich ist (sogenanntes Gemischtes Abkommen) oder ob die Union den Vertrag alleine abschließen darf (ausschließliches EU-Abkommen) und unklar ist auch, ob der Rat der Europäischen Union jeweils einstimmig oder mit Mehrheit abzustimmen hat.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Warum startet die Klage erst jetzt?

Jörg Haas: Beschwerdegegenstand kann nur ein Akt deutscher öffentlicher Staatsgewalt sein. Dies ist das Zustimmungsgesetz des Deutschen Bundestages zu CETA. Falls ein
Begleitgesetz zu CETA erlassen wird, dies ist noch nicht absehbar, wird auch dieses
Begleitgesetz ein tauglicher Beschwerdegegenstand sein.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Arbeiten Sie mit Frau Grimmenstein-Balas zusammen, die kürzlich eine Sammelklage gegen CETA organisiert hat?

Jörg Haas: Mitte April 2016 hat die Lehrerin Marianne Grimmenstein die Beschwerde initiiert. Sie wurde beim Bundesverfassungsgericht (BVerfG) „vorsorglich als Schutzschrift“ eingereicht, wie der Prozessbevollmächtigte Prof. Dr. Andreas Fisahn in den Medien zitiert wurde. Das Verfassungsprozessrecht sieht allerdings keine „Schutzschriften“ vor. Dies war nicht der erste Versuch einer Verfassungsbeschwerde: Bereits im August 2014 hatte Marianne Grimmenstein eine Beschwerde gegen CETA beim BVerfG eingereicht, die aber nicht zur Entscheidung angenommen wurde.

Wir sind der Auffassung, dass der Zeitpunkt für eine Verfassungsbeschwerde eine wichtige Rolle spielt. Denn die deutsche Staatsgewalt muss zuerst Maßnahmen ergriffen haben, bevor man diese rügen kann. Das ist im Falle von CETA bisher noch nicht geschehen. Wir wollen deshalb die Zustimmung des deutschen Vertreters im Europäischen Rat zur Unterzeichnung von CETA abwarten, bevor wir unsere Massen-Verfassungsbeschwerde einreichen – das Sammeln der Vollmachten kann und soll natürlich schon davor geschehen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Kann man sich an mehreren Verfassungsbeschwerden beteiligen?

Jörg Haas: Leider ist es nicht möglich, zur gleichen Problematik mehrere Verfassungsbeschwerden zu unterstützen. Wer sich zum Beispiel bereits an der Verfassungsbeschwerde von Frau Grimmenstein gegen CETA beteiligt, kann die Massenbeschwerde „Nein zu CETA“ nicht unterzeichnen. Wenn jemand trotzdem beide Verfahren unterstützt, wird die zeitlich spätere Beschwerde dieser Person nicht akzeptiert. Grundsätzlich ist es jedoch möglich, jederzeit die Unterstützung für Beschwerden zurückzuziehen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Werden auch in anderen EU-Ländern derartige Initiativen geplant?

Jörg Haas: Der Widerstand gegen TTIP und CETA ist auch in zahlreichen anderen EU-Ländern sehr lebendig. Allerdings ist mir bisher keine Verfassungsklage bekannt.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie sehen die Kanadier das Abkommen?

Jörg Haas: Es gibt auch in Kanada einen erheblichen Widerstand gegen Freihandelsabkommen. Allerdings konzentriert sich die Debatte auf das TPP-Abkommen im Pazifik. Aber auch gegen CETA gibt es deutlichen Widerspruch. So hat der Canadian Labour Congress zusammen mit dem DGB sich gegen CETA ausgesprochen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Was sind Ihre Hauptkritikpunkte an CETA?

Jörg Haas: In dem CETA-Vertrag geht es – anders als in früheren Freihandelsabkommen – nur am Rande um den Abbau von Zöllen oder die Angleichung von technischen Standards wie Schraubenlängen und Blinkerfarben. Im Kern des Abkommens stehen gesellschaftspolitische Standards, die viele Bereiche unseres täglichen Lebens betreffen. Umwelt- und Klimaschutz oder Verbraucher- und Arbeitnehmerrechte werden in CETA vor allem als Handelshemmnisse betrachtet, die Kosten für die Wirtschaft erzeugen.

