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Land ohne Jobs: Viele Syrer kämpfen für den IS, um ihre Familien ernähren zu können

Die Nahost-Analystin Kristin Helberg erklärt, dass viele junge Syrer nicht aus religiöser Überzeugung für den Islamischen Staat kämpfen. Der Beruf des Söldners ist für sie der einzige Job, den sie in dem vom Bürgerkrieg zerstören Land bekommen können. Sie müssen ihre Familien ernähren und haben keine andere Wahl.

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Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Der syrische Präsident Baschar al-Assad ist an der Macht geblieben, der Islamische Staat (IS) verbreitet Angst und Schrecken und es gibt eine Reihe von kurdischen, syrischen und ausländischen Milizen. Wer ist hier das kleinere oder größere Übel?

Kristin Helberg: Hauptverantwortlich für die apokalyptische Krise in Syrien ist das Assad-Regime. Präsident Baschar al-Assad hat die friedlichen Demonstrationen im Jahr 2011 gewaltsam niederschlagen lassen. Die Moderaten wurden von Anfang an mit allen Mitteln unterdrückt, die Radikalen hat er gewähren lassen. Ab 2013 hat auch IS die gemäßigten Rebellen bekämpft – diese fanden sich in einem Zwei-Fronten-Krieg zwischen dem Regime und den Dschihadisten wieder. Assad braucht den IS, um seine Macht zu legitimieren, um sich als einzige Alternative zum Terror zu präsentieren, dabei ist er der Ursprung dieses Terrors.

Die Freie Syrische Armee (FSA) wurde im Sommer 2011 von Deserteuren der syrischen Armee gegründet, die sich weigerten, auf ihre Mitbürger zu schießen. Sie ist ein loser Verbund vieler regionaler, mehr oder weniger gemäßigter Rebellengruppen, die vom Westen zu wenig unterstützt wurden. Der IS lockt in Syrien vor allem mit Geld. Während sich ausländische Dschihadisten dem IS aus Überzeugung anschließen, spielt bei den syrischen Kämpfern der monatliche Sold in Höhe von 400 US-Dollar und mehr die wichtigste Rolle. Kämpfer, die zuvor für die FSA oder syrische Islamistenbrigaden gekämpft haben, sind zum IS gewechselt, weil sie dadurch ihre Familie ernähren können. Diese jungen Männer sind dadurch nicht über Nacht zu Dschihadisten geworden. Wichtig ist: Wir stehen in Syrien nicht vor der Wahl zwischen dem IS und Assad. Die allermeisten Syrer wollen weder das eine noch das andere. Und die Rebellen kämpfen sowohl gegen Assad als auch gegen IS.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Verschiedenen Medienberichten zufolge sind die Einwohner Kobanes weitgehend in die Türkei geflüchtet. Der IS kämpft gegen die kurdische PYD. Was genau ist los dort?

Kristin Helberg ist freie Journalistin und Nahostexpertin in Berlin. Anfang 2014 erschien die 2., aktualisierte und erweiterte Ausgabe ihres Buches „Brennpunkt Syrien. Einblick in ein verschlossenes Land“ im Herder-Verlag. (Foto: Kulke/photoartberlin.de)

Kristin Helberg ist freie Journalistin und Nahostexpertin in Berlin. Anfang 2014 erschien die 2., aktualisierte und erweiterte Ausgabe ihres Buches „Brennpunkt Syrien. Einblick in ein verschlossenes Land“ im Herder-Verlag. (Foto: Kulke/photoartberlin.de)

Kristin Helberg: Die PYD (Partei der Demokratischen Union) ist die syrische Schwesterpartei der PKK. Sie fordert einen Korridor von der Türkei nach Syrien, damit kurdische Kämpfer der PKK und der Peshmerga nach Syrien kommen und der PYD im Kampf um Kobane helfen können. Der Korridor wäre auch wichtig für Nachschub in Form von Waffen und humanitärer Hilfe. Ein aktives Eingreifen der Türkei lehnen die syrischen Kurden dagegen ab. Das wäre für sie Besatzung und der Versuch, die kurdische Selbstverwaltung im Nordosten Syriens zu zerschlagen.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan will hingegen eine Stärkung der PKK um jeden Preis verhindern. Er hat Angst vor kurdischer Autonomie in Syrien. Ankara betrachtet die gesamte Entwicklung sehr skeptisch. Es kommt ihm deshalb sehr gelegen, dass sich der IS und die PYD dort gegenseitig aufreiben und schwächen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Warum ist Kobane so wichtig für den IS? Welche strategische Bedeutung kommt der Stadt zu?

