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Afrikas Staatschefs haben kein Interesse am Kampf gegen Ebola

Die politischen Führer Afrikas haben bei der Bekämpfung der Ebola-Seuche versagt. Dies ist symptomatisch für die Situation auf dem Kontinent: Der Reichtum an Rohstoffen kommt der Bevölkerung nicht zugute. Die Regierungen arbeiten für ihre Clans und nicht für die Bürger. Der Westen muss sich von einem romantischen Bild auf Afrika verabschieden.

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Fast jede Woche überraschen uns Meldungen über den wirtschaftliche Aufschwung und Bedeutungszuwachs Afrikas. Afrika sei demokratischer und rechtsstaatlicher geworden. Nach den „asiatischen Tigern“ ist jetzt die Rede von den „afrikanischen Löwen oder Elefanten“. Argumente sind günstige Aktienbewertungen, Konjunkturprognosen und eine kleine Mittelschicht, denen mehr als 3.000 Dollar pro Jahr(!) zur Verfügung stehen. Letztere würden einen riesigen Konsummarkt eröffnen. Wer Politik in vielen Staaten Afrikas vor Ort miterlebt reibt sich die Augen. Auch wird von einer politischen Stabilisierung gesprochen. Die 11 Staatsstreiche seit dem Jahre 2000 werden dabei geflissentlich übersehen. Enormes Potential wird bereits seit Jahren prophezeit. Doch die These, der Kontinent befände sich grundsätzlich auf gutem Wege, hält der Nachprüfung nicht stand.

Die Wahrheit in vielen Ländern Afrikas sollte bei uns realistischer wahrgenommen werden. Es wäre jetzt Sache, die Wirklichkeit ins Bild zu rücken. Nicht nur das, was die Politik uns glauben lassen will. Korruption und Vetternwirtschaft lähmen seit Jahrzehnten Wirtschaft und Handel. Richtig ist: Afrika ist ein extrem reicher Kontinent. Es gibt Rohstoffe und Mineralien in Fülle, viel mehr als etwa in Europa. Das Wirtschaftswachstum in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara ist beträchtlich. Sagenhafte Bodenschatzreserven (Angola, Äquatorialguinea, Guinea, Kamerun, beide Kongos, Mosambik, Nigeria) könnten für alle ein angenehmes Leben und bescheidenen Wohlstand bringen.

Der Abhängigkeit von Rohstoffen haben sich diese Länder noch nicht gestellt. Sie müssen unternehmerischer werden und private Investitionen fördern. Dauerhaft werden sich die Länder nur über ihre eigenen funktionierenden und florierenden Volkswirtschaften weiterentwickeln können. Für die Veredlung der Bodenschätze fehlen in vielen Staaten Afrikas ein «Mittelbau» aus Ingenieuren, technischen Mitarbeitern und ausgebildeten Facharbeitern in technischen Berufen, Infrastruktur sowie eine regelmäßige Stromversorgung.

Ohne eine intakte Wirtschaft wird ein Land letztendlich immer abhängig bleiben und darum sollte die westliche Staatengemeinschaft alles unternehmen, was die wirtschaftliche Unabhängigkeit der afrikanischen Länder fördert. Es ist richtig, dass der Kontinent enorm vom Rohstoffhunger der Industrie-und Schwellenländer nutzen zieht. Aber die meisten Rohstoffe werden unverarbeitet ausgeführt und die Länder profitieren nicht von der Wertschöpfungskette. Qualifizierte und gut bezahlte Arbeitsplätze bei der Veredlung entstehen woanders. Ohne ein Mindestmaß an Veredelung der Rohstoffe und die Entwicklung eines produzierenden Gewerbes dürfte es kaum eine industrielle Revolution nach dem Vorbild Asiens geben.

Der Wohlstand geht so an den meisten Menschen in Afrika vorbei. Korruption, enorm hohe Geburtenraten, Arbeitslosigkeit und das starke Wohlstandsgefälle zwischen den Städten und dem Land sorgen dafür, dass Millionen von Afrikanern auch in den reichen Ländern in Armut leben. Die Einnahmen aus Erdöl, Mineralien in diesen Ländern machen träge, es mangelt an politischer Freiheit, die Lage der Frauen ist katastrophal, und die Qualität der Bildung desaströs. Das überdurchschnittliche Wachstum beruht auf Rohstoffen und nicht auf einer soliden Wirtschaftspolitik. Die wenigen Staaten (Ruanda, Botswana, Ghana, Senegal, Namibia, Uganda) die mehr Geld in Bildung, Gesundheit und Landwirtschaft ausgeben, kommen auch rascher voran.

Das Bruttosozialprodukt ist ein irreführender Indikator für die Wirtschaftsleistung oder gar den sozialen und politischen Fortschritt eines Landes. Afrikanische Regierungen mit höheren Einnahmen aus Rohstoffgeschäften hätten die Möglichkeit effektivere Steuersysteme zu entwickeln und öffentliche Gelder gerechter einzusetzen.

Fünf Sterne Luxushotels ,Glitzer-Avenuen in den in afrikanischen Metropolen, 400 erlesene Golfklubs auf dem Kontinent, wenn der Sportwagenhersteller Porsche gerade seine erste ostafrikanische Niederlassung eröffnet und wenn verwöhnte junge Kongolesen in der Kwilu Bar in Kinshasa 393 Euro für Rosé-Champagner bezahlen, bedeutet dies noch nicht den Aufstieg Afrikas. Viel wichtiger als die Statistik ist die Lebensqualität der Menschen vor Ort. Es gibt kaum verarbeitendes Gewerbe und damit auch kaum Arbeitsplätze. Die Zukunft ist nicht rosig, solange die Lebensqualität für die durchschnittliche Bevölkerung sich nicht erhöht. Im Gegenteil, die Mehrzahl der Afrikaner wird immer ärmer. Die Schere zwischen Arm und Reich in Afrika halte ich für demokratiegefährdent. In Mosambik, Angola, Sierra Leone, Liberia, Kongo und Südsudan hat der Rohstoffreichtum sogar Bürgerkriege verursacht und finanziert.

Nur wenige Staaten wie Südafrika, Botswana, Sambia nutzen ihre Rohstoffe als Auslöser einer industriellen Entwicklung. Die Probleme können nicht alleine durch staatliche Intervention gelöst werden, sondern die Stimulierung des Unternehmertums muss im Vordergrund stehen. Dann werden auch die sozialen Probleme infolge der Arbeitslosigkeit gelöst werden.

