Wirtschaft

Europas seltene Chance: Schwedisches Metallvorkommen soll Abhängigkeit von China brechen

In Schwedens Norden liegt Europas größte Hoffnung auf Rohstoffsouveränität. Doch der Fund der Seltenen Erden birgt Zielkonflikte, geopolitische Brisanz – und offene Fragen.
15.07.2025 16:01
Lesezeit: 2 min
Europas seltene Chance: Schwedisches Metallvorkommen soll Abhängigkeit von China brechen
Im nordschwedischen Kiruna liegt Europas größtes Vorkommen seltener Erden – ein strategischer Fund im Kampf um Rohstoffsouveränität gegenüber China. (Foto: dpa) Foto: Steffen Trumpf

Die EU hat dem Fund von Seltenerdmetallen im nordschwedischen Kiruna höchste strategische Priorität eingeräumt. Für Europas Rohstoffpolitik beginnt damit eine neue Ära – zumindest auf dem Papier.

Die Europäische Kommission hat der Entdeckung von Seltenerdmetallen im Per-Geijer-Vorkommen nahe der LKAB-Mine in Kiruna den Status eines strategischen Projekts verliehen. Damit sollen die Genehmigungsprozesse deutlich beschleunigt werden – in einem Sektor, in dem bisher oft mehr als ein Jahrzehnt vergeht, bis der erste Abbau beginnt.

„Die europäischen Staaten tragen eine gemeinsame Verantwortung, diesen Weg einzuschlagen. Und die Zeit drängt“, sagte die schwedische EU-Kommissarin Jessika Roswall bei einem Besuch der Mine. Antworten auf die Frage, wie die Umsetzung gelingen soll, bleibt sie jedoch schuldig.

Kritische Metalle für den Systemwandel

Vor zweieinhalb Jahren präsentierten LKAB-Chef Jan Moström und Energieministerin Ebba Busch internationalen Journalisten die Entdeckung. Nur wenige Hundert Meter vom bekannten Eisenerzvorkommen entfernt wurden große Mengen an Seltenerdmetallen entdeckt – Rohstoffe, die für Elektroautos, Windräder, Rüstungsgüter und IT-Hardware wie Smartphones unverzichtbar sind.

Aktuell deckt Europa nahezu 100 Prozent seines Bedarfs über Importe aus China. Der neue EU-Gesetzentwurf zum Umgang mit kritischen Rohstoffen (CRMA) sieht vor, bis 2030 eine Eigenversorgungsquote von zehn Prozent zu erreichen.

„Wir müssen unabhängiger werden. Die letzten Jahre – mit Pandemie, Finanzkrisen und Krieg in Europa – haben uns gezeigt, dass die Abhängigkeit nicht funktioniert“, so Roswall. In der Tiefe von 1.365 Metern rollt ein automatisierter Zug tonnenweise Erz aus der Kiruna-Mine ab. Der Blick richtet sich nun auf das neue Per-Geijer-Feld, das 600 Meter nördlich erschlossen werden soll.

„Bei Gas und Russland waren wir vollkommen abhängig von einem autoritären Regime. Jetzt sind es die Seltenen Erden – und China kontrolliert sie. Ohne sie keine E-Autos, keine Jets, keine iPhones. Sollen wir wirklich Xi Jinping die Entscheidung überlassen?“, fragt LKAB-CEO Jan Moström.

Der Abbau ist nur rentabel, weil am gleichen Ort auch hochwertiges Eisenerz gefördert wird – andernfalls würde China durch Preisdumping jeden wirtschaftlichen Versuch Europas unterbieten. „Die USA haben es versucht und sind daran gescheitert“, sagt Moström.

Die Bedeutung für Deutschland: Rohstoffsouveränität oder Industriekrise

Für Deutschland, das über keine eigenen Vorkommen an Seltenerdmetallen verfügt, ist das Projekt in Kiruna von geostrategischer Bedeutung. Die deutsche Automobil-, Windkraft- und Rüstungsindustrie ist auf zuverlässige Versorgung angewiesen. Ohne unabhängigen Zugang drohen Engpässe, Abhängigkeiten – und eine Verlagerung ganzer Industriezweige. Der industrielle Kern Europas ist in Gefahr, wenn China seine Exporte künftig einschränkt. Berlin sollte daher das Vorhaben politisch und industriell unterstützen – durch Abnahmeverträge, Co-Investitionen und technische Kooperationen.

Ein ambitionierter Plan mit vielen Unbekannten

Laut LKAB enthält das Vorkommen rund 734 Millionen Tonnen Eisenerz mit hohem Eisengehalt sowie etwa 1,3 Millionen Tonnen Seltenerdmetalle – mehr als das Zehnfache der Konzentration in bisherigen Lagerstätten. Zusätzlich sind große Mengen an Phosphor enthalten. Das Gebiet soll innerhalb von 10 bis 15 Jahren erschlossen werden. Eine Verkürzung der Genehmigungsdauer auf 27 Monate erscheint ambitioniert.

Die EU betont, dass die Umwelt- und Schutzauflagen weiterhin gelten sollen. Doch wie ein Prozess, der bislang oft 10 Jahre dauerte, auf etwas über zwei Jahre reduziert werden soll, ist unklar. Auch EU-Kommissarin Roswall räumt ein: „Das Projekt sieht Zeitpläne vor, aber entscheidend ist, dass wir politisch zeigen, wie wichtig diese Initiative für Europas Autarkie ist.“

Entscheiden werden letztlich schwedische Instanzen wie das Land- und Umweltgericht – auch unter Berücksichtigung der Rechte der Samen, deren Rentierpfade durch die geplante Mine blockiert würden. Roswall dazu: „Es ist wie immer kompliziert. Alle Interessen müssen gegeneinander abgewogen werden.“

Moström resümiert: „Wir haben unsere ökologischen Belastungen jahrzehntelang ins Ausland ausgelagert. Das funktionierte im globalen Freihandel – doch jetzt stehen wir vor einer Entscheidung: Wollen wir wieder auf Holz und Stein umsteigen, oder unsere Versorgung sichern und Konflikte lösen?“

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