Von Draghis Milliarden profitieren jene, die das Geld als erste erhalten

Andreas Marquart vom Ludwig von Mises-Institut erwartet, dass auch jene den Preis für die immer neuen Schulden bezahlen müssen, die sich gar nicht verschulden wollen. Die Milliarden von Mario Draghi nutzen jenen, die das Geld als erste bekommen: Staaten, Banken und Großunternehmen. Der Mittelstand muss für den Schulden-Exzess zahlen.

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Deutsche Wirtschafts Nachrichten: In Ihrem neuen Buch erklären Sie, warum durch das fortgesetzte Gelddrucken die Reichen immer reicher werden, der Mittelstand jedoch geschröpft wird. Warum ist das so?

Andreas Marquart: Weil sich das neu in Form von Kredit geschaffene Geld nicht gleichmäßig in einer Volkswirtschaft verteilt. Wer das neue Geld als erster erhält, profitiert zu Lasten derer, die in der Reihe weiter hinten stehen. Die Hauptprofiteure sind Staat, Banken und Großunternehmen. Es verliert aber sogar der relativ, der sich am liebsten gar nicht oder nur gering verschulden möchte. Er muss zuschauen, wie beispielsweise die Immobilie, auf die er anspart, immer teurer wird. Viele andere, die bereit sind, sich zu verschulden oder sich höher zu verschulden, bieten um diese Immobilie mit und treiben den Preis nach oben. Vor einigen Tagen warnte die EZB sogar selbst vor einer Überhitzung an den Immobilienmärkten … eine Entwicklung, an der sie selbst die Hauptschuld trägt.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Nun hat ja die EZB damit begonnen, noch mehr Geld in den Markt zur pumpen. Wem nutzt dies jetzt?

Andreas Marquart: Von den jüngsten Geldspritzen profitieren vor allem Staaten und Banken. Die Staaten profitieren in der Form, dass ein Teil der immensen Liquidität, die geschaffen wird, in Staatsanleihen fließt und deren Renditen sinken lässt. Das erhöht für die Staaten den Spielraum für weitere Schulden. Die Banken profitieren, weil sie relativ risikolos in Staatsanleihen investieren können. Sie haben gar kein großes Interesse, Darlehen an Unternehmen zu vergeben. Warum auch … sie bekommen Geld fast umsonst und streichen durch die Investition in Staatsanleihen die Zinsdifferenz ein. Und verlassen sich dabei auf Draghis Worte, alles Erforderliche zu tun, um den Euro zu erhalten. Es profitieren aber auch Unternehmen aus Sektoren und Branchen, die überdimensioniert sind und eigentlich eine Bereinigung erfahren müssten. Hier werden Unternehmen indirekt künstlich am Leben erhalten, deren Ressourcen woanders dringender benötigt würden.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Draghi-Fans sagen, die EZB habe mit der Politik des billigen Geldes die Krise in den Griff bekommen. Das sehen Sie naturgemäß ganz anders…

Andreas Marquart: Ja, die Ökonomen der Österreichischen Schule sehen das völlig anders. Das einzige, was die EZB nämlich erreicht hat, ist, die dringend notwendige Bereinigungskrise auf der Zeitachse nach hinten zu verschieben. Das letztlich jahrzehntelange Geldschöpfen aus dem Nichts hat massive Fehlallokation von Ressourcen bewirkt. Der Druck im Markt, diese Fehlallokationen zu bereinigen, ist sehr groß, aber man will das einfach nicht zulassen. Im Gegenteil, durch fortgesetztes Gelddrucken entstehen noch mehr Fehlallokationen. Jedes Verzögern der Bereinigungskrise allerdings steigert die künftige Fallhöhe. Ludwig von Mises schrieb einst in seinem Werk Human Action, dass das – beendet man die Kreditexpansion nicht freiwillig – in einer finalen und totalen Katastrophe des Währungssystems endet.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Die neue Wirtschafts-Weise sagt, ohne schleichende Enteignung der Sparer wäre alles noch viel schlimmer. Stimmt das?

Andreas Marquart: Sie sprechen sicher das Interview von Isabel Schnabel mit der Mainzer Allgemeinen Zeitung an. Was Frau Schnabel meint und bestimmt vor Augen hat, aber nicht sagt, ist, dass es ohne die Maßnahmen der Europäischen Zentralbank ganz sicher zu einer Deflationskrise käme, die das, was wir nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers erlebt haben, in den Schatten stellen würde. Das ist es ja gerade, wovor Notenbanken und Politik – übrigens weltweit – panische Angst haben. Grundsätzlich sind fallende Preise in einer Volkswirtschaft kein Problem. Anders verhält sich die Situation in einem Papiergeldsystem, in dem Geldmengenausweitung zu einem gigantischen Boom geführt hat. Hier wird und muss unweigerlich der Bust folgen. Nach der Definition der Österreichischen Schule hat der Bust im übrigen noch gar nicht begonnen, während die Politik uns bereits auf dem Weg der Erholung sieht, aber das nur nebenbei. Gegenwärtig wird versucht, bei anhaltend niedrigen Zinsen eine gewisse Preisinflation zu erzeugen und das System so zu entschulden. Das ist ein Ritt auf der Rasierklinge. Ich sage, es wird nicht gelingen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Der IWF empfiehlt, die Staatsschulden durch Enteignung der Banken abzutragen, die einen Haircut bei den Bonds hinnehmen müssen. Was wären die Konsequenzen?