Kristin Helberg: Es gibt drei kurdische Kantone in Nordsyrien, einen im Osten (Cizîrê), einen im Westen (Afrin) und Kobane in der Mitte. Würde Kobane in die Hände des IS fallen, wären die Kurdengebiete nicht mehr miteinander verbunden. Aber der mediale Fokus auf Kobane frustriert inzwischen Syrer anderswo. Die ganze Welt schaut nur noch nach Kobani und Assad lässt währenddessen Aleppo, Daraa, die Vororte von Damaskus, Homs und weitere Städte bombardieren. Die meisten Menschen in Syrien sterben noch immer durch die Bomben des Regimes. Im September waren es laut Menschenrechtsorganisationen 1.707 zivile Opfer, ein Drittel davon Frauen und Kinder. Jeden Tag sterben durchschnittlich zehn Kinder in Syrien durch den Terror Assads. Er ist aus Sicht vieler Syrer deshalb der eigentliche Verbrecher, IS nur ein Nebenprodukt des Krieges.

Hinzu kommt: Die Syrer sind verbittert über die internationale Berichterstattung. Die sunnitischen Araber fühlen sich im Stich gelassen, weil sie genauso unter dem IS-Terror leiden wie die Kurden in Kobane, die Christen in Mossul oder die Jesiden in Sinjar. Die Menschen in Raqqa fragen sich: „Warum interessiert es keinen, dass IS uns schon seit Sommer 2013 terrorisiert? Warum hilft der Westen nur den Minderheiten und nicht uns sunnitischen Arabern?“ Das spaltet die syrische Gesellschaft zusätzlich, der Hass wächst.
Der IS ist eine sunnitische Terrororganisation, doch in Syrien sind die meisten Opfer bisher Sunniten. Die Extremisten des IS bringen jeden um, der sich ihnen widersetzt – genau wie Assad. Für mich sind IS und Assad deshalb die zwei Gesichter des Terrors in Syrien.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Warum erhält die PYD keine Waffen von der EU, der Türkei oder den USA?

Kristin Helberg: Die PKK wird nicht nur in der Türkei als Terrororganisation eingestuft, sondern steht auch in Europa und den USA auf der Terrorliste. Da die PYD als ihr syrischer Ableger gilt, hält sich der Westen mit direkter Unterstützung bisher zurück – auch aus Rücksicht auf Ankara. Erdogan will die PKK im Zuge der zaghaft begonnenen Friedensverhandlungen entwaffnen und nicht bewaffnen. Und Brüssel will Ankara nicht vergraulen. Deshalb bekommen die Kurden in Syrien bislang keine Waffen. Ich halte das PKK-Verbot in Deutschland für nicht zeitgemäß. Es sollten alle Kräfte gegen den IS gebündelt werden. Dazu gehört auch die PYD, die sich in Syrien seit mehr als einem Jahr gegen die Dschihadisten zur Wehr setzt.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Welche Rolle spielt hier der Präsident autonomen Kurdenregion im Irak, Masud Barzani?

Kristin Helberg: Die Kurden sind untereinander zerstritten. Barzanis Peschmerga im Nordirak und die PKK sind seit langem verfeindet. Allerdings nähern sie sich gerade an, der Kampf gegen IS eint sie. Barzani hat angeboten, Peschmerga zur Unterstützung nach Kobane zu schicken, allerdings braucht es dafür den erwähnten Korridor durch die Türkei, den Erdogan nicht gewähren will.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wer möchte einen türkischen Einmarsch in Kobane und wer ist dagegen?

Kristin Helberg: Keiner in der Region will einen militärischen Alleingang der Türkei in Syrien. Ankara selbst auch nicht. Seit drei Jahren fordern syrische Aktivisten, Oppositionelle und Kämpfer eine Flugverbotszone im Norden des Landes. Diese würde Zivilisten vor den Luftangriffen des Regimes schützen, eine Rückkehr von Flüchtlingen ermöglichen und oppositionellen Kräften die Chance geben, sich besser zu organisieren und ein alternatives Syrien aufzubauen. Die Türkei unterstützt diesen Vorschlag. Aber ein UN-Mandat wird es dafür nicht geben – Russland und China, die fest an Assads Seite stehen, werden eine solche Entscheidung des Weltsicherheitsrates blockieren.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Die Kurden fühlen sich von der Obama-Regierung im Stich gelassen. Doch die USA melden durchgehende Luftschläge. Was genau bombardieren die Amerikaner in Syrien?

In Kobane scheinen die US-Angriffe den Kurden jetzt zu helfen, sie werden wohl auch besser koordiniert. Im Rest des Landes sind die Luftschläge dagegen halbherzig und einseitig. Sie werden nicht mit den Rebellen am Boden koordiniert, was diese in den Augen der Bevölkerung zu hilflosen Lakaien des Westens macht. Die USA informieren zwar das Assad-Regime über geplante Luftschläge, nicht aber die Rebellen. Obwohl die Amerikaner FSA-Einheiten als Verbündete identifiziert haben, behandeln sie diese nicht als solche. Das ist ein großes Problem, denn so verlieren diese Brigaden an Glaubwürdigkeit und Rückhalt in der Bevölkerung.