Selten wird hinterfragt wird, ob die Zahlen, die den vielgepriesenen Aufschwung des Kontinents belegen, richtig sind. Wir wissen über Wachstum und Entwicklung in Afrika viel weniger als wir glauben. Der Wirtschaftshistoriker Morten Jerven hat kürzlich eine Studie zu Entstehung und Berechnungsgrundlage von Statistiken in 47 Ländern in Subsahara-Afrika veröffentlicht. Jerven kommt zum Schluss, dass die Wirtschaftsdaten dieser Länder oft keine empirische Grundlage haben. Zu großen Teilen basierten die jährlich veröffentlichten Zahlen auf vorläufigen Schätzungen und automatisierten Berechnungen aus Vorjahren. In vielen afrikanischen Staaten seien Angaben zur Größe der Wirtschaft und zum jährlichen Wirtschaftswachstum äußerst unzuverlässig .Bei den Berechnungen handle es sich um Mutmaßungen mit großen Fehleranfälligkeiten.

Erfreuliche Entwicklungen – leider nur Einzelfälle.

Die politischen Entwicklungen in Ländern wie Botswana, Ghana, Kap Verde, Mauritius, Namibia, Ruanda, Sambia und Senegal sind erfreulich, aber nur Einzelfälle. Es wird endlich Zeit, dass die desinteressierten Regierungen begreifen, dass sie selbst für ihre Bevölkerungen verantwortlich sind. Es gibt zwar die Wachstumszahlen, aber sie gründen nicht so sehr auf technischen Fortschritt und menschlicher Innovationskraft als vielmehr der rigorosen Ausbeutung von Umwelt und Natur. Das ist nicht nur ausländische Unternehmen zuzuschreiben. Die Regierungen müssen selbst Verantwortung übernehmen. Immer ist ein Dritter Schuld. Solange es einen solchen Dritten gibt, braucht man sich selbst nicht zu ändern. Heute bereichern sich die Herren des Landes und die ihnen Nahestehenden-im Namen von Staatsinteressen- auf Kosten der einfachen Bevölkerung. Aber das Verlangen der Bevölkerungen nach mehr Bildung und Wohlstand steigt. Tatsächlich hat sich das rapide Wirtschaftswachstum z.B. auch in Mozambique nicht zu einer „aufblühende Mittelschicht“ und vielen neuen Arbeitsplätzen niedergeschlagen. Die Mehrheit der Bevölkerung lebt in bitterer Armut. Die hohen Exporterlöse kommen bei der Bevölkerung nicht an. Afrika bleibt ein Kontinent der nicht genutzten Chancen solange die Eliten bestechlich sind und nicht endlich ihre Arbeit machen.

Derzeit erleben wir die große Anteilnahme der Weltöffentlichkeit an der schrecklichen Viruserkrankung Ebola in Westafrika. Gleichzeitig lohnt ein Blick nach Afrika auf die offizielle Homepage der Afrikanischen Union. Wie schon bei den Tragödien bei Lampedusa. Kein Wort. Es grenzt an Staatsversagen, wie die Fürsorgepflicht für die Bürger vernachlässigt wird. Wie viele Tode muss es noch geben bevor die afrikanischen Staatschefs Interesse am Schicksal dieser Menschen zeigen?

Die von Ebola betroffenen Länder gehören zu den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt. Die Geringschätzung der eigenen Gesundheits-und Bildungssysteme in diesen Ländern bremst die wirtschaftliche und soziale Entwicklung und hat jetzt zur Katastrophe geführt. Es geht auch anders: Weil die Ugander ihrem Gesundheitssystem vertrauen, ist die Bevölkerung gut informiert und kooperierte bei dem letzten Ausbruch 2012 mit den medizinischen Einrichtungen. In Westafrika und jetzt auch in Zentralafrika (Kongo) konnte sich Ebola verbreiten, weil in diesen Ländern politisches und soziales Missmanagement sowie irrationale Ängste gegen westliche Medizin vorherrschen. Außerdem fehlt eine disziplinierte Seuchenhygiene. Die Bekämpfung der Seuche ist sehr schwierig, weil sich die Menschen nicht an die überall verbreiteten Warnungen halten.

Wegen dem geringen Vertrauen der Bevölkerung in ihre Machthaber gibt es in den betroffenen Ländern zudem den strengen Geruch der Verschwörung. Sie vermuten, dass die Infektionskrankheit eine Erfindung ihrer Regierung oder gar westlicher Ärzte ist. Helfer werden bedroht oder sogar physisch angegriffen, weil viele Menschen glauben, dass diese die Krankheit erst verbreiten oder die Organe der Toten stehlen würden. Das Ebola-Virus steckt vor allem im Fleisch von afrikanischen Wildtieren(Bushmeat). Bushmeat ist Fleisch von kleinen Antilopen, Ratten, Affen, Stachelschweinen, Elefanten, Büffel sowie Reptilien.

Die wirtschaftlichen Einbußen durch Ebola könnten in die Milliarden gehen, wenn die Krankheit nicht in Griff zu bekommen ist. Märkte bleiben geschlossen, Bauern bestellen ihre Felder nicht mehr und Schulen schicken ihre Schüler nach Hause. ArcelorMittal, hat in Liberia die Eisenerzförderung gestoppt. Rio Tinto, die Eisenerz in Simandou in Guinea fördert hat die Produktion gedrosselt. Aber es gibt auch absurde Auswirkungen auf andere Länder. Eine Delegation brasilianischer Geschäftsleute hat eine Reise nach Windhuk gestrichen, obwohl Namibia 5000 Kilometer von Westafrika entfernt liegt.

Die größte Volkswirtschaft Nigeria hat 112 Millionen Arme und dies in einem Land das hunderte Milliarden Euro mit dem Handel von Öl verdient. Die Menschen wohnen überwiegend auf dem Lande, wo sie eine Subsistenzwirtschaft betreiben. Auf sauberes Wasser, geeignete Schulen und ein effizientes Gesundheitswesen müssen sie verzichten. Dass schon jetzt mehr als zwei Drittel aller Nigerianer in bitterster Armut leben und ein enormes Konfliktpotenzial bilden, scheint die vielen westlichen Unternehmensberatungen, die Nigeria noch immer als den großen Hoffnungsträger Afrikas verkaufen, nicht zu stören.