Andreas Marquart: Die Konsequenzen wären „riesige Löcher“ in den Bank-Bilanzen. Stopft man diese Löcher im Anschluss nicht, gingen die Banken pleite, was politisch nicht gewollt ist. Deshalb hat man sich ja auch jüngst darauf verständigt, dass der ESM zum Start der einheitlichen europäischen Bankenaufsicht im November in Schieflage geratene Banken direkt rekapitalisieren kann. Hierfür müssen natürlich bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein, zu denen auch ein Bail-in gehört. Das heißt, die Bankgläubiger werden beteiligt. Zu der Thematik im Allgemeinen passt auch der jüngste Plan des IWF, Anleihegläubiger bei Schuldenkrisen früher heranzuziehen und sie zu zwingen, auf Ansprüche zu verzichten. Am Ende läuft das natürlich alles darauf hinaus, dass die Bürger – wie immer – die Zeche zahlen werden, auf direktem und / oder indirektem Wege.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Das Ludwig Mises Institut hält die Lehre der Austrians hoch, die gegen das Gelddrucken waren. Stellen Sie fest, dass die Thesen von Mises heute mehr Gehör finden?

Andreas Marquart: Auf jeden Fall. Wir konnten das Ludwig von Mises Institut Deutschland in relativ kurzer Zeit – schließlich wurde es erst im Oktober 2012 gegründet – zu einer festen Größe etablieren. Jedenfalls hat das Bruno Bandulet kürzlich im Magazin eigentümlich frei so beschrieben. Darüber hinaus gibt es – und gab es zuvor schon – zahlreiche weitere liberal-libertäre Initiativen und Institutionen. Es sind aber immer noch zu wenige Bürger, die „Bescheid wissen“. Und Gehör werden wir nur bei den Bürgern finden, nicht bei Politikern. Man könnte das so formulieren: der Druck hin zu Veränderungen muss „von unten“ kommen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Eine Studie hat gezeigt, dass kein Ökonom die Krise 2008 vorhergesehen hat. Wo waren die Austrians, und warum hat keiner auf sie gehört?

Andreas Marquart: Die Austrians waren da, nur hat eben keiner auf sie gehört. Hätte man im deutschsprachigen Raum beispielsweise auf den Ökonomen Roland Baader gehört, hätte viel Schaden abgewendet werden können. Hat man aber nicht. Auch Mark Thornton vom Mises-Institute in Auburn, US Alabama, hat schon Mitte 2004 auf eine sich abzeichnende Blase am amerikanischen Immobilienmarkt hingewiesen. Peter Schiff oder Doug French haben ebenfalls gewarnt, ersterer ist durch seine Prognosen sogar berühmt geworden. Warum keiner auf sie gehört hat … nun ja, die Lehren der Österreichischen Schule sind unbequem. Sie stellen das Sparen vor das Investieren und Konsumieren. In Konkurrenz zu „Geld aus dem Nichts“ hat man da natürlich schlechte Karten, vor allem weil die meisten Menschen nicht wissen, wie unser Geldsystem funktioniert.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Seit einiger Zeit werden Reformen im volkswirtschaftlichen Curriculum diskutiert. Hat Mises eine Chance, in die Lehrpläne aufgenommen zu werden?

Andreas Marquart: Ich glaube, es ist gut, in dieser Frage Realist zu sein. Zumindest an staatlichen Universitäten kann ich mir nicht vorstellen, dass die Themengebiete der Österreichischen Schule der Nationalökonomie auf absehbare Zeit in die Lehrpläne volkswirtschaftlicher Studiengänge aufgenommen werden. Die „Austrians“ wollen einen schlanken Staat, dessen Aufgaben sich darauf beschränken, für die Sicherheit der Bürger zu sorgen und ihr Eigentum zu schützen. Und der Staat soll sein Geldmonopol aufgeben, damit Währungswettbewerb entstehen kann und dem ständigen Geldmengen-Ausweiten ein Ende gesetzt wird. Ich bezweifle, dass wir von staatlicher Seite Unterstützung erwarten dürfen und uns bei der Verbreitung dieser Theorien über die Lehrpläne an staatlichen Universitäten geholfen wird.

Das neue Buch von Andreas Marquart und Philipp Bagus aus dem FinanzBuch Verlag München.

Das neue Buch von Andreas Marquart und Philipp Bagus aus dem FinanzBuch Verlag München.

Andreas Marquart ist Vorstand des Ludwig von Mises Instituts Deutschland. Er hat zusammen mit Philipp Bagus das Buch „Warum andere auf Ihre Kosten immer reicher werden … und welche Rolle der Staat und unser Papiergeld dabei spielen“ geschrieben. Das Buch ist im FinanzBuch-Verlag erschienen. Das Buch kann bei Amazon bestellt werden.

Die Autoren schildern in dem Buch, wie das ungebremste Drucken von Papiergeld zu einer massiven Umverteilung von unten nach oben führt. Das Buch gibt darüber hinaus einen guten Einblick in die Theorie von Ludwig von Mises, der die Fehlentwicklungen in der Geldpolitik bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts erkannt und vor den folgenden politischen Verwerfungen gewarnt hat. 


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