Durch die in dem Vertrag vorgesehene Angleichung von Standards und die Zusammenarbeit bei gesetzlichen Regulierungen besteht die Gefahr, dass notwendige Verbesserungen unserer Standards in Zukunft nur noch schwer oder überhaupt nicht mehr möglich sein werden.

Zudem ist durch die geplante „regulatorische Zusammenarbeit“ offiziell festgeschrieben, dass Lobbyisten die Gesetzgebung noch vor den Parlamenten beeinflussen können. Denn für die Auslegung und Umsetzung von CETA soll ein sogenanntes „Joint Committee“ mit noch unklarer Zusammensetzung zuständig sein. Dieses Expertengremium kann CETA als „living agreement” auch nach seinem Abschluss noch entscheidend weiterentwickeln und verändern – obwohl das Gremium weder demokratisch legitimiert wäre noch von den Parlamenten kontrolliert würde. Damit werden demokratische Rechte der Bürger ausgehöhlt.

Weiterhin sind in CETA mit dem so genannten Investitionsgericht (ICS) weitreichende Sonderklagerechte für ausländische Unternehmen festgeschrieben. Investoren würde es so ermöglicht, Regierungen zu verklagen, sobald die vom Unternehmen erwarteten wirtschaftlichen Gewinne zum Beispiel auf Grund von schärferen Gesetzen im Sinne des Verbraucher- oder Umweltschutzes geschmälert werden.

Die ursprünglich vorgesehenen privaten Schiedsgerichte (ISDS) wurden zwar durch ein neues so genanntes Investitionsgerichts-System (Investment Court System, ICS) ersetzt. Der Kern der Kritik bleibt jedoch unverändert bestehen: Ob Schiedsgericht oder Investitionsgericht – das System der Investor-Staat-Streitbeilegung ist eine Paralleljustiz, die nur von ausländischen Investoren, nicht aber von einheimischen Betrieben angerufen werden kann. Staaten würden möglicherweise für Gesetze verklagt werden, die im Sinne des Gemeinwohls erlassen wurden. Und vor den geplanten Investitionsgerichten können Investoren Recht bekommen, auch wenn ordentliche Gerichte bis hin zum Bundesverfassungsgericht anders entscheiden.

Durch das Risiko, von Investoren zu Schadenersatz in Milliardenhöhe verklagt zu werden, sind Regierungen erpressbar. Geplante Regulierungen, zum Beispiel für den Verbraucher- und Umweltschutz oder zur Stärkung von Arbeitnehmerrechten, können auf diese Weise verhindert oder verzögert werden. Der Deutsche Richterbund kritisiert zudem, dass die finanzielle und fachliche Unabhängigkeit der Richter/innen nicht gewahrt ist. Desweiteren ist auch das erneuerte Investitionsgerichtssystem eine Einbahnstraße: Die Unternehmen haben Rechte, aber keine Pflichten. Wenn Investoren beispielsweise fundamentale Menschenrechte verletzen, können sie dafür nicht auf internationalem Wege verklagt werden.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Fürchten Sie auch eine Aufweichung der Umweltstandards?

Jörg Haas: Gravierende Folgen hätte das Abkommen beispielsweise für den Klimaschutz. Energiekonzerne bekämen durch CETA die Möglichkeit, über Investor-Staats-Klagen klimaschädliche Projekte durchzusetzen, auch wenn Bürger/innen massiv protestieren – und zwar auf beiden Seiten des Atlantiks. So hat zum Beispiel der Transcanada-Konzern unter Berufung auf das NAFTA-Freihandelsabkommen zwischen Kanada, USA und Mexiko eine Klage in Milliardenhöhe angekündigt, weil die US-Regierung eine hochumstrittene Öl-Pipeline nicht genehmigt hat. Ähnliches ist durch CETA auch in Europa denkbar.

Um den Weg für CETA frei zu machen, hat die EU bereits dem Druck von Kanada nachgegeben und Klimaschutzstandards abgesenkt: Auch besonders umwelt- und klimaschädliches Öl aus kanadischen Teersanden darf in die EU importiert werden.

