Nach Tod von Bauarbeitern: Schwere Ausschreitungen in der Türkei

Der tödliche Arbeitsunfall auf einer Baustelle in Istanbul mit mehreren Toten hat am Sonntag mehr als 1000 Menschen auf die Straße getrieben. Am Unfallort protestierten die Bürger gegen die schlechten Arbeitsbedingungen im Land. Die türkische Polizei beantwortete die Proteste wie schon beim Grubenunglück von Soma mit Tränengas und Wasserwerfern.

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In der Nacht von Samstag auf Sonntag verloren mindestens zehn Bauarbeiter beim Absturz eines Aufzuges ihr Leben. Das Unglück in einem Istanbuler Hochhaus trug sich außerhalb der regulären Arbeitszeiten zu. Was zu der Katastrophe führte, ist bislang unklar. Am Sonntag machten die Menschen nun erneut ihrem Unmut über die desolaten Arbeitsbedingungen in der Türkei Luft. Die Polizei griff abermals entschlossen ein.

Zugetragen hatte sich der Arbeitsunfall im Istanbuler Viertel Mecidiyeköy, wo gerade ein 42-stöckiger Wohnturm ensteht. In der Nacht auf Sonntag soll der Aufzug nun aus der 32. Etage abgestürzt sein. Die Polizei hat bereits die Ermittlungen aufgenommen. Acht Personen wurden festgenommen, am Sonntag jedoch wieder auf freien Fuß gesetzt, so Business Insider.

Der Eigentümer der Immobilie weist unterdessen jegliche Verantwortung von sich. Auch technische Probleme soll es nicht gegeben haben, berichtet das Nachrichtenportal Middle East Eye. Die Wut der Bürger über derartige Zustände entlud sich am Sonntag auf den Istanbuler Straßen. Wie die türkische Zeitung Hürryiet berichtet, versammelten sich Mitglieder der Sozialistisch Demokratischen Partei (SDP) am frühen Nachmittag am Unglücksort. Sie protestierten gegen die vermeintlich mangelhaften Sicherheitsvorkehrungen und warfen den Behörden Mord vor.

Die Szenen ähneln massiv den Vorgängen nach dem verheerenden Minenunglück von Soma Mitte Mai dieses Jahres. Damals kamen mehr als 300 Kumpel unter Tage ums Leben. Zehntausende gingen darauf hin in der Küstenmetropole Izmir auf die Straße, um den Opfern zu gedenken. Die Polizei reagierte auf die Massenproteste mehrmals mit massiver Gewalt und zerstreute die Mengen mit Tränengas und Wasserwerfern (mehr hier).

Immer wieder entlud sich in den Tagen nach der Minen-Katastrophe Wut und Trauer auf den Straßen des Landes. In Soma warfen wütende Bürger Fenster eines Regierungsbüros ein. Der damalige türkische Premier Recep Tayyip Erdoğan wurde nach seiner Ankunft am Unglücksort ausgebuht (mehr hier). Auch in Ankara und Istanbul kam es zu Protesten. Für Aufsehen sorgte der Einsatz gegen rund 800 Studenten auf dem Campus der Technischen Universität des Nahen Ostens (ODTÜ). Die Polizei riegelte das Gelände ab und ging ebenfalls mit Wasserwerfern und Tränengas gegen die jungen Leute vor.

Das Thema mangelhafte Arbeitssicherheit kreist bereits seit Jahren über der Türkei. Schon 2012 stufte die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) das Land in ihrem Bericht unter die Top 3 der schlechtesten Arbeitsbedingungen weltweit ein. Erhoben wurden Daten aus 82 Ländern. Lediglich Algerien und El Salvador lagen in Sachen Todesfällen auf Grund von Arbeitsunfällen hinter der Türkei. Fast parallel hatte die Istanbuler Vereinigung für Gesundheit der Arbeitnehmer und Arbeitssicherheit eine beunruhigende Zahl von Todesopfern bei Arbeitsunfällen veröffentlicht. Demnach starben zwischen 2000 und 2012 in der Türkei 12.286 Menschen bei einem Arbeitsunfall (mehr hier).

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