Durch die ungerechte Verteilung der Einnahmen aus Nigerias reichen Naturressourcen, sind soziale Spannungen vorprogrammiert, auch der Zulauf zu islamitischen Terrororganisationen findet hier eine Erklärung. Religion liefert den Vorwand für Verbrechen, die mit Religion nichts zu tun haben. Die islamische Terrororganisation Boko Haram strebt ein zweites Somalia an. Die Sekte wird mehr und mehr zu einer Bedrohung für die Stabilität Nigerias. Sie wollen das Recht der Scharia einführen und hassen alle Formen der Modernisierung, Demokratie und Frauenrechte.

Die Regierung von Nigerias Präsident Goodluck Jonathan wirkt im Kampf gegen die Terroristen halbherzig und deshalb erfolglos. Jonathan hat öffentlich zugegeben, dass es Boko Haram-Unterstützer in hohen Regierungsämtern gibt. Für Extremisten ist das geradezu die Einladung zu weiteren Gräueltaten. Die Terroristen werden zu einer existentiellen Bedrohung für die ganze Region. Die erheblichen Menschenrechtsverletzungen der Armee, die bisher mit ihren Einsätzen einher gingen, haben nicht dazu beigetragen, dass Boko Haram keine neuen Rekruten mehr findet Zu viele Generäle profitieren offenbar davon, dass das Morden der Islamisten andauert. Das Verteidigungsbudget ist zwar riesig (knapp 20 % des nigerianischen Bundeshaushalts fließen in Armee, Polizei und paramilitärische Organisationen), aber die Soldaten und Polizisten sind schlecht ausgebildet und unzureichend ausgestattet. Den Generälen sichert es aber Geld und Einfluss. Damit das Land nicht in dauerhafter Instabilität versinkt sollte die nigerianische Regierung und lokalen Behörden dafür sorgen, dass auch die ärmsten Nigerianer Zugang zu guter Bildung bekommen und Arbeitsplätze schaffen, damit junge muslimische Männer Alternativen haben und sich nicht mehr den Fanatikern anschließen. Wer nicht fähig ist, die Realität anzuerkennen, der kann sie auch nicht gestalten.

Afrika fehlt es an guten Instutionen. Nur gut funktionierende Institutionen ziehen produktive Unternehmer an. Zwar sind die Wachstumsraten stattlich, aber auch die absolute Größe des Marktes ist zu gering. Die Einkommen pro Kopf und die Kaufkraft sind bescheiden. Es fehlt ein funktionierender gemeinsamer afrikanischer Markt. Wegen der zahlreichen versprengten Märkte in einzelnen Ländern ist es für viele Unternehmen eine Investition in Afrika unrentabel. Der „Doing Business Report“ der Weltbank platziert die meisten Staaten auf den letzten Plätzen 100 bis 180.Das dürfte auch der Grund sein warum weniger als 20 von 3,8 Millionen deutschen Unternehmen z.B. in Kenia aktiv sind.

Deutsche Firmen nennen als Hindernisse den Mangel an qualifizierten Arbeitskräften, rechtliche Risiken für Investoren, die meist marode Infrastruktur, mangelnde Energie-und Wasserversorgung und die Unzuverlässigkeit der Transportknoten wie Häfen.Es ist heute einfacher Waren aus Europa nach Angola zu importieren als von Südafrika aus. Wo Willkür und Rechtsbeugung gegenüber afrikanischen Bürgern an der Tagesordnung sind, können ausländische Investoren nicht sicher sein, ob eine neue Regierung die Geschäftsvereinbarungen nicht nachverhandeln will. Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit ist so auf Dauer kaum möglich. Außer einigen seltenen Ausnahmen gibt es weder ein qualitativ hohe Bildungsstruktur noch ein leistungsfähiges Gesundheitssystem, das eine erfolgreiche Wirtschaftsentwicklung erst möglich macht. Das wird sich aber nicht ändern solange Afrikas Präsidenten und ihre Entourage ihre Kinder in Europäischen Luxusinternaten unterbringen und sich im Ausland ärztlich behandeln lassen.

Afrika kommt nur im Schneckentempo voran, während die anderen Entwicklungsländer in Asien und Südamerika mit voller Geschwindigkeit davonstürmen. , Die Länder sind zunehmend weniger in der Lage die staatlichen Grundfunktionen gewährleisten und die Mindesterwartungen ihrer Bevölkerung zu erfüllen. Mit Neid blicken viele Afrikaner nach Europa wo Egalität und gesellschaftliche Solidarität höher im Kurs sehen als in ihren Heimatländern. Um immer neue Lampedusas zu verhindern, müssten vor allem die Zustände vor Ort – durch Druck der Entwicklungshilfegeber – viel entschlossener als bislang verändert werden. Es ist nicht weiter zu rechtfertigen, Länder zu unterstützen, deren führungsschwache Regierungen Reformen in ihren Ländern jahrelang verschleppt haben und keine keine gemeinwohlorientierte Politik verfolgen.

Ein größerer Teil der deutschen Hilfe sollte in Risikokapital umgewandelt werden. Mit Hilfe bei der Aufstellung von Geschäftsplänen könnte freies Unternehmertum gefördert und damit Arbeitsplätze geschaffen werden. Mit Krediten könnten dann Konserven-, Zement-, Pharma- oder Seifenfabriken errichtet werden, in denen nicht nur eine qualifizierte Arbeiterschaft, sondern auch ein afrikanisches Management herangebildet werden könnte. Unternehmerschulung also nicht durch Studium im Ausland, sondern durch Praxis zu Hause. Dabei helfen könnte die Diaspora. Die Afrikanische Diaspora zählt allein in Deutschland tausende von Menschen. Die (zeitweise)Rückkehr der Diaspora könnte neue Ideen und Kapital für neue Unternehmen bringen.

Volker Seitz von 1965 bis 2008 in verschiedenen Funktionen für das deutsche Auswärtige Amt tätig, unter anderem bei der EU in Brüssel, in Japan, Armenien und 17 Jahre in Afrika in 7 Ländern. Von 2004 bis zum Ruhestand 2008, Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik, Äquatorialguinea mit Sitz in Jaunde. Volker Seitz gehört zum Initiativ-Kreis des Bonner Aufrufs zur Reform der Entwicklungshilfe und ist Autor des Buches „Afrika wird armregiert“, welches soeben in erweiterter siebter Auflage bei dtv erschienen ist.