Im Verbraucher- und Gesundheitsschutz besteht die Gefahr, dass dringend notwendige Verbesserungen europäischer und nationaler Standards erschwert oder sogar ganz verhindert werden. Denn zukünftige Regelungen müssen immer „CETA-konform“ sein. Es ist beispielsweise eine realistische Annahme, dass die EU und Kanada Standards bei der Kennzeichnung von Nährwerten gegenseitig anerkennen. Dadurch wäre es dann nur noch schwer oder gar nicht mehr möglich, eine Nährwertkennzeichnung in Ampelfarben einzuführen – obwohl sich die Mehrheit der Menschen in Deutschland eine Ampelkennzeichnung wünscht. Auch im Kulturbereich, beim Datenschutz und bei den Arbeitnehmerrechten steht zu befürchten, dass bestehende Standards eingefroren werden. Eine weitere Verbesserung wäre nach Inkrafttreten von CETA dann nicht mehr möglich.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Sollten Sie tatsächlich mit der Klage Erfolg haben, welche Folgen hätte ein Nein des deutschen Bundesverfassungsgerichts in der EU?

Jörg Haas: Eine eventuelle Zustimmung Deutschlands zu CETA würde dann rechtlich nichtig, das heißt die Ratifikation Deutschlands würde rückgängig gemacht, Deutschland wäre an CETA nicht gebunden.

Jörg Haas ist Pressesprecher der Bürgerinitiative campact! und der European Climate Foundation. Von 1997 bis 2008 arbeitete er als Klima- und Energieexperte für die Heinrich-Böll-Stiftung.  

Deutsche Bank will die Postbank loswerden
Deutsche Bank will die Postbank loswerden
Die Deutsche Bank will die ungeliebte Tochter Postbank loswerden. CEO Cryan forderte Interessenten auf, sich bei ihm zu melden. Die Bank versucht alles, um das Institut wieder auf einen stabilen Kurs zu bringen.
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Deutsche Bank und Postbank passen nicht zusammen. (Foto: dpa)

Deutsche Bank und Postbank passen nicht zusammen. (Foto: dpa)

John Cryan kommt beim Umbau der Deutschen Bank voran. Das Institut habe sich von Hunderttausenden Kunden getrennt und seine IT-Systeme vereinfacht, sagte der seit elf Monaten amtierende Vorstandschef am Dienstag auf einer Investoren-Konferenz in New York. Er hofft zudem, einige Skandale bald durch Vergleiche aus der Welt zu schaffen. „Wir kommen Abschlüssen näher“, sagte der Brite. „Wir machen an drei bis vier Fronten Fortschritte“. Cryan ist zuversichtlich, bis Jahresende die größten Rechtsstreitigkeiten – etwa Geldwäsche-Vorwürfe in Russland und umstrittene Hypothekengeschäfte in den USA – beizulegen. Vor einem möglichen Austritt Großbritanniens aus der EU braucht sich das Geldhaus laut Cryan nicht zu fürchten. „Wir sind eine deutsche Bank – und Deutschland will bis jetzt nicht austreten.“

Bei einem „Brexit“ müsste sich die Deutsche Bank allerdings wie alle Geldhäuser auf Marktturbulenzen einstellen. Die Frankfurter wollen versuchen, sich so gut wie möglich gegen Marktausschläge abzusichern. „Wir schalten in den Defensiv-Modus“, betonte Cryan. Er würde nach einem „Brexit“ auf lange Sicht Geschäfte von London nach Kontinentaleuropa verlegen. „Unsere Kunden wollen Staatsanleihen von Euro-Zonen-Staaten dann vermutlich nicht mehr in London handeln.“ Das Institut beschäftigt in Großbritannien über 8000 Mitarbeiter, darunter zahlreiche Investmentbanker.

Cryan bekräftigte, dass die Deutsche Bank wegen des Umbaus im laufenden Jahr erneut rote Zahlen schreiben könnte. Die Restrukturierung, die bis Jahresende größtenteils abgeschlossen sein soll, stehe 2016 im Vordergrund. Es sei wichtig, dass sich die Bank schlanker aufstelle und sich aus wenig gewinnträchtigen Bereichen zurückziehe. Im zurückliegenden Jahr habe das Geldhaus über 750.000 Konten geschlossen. Ein Großteil der Technologie laufe inzwischen auf Basis von Apple -Systemen.

