Geburtenrate im Sinkflug: Deutsche bekommen weniger Kinder
Deutschland bekommt immer weniger Kinder: 2025 wurden nur noch rund 650.000 Kinder geboren, etwa 20.000 weniger als im Vorjahr. Die Geburtenrate sank auf 1,35 Kinder pro Frau – ein historischer Tiefstand. Auch die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Und die Bevölkerung in Deutschland wird noch stärker schrumpfen als erwartet: Laut neuster Prognose des ifo-Institutes leben im Jahr 2070 voraussichtlich zehn Prozent weniger Menschen in Deutschland. Bisherige Annahmen waren nur von einem Rückgang um ein Prozent ausgegangen. Dies ist das aktuelle Ergebnis einer ifo-Analyse aktueller Bevölkerungsrechnungen des Statistischen Bundesamtes. Prognosen zufolge könnten dann 2070 nur noch 68,8 Millionen Menschen hier leben – rund 15 Millionen weniger als heute.
Doch warum bekommen Menschen hierlande immer weniger Kinder - was sind die Gründe? Im Jahr 2024 haben 106.455 Frauen abgetrieben, die meisten (69 Prozent) waren zwischen 18 und 34 Jahre alt. Davon haben laut einer Umfrage des Leibniz-Instituts 59 Prozent der Frauen finanzielle Gründe für den Schwangerschaftsabbruch angegegeben. Auch die ELSA-Studie vom BMG zeigt auf, dass finanzielle Sorgen eine wichtige Rolle spielen: 47 Prozent der abtreibenden Frauen wussten schlicht nicht, wie sie sich ein Kind leisten sollen. Im Kern läuft alles auf eine Frage hinaus: Kann man sich Kinder überhaupt noch leisten? Dieser Frage ist eine aktuelle Umfrage nachgegangen.
Umfrage: Kinderwunsch ja – aber wer soll das bezahlen?
Kinderwunsch ja – aber wer soll das bezahlen? Genau daran zweifeln immer mehr Menschen in Deutschland. Laut einer Insa-Blitzumfrage für die Bild am Sonntag stimmen 55 Prozent der Befragten zu, dass man sich Kinder in Deutschland nicht mehr leisten kann. Nur 34 Prozent widersprachen, elf Prozent waren unentschieden.
Eine Altersgruppe ist besonders skeptisch. Das geht aus der Umfrage hervor, für die am 19. und 20. Februar 1.003 Bürger befragt wurden.
Fehlender Wohnraum, hohe Lebenserhaltungskosten und fehlende Kita-Plätze
Als Hauptgrund nannten 81 Prozent der Befragten die hohen Lebenshaltungskosten – Miete, Lebensmittel und Energie. 59 Prozent sehen in Steuern und Abgaben eine wesentliche Belastung. Fast jeder Zweite hält zudem die staatliche Unterstützung durch Kindergeld und Elterngeld für unzureichend. 40 Prozent nannten zudem Einkommenseinbußen durch Elternzeit oder Teilzeit als entscheidenden Faktor.
58 Prozent beklagten fehlende Kita- und Betreuungsplätze. Dieses Problem betrifft laut der „Bild am Sonntag“ vor allem Westdeutschland, wo nach Schätzung des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) circa 300.000 Plätze für unter Dreijährige fehlen. Im Osten werden wegen sinkender Geburten dagegen im ländlichen Raum erste Kitas geschlossen.
Millennials besonders skeptisch
Besonders ausgeprägt ist die Skepsis bei den 30- bis 49-Jährigen. Laut dem Geschäftsführer von INSA, Hermann Binkert, halten in dieser Altersgruppe mehr als 60 Prozent Kinder für finanziell kaum tragbar. Angesichts der seit Jahren sinkenden Geburtenzahlen, die inzwischen auf dem Niveau Mitte der 1990er Jahre liegen, ist das Ergebnis ein politisches Warnsignal.
Wohlbefinden deutscher Kinder fällt zurück
Auch die Voraussetzungen für das Aufwachsen von Kindern hat sich in den letzten fünf Jahren in der EU verschlechtert – besonders in Deutschland. Das zeigt sich vor allem an nachlassenden Kompetenzen der Kinder und Jugendlichen und an ihrer sinkenden Lebenszufriedenheit. Zu diesen Ergebnissen kommt ein Bericht des UNICEF-Forschungsinstituts Innocenti zum kindlichen Wohlbefinden, der Daten von 2018 und 2022 analysiert. Seit dem letzten vergleichbaren Bericht vor fünf Jahren ist Deutschland international von Platz 14 auf Platz 25 abgerutscht. Die ersten beiden Plätze belegen die Niederlande und Dänemark, gefolgt von Frankreich.
Polen und Ungarn: Wo Eltern entlastet werden
Unser Nachbarland Polen plant indes eine vollständige Einkommenssteuerbefreiung für Eltern mit mindestens zwei Kindern. Ziel der Reform ist es, die Steuerlast für Familien zu verringern, das verfügbare Einkommen zu erhöhen, den Konsum anzuregen und die Berufstätigkeit zu fördern. Polens Präsident Karol Nawrocki hatte die Nullbesteuerung für Familien zu einer der Säulen seiner Kampagne gemacht.
In Ungarn sind Mütter mit vier oder mehr Kindern sogar lebenslang von der persönlichen Einkommensteuer (SZJA) befreit. Zusätzlich profitieren junge Mütter unter 30 Jahren sowie Frauen mit zwei oder drei Kindern ab 2026 von umfassenden Steuererleichterungen oder vollständiger Befreiung. Diese Maßnahmen sind Teil einer familienfreundlichen Politik zur Steigerung der Geburtenrate.
Fazit: Nullsteuern für höhere Geburtenraten?
Währenddessen streiten sich in Deutschland Union und SPD um eine mögliche Einkommensteuer-Senkung. Im gemeinsames Koalitionsvertrag haben sich beide Parteien ein klares Ziel gesteckt: „Wir werden die Einkommenssteuer für kleine und mittlere Einkommen zur Mitte der der Legislar senken", heißt es dort. Ob dann auch zukünftige Eltern mit Nullsteuern für eine höhere Geburtenrate berücksichtigt werden, bleibt ein frommer Wunsch. Solange ein Großteil der Menschen Kinder als finanzielles Wagnis sieht - und das in der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt - stimmen die Voraussetzungen für mehr Nachwuchs nicht. Erst recht nicht, wenn Eltern durch die Erziehung der Beitragszahler von morgen einen großen Beitrag zur Sozialversicherung leisten - und sie dennoch die gleichen Beiträge wie Kinderlose zahlen müssen.