Die USA zerbomben syrische Infrastruktur wie Getreidespeicher und Ölraffinerien, um dem IS die Versorgungswege abzuschneiden. Doch dadurch steigen die Preise für Nahrungsmittel in den IS-kontrollierten Gebieten und die Menschen solidarisieren sich mit IS. Die Amerikaner werden zunehmend als Feind gesehen, sie verlieren die Unterstützung der Bevölkerung.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Welches Szenario haben Sie für die Zukunft Syriens?

Kristin Helberg: Um den Konflikt am Verhandlungstisch zu lösen, müssen erst die Voraussetzungen dafür geschaffen werden. Aktuell hat Assad keinen Grund, Macht abzugeben, er hält die für ihn wichtigen Gebiete mit militärischer und finanzieller Unterstützung seiner Verbündeten Iran, Russland und der Hisbollah. Deshalb muss der militärische Druck auf ihn steigen. Auf der anderen Seite hat das größte Oppositions-Bündnis, die Nationale Koalition der syrischen Revolutions- und Oppositionskräfte, keinen Einfluss auf die Kämpfe am Boden. Es gibt in Syrien etwa 1.500 bewaffnete Gruppen, sie zu bündeln, einem Zentralkommando zu unterstellen und am Ende auch politisch zu kontrollieren, ist eine enorme Herausforderung. Auf der Suche nach verbündeten Rebellen sollten wir vor allem darauf schauen, wer ausschließlich nationale Ziele, also den Sturz des Regimes, verfolgt. Alle anderen, für die Syrien nur eine Zwischenstation auf dem Weg zum globalen Dschihad ist, müssen wir gemeinsam mit den Syrern bekämpfen.

Nur, wenn beide Verhandlungspartner überzeugt sind, ihre Ziele militärisch nicht erreichen zu können, und wenn beide in der Lage sind, die Kriegführenden im Land entsprechend zu steuern, kann eine politische Einigung gelingen. An einer Lösung müssen außerdem die wichtigsten Regionalmächte, allen voran Saudi-Arabien und Iran beteiligt werden.

Das äußerst lesenswerte Buch von Kristin Helberg.

Das äußerst lesenswerte Buch von Kristin Helberg.

Kristin Helberg, geboren 1973 in Heilbronn, studierte Politikwissenschaft und Journalistik in Hamburg und Barcelona. Von 1995 bis 2001 arbeitete sie beim NDR in Hamburg. 2001 ging sie nach Damaskus, wo sie lange Zeit die einzige offiziell akkreditierte westliche Korrespondentin war. Bis 2008 berichtete sie von Syrien aus über die arabische und islamische Welt für die Hörfunkprogramme der ARD, den ORF und das Schweizer Radio SRF sowie verschiedene Printmedien. Heute arbeitet sie als freie Journalistin und Nahostexpertin in Berlin. Anfang 2014 erschien die 2., aktualisierte und erweiterte Ausgabe ihres Buches „Brennpunkt Syrien. Einblick in ein verschlossenes Land“ im Herder-Verlag (hier beim Verlag bestellen)

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Zentralbanken können der Weltwirtschaft nicht mehr helfen
Zentralbanken können der Weltwirtschaft nicht mehr helfen
Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich sieht die Zentralbanken am Ende ihrer Möglichkeiten – mit ihrer expansiven Geldpolitik ließe sie die Weltwirtschaft nicht mehr stimulieren. Dringend notwendig sei eine radikale Neuausrichtung und ein Abbau der hohen Schulden.
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Fed-Chefin Janet Yellen, EZB-Präsident Mario Draghi und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble bei G7-Treffen 2016 in Japan. (Foto: dpa)

Fed-Chefin Janet Yellen, EZB-Präsident Mario Draghi und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble bei G7-Treffen 2016 in Japan. (Foto: dpa)

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIS) – eine Art Zentralbank der Zentralbanken – plädiert für eine grundlegende wirtschaftspolitische Neuausrichtung. Anders sei der Abschwung der Weltwirtschaft und die hohe Verschuldung nicht mehr in den Griff zu bekommen, schreibt die BIZ in ihrem aktuellen Jahresbericht.

Eine „riskante Dreierkonstellation“ aus einem ungewöhnlich niedrigen Produktivitäts-Wachstum, beispiellos hohen Schuldenständen weltweit und einem äußerst engen wirtschaftspolitischen Handlungsspielraum verhindere eine nachhaltige Erholung der Weltwirtschaft nach der Krise von 2008/2009, so die BIZ.

Zwar „lag das globale BIP-Wachstum pro Person im erwerbsfähigen Alter leicht über seinem historischen Durchschnitt, und die Arbeitslosenquoten waren im Allgemeinen rückläufig“ – von einer grundlegenden Erholung der Volkswirtschaften könne aber keine Rede sein, schreibt die BIZ. Dafür machen die Ökonomen insbesondere die Nachwirkungen zahlreicher Auf- und Abschwünge an den Finanzmärkten und den immensen Schuldenaufbau verantwortlich.