Bei der geplanten Schließung von 200 Filialen in Deutschland und der damit verbundenen Streichung von 4000 Arbeitsplätzen will Cryan bald Klarheit haben. Die Verhandlungen mit dem Betriebsrat hätten sich „furchtbar lang“ hingezogen, räumte er ein. Die Unsicherheit, wer am Ende gehen muss, drückt bei vielen der weltweit rund 100.000 Mitarbeiter auf die Stimmung. „Das ist ein quälender Prozess“, klagt ein Arbeitnehmervertreter. Die Gespräche mit dem Betriebsrat befänden sich nun aber in den letzten Zügen, erklärte Cryan. „Ich bin zuversichtlich, dass wir in den nächsten ein bis zwei Monaten eine Einigung erzielen werden und dann mit den Filialschließungen und dem Abbau von Stellen voranschreiten können.“

Keine Eile hat Cryan dagegen beim Verkauf der Postbank. „Wir könnten zwar einen Börsengang durchziehen, aber wir wollen das jetzt nicht, weil ich glaube, dass der Preis, den wir erzielen würden, für unsere Aktionäre nicht attraktiv wäre.“ Deshalb müsse die Bank auf ein besseres Umfeld für Börsengänge warten – oder nach „etwas kreativeren Wegen“ suchen, sich von ihrer Beteiligung zu trennen, sagte Cryan den Investoren. „Wenn Sie also jemanden kennen, der eine deutsche Filialbank kaufen will – lassen Sie es mich wissen.“

Der Brite hat der Deutschen Bank nach seinem Amtsantritt eine Transparenz-Offensive verordnet. In der Folge habe sich der Umgang mit Rechtsstreitigkeiten grundlegend geändert. „Wir setzen auf volle Transparenz und helfen Ermittlungsbehörden und Regulierern wo wir nur können.“ Zudem tue die Bank alles, um neue Verstöße zu verhindern, sagte der Vorstandschef. Das wirke sich auch auf das Wertpapiergeschäft aus. Hier konzentriert sich das Geldhaus laut Cryan auf neue Produkte, die eine Rendite von 12 bis 20 Prozent auf die risikogewichteten Aktiva abwerfen. „Bei über 20 Prozent schrillen bei uns die Alarmglocken. Denn wenn man zu viel Geld verdient, muss man prüfen, ob man noch die richtigen Dinge tut.“

Alaba will zu Real Madrid - und schießt ein kolossales Eigentor
Alaba will zu Real Madrid - und schießt ein kolossales Eigentor
Bayern zittert um seinen nächsten Superstar: Angeblich will David Alaba zu Real Madrid wechseln, doch 50 Millionen Euro als Ablösesumme sind den Bayern zu wenig. Der Österreicher produzierte, womöglich gedankenverloren, ein kolossales Eigentor beim Länderspiel gegen Malta.
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David Alaba im Einsatz gegen Atletico Madrid. (Foto: dpa)

David Alaba im Einsatz gegen Atletico Madrid. (Foto: dpa)

Der österreichische Verteidiger David Alaba ist offenbar an einem Transfer zu Real Madrid interessiert: Wie die spanische Zeitung AS berichtet, fanden in den vergangenen Wochen mehrere Treffen zwischen José Ángel Sánchez, Generaldirektor bei den „Königlichen”, und Alabas Vater statt. Real hat Bayern darauf hin eine Ablöse von 50 Millionen Euro geboten. Doch die Bayern winkten vorerst ab. Laut AS seien die Bayern erst ab 80 Millionen Euro gesprächsbereit.

Alaba selbst scheint von den Verhandlungen durchaus beeindruckt zu sein: Im Länderspiel gegen Malta schoss der sonst ausgesprochen zuverlässige Spieler ein kurioses Eigentor (Video am Anfang des Artikels). Österreich, das sich schon als Geheimfavorit bei der EM gesehen hat, siegte mit Mühe 2:1. Die Österreicher haben gegen Malta gehobene Ansprüche und erinnern sich immer noch gerne an das 9:0, bei dem Hans Krankl sechs Tore schoss.

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