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Top-Ökonom: Glaubt den Eliten nicht, Weltwirtschaft ist auf Crash-Kurs
Top-Ökonom: Glaubt den Eliten nicht, Weltwirtschaft ist auf Crash-Kurs
Der ehemalige Asien-Chefökonom von Morgan Stanley warnt vor schweren Krisen in der Weltwirtschaft. Die politischen Eliten würden alle Warnungen ignorieren. Sie reden sich die Lage schön und behaupten, die Lage sei nicht so schlimm. Als Beispiel der Unfähigkeit der politischen…
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Angela Merkel, Barack Obama, Shinzo Abe und Francois Hollande beim G7. (Foto. dpa)

Angela Merkel, Barack Obama, Shinzo Abe und Francois Hollande beim G7. (Foto. dpa)

Der ehemalige Chefökonom für die Region Asien bei Morgan Stanley, Andy Xie, hat in einem zuerst in der South China Morning Post veröffentlichten Gastbeitrag scharfe Kritik am Zustand der Weltwirtschaft und an den führenden Eliten geäußert.

Sie seien nicht fähig oder gewillt zu sein, die gefährliche Entwicklung zu stoppen. „Vor der gegenwärtigen Zeitverschwendung namens G7-Treffen konnte die Arbeitsgruppe der G20 in Schanghai keine vernünftigen Vorschläge zur Ankurbelung der Weltwirtschaft machen und beschwerte sich stattdessen, dass die gegenwärtigen Gefahren nicht die ‚tiefer liegenden Fundamentaldaten der Weltwirtschaft‘ reflektierten. Der Ölpreis war seit Juni 2014 um 70 Prozent eingebrochen, der brasilianische Real hatte sich halbiert und der russische Rubel hatte 60 Prozent an Wert eingebüßt. Die Weltwirtschaft befindet sich am Rand einer weiteren Rezession und diese wichtigen Leute haben das alles auf eine Art psychologisches Problem der Wahrnehmung der Menschen geschoben.“

Tatsächlich deuten „deuteten alle Anzeichen auf eine längere Periode der globalen Stagnation und Instabilität“ hin, schreibt Xie. Dafür macht Xie teilweise die expansive Geldpolitik verschiedener Notenbanken nach der Krise von 2008 verantwortlich. Diese massiven Finanzmittel hätten meist keine nachhaltige Wirkung auf die Realwirtschaft gehabt, sondern zu Preisblasen in verschiedenen Anlageformen wie Aktien und Immobilien geführt. Dadurch seien vor allem die wenigen Wohlhabenden immer reicher geworden, während der große Rest bestenfalls einige „Krümel“ des Geldsegens abbekommen hätte. „Der durch die expansive Geldpolitik erhoffte Wohlstandeffekt ist im kleinen Kreis der Wohlhabenden geblieben“, schreibt Xie.

Dort, wo massiv in die Wirtschaft investiert wurde, sei es häufig zum Aufbau von unproduktiven Überkapazitäten gekommen. Diese machen sich derzeit etwa in der europäischen Stahlindustrie bemerkbar, die unter dem hohen chinesischen Überangebot leidet. „China hat nach 2008 Gelder im Umfang von etwa 20 Billionen Dollar bereitgestellt, um den Bau von Fabriken und Wohnungen zu finanzieren. Doch eine Investition garantiert noch keine Nachfrage. China baute also noch mehr Fabriken, um Nachfrage für die eben erwähnte Fabrik zu generieren. Dieses Schneeballsystem konnte nicht lange funktionieren.“

Xie kritisiert, dass die chinesische Überproduktion überdies die Rohstoffpreise aufgebläht hat, was ebenfalls zu einem Schneeballsystem geführt habe. „Als die großen Zentralbanken die Zinsen auf Null gesetzt haben, sind Billionen von Dollar als Kredite in den Rohstoffbereich geflossen. Unternehmen in den Schwellenländern, die von den steigenden Rohstoffpreisen beeindruckt waren, liehen sich insgesamt 9 Billionen Dollar. Dieser Schuldenberg gründet auf einem Rohstoff-Schneeballsystem, welches seinerseits auf einem chinesischen Investitions-Schneeballsystem ruht. Sein Zusammenbruch ist erst der Beginn.“

Dass die Weltwirtschaft kurz vor einer Rezession stehe, sei außerdem das Resultat eines Systems falscher Anreize: „Nach der Finanzkrise von 2008 hat die amerikanische Regierung und die Federal Reserve Billionen von Dollar dafür ausgegeben, jene Leute zu retten, die die Krise erschaffen haben. Anstatt mit der Insolvenz und Gefängnis rechnen zu müssen, sind diese Leute so reich geworden wie nie zuvor. Wie vorauszusagen war, haben sie ihre Ressourcen dazu verwendet, das System noch mehr zu manipulieren.“

Das Ende der Arbeiter: Roboter produzieren Adidas-Schuhe in Deutschland
Das Ende der Arbeiter: Roboter produzieren Adidas-Schuhe in Deutschland
Adidas produziert künftig wieder in Deutschland - allerdings ohne Arbeitsplätze zu schaffen: In Ansbach baut das Unternehmen dazu eine Roboter-Fabrik für Schuhe, die weitgehend ohne menschliche Mitarbeiter auskommen soll. Viele globale Unternehmen ziehen sich aus Asien zurück, weil die Arbeiter…
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Mit der Roboterfabrik will Adidas bei der Produktion wieder auf Made in Germany setzen. (Foto: dpa)

Mit der Roboterfabrik will Adidas bei der Produktion wieder auf Made in Germany setzen. (Foto: dpa)

Der deutsche Sportartikelhersteller Adidas baut derzeit eine Fabrik, die weitgehend ohne menschliche Mitarbeiter auskommen soll. Stattdessen übernehmen Roboter die Produktion. Auf rund 4600 Quadratmetern sollen die Maschinen in der so genannten „Speedfactory“ vollautomatisch Schuhe „Made in Germany“ herstellen.