Während die Industrieländer kaum nennenswerte Impulse lieferten, kühle sich gleichzeitig das Wachstum in den aufstrebenden Schwellenländern ab. „In den rohstoffexportierenden aufstrebenden Volkswirtschaften verstärkte der Abschwung im inländischen Finanzzyklus zumeist den Verfall der Exportpreise und die Währungsabwertungen, während sich gleichzeitig die Wirtschaftslage verschlechterte. Im Allgemeinen verschärfte der restriktivere Zugang zu Dollarmitteln diese Entwicklungen noch“, heißt es im Jahresbericht.

Die Zentralbanken, so die BIZ, hätten ihre Möglichkeiten fast ausgeschöpft und seien offenbar nicht mehr in der Lage, nachhaltige Impulse für die Realwirtschaft zu liefern. Zwar unterstütze eine expansive Geldpolitik die Volkswirtschaften prinzipiell, aber ihr Handlungsspielraum werde immer enger und eine Normalisierung der Geldpolitik immer weiter verschoben. Das Phänomen von Null- oder Negativzinsen als Konsequenz verzerre die Märkte und stelle Sparer und Anleger vor ernsthafte Schwierigkeiten: „Die inflationsbereinigten Leitzinssätze sind noch weiter unter null gefallen und verlängern damit die längste Negativzinsphase seit dem Zweiten Weltkrieg.  Diese Zinssätze sagen einiges aus: Die Marktteilnehmer blicken mit einer gewissen Besorgnis in die Zukunft; trotz der massiven Zentralbankmaßnahmen seit der Krise verharrt die Inflation hartnäckig auf niedrigem Niveau und das Produktionswachstum ist enttäuschend; und von der Geldpolitik wird schon viel zu lange zu viel verlangt.“

Die Schulden, beklagen die BIZ-Ökonomen, nähmen weltweit unvermindert zu und würden Unternehmen und Staaten an Investitionen hindern. Dieser Befund ist eigentlich keine Neuigkeit: es ist bekannt, dass ein auf Zinseszinsen aufgebautes Finanzsystem zwangsläufig zur Folge hat, dass sich immer größere Guthaben ansammeln, während die Schulden spiegelbildlich weiter anwachsen. „In den von der Krise am stärksten betroffenen fortgeschrittenen Volkswirtschaften stand einer begrüßenswerten Verringerung bzw. Stabilisierung der Verschuldung des privaten Sektors tendenziell ein weiterer Anstieg der Verschuldung des öffentlichen Sektors gegenüber. In anderen Ländern nahm die Verschuldung im privaten Sektor entweder im Gleichklang mit der Verschuldung im öffentlichen Sektor zu oder ihr Anstieg überwog den Schuldenabbau im öffentlichen Sektor“, lautet der Befund der BIZ.

Die BIZ plädiert für eine grundlegende und international koordinierte Neuausrichtung der Wirtschaftspolitik. Diese gehe mit einer Entlastung der Geldpolitik einher. Um harte Strukturreformen kämen die allermeisten Staaten nicht mehr herum. Diese sollten zudem die verbliebenen fiskalischen Spielräume nutzen, um Schulden abzubauen.

Die Zentralbanken der G7-Staaten haben nach Angaben der Gruppe Schritte eingeleitet, um eine angemessene Liquidität zu gewährleisten und das Funktionieren der Märkte zu unterstützen. Die G7 gingen weiter davon aus, dass die britische Wirtschaft und der Finanzsektor widerstandsfähig blieben.

IWF-Chefin Christine Lagarde fordert die Verantwortlichen in Großbritannien und Europa auf, bei der Gestaltung der neuen Wirtschaftsbeziehungen zwischen dem Königreich und der EU nach dem Brexit auf einen sanften Übergang hinzuarbeiten. Sie befürworte die Maßnahmen der Bank of England und der EZB, das Bankensystem mit ausreichend Liquidität zu versorgen.

Wegen Brexit: Tschechien fordert Rücktritt von Juncker
Wegen Brexit: Tschechien fordert Rücktritt von Juncker
Der tschechische Außenminister fordert den Rücktritt von EU-Präsident Juncker. Juncker hätte nicht energisch genug für den Verbleib Großbritanniens in der EU gekämpft.
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EU-Präsident Jean-Claude Juncker und Angela Merkel beim Gipfel am 23. September 2015 in Brüssel. (Foto: dpa)

EU-Präsident Jean-Claude Juncker und Angela Merkel beim Gipfel am 23. September 2015 in Brüssel. (Foto: dpa)

Nach dem britischen Votum für den Ausstieg aus der Europäischen Union hat Tschechiens Außenminister Lubomir Zaoralek sich für den Rücktritt von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker ausgesprochen. Juncker sei derzeit „nicht der richtige Mann für den Job“, sagte Zaoralek am Sonntag in einer Fernsehdebatte. „Jemand in der EU sollte vielleicht einen Rücktritt erwägen“, weil er für das Brexit-Votum verantwortlich sei, ergänzte der Minister.

