Samwer-Brüder: Lange Gesichter nach dem Börsengang von Rocket Internet

Der Börsengang von Rocket Internet geriet am ersten Tag zum Flop: Zwischenzeitlich brach die Aktie um 14 Prozent ein. Viele Anleger sind offenbar doch der Meinung, dass ein Unternehmen ohne Gewinne ein riskantes Investment ist.

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Bei dem mit Spannung erwarteten Marktdebüt von Rocket Internet brachen die Aktien der Online-Holding am Donnerstag in der Spitze um 14 Prozent ein und gingen mit 37,00 Euro nur knapp über dem Tief aus dem Xetra-Handel. In Frankfurt gab es nach dem größten Börsengang einer Internetfirma in Europa seit dem Jahr 2000 lange Gesichter. Die Berliner Samwer-Brüder, die Rocket innerhalb weniger Jahre aus dem Boden gestampft haben, flüchteten auf dem Börsenparkett in eine abgeschottete Glasbox. Hostessen, die mit Tabletts bereitstanden, wurden ihre Sekt-Gläser nicht los.

Rocket Internet ist weltweit an Dutzenden Start-Ups beteiligt, die meist noch rote Zahlen schreiben. Experten und Aktionärsverbände hatten deshalb vor einem Kauf der Papiere gewarnt. Auch Aktien des Online-Modeversands Zalando, der am Mittwoch ein durchwachsenes Börsendebüt hingelegt hat, sind aus ihrer Sicht ein riskantes Investment. Die Papiere von Zalando, wo die Samwer-Brüder-ebenfalls beteiligt sind, brachen am Donnerstag um fast zwölf Prozent ein. „Mit den beiden Börsendebüts wurde der Markt für Börsengänge erst einmal zerstört“, sagte ein Marktstratege. In den Startlöchern stehen unter anderem TLG Immobilien, die Kabelnetzfirma Tele Columbus und Online-Marktplatzbetreiber Scout24. Investoren, die einen Einstieg bei diesen Firmen geplant hätten, würden sich die Fundamentaldaten nun wohl nochmal genauer ansehen, sagte ein Investmentbanker.

Nach dem erfolgreichen Listing des chinesischen Online-Händlers Alibaba an der Wall Street im September waren die Erwartungen für Zalando und Rocket Internet groß. Noch vergangene Woche herrschte bei vielen Börsianern Euphorie. Wegen einer „außergewöhnlich hohen Investorennachfrage“ verkürzte Rocket Internet die Zeichnungsfrist für seine Aktien und verlegte den Börsengang um eine Woche nach vorne. Viele auf den schnellen Euro schielende Investoren hätten Rocket-Aktien gezeichnet, da sie eine Kursexplosion und ein gutes Geschäft beim Börsendebüt erwarteten, sagte ein Investmentbanker. Diese seien am Donnerstag dann entsprechend schnell ausgestiegen. Zudem nahmen die Sorgen zu, weil eine klassische Unternehmensbewertung beim Geschäftsmodell von Rocket und angesichts fehlender Gewinne kaum möglich sei.

Auch der allgemeine Abwärtstrend an der Börse seit Wochenbeginn und das durchwachsene Debüt von Zalando sorgten dafür, dass Investoren am Donnerstagmorgen massenhaft Rocket-Papiere auf den Markt warfen. Selbst Stützungskäufe der Banken, die den Börsengang begleiteten, konnten die Talfahrt kaum verhindern. Die Brüder Oliver, Marc und Alexander Samwer wollen aber trotz des Rückschlags nicht in Panik verfallen. „Man muss Aktien langfristig betrachten und nicht kurzfristig an einem Tag, einer Woche oder einem Monat“, sagte Oliver Samwer zu Reuters TV. Der Anteil der Samwers wird durch den Börsengang auf knapp unter 40 von 52 Prozent verwässert.

Rocket Internet wird mit dem Börsengang bis zu 1,6 Milliarden Euro einnehmen. Es ist die größte Neuemission in Deutschland seit dem Debüt des Motorenbauers Tognum 2007 und der größte Börsengang einer Internetfirma in Europa seit dem Listing von World Online in den Niederlanden im Jahr 2000. Rocket Internet hatte seine Aktien zu je 42,50 Euro und damit am obersten Ende der Preisspanne zugeteilt. Nach eigenen Angaben hätte das Unternehmen zu diesem Preis auch mehr als das Zehnfache der 37,9 Millionen angebotenen Papiere losschlagen können.

Für viele ihrer Start-up-Firmen, die auch in Ländern wie Indien, Brasilien oder Russland sitzen, hat die Holding Rocket Internet noch keine Bilanzen vorliegen. Deshalb ist die Aktie zunächst nur im schwach regulierten Entry Standard notiert. „Wenn man in Rocket investieren will, muss man davon überzeugt sein, dass die Samwers über ihre Start-up-Plattform eine Idee schneller am Markt durchsetzen können als alle anderen“, sagte Michael Muders, Fondsmanager bei Union Investment, zu Reuters. „Und man muss an das Wachstum der Schwellenländer glauben.“

Grundsätzlich habe jedes Unternehmen das Recht, Geld an der Börse einzusammeln, sagt Daniel Bauer, Vorstand der Aktionärsvereinigung SdK. „Auch Unternehmen, die schnell wachsen, und erst in der Zukunft Gewinne erwirtschaften, können eine geeignete Depotbeimischung sein.“ Privatanleger, die nicht täglich die Entwicklung der Unternehmen verfolgen, sollten aber lieber auf Konzerne mit soliden Geschäftsmodellen und stabilen Gewinnen setzen. „Es ist ein spekulatives Investment“, findet Klaus Nieding, der Vize-Präsident der Aktionärsvereinigung DSW. Dass Rocket Internet an der Börse in etwa so viel Wert ist wie die Lufthansa, hält er für absurd.

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