Mit der Fabrik in Ansbach kann Adidas damit erstmals nach rund zwanzig Jahren wieder mit in Deutschland hergestellten Produkten werben. Denn wegen der vergleichsweisen hohen Lohnkosten hierzulande hat auch die deutsche Traditionsmarke ihre Produktionsstätten schon vor Jahrzehnten komplett in Billiglohnländer vor allem in Asien ausgelagert und beschäftigt dort fast eine Million Menschen. Seit jedoch die Löhne etwa auch in China steigen, schauen sich Textilhersteller nach Alternativen um. Wer kann, investiert in Fabriken mit Robotertechnologien, etwa wie bei Adidas über eine Kooperation mit dem Maschinenbauer Manz, und spart so gleich an den Mitarbeitern. Ein Beispiel dafür lieferte jüngst der Apple-Zulieferer Foxconn: Nach einem bericht der BBC hat das Unternehmen, das sich einen Ruf für die schlechte Behandlung seiner Mitarbeiter erworben hat, gleich 60.000 Arbeiter durch Roboter ersetzt. Damit hat mehr als die Hälfte der zuvor 110.000-Mitarbeiter starken Belegschaft ihren Job an die Maschinen verloren.

Adidas verspricht, dass es genau so nicht laufen soll. Seinen Job verliere demnach erstmal niemand, vielmehr wolle man die Speedfactory dazu nutzen, um die Produktionszahlen zu erhöhen. Ab dem kommenden Jahr sollen so bis 2020 jedes Jahr 30 Millionen Paar Schuhe mehr hergestellt werden als im Vorjahr, berichtet der Guardian.

Die Automatisierung ermöglicht es dabei, schneller als je zuvor zu fertigen – und günstiger. So kann Adidas künftig wieder das bei vielen Kunden als Kunden als Gütesiegel geltende „Made in Germany“ auf Produkte schreiben ohne dafür mehr zu bezahlen wie für die in Asien von Hand gefertigten Schuhe. In den jeweiligen Absatzmärkten entspricht eine inländische Produktion gerade auf Prestige-Produkten wie etwa den Nationaltrikots der Fußballmannschaft auch einen positiven Effekt auf die Verkaufszahlen. Allerdings soll Deutschland nicht der einzige Standort bleiben: Stellt sich die Fabrik in Ansbach als Erfolg heraus, so plant Adidas die Produktion auch in andere Absatzmärkte „zurückzuholen“, mit weiteren Roboterfabriken etwa in Frankreich, Großbritannien oder den USA.

Starker Dollar treibt Rohstoff-Märkte tiefer in die Krise
Starker Dollar treibt Rohstoff-Märkte tiefer in die Krise
Die Preise der meisten Rohstoffe haben im Mai deutlich nachgegeben. Besonders der starke Dollar wird dafür verantwortlich gemacht. Die Fed kann weiterhin Druck auf die Rohstoffmärkte ausüben, wenn sie die Leitzinsen anhebt oder eine Anhebung auch nur andeutet.
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Der Dollar bleibt stark, die Folgen zahlen die Schwellenländer. (Foto: dpa)

Der Dollar bleibt stark, die Folgen zahlen die Schwellenländer. (Foto: dpa)

China dominiert den globalen Markt für Stahlerzeugnisse. (Foto: dpa)

China dominiert den globalen Markt für Stahlerzeugnisse. (Foto: dpa)

Die Preise wichtiger Rohstoffe haben sich im Mai teils deutlich verbilligt. Beobachter machten dafür insbesondere einen stärkeren Dollar verantwortlich. Da die meisten Rohstoffe international in der amerikanischen Landeswährung gehandelt werden, verteuern sich diese entsprechend und Anleger halten sich eher zurück. Dadurch besitzt die US-Notenbank Fed einen großen Einfluss auf die künftige Preisgestaltung. Wenn sie die Leitzinsen wie erwartet demnächst anhebt, wird der Dollar aufwerten und weiteren Druck auf die Notierungen ausüben. Selbst wenn sie eine Anhebung der Zinsen für einige Zeit nur andeutet, wird dieser Effekt eintreten.

Gold und Kupfer gehörten im Mai zu den größten Verlierern – die Preise in beiden Rohstoffklassen sanken so stark wie seit einem halben Jahr nicht mehr, wie Financial Times berichtet. Kupfer verbilligte sich um über 7 Prozent auf aktuell rund 4650 Dollar pro Tonne. „Einen Rückgang des Angebots, mit dem viele gerechnet hatten, hat es nicht gegeben“, sagte ein Analyst des Schweizer Vermögensverwalters Julius Bär. Die Produzenten hätten sich stattdessen auf Kostensenkungen fokussiert und das Produktionsniveau gehalten. Der Goldpreis sank am Montag auf ein 3-Monats-Tief, bevor er sich am Dienstag auf etwa 1215 Dollar pro Feinunze erholen konnte.

Terminkontrakte für Stahl und Eisenerz aus chinesischer Produktion markierten ebenfalls neue Tiefpunkte und waren seit ihrer Markteinführung in den Jahren 2009 beziehungsweise 2013 noch nie so günstig wie derzeit, schreibt Financial Times. Die Terminpreise für Stahl sanken im Mai um 28 Prozent, während jene für Eisenerz um rund 24 Prozent nachgaben.

Chinas Stahlindustrie leidet ebenso wie andere Branchen unter hohen Überkapazitäten, weil umfangreiche Spekulationen auf den Terminmärkten die Notierungen in der Vergangenheit immer wieder künstlich in die Höhe getrieben und Produzenten zu einem höheren Output ermuntert hatten. An den Rohstoffbörsen des Landes gelten inzwischen neue Regeln, um ein Überschießen des Marktes zu verhindern.

Gegen den allgemeinen Trend stiegen die Preise für Rohöl im Mai weiter an. Die Notierungen für die Sorten Brent und WTI schwanken derzeit um die Marke von 50 Dollar pro Barrel (159 Liter), nachdem sie im Januar und Februar deutlich weniger als 30 Dollar pro Barrel gekostet hatten.