Zaoralek warf Juncker vor, sich vor dem Referendum in Großbritannien nicht genügend engagiert und nicht vor Ort für den Verbleib in der EU geworben zu haben. „Ich hätte mir vorgestellt, dass die Kommission von einem ehrbaren, vertrauenswürdigen Mann angeführt wird, der in einer Situation, wo uns der Verlust eines Beines oder Armes droht, selbst in das Land geht und den Briten sagt: ‚Wir wollen, dass ihr bleibt'“, kritisierte er.

Nomura: Brexit birgt hohe Ansteckungs-Gefahr für Finanzmärkte
Nomura: Brexit birgt hohe Ansteckungs-Gefahr für Finanzmärkte
Die Finanz-Holding Nomura warnt vor vielfältigen negativen Folgen des EU-Austritts Großbritanniens – besonders für die Finanzwelt und die Psychologie der Anleger. Andere Beobachter vermuten hingegen, dass der Brexit als Erklärung für die selbstverschuldete Krisen der Unternehmen und der Staaten herhalten…
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Händler an der New York Stock Exchange. (Foto: dpa)

Händler an der New York Stock Exchange. (Foto: dpa)

Das japanische Finanzunternehmen Nomura warnt davor, dass sich der Austritt Großbritanniens aus der EU in vielfältiger Weise negativ auf die Entwicklung der Weltwirtschaft und der Finanzmärkte auswirken werde. Da sich die meisten Beobachter auf den Handel zwischen Europa und Großbritannien konzentrierten, werde den Auswirkungen auf die globalen Finanzmärkte und die Weltwirtschaft viel zu wenig Bedeutung beigemessen, so Nomura.

Die Finanzmärkte aber würden die durch den Brexit hervorgerufene Unsicherheit mindestens ebenso deutlich zu spüren bekommen wie der Handel. Schließlich beherberge Großbritannien mit der City of London eines der weltweit wichtigsten Finanzzentren. „Diese extreme Unsicherheit in der City of London ist den globalen Finanzmärkten ein Dorn im Auge, insbesondere, wenn die Weltwirtschaft so fragil ist wie derzeit und wenn es nur noch geringe geldpolitische und fiskalische Puffer in den meisten Volkswirtschaften gibt“, schreibt Nomura.

Nomura geht davon aus, dass der Austritt Großbritanniens aus der EU die Psychologie der Marktteilnehmer nachhaltig verändern werde. Interessanterweise stellen die Analysten dabei einen Bezug zur Präsidentschaftswahl in den USA her. Eine Wahl des protektionistisch eingestellten Kandidaten Donald Trump stelle demnach einen ähnlichen Schlag für das Grundvertrauen der Investoren dar, wie dies der Austritt Großbritanniens gewesen sei.

Warnungen vor der Wahl Trumps oder vor dem Brexit werden in der Öffentlichkeit zunehmend kritisch hinterfragt. Die Targo-Bank wies bereits darauf hin, dass ein Brexit künftig von vielen Unternehmen und Regierungen als ideale Ausrede gebraucht werde, um maue Konjunkturzahlen oder schlechte Unternehmensergebnisse zu rechtfertigen. In Deutschland könnte dies beispielsweise für die angeschlagenen Lebensversicherer und Pensionskassen gelten, die von ihrer Unterfinanzierung ablenken könnten, indem pauschal auf Turbulenzen verwiesen wird, die angeblich das Resultat des Brexit seien.

Helaba: Friedliche Einigung der EU mit Großbritannien wahrscheinlich
Helaba: Friedliche Einigung der EU mit Großbritannien wahrscheinlich
Die Helaba präsentiert drei Szenarien, wie sich das Verhältnis zwischen Großbritannien und der EU entwickeln könnte. Am wahrscheinlichsten sei eine geordnete "Scheidung". Es bestehe aber auch die Möglichkeit, dass es zu tiefgreifenden Konflikten komme, unter denen beide Seiten leiden.
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Die kommenden Monate werden von großer Unsicherheit geprägt sein. (Foto: dpa)

Die kommenden Monate werden von großer Unsicherheit geprägt sein. (Foto: dpa)

Die Helaba hat in einer interessanten Analyse drei Szenarien ausgearbeitet, wie sich das Verhältnis Großbritanniens zur EU verändern und welche Seite davon mehr profitieren könnte:

Szenario Kompromiss (60 %)

Am wahrscheinlichsten ist, dass sich die Briten mit der EU auf einen „Scheidungsvertrag“ im Zeitrahmen von zwei Jahren einigen. Das Land behält den weitgehenden Zugang zum EU-Binnenmarkt bei Waren. Bei Dienstleistungen, insbesondere im Finanzsektor, gibt es einige Einschränkungen. Grundsätzlich behält aber der Finanzplatz London seine dominante Rolle. Die Briten können über manche Belange selbst bestimmen und z.T. deregulieren. Die langfristigen wirtschaftlichen Konsequenzen halten sich in Grenzen, zumal das Land nicht wirklich unabhängig von der EU ist, da viele Regeln weiterhin aus Brüssel kommen.

