Wirtschaft

CO2-Zertifikate: Europas Aufschub, der Autofahrer teuer zu stehen kommt

Europa verschiebt den Start seines neuen CO2-Handelssystems – doch die Benzinpreise werden trotzdem steigen. Während Brüssel von Wettbewerbsfähigkeit spricht, warnen Experten vor massiven Kosten für Verbraucher. Was auf Autofahrer, Heizkunden und den europäischen Energiemarkt wirklich zukommt.
15.11.2025 16:00
Lesezeit: 2 min
CO2-Zertifikate: Europas Aufschub, der Autofahrer teuer zu stehen kommt
Der CO2-Handel kommt später, aber teurer: Experten erwarten deutlich höhere Spritpreise. (Foto: dpa | Marijan Murat) Foto: Marijan Murat

Verschiebung bringt nur kurze Atempause

Die Europäische Union verschiebt den Start ihres neuen CO2-Handelssystems (ETS2) um ein Jahr – von 2027 auf 2028. Das System soll künftig auch Emissionen aus dem Gebäudesektor und dem Verkehr erfassen. Die Umweltminister der Mitgliedstaaten begründeten die Entscheidung mit der Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit.

In Estland betrifft die Maßnahme vor allem den Transportsektor. Marktteilnehmer begrüßen die Verschiebung zwar grundsätzlich, sehen aber keine echte Entlastung. Zwei zentrale Fragen blieben ungelöst: Wie hoch wird der Preis für CO2-Zertifikate tatsächlich ausfallen – und wann liegt der nationale Gesetzentwurf vor? Laut Laura Remmelgas, Leiterin der Klimaabteilung im estnischen Umweltministerium, laufen die Gespräche dazu noch. Klar sei aber, dass die Preise für fossile Brennstoffe in den kommenden Jahren steigen werden – im Gleichschritt mit den Zertifikatskosten.

Das ETS2 soll den Anteil fossiler Energiequellen verringern und die Nutzung erneuerbarer Energien fördern. Sein Einfluss auf die estnischen Gesamtemissionen liegt bei etwa 11.000 Tonnen CO2 jährlich, was nur 0,1 Prozent der landesweiten Emissionen entspricht. Dennoch sprach Energieminister Andres Sutt von einem „guten Ergebnis für Estland“, das mit den Klimazielen für 2040 im Einklang stehe.

Preisexplosion bei CO2-Zertifikaten erwartet

Auch wenn die Verschiebung den Verbrauchern kurzfristig hilft, bleibt die strukturelle Herausforderung bestehen. „Die Regierung wusste bei der Unterzeichnung, dass fossile Brennstoffe teurer werden und am Ende der Verbraucher zahlt“, sagt der Jurist Rene Frolov. Die Zeit müsse nun genutzt werden, um den Anteil erneuerbarer Energien auszubauen – ein Vorhaben, das bisher kaum Fortschritte gemacht habe. Das System funktioniert so: Brennstofflieferanten müssen am Jahresende melden, wie viele Tonnen CO2 sie ausgestoßen haben. Für jede ausgestoßene Tonne müssen sie CO2-Zertifikate erwerben – deren Preis schwankt. Die EU kalkuliert aktuell mit 45 Euro pro Tonne. Das würde den Benzinpreis um etwa 13 bis 15 Cent pro Liter erhöhen.

Tatsächlich liegen die Marktpreise jedoch deutlich höher: Im Mai lag der Preis bei 73 Euro, im Oktober bei 85 Euro und Anfang November bei rund 70 Euro. Das würde eine Preissteigerung von 20 bis 28 Cent pro Liter bedeuten – also etwa doppelt so viel wie die EU-Kalkulation. Hinzu kommt das Risiko spekulativer Preisbewegungen. Laut Frolov sei es möglich, dass Unternehmen ihre Kraftstoffe verkaufen, später aber keine Zertifikate mehr bezahlen können. „Da kann einiges schiefgehen“, warnt er. Der Markt werde durch Spekulanten zusätzlich aufgeheizt. Analysten aus Deutschland erwarten langfristig sogar Preise von bis zu 200 Euro je Tonne CO2 – was eine Verteuerung des Kraftstoffs um etwa 60 Cent pro Liter bedeuten würde.

Folgen für Verbraucher und deutsche Autoindustrie

Die Europäische Kommission will mit mehreren Maßnahmen gegensteuern. So sollen zusätzliche CO2-Zertifikate auf den Markt gebracht werden, wenn der Preis die 45-Euro-Grenze überschreitet. Außerdem plant Brüssel einen Reservefonds für ungenutzte Zertifikate nach 2030 sowie einen neuen Finanzierungsmechanismus unter Federführung der Europäischen Investitionsbank. Dieser soll ärmere Haushalte beim Umstieg auf emissionsärmere Heizsysteme unterstützen. Trotzdem bleibt der Preisdruck hoch. Besonders Haushalte mit Gasheizungen könnten stärker betroffen sein: Laut estnischem Klimaministerium könnte der Gaspreis für Privatkunden um etwa 15 Prozent steigen, bei Flüssiggas um rund 10 Prozent.

Auch in Deutschland dürfte die Verschiebung des ETS2 nur wenig Entlastung bringen. Zwar verschafft die Entscheidung Politik und Wirtschaft eine gewisse Planungssicherheit, doch der langfristige Trend zeigt klar nach oben. Der deutsche Energiemarkt ist stark mit dem europäischen CO2-Handel verknüpft – steigende Preise bei Zertifikaten werden sich daher direkt in den Verbraucherpreisen für Benzin, Diesel und Heizenergie niederschlagen. Eine nachhaltige Entlastung ist nur durch eine konsequente Ausweitung erneuerbarer Energien zu erwarten.

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