Die Zeit wird knapp: Bürgerinitiative macht gegen CETA mobil
Die Zeit wird knapp: Bürgerinitiative macht gegen CETA mobil
Die Bürgerinitiative Campact will alle rechtlichen und politischen Möglichkeiten nutzen, um das CETA-Abkommen mit Kanada doch noch zu Fall zu bringen. Die Initiative rechnet sich gewisse Chancen aus, obwohl die Zeit knapp ist und es viele Hürden zu überwinden gilt,…
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EU-Kommissarin Cecilia Malmström bei den CETA-Beratungen der Handelsminister in Brüssel. (Foto: dpa)

EU-Kommissarin Cecilia Malmström bei den CETA-Beratungen der Handelsminister in Brüssel. (Foto: dpa)

Gegner der umstrittenen Freihandelsabkommen CETA und TTIP demonstrieren am 28.05.2016 während des Katholikentages in Leipzig (Sachsen). (Foto: dpa)

Gegner der umstrittenen Freihandelsabkommen CETA und TTIP demonstrieren am 28.05.2016 während des Katholikentages in Leipzig (Sachsen). (Foto: dpa)

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie hoch schätzen Sie Ihre Chancen ein, CETA verhindern zu können?

Jörg Haas: Wir sind optimistisch, dass wir CETA politisch noch verhindern können – und wenn das nicht gelingt, dass am Ende das Bundesverfassungsgericht gegen CETA entscheidet. Es gibt jedoch keinen Königsweg, daher ist es wichtig verschiedene politische und juristische Wege einzuschlagen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: CETA ist ja bereits ausverhandelt. Dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie zufolge könnte das Abkommen bereits im kommenden Jahr starten. Bleibt Ihnen für Ihr Vorhaben genug Zeit?

Jörg Haas: Für die Prozessführung wird bis auf Weiteres von folgender zeitlicher Folge
ausgegangen: Im Herbst wird die Kommission der Europäischen Union dem
Ministerrat – genauer: dem Rat der EU-Handelsminister – den Vertragstext zum Beschluss über die Unterzeichnung und die vorläufige Anwendung vorlegen. Dieser Beschluss bedarf nach der bisherigen Praxis der Zustimmung des Europäischen Parlaments. Daran wird sich die Ratifikationsphase anschließen, in der Kanada, aber auch sämtliche Mitgliedstaaten der Europäischen Union ihre Zustimmung zum Vertragsabschluss erklären müssen.

In Deutschland geschieht dies in der Gestalt eines Zustimmungsgesetzes des
Bundestages mit Zustimmung des Bundesrates. Nach Abschluss der
Ratifikationsphase wird die Kommission dem Ministerrat den Vertrag zum Beschluss
über den endgültigen Vertragsabschluss vorlegen. Dieses Procedere wird überwiegend für wahrscheinlich gehalten, doch bleibt es in wesentlichen Hinsichten spekulativ. Unklar ist bis heute, ob die Zustimmung aller EU-Mitgliedstaaten erforderlich ist (sogenanntes Gemischtes Abkommen) oder ob die Union den Vertrag alleine abschließen darf (ausschließliches EU-Abkommen) und unklar ist auch, ob der Rat der Europäischen Union jeweils einstimmig oder mit Mehrheit abzustimmen hat.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Warum startet die Klage erst jetzt?

Jörg Haas: Beschwerdegegenstand kann nur ein Akt deutscher öffentlicher Staatsgewalt sein. Dies ist das Zustimmungsgesetz des Deutschen Bundestages zu CETA. Falls ein
Begleitgesetz zu CETA erlassen wird, dies ist noch nicht absehbar, wird auch dieses
Begleitgesetz ein tauglicher Beschwerdegegenstand sein.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Arbeiten Sie mit Frau Grimmenstein-Balas zusammen, die kürzlich eine Sammelklage gegen CETA organisiert hat?

Jörg Haas: Mitte April 2016 hat die Lehrerin Marianne Grimmenstein die Beschwerde initiiert. Sie wurde beim Bundesverfassungsgericht (BVerfG) „vorsorglich als Schutzschrift“ eingereicht, wie der Prozessbevollmächtigte Prof. Dr. Andreas Fisahn in den Medien zitiert wurde. Das Verfassungsprozessrecht sieht allerdings keine „Schutzschriften“ vor. Dies war nicht der erste Versuch einer Verfassungsbeschwerde: Bereits im August 2014 hatte Marianne Grimmenstein eine Beschwerde gegen CETA beim BVerfG eingereicht, die aber nicht zur Entscheidung angenommen wurde.

Wir sind der Auffassung, dass der Zeitpunkt für eine Verfassungsbeschwerde eine wichtige Rolle spielt. Denn die deutsche Staatsgewalt muss zuerst Maßnahmen ergriffen haben, bevor man diese rügen kann. Das ist im Falle von CETA bisher noch nicht geschehen. Wir wollen deshalb die Zustimmung des deutschen Vertreters im Europäischen Rat zur Unterzeichnung von CETA abwarten, bevor wir unsere Massen-Verfassungsbeschwerde einreichen – das Sammeln der Vollmachten kann und soll natürlich schon davor geschehen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Kann man sich an mehreren Verfassungsbeschwerden beteiligen?

Jörg Haas: Leider ist es nicht möglich, zur gleichen Problematik mehrere Verfassungsbeschwerden zu unterstützen. Wer sich zum Beispiel bereits an der Verfassungsbeschwerde von Frau Grimmenstein gegen CETA beteiligt, kann die Massenbeschwerde „Nein zu CETA“ nicht unterzeichnen. Wenn jemand trotzdem beide Verfahren unterstützt, wird die zeitlich spätere Beschwerde dieser Person nicht akzeptiert. Grundsätzlich ist es jedoch möglich, jederzeit die Unterstützung für Beschwerden zurückzuziehen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Werden auch in anderen EU-Ländern derartige Initiativen geplant?

Jörg Haas: Der Widerstand gegen TTIP und CETA ist auch in zahlreichen anderen EU-Ländern sehr lebendig. Allerdings ist mir bisher keine Verfassungsklage bekannt.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie sehen die Kanadier das Abkommen?

Jörg Haas: Es gibt auch in Kanada einen erheblichen Widerstand gegen Freihandelsabkommen. Allerdings konzentriert sich die Debatte auf das TPP-Abkommen im Pazifik. Aber auch gegen CETA gibt es deutlichen Widerspruch. So hat der Canadian Labour Congress zusammen mit dem DGB sich gegen CETA ausgesprochen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Was sind Ihre Hauptkritikpunkte an CETA?