Nach dem Wegfall der Unsicherheit können sich die Investitionen von der Delle wieder erholen, die konjunkturelle Entwicklung verläuft danach in gewöhnlichen Bahnen. Großbritannien erleidet nur überschaubare Wohlfahrtsverluste, neue Wachstumsimpulse außerhalb der EU werden jedoch auch kaum generiert. Mit dem sich abzeichnenden Kompromiss beruhigen sich die Finanzmärkte. Das ausländische Kapital fließt wieder ins Land: Das Pfund Sterling und die Aktienmärkte erholen sich. Bei den Staatsanleihen entfallen die Risikoprämien, allerdings könnte eine Normalisierung der Geldpolitik belasten. Britische Immobilien gewinnen an Attraktivität zurück. Da die Briten ohne nachhaltig große Verluste die EU verlassen, könnten die politischen Spannungen in der EU zunehmen und im Trend der Euro an Attraktivität verlieren.

Szenario Konflikt (30 %)

Im vorgegeben Zeitrahmen können sich die Briten nicht auf ein Abkommen mit der EU einigen, sodass es zwangsläufig in einer „schmutzigen Scheidung“ endet. Das Vereinigte Königreich verliert den uneingeschränkten Zugang zum EU-Binnenmarkt. Im Außenhandel mit der EU gelten nun automatisch die WTO-Regeln. Zölle sowie nicht-tarifäre Handelshemmnisse erschweren den Handel, so dass vor allem die britische, aber auch die deutsche Exportwirtschaft erhebliche Einbußen verzeichnet.

Insbesondere bei Finanzdienstleistungen wird der grenzüberschreitende Verkehr durch neue Regulierungen erschwert, so dass der Finanzplatz London zu Gunsten von Frankfurt und Paris erheblich leidet. Die Briten können zwar ohne Rücksicht auf die EU die Migration beschränken und die Regulierungen lockern, die wirtschaftlichen Impulse sind aber kaum fühlbar. Die britischen Exporte, ebenso bei Finanzdienstleistungen, brechen in diesem Szenario ein. Die Unternehmensinvestitionen sinken, sogar der private Konsum gibt merklich nach. Großbritannien fällt in eine markante Rezession. Da sich ausländische Investoren nachhaltig zurückhalten, bereitet die Finanzierung des Leistungsbilanzdefizits Probleme. Das Pfund wertet massiv ab. Die Aktienmärkte verzeichnen kräftige Kursverluste, an den Immobilienmärkten verschärft sich die Talfahrt.

Trotz einer expansiveren Geldpolitik der Bank of England leiden sogar britische Staatsanleihen, da die Risikoprämien kräftig ansteigen. Der Verlust an Steuereinnahmen liegt um einiges höher als die Ersparnis bei den Beiträgen zum EU-Haushalt. Entsprechend hoch sind die Wohlfahrtsverluste für Großbritannien. In der EU erleichtert das abschreckende Beispiel des Austritts die politische Zusammenarbeit. Trotz Einbußen beim Außenhandel dürfte die Union mehr Kapital anziehen.

Szenario Rosinenpicker (10 %)

Das am wenigsten wahrscheinliche, wenngleich nicht unmögliche Szenario ist, dass die Briten im „Scheidungsvertrag“ zu Lasten der EU deutliche Vorteile heraushandeln, sich also noch „Rosinen herauspicken“ können. Großbritannien behält den weitgehenden Zugang zum EU-Binnenmarkt und kann dennoch Sonderregeln u.a. für die Migration aushandeln. Dank einer lockereren Regulierung als in der EU gewinnt der Standort Großbritannien, nicht zuletzt der Finanzplatz London, an Attraktivität und zieht frisches Kapital an.

Insgesamt profitiert das Land vom Austritt, während die EU die Kosten trägt. Die politischen Spannungen nehmen zu, der Bestand der Währungsunion wird zunehmend hinterfragt. Die politischen Probleme in der EU schlagen auf das Wachstum durch. Während der Euro deutlich nachgibt, kann das Pfund erheblich zulegen. Die britische Konjunktur läuft vergleichsweise besser als in der EU. Gleiches gilt für Aktien- und Immobilienmärkte.

