Politik

US-Zölle als Wirtschaftskrieg: Trump zielt auf Europas Wohlstand

Mit 30-Prozent-Zöllen will Donald Trump die europäische Wirtschaft in die Knie zwingen – und trifft damit ausgerechnet die exportstärksten Nationen der EU ins Mark. Ein transatlantischer Handelskrieg hätte dramatische Folgen für Millionen Jobs – und könnte den Wohlstand in Europa massiv gefährden.
15.07.2025 18:04
Lesezeit: 3 min

Brüssel verhandelt, Washington droht – und Europas Industrie zittert

Am Wochenende drohte US-Präsident Trump der EU mit 30-Prozent-Zöllen. Die Verhandlungen laufen weiter. Inzwischen hat das Wirtschaftsportal Finance geprüft, wie die Handelsbeziehungen aussehen, welche Branchen direkt oder indirekt betroffen wären, welche EU-Staaten besonders verletzlich sind – und was genau Europa in die USA exportiert.

1. Der Handelsüberschuss der EU liegt real nur bei 50 Milliarden Euro

In einem Schreiben an die EU erklärte Präsident Donald Trump, das US-Handelsdefizit stelle eine Bedrohung für die nationale Sicherheit dar. Washington weiß jedoch genau: Das US-Defizit betrifft nur den Warenhandel – im Dienstleistungsverkehr erzielen die USA sogar einen Überschuss. Unterm Strich ist das Defizit gegenüber der EU also deutlich geringer als vielfach behauptet – rund 50 Milliarden Euro. Das ist zwar verhandlungstaktisch wertlos, aber wichtig, wenn es um die möglichen Folgen hoher Zölle geht, die den transatlantischen Handel behindern.

Der Warenhandel zwischen EU und USA erreichte 2024 laut Eurostat 867 Milliarden Euro:

532,3 Milliarden Euro betrug der Export europäischer Waren in die USA.

334,8 Milliarden Euro machten US-Warenexporte in die EU aus.

Der europäische Handelsüberschuss belief sich also auf 197,5 Milliarden Euro.

Die USA waren 2024 mit 20,6 Prozent der wichtigste Absatzmarkt der EU.

Neben den USA zählen Großbritannien (13,2 Prozent), China (8,3 Prozent), die Schweiz (7,5 Prozent) und die Türkei (4,3 Prozent) zu den Top-Exportzielen.

Der Dienstleistungshandel zwischen EU und USA erreichte 2024 insgesamt 817 Milliarden Euro:

334,5 Milliarden Euro entfielen auf europäische Exporte in die USA.

482,5 Milliarden Euro betrugen die US-Exporte in die EU.

Im Dienstleistungsbereich hatte die EU also ein Defizit von 148 Milliarden Euro.

2. Der Warenaustausch mit den USA hat sich stark ausgeweitet

Die Ausfuhren in die USA stiegen binnen fünf Jahren um 57 Prozent – von 589 Millionen Euro (2019) auf über 923 Millionen Euro (2024). Die Einfuhren aus den USA nahmen im selben Zeitraum um das 3,9-Fache zu – von 302 Millionen Euro auf 1,185 Milliarden Euro. Damit verzeichneten die USA im Jahr 2024 einen Handelsüberschuss von rund 262 Millionen Euro. Das bilaterale Handelsvolumen belief sich auf 2,107 Milliarden Euro. Noch vor wenigen Jahren lagen die USA knapp außerhalb der Top-20-Handelspartner. Inzwischen rangieren sie auf Platz 12. Der Export ist stark diversifiziert. Wichtigstes Einzelprodukt waren Polyamide (über 35 Mio. €), die u.a. in der Automobil-, Elektronik-, Textil- und Medizintechnik verwendet werden. Danach folgten Holzbearbeitungsmaschinen, Medizintechnik, Fahrzeugteile und Bohrwerkzeuge. An achter Stelle standen Medikamente für den Einzelhandel. Die EU-Kommission verhandelt weiter. EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič warnte am Montag vor einer Eskalation: „30-Prozent-Zölle ab 1. August kämen einem Handelsverbot gleich.“

3. Fünf EU-Länder wären besonders stark betroffen

Laut Eurostat wären folgende EU-Staaten am stärksten exponiert:

  • Deutschland: 161,2 Mrd. Euro Export in die USA
  • Irland: 72,9 Mrd. Euro
  • Italien: 64,8 Mrd. Euro
  • Frankreich: 47,1 Mrd. Euro
  • Niederlande: 43,3 Mrd. Euro

Vier dieser Länder zählen zugleich zu den fünf wichtigsten EU-Exportmärkten – was auch andere stark abhängige Volkswirtschaften unter Druck setzen könnte. Österreich z.B. lieferte 2024 Waren im Wert von 16,2 Mrd. Euro in die USA.

4. Etwa 15.000 Arbeitsplätze hängen am US-Handel

Dass Deutschland Hauptprofiteur ist, ist bekannt. Doch neue Zölle würden nicht nur Berlin treffen. Auch Staaten mit indirekter Exposition wären betroffen – insbesondere, weil sie stark mit Deutschland verflochten sind. Denn Deutschland ist der größte Exportpartner in Europa. Bereits im Frühjahr hatte die Notenbank gewarnt: „Als kleine und sehr offene Volkswirtschaft kann der zunehmende Protektionismus erhebliche Auswirkungen haben.“ Insgesamt seien rund 15.000 Jobs mit dem Außenhandel mit den USA verknüpft.

5. Arzneimittel und Autos sind Exportschlager

Derzeit gelten bereits 10-Prozent-Zölle auf viele EU-Waren, für Autos und Teile 25 Prozent, auf Stahl und Aluminium sogar 50 Prozent. Laut EU-Kommission betreffen diese Aufschläge etwa 70 Prozent des Exports. Trump will ab 1. August noch eine Schippe drauflegen: 30-Prozent-Zölle für praktisch alle Güter. Die wichtigsten Exportgüter der EU sind Medikamente, Kraftfahrzeuge und Maschinen. Laut Moody’s wären durch neue Zölle nicht nur große Volkswirtschaften betroffen, sondern auch kleinere Exportländer – neben Dänemark, Belgien und Irland auch Länder mit starker pharmazeutischer Industrie.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen XRP-Ledger-Transaktionsvolumen überschreitet die Marke von 1 Million

Analysten erwarten ein Aufwärtspotenzial von 100%. XRP Wie können Inhaber neue passive Einkommensquellen schaffen?

DWN
Finanzen
Finanzen US-Märkte im Überblick: Wall Street im Höhenflug nach US-Iran-Abkommen
15.06.2026

Ein diplomatischer Durchbruch sorgt für unerwartete Dynamik an den Finanzmärkten – was Anleger zu den aktuellen Marktentwicklungen...

DWN
Panorama
Panorama Fußball-WM 2026: Milliarden fließen in wenige Taschen
15.06.2026

Die in Nordamerika beginnende Fußball-WM 2026 ist größer als je zuvor. Von den astronomischen Einnahmen dieses Sportfestes profitieren...

DWN
Finanzen
Finanzen EZB-Leitzins angehoben: Wer sind die Verlierer und Gewinner?
15.06.2026

Die Europäische Zentralbank hat den Leitzins für die Eurozone am vergangenen Donnerstag angehoben. Für Sparer, Kreditnehmer, Staaten und...

DWN
Politik
Politik Europäische Schlüsselstaaten wollen Kaja Kallas’ Macht beschneiden
15.06.2026

Mehrere Mitgliedstaaten der Europäischen Union, allen voran Deutschland und Frankreich, suchen nach Möglichkeiten, die Macht der Hohen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Investoren verlieren Geduld: Merz-Beauftragter Blessing warnt vor Ernüchterung
15.06.2026

Deutschland gilt international weiterhin als verlässlicher und stabiler Standort. Dennoch wächst bei manchen Investoren die Skepsis...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft USA-Iran-Abkommen: Kommt jetzt die Entlastung bei den Spritpreisen?
15.06.2026

Die Einigung zwischen den USA und dem Iran sorgt weltweit für Aufmerksamkeit – auch an den Energiemärkten. Experten sehen Chancen auf...

DWN
Politik
Politik Ukraine entwickelt kostengünstige Alternative zu US-amerikanischen Patriot-Raketen
15.06.2026

Die Ukraine hat eine neue Luftabwehrrakete getestet, die eine kostengünstigere und für die Serienfertigung geeignete Alternative zum...

DWN
Finanzen
Finanzen Rheinmetall-Aktie kaufen? Der Superzyklus steht erst am Anfang
15.06.2026

Der Wert der Rheinmetall-Aktie hat sich seit 2022 bereits vervielfacht. Russlands Krieg gegen die Ukraine, Europas Aufrüstung und...