Jörg Haas: In dem CETA-Vertrag geht es – anders als in früheren Freihandelsabkommen – nur am Rande um den Abbau von Zöllen oder die Angleichung von technischen Standards wie Schraubenlängen und Blinkerfarben. Im Kern des Abkommens stehen gesellschaftspolitische Standards, die viele Bereiche unseres täglichen Lebens betreffen. Umwelt- und Klimaschutz oder Verbraucher- und Arbeitnehmerrechte werden in CETA vor allem als Handelshemmnisse betrachtet, die Kosten für die Wirtschaft erzeugen.

Durch die in dem Vertrag vorgesehene Angleichung von Standards und die Zusammenarbeit bei gesetzlichen Regulierungen besteht die Gefahr, dass notwendige Verbesserungen unserer Standards in Zukunft nur noch schwer oder überhaupt nicht mehr möglich sein werden.

Zudem ist durch die geplante „regulatorische Zusammenarbeit“ offiziell festgeschrieben, dass Lobbyisten die Gesetzgebung noch vor den Parlamenten beeinflussen können. Denn für die Auslegung und Umsetzung von CETA soll ein sogenanntes „Joint Committee“ mit noch unklarer Zusammensetzung zuständig sein. Dieses Expertengremium kann CETA als „living agreement” auch nach seinem Abschluss noch entscheidend weiterentwickeln und verändern – obwohl das Gremium weder demokratisch legitimiert wäre noch von den Parlamenten kontrolliert würde. Damit werden demokratische Rechte der Bürger ausgehöhlt.

Weiterhin sind in CETA mit dem so genannten Investitionsgericht (ICS) weitreichende Sonderklagerechte für ausländische Unternehmen festgeschrieben. Investoren würde es so ermöglicht, Regierungen zu verklagen, sobald die vom Unternehmen erwarteten wirtschaftlichen Gewinne zum Beispiel auf Grund von schärferen Gesetzen im Sinne des Verbraucher- oder Umweltschutzes geschmälert werden.

Die ursprünglich vorgesehenen privaten Schiedsgerichte (ISDS) wurden zwar durch ein neues so genanntes Investitionsgerichts-System (Investment Court System, ICS) ersetzt. Der Kern der Kritik bleibt jedoch unverändert bestehen: Ob Schiedsgericht oder Investitionsgericht – das System der Investor-Staat-Streitbeilegung ist eine Paralleljustiz, die nur von ausländischen Investoren, nicht aber von einheimischen Betrieben angerufen werden kann. Staaten würden möglicherweise für Gesetze verklagt werden, die im Sinne des Gemeinwohls erlassen wurden. Und vor den geplanten Investitionsgerichten können Investoren Recht bekommen, auch wenn ordentliche Gerichte bis hin zum Bundesverfassungsgericht anders entscheiden.

Durch das Risiko, von Investoren zu Schadenersatz in Milliardenhöhe verklagt zu werden, sind Regierungen erpressbar. Geplante Regulierungen, zum Beispiel für den Verbraucher- und Umweltschutz oder zur Stärkung von Arbeitnehmerrechten, können auf diese Weise verhindert oder verzögert werden. Der Deutsche Richterbund kritisiert zudem, dass die finanzielle und fachliche Unabhängigkeit der Richter/innen nicht gewahrt ist. Desweiteren ist auch das erneuerte Investitionsgerichtssystem eine Einbahnstraße: Die Unternehmen haben Rechte, aber keine Pflichten. Wenn Investoren beispielsweise fundamentale Menschenrechte verletzen, können sie dafür nicht auf internationalem Wege verklagt werden.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Fürchten Sie auch eine Aufweichung der Umweltstandards?

Jörg Haas: Gravierende Folgen hätte das Abkommen beispielsweise für den Klimaschutz. Energiekonzerne bekämen durch CETA die Möglichkeit, über Investor-Staats-Klagen klimaschädliche Projekte durchzusetzen, auch wenn Bürger/innen massiv protestieren – und zwar auf beiden Seiten des Atlantiks. So hat zum Beispiel der Transcanada-Konzern unter Berufung auf das NAFTA-Freihandelsabkommen zwischen Kanada, USA und Mexiko eine Klage in Milliardenhöhe angekündigt, weil die US-Regierung eine hochumstrittene Öl-Pipeline nicht genehmigt hat. Ähnliches ist durch CETA auch in Europa denkbar.

Um den Weg für CETA frei zu machen, hat die EU bereits dem Druck von Kanada nachgegeben und Klimaschutzstandards abgesenkt: Auch besonders umwelt- und klimaschädliches Öl aus kanadischen Teersanden darf in die EU importiert werden.

Im Verbraucher- und Gesundheitsschutz besteht die Gefahr, dass dringend notwendige Verbesserungen europäischer und nationaler Standards erschwert oder sogar ganz verhindert werden. Denn zukünftige Regelungen müssen immer „CETA-konform“ sein. Es ist beispielsweise eine realistische Annahme, dass die EU und Kanada Standards bei der Kennzeichnung von Nährwerten gegenseitig anerkennen. Dadurch wäre es dann nur noch schwer oder gar nicht mehr möglich, eine Nährwertkennzeichnung in Ampelfarben einzuführen – obwohl sich die Mehrheit der Menschen in Deutschland eine Ampelkennzeichnung wünscht. Auch im Kulturbereich, beim Datenschutz und bei den Arbeitnehmerrechten steht zu befürchten, dass bestehende Standards eingefroren werden. Eine weitere Verbesserung wäre nach Inkrafttreten von CETA dann nicht mehr möglich.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Sollten Sie tatsächlich mit der Klage Erfolg haben, welche Folgen hätte ein Nein des deutschen Bundesverfassungsgerichts in der EU?

Jörg Haas: Eine eventuelle Zustimmung Deutschlands zu CETA würde dann rechtlich nichtig, das heißt die Ratifikation Deutschlands würde rückgängig gemacht, Deutschland wäre an CETA nicht gebunden.

Jörg Haas ist Pressesprecher der Bürgerinitiative campact! und der European Climate Foundation. Von 1997 bis 2008 arbeitete er als Klima- und Energieexperte für die Heinrich-Böll-Stiftung.  

Deutsche Bank will die Postbank loswerden
Deutsche Bank will die Postbank loswerden
Die Deutsche Bank will die ungeliebte Tochter Postbank loswerden. CEO Cryan forderte Interessenten auf, sich bei ihm zu melden. Die Bank versucht alles, um das Institut wieder auf einen stabilen Kurs zu bringen.
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Deutsche Bank und Postbank passen nicht zusammen. (Foto: dpa)

Deutsche Bank und Postbank passen nicht zusammen. (Foto: dpa)

John Cryan kommt beim Umbau der Deutschen Bank voran. Das Institut habe sich von Hunderttausenden Kunden getrennt und seine IT-Systeme vereinfacht, sagte der seit elf Monaten amtierende Vorstandschef am Dienstag auf einer Investoren-Konferenz in New York. Er hofft zudem, einige Skandale bald durch Vergleiche aus der Welt zu schaffen. „Wir kommen Abschlüssen näher“, sagte der Brite. „Wir machen an drei bis vier Fronten Fortschritte“. Cryan ist zuversichtlich, bis Jahresende die größten Rechtsstreitigkeiten – etwa Geldwäsche-Vorwürfe in Russland und umstrittene Hypothekengeschäfte in den USA – beizulegen. Vor einem möglichen Austritt Großbritanniens aus der EU braucht sich das Geldhaus laut Cryan nicht zu fürchten. „Wir sind eine deutsche Bank – und Deutschland will bis jetzt nicht austreten.“

Bei einem „Brexit“ müsste sich die Deutsche Bank allerdings wie alle Geldhäuser auf Marktturbulenzen einstellen. Die Frankfurter wollen versuchen, sich so gut wie möglich gegen Marktausschläge abzusichern. „Wir schalten in den Defensiv-Modus“, betonte Cryan. Er würde nach einem „Brexit“ auf lange Sicht Geschäfte von London nach Kontinentaleuropa verlegen. „Unsere Kunden wollen Staatsanleihen von Euro-Zonen-Staaten dann vermutlich nicht mehr in London handeln.“ Das Institut beschäftigt in Großbritannien über 8000 Mitarbeiter, darunter zahlreiche Investmentbanker.

Cryan bekräftigte, dass die Deutsche Bank wegen des Umbaus im laufenden Jahr erneut rote Zahlen schreiben könnte. Die Restrukturierung, die bis Jahresende größtenteils abgeschlossen sein soll, stehe 2016 im Vordergrund. Es sei wichtig, dass sich die Bank schlanker aufstelle und sich aus wenig gewinnträchtigen Bereichen zurückziehe. Im zurückliegenden Jahr habe das Geldhaus über 750.000 Konten geschlossen. Ein Großteil der Technologie laufe inzwischen auf Basis von Apple -Systemen.

Bei der geplanten Schließung von 200 Filialen in Deutschland und der damit verbundenen Streichung von 4000 Arbeitsplätzen will Cryan bald Klarheit haben. Die Verhandlungen mit dem Betriebsrat hätten sich „furchtbar lang“ hingezogen, räumte er ein. Die Unsicherheit, wer am Ende gehen muss, drückt bei vielen der weltweit rund 100.000 Mitarbeiter auf die Stimmung. „Das ist ein quälender Prozess“, klagt ein Arbeitnehmervertreter. Die Gespräche mit dem Betriebsrat befänden sich nun aber in den letzten Zügen, erklärte Cryan. „Ich bin zuversichtlich, dass wir in den nächsten ein bis zwei Monaten eine Einigung erzielen werden und dann mit den Filialschließungen und dem Abbau von Stellen voranschreiten können.“

Keine Eile hat Cryan dagegen beim Verkauf der Postbank. „Wir könnten zwar einen Börsengang durchziehen, aber wir wollen das jetzt nicht, weil ich glaube, dass der Preis, den wir erzielen würden, für unsere Aktionäre nicht attraktiv wäre.“ Deshalb müsse die Bank auf ein besseres Umfeld für Börsengänge warten – oder nach „etwas kreativeren Wegen“ suchen, sich von ihrer Beteiligung zu trennen, sagte Cryan den Investoren. „Wenn Sie also jemanden kennen, der eine deutsche Filialbank kaufen will – lassen Sie es mich wissen.“

Der Brite hat der Deutschen Bank nach seinem Amtsantritt eine Transparenz-Offensive verordnet. In der Folge habe sich der Umgang mit Rechtsstreitigkeiten grundlegend geändert. „Wir setzen auf volle Transparenz und helfen Ermittlungsbehörden und Regulierern wo wir nur können.“ Zudem tue die Bank alles, um neue Verstöße zu verhindern, sagte der Vorstandschef. Das wirke sich auch auf das Wertpapiergeschäft aus. Hier konzentriert sich das Geldhaus laut Cryan auf neue Produkte, die eine Rendite von 12 bis 20 Prozent auf die risikogewichteten Aktiva abwerfen. „Bei über 20 Prozent schrillen bei uns die Alarmglocken. Denn wenn man zu viel Geld verdient, muss man prüfen, ob man noch die richtigen Dinge tut.“

Alaba will zu Real Madrid - und schießt ein kolossales Eigentor
Alaba will zu Real Madrid - und schießt ein kolossales Eigentor
Bayern zittert um seinen nächsten Superstar: Angeblich will David Alaba zu Real Madrid wechseln, doch 50 Millionen Euro als Ablösesumme sind den Bayern zu wenig. Der Österreicher produzierte, womöglich gedankenverloren, ein kolossales Eigentor beim Länderspiel gegen Malta.
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David Alaba im Einsatz gegen Atletico Madrid. (Foto: dpa)

David Alaba im Einsatz gegen Atletico Madrid. (Foto: dpa)

Der österreichische Verteidiger David Alaba ist offenbar an einem Transfer zu Real Madrid interessiert: Wie die spanische Zeitung AS berichtet, fanden in den vergangenen Wochen mehrere Treffen zwischen José Ángel Sánchez, Generaldirektor bei den „Königlichen”, und Alabas Vater statt. Real hat Bayern darauf hin eine Ablöse von 50 Millionen Euro geboten. Doch die Bayern winkten vorerst ab. Laut AS seien die Bayern erst ab 80 Millionen Euro gesprächsbereit.

Alaba selbst scheint von den Verhandlungen durchaus beeindruckt zu sein: Im Länderspiel gegen Malta schoss der sonst ausgesprochen zuverlässige Spieler ein kurioses Eigentor (Video am Anfang des Artikels). Österreich, das sich schon als Geheimfavorit bei der EM gesehen hat, siegte mit Mühe 2:1. Die Österreicher haben gegen Malta gehobene Ansprüche und erinnern sich immer noch gerne an das 9:0, bei dem Hans Krankl sechs Tore schoss.

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