Gegen Sanktionen: Deutsche Unternehmen bauen Fabriken in Russland
Gegen Sanktionen: Deutsche Unternehmen bauen Fabriken in Russland
Russland profitiert auf unerwartete Weise von den EU-Sanktionen: Die Direktinvestitionen deutscher Unternehmen erreichen neue Höchststände, weil die Unternehmen direkt in Russland Fabriken bauen. Sie wollen den wichtigen russischen Markt nicht wegen der Sanktionen verlieren.
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Gerhard Schröder mit Russlands Präsident in St. Petersburg. (Foto: dpa)

Gerhard Schröder mit Russlands Präsident in St. Petersburg. (Foto: dpa)

Deutsche Unternehmen investieren verstärkt direkt in Russland. Wegen der Export-Sanktionen bauten Mittelständler und Konzerne dort nun eigene Fabriken auf, um weiter im Geschäft zu bleiben, berichtete die Welt am Sonntag unter Berufung auf eine Statistik der Deutschen Bundesbank.

Die Direktinvestitionen deutscher Firmen seien laut Bundesbank im Jahr 2015 auf 1,78 Milliarden Euro gestiegen, berichtete die Zeitung. Dieser Wert sei nur in den Boomjahren von 2006 bis 2008 sowie im Jahr 2010 übertroffen worden.

Dieses Jahr könnte ein neuer Rekord erreicht werden. Bereits im ersten Quartal summierten sich laut „WamS“ die Direktinvestitionen aus Deutschland bereits auf fast 1,1 Milliarden Euro.

Die deutschen Unternehmen haben keine Alternativen zu diesem Weg. China ist drauf und dran den Europäern den wichtigen russischen Absatzmarkt abzujagen. Bundeskanzlerin Merkel ist davon nicht beeindruckt und hat sich in der EU für die Verlängerung der Sanktionen stark gemacht.

Schauspieler Götz George ist tot
Schauspieler Götz George ist tot
Der deutsche Schauspieler Götz George ist im Alter von 77 Jahren gestorben. Er starb bereits am 19. Juni. Er hatte sich einen privaten Abschied im engsten Kreis gewünscht.
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Die Schauspieler Eberhard Feik (l) als Thanner und Götz George als Schimanski stehen am 29.09.1987 im Hafen von Duisburg für Dreharbeiten vor der Kamera. (Foto: dpa)

Die Schauspieler Eberhard Feik (l) als Thanner und Götz George als Schimanski stehen am 29.09.1987 im Hafen von Duisburg für Dreharbeiten vor der Kamera. (Foto: dpa)

Der Schauspieler Götz George ist tot. Wie seine Agentin am späten Sonntagabend in Berlin mitteilte, starb George bereits am 19. Juni nach kurzer Krankheit im Alter von 77 Jahren. „Götz George hat sich eine Verabschiedung im engsten Kreis gewünscht“, hieß es in der Mitteilung. Von weiteren Nachfragen solle aus Rücksicht auf die Privatsphäre der Familie abgesehen werden.

Götz George liebte es, er selbst zu sein. Eigen, manchmal ruppig und meist unbequem, begegnete er seinem Gegenüber. Seien es nun Film- und Fernsehjournalisten, Fans oder Kollegen. Kurz vor seinem 75. Geburtstag – vor fast drei Jahren – gab es auch so einen dieser besonderen George-Momente voller Schnodderigkeit. Als er in Berlin den Film «George» über seinen Vater Heinrich vorstellte, ließ er sich zwar aufs Podium bitten, schmetterte vor dem gespannten Premierenpublikum aber jede Frage gnadenlos ab. Sie sei falsch gestellt, dazu könne er nichts sagen und überhaupt sei er nicht der richtige Ansprechpartner. Punkt und Rumms.

Götz George durfte das, musste es zuweilen sogar. Vielleicht war es sein Schicksal. Der Ausnahmeschauspieler pflegte stets sein Image als Raubein – und das Publikum liebte ihn dafür. Klar, wer 32 Jahre lang mit abgewetztem Parka als Ruhrpottkommissar Horst Schimanski vor der Kamera stand, musste einfach ein krasser Typ sein und möglichst oft «Scheiße» sagen. So einem verzeiht man das.

Mit dem gebrochenen Draufgänger aus Duisburg hat der gebürtige Berliner George Fernsehgeschichte geschrieben. Anders als die distinguierten, abgeklärten Herren, die vor und neben ihm in deutschen Krimis ermittelten, verkörperte er 1981 erstmals einen schnodderigen Cop, der mit lockeren Sprüchen, harten Prügeleien und reichlich Bier auf Verbrecherjagd geht. «Was quatschst du mich so blöd an, du Spießer, nur weil ich ’ne Fahne habe?», raunzte der attraktive Kommissar sein Gegenüber einmal an.

29 «Schimmi»-Folgen liefen zwischen 1981 und 1991 im Rahmen der ARD-Krimireihe «Tatort». Zweimal war er im Kino sehen und 1997 widmete das Erste seinem erfolgreichen Helden eine eigene Reihe mit dem Kult-Logo «Schimanski». Der war zwar inzwischen Rentner und hatte einen Gang zurückgeschaltet, aber immer noch ein Straßenfeger. Allein die erste Folge «Die Schwadron» sahen fast 13 Millionen Menschen. Im Jahr 2013 war dann Schluss damit, nach 48 Folgen.

Trotzdem hat sich George nie gern in die Krimischublade stecken lassen. Mit Ehrgeiz, Spielfreude und unglaublicher Vitalität profilierte er sich in seiner langen Karriere als einer der vielseitigsten deutschen Schauspieler.

Er spielte den KZ-Arzt Josef Mengele («Nichts als die Wahrheit») und einen an Alzheimer erkrankten Busfahrer («Mein Vater»), einen Taschendieb («Das Trio») und einen blinden Klavierlehrer («Der Novembermann»), einen Öko-Aktivisten («Lüg weiter, Liebling») und einen todgeweihten Staatsanwalt («Nacht ohne Morgen»).

Eine seiner berühmtesten Rollen hatte er als homosexueller Massenmörder Fritz Haarmann in «Der Totmacher», der 1995 das Filmfestival von Venedig eröffnete. Zugleich bewies er in Satiren wie «Schtonk!» oder «Rossini» auch sein komödiantisches Talent. 2007 wurde er für sein Lebenswerk mit dem Deutschen Fernsehpreis geehrt, 2014 erhielt er das Bundesverdienstkreuz.

Erst «George», der Film über seinen legendären, wegen seiner Karriere in der Nazi-Zeit aber auch umstrittenen Schauspieler-Vater Heinrich George (1893-1946), aber machte deutlich, wie sehr der Sohn zeitlebens von dem «Übervater» geprägt war – und getrieben.

«Du hast mich halt immer überholt. Du warst halt immer besser, besessener», sagte George in einer ARD-Dokumentation anlässlich seines 75. Geburtstages im Jahr 2013 an die Adresse seines toten Vaters. Von der Lieblingsrolle des Vaters, Goethes «Götz von Berlichingen», hatte er übrigens auch seinen Vornamen.

Der kleine Götz ist acht, als der Vater in sowjetischer Gefangenschaft stirbt. Für ihn und den älteren Bruder Jan wird die Mutter Berta Drews zur zentralen Bezugsperson. Selbst Schauspielerin, weckt sie auch in ihrem «Putzi», wie sie den Sohn bis an ihr Lebensende nennt, die Liebe zum Theater. Mit elf steht er erstmals auf der Bühne, mit 15 hat er neben Romy Schneider seinen ersten Filmauftritt in der Romanze «Wenn der weiße Flieder wieder blüht».

40 Hauptrollen auf der Bühne und 120 Kino- und Fernsehfilme folgen – angefangen von den Karl-May-Abenteuern in den 1960er Jahren bis zum ARD-Krimidrama «Böse Wetter», das noch nicht ausgestrahlt ist. Seine physische und psychische Präsenz, seine Wandlungsfähigkeit und sein Rollenverständnis trugen ihm immer wieder gute Kritiken ein. «Ich muss die Figuren inhalieren, anders kann man es gar nicht sagen, ich inhaliere sie, ohne intellektuell darüber nachzudenken», verriet er einmal.

Zu den Medien hatte George trotz seines Erfolgs ein gespanntes Verhältnis; dem Fernsehen warf er mal vor, «nur noch auf Kohle und Quote» zu schauen. Legendär sein Zoff mit Thomas Gottschalk in der ZDF-Sendung «Wetten, dass..?» 1998. Der 1a-Mime warf dem 1a-Moderator Unwissenheit vor und bezeichnete ihn als «Oberlehrer», die Zuschauer pfiffen. Echte Emotionen oder Inszenierung? Fast egal, auf jeden Fall war es George pur. Auch wenn es fünf Jahre später eine medienwirksame Versöhnung gab, Georges Kritik war durchaus ernst gemeint.

Er sei in Deutschland nur mehr zum Arbeiten und Steuern zahlen, wie er einmal sagte. Ansonsten zog er sich mit seiner gut 20 Jahre jüngeren Lebensgefährtin Marika Ullrich in sein Refugium auf Sardinien zurück. Schlagzeilen machten ein schwerer Badeunfall 1996 und eine Herzoperation 2007.

Vor knapp zwei Jahren verkündete George, er wolle sich weitgehend aus dem Filmgeschäft zurückziehen. «Ich möchte gerne nach 65 arbeitsreichen Jahren Feierabend machen», sagte der damals 76-Jährige der «Westdeutschen Allgemeinen Zeitung». Es sei einfach zu viel Stress. So machte er sich in den Öffentlichkeit rar, drehte nur noch wenig und erfüllte sich selbst einen Wunsch: «Auf der Bühne, wie es bei Schauspielern immer heißt, will ich sicher nicht